Was können wir von Gott wissen?
Die geheime Frage nach Gott

Vor Jahren, als meine Kinder noch klein waren, fiel mir einmal ein Bilderbuch von Maurice Sendak in die Hand, aus dem sich mir eine Szene unauslöschlich eingeprägt hat. Jenny, ein kleiner Hund, packt eines Tages seine Siebensachen in einen Koffer und will von zu Hause weggehen. "Warum willst du gehen?" fragt ihn ein Freund. "Du hast ein gutes Essen, ein warmes Bett, du hast jemand, der dich liebt.  Warum willst du gehen?" - "Es muß im Leben noch mehr als alles geben", sagt der Hund und macht sich auf den Weg.
Es muß im Leben mehr als alles geben!  Diese paradoxe Formulierung trifft genau die Grundfrage menschlichen Lebens.  Sie ist der Grund, warum - entgegen der Vorhersagen des sozialistischen Materialismus - auch in einer Überflußgesellschaft die Frage nach Gott nicht verstummen wird.  Der Mensch spürt, es gibt einen "Mehr-Wert" seines Lebens über das hinaus, was Besitz und Erfolg ihm geben können.  Es ist gleichzeitig die Frage nach dem Sinn des Lebens, die logisch weiterführt zur Frage nach Ursprung und Ziel unseres Lebens und damit zur Frage nach Gott.
Was aber können wir von Gott wissen?  Wie können wir ihn erkennen?

Gott in der Natur?

Viele Menschen suchen Antwort auf diese Fragen in der Natur.  Angesichts der Weite des Sternenhimmels, der Schönheit des Hochgebirges, des Zaubers eines Schmetterlingsflügels oder der stillen Pracht einer aufblühenden Rose drängt sich ihnen der Eindruck auf, daß hinter all dem eine gute, schöpferische Kraft steht.  Wer meint, nicht mehr von Gott sprechen zu können, wählt andere Ausdrücke. "Die Natur hat es so eingerichtet", pflegt man dann zu sagen, als sei die Natur ein persönliches Wesen.  Der Mensch spürt etwas von dem personalen Charakter der Kraft, die in allem wirkt, aber er weicht der Anerkennung Gottes aus.  Blickt man tiefer hinein in die Gesetzmäßigkeiten, die alles bestimmen, was uns umgibt, und in die auch unser Leben eingebettet ist, dann stellen sich ähnliche Eindrücke ein.  Das Wunder einer verläßlichen Ordnung, die wir entdecken können und mit deren Hilfe wir das Leben meistem, muß jeden innerlich berühren, der das Staunen nicht verlernt hat.  Von den riesigen, nahezu unvorstellbar großen Dimensionen des Weltalls bis zu den kleinsten Strukturen lebendiger Zellen ist alles von den gleichen Grundgesetzen durchwaltet.  Daß sie so gestaltet sind, wie wir sie erkennen, hat Leben ermöglicht, ja fördert Leben in einer Weise, die immer wieder Verwundern auslöst.  Ist es wirklich nur Zufall, der selbststeuernde Entwicklungsprozeß irgendeiner Urmaterie, der dies bewirkt hat, oder steht Gott als Schöpfer dahinter - überlegene Intelligenz und personhafte Kraft, die freilich einer Dimension angehört, die unsere naturwissenschaftlichen Meßinstrumente und Hypothesenbildungen nicht erfassen?
Doch gibt es andere Beobachtungen, die uns wieder irre werden lassen in unseren Antworten.  Wir sehen in der Natur auch vieles, was wir nicht verstehen und was uns sinnlos erscheint.  Der Kampf ums Leben kann sehr grausam sein.  Warum hat Gott auch Parasiten wie Hundebandwürmer, Malariaerreger oder Aids-Viren erschaffen?  Warum können die Lebensfunktionen einer Zelle so entgleisen, daß Krebszellen entstehen?  Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt.
Und dennoch bleibt die Grundfrage bestehen: "Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" Martin Heidegger, einer der großen Philosophen unseres Jahrhunderts, hat sie als die Grundfrage der Metaphysik bezeichnet (d. h. der philosophischen Lehre, die fragt, was hinter den vorfindlichen Dingen steht).  Als zu Beginn unseres Jahrhunderts die Astronomen entdeckten, daß unser Weltall endlich ist und einen zeitlichen Anfang hat, war dies eine ungeheure Erschütterung für die weitverbreitete Annahme der Ewigkeit der Materie.  Was oder wer steht jenseits dieses Anfangs?  Inzwischen hat man versucht, auch diesen Anfang unter "natürlichen" Bedingungen zu erklären. "Schöpfung ohne Schöpfer" heißt ein Buch, das vor kurzem erschienen ist.  Aber man treibt damit ja nur die Grenze ein wenig weiter, an der man wieder vor der Grundfrage stehen wird: "Warum ist überhaupt etwas ... ?"
Der Blick in die Natur verschärft also die Frage nach Gott, gibt aber keine gültige Antwort auf sie.  Gott ist nicht als Einzelfaktor der "Weltmaschinerie" zu erkennen und festzumachen.  Er ist aber als Dimension zu erahnen, die hinter dem Ganzen steht.

Ein Blick in die Welt der Religionen

Zuständig für die Frage nach Gott scheint sowieso ein ganz anderer Bereich: die Welt der Religion.  Auch hier ist die Antwort eindeutig und verwirrend zugleich.  Sieht man einmal vom neuzeitlichen Atheismus ab, gibt es offensichtlich keine Gruppe von Menschen, die nicht religiöse Bräuche kennt und damit eine Ahnung von einem göttlichen Gegenüber verrät.  Auch das, was die Archäologen an Hinterlassenschaft aus der Frühzeit des Menschen aufsparen, zeigt immer wieder, daß der Mensch, sobald er Mensch war, nach einem "jenseits" fragte: nach dem, was jenseits des eigenen Lebens und Sterbens liegt, und nach dem, was sich überhaupt jenseits der Dinge befindet, die wir hier sehen.  Daß der Mensch über die Grenze seines eigenen Lebens und Seins hinaus denken, aber nicht darüber hinaus sehen kann, daß er sich selbst zur Frage werden kann, das ist der Quellort allen religiösen Bemühens, das ist der innermenschliche Ansatzpunkt der Frage nach Gott.
Verwirrend ist nun freilich die Vielfalt der Antworten in den verschiedenen Religionen.  Da gibt es Religionen, die einen Gott verehren, und solche, die eine ganze Fülle von Gottheiten kennen.  In anderen - wie z. B. im Buddhismus gibt es zwar göttliche Wesen, aber keinen persönlich vorgestellten Gott, der über allen steht, und in manchen nehmen die Ahnen oder gute und böse Geister den Platz der jenseitigen Kräfte ein.  Wie soll man angesichts dieser völlig unterschiedlichen Vorstellungen die Wahrheit über Gott und sein Wesen erkennen?
Die Welt der Religionen ist ein eindrückliches Zeugnis für die schöpferische Kraft der Ahnung des Menschen von Gott.  Sie zeigt aber auch die Fülle der Versuche des Menschen, sich des Göttlichen zu bemächtigen.  Viele Religionen stellen ihre Götter bildhaft dar.  Sie beten also, wie Paulus in der Bibel in Römer 1, 25 sagt, das Geschöpf an und verehren es an Stelle des Schöpfers.  Wir sollten aber sehen, daß dies nur der äußere Ausdruck eines viel tiefer liegenden Problems ist, das durchaus auch im Christentum zu beobachten ist.  Der Mensch möchte seinen Gott "handhabbar", manipulierbar machen, ihn gewissermaßen "in der Tasche" haben.  Dann läßt sich Gott verwenden: zur Selbstverteidigung gegen unbekannte Mächte, gegen Mitmenschen, ja gegen Gott selber.  Gerade so aber verfehlen wir den wahren Gott.  Das ist der Grund für das biblische Gebot: "Fertige dir kein Gottesbild an" (l.  Mose 20,4 nach der "Bibel im heutigen Deutsch").  Dieses Verbot spricht nicht nur von Statuen und Wandgemälden.  Es betrifft auch innere Gottesbilder, die sich Menschen selber machen, um einen "brauchbaren" Gott zu haben.

Der Mensch ist unheilbar religiös

Liest man ein Buch der alten oder neuen Religionskritik, dann sieht alles sehr einfach aus.  Die Vielfalt der religiösen Auffassungen, ihre Widersprüchlichkeit und ihr Mißbrauch zur Begründung und Erhaltung menschlicher Macht und Herrschaft scheint es leicht zu machen, all diese Überzeugungen als Illusion, Aberglauben oder Projektion menschlicher Wünsche zu entlarven.  Dennoch ist die Zerstörung der Religion nicht gelungen.  Sie scheint lebendiger als je. »Der Mensch«, so sagte der russische Kulturphilosoph Nikolaj Berdajew, "der Mensch ist unheilbar religiös".  Woran liegt das?  Kann er nicht ohne eine Illusion leben?  Oder stößt er, weil er sich selbst eine Frage bleibt, immer wieder unausweichlich auf seine Ahnung von Gott?
Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt jedenfalls deutlich: Der Glaube an Gott läßt sich auf Dauer nicht ablegen, so wie man eine alte Tracht ablegt oder im Heimatmuseum deponiert.  Gerade das Geschick der Religionen in sozialistischen Ländern beweist dies.  Nach der Theorie hätten sie von selber absterben müssen, nachdem die gesellschaftlichen Verhältnisse sich geändert hatten, die die religiösen Projektionen verursacht haben.  Aber selbst Verfolgung und Unterdrückung haben sie nicht auslöschen können.  Und man kann mit Gewißheit sagen: Auch wenn die Parole erfüllt wäre, "jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten", wenn wir eine (fast) schmerzfreie Gesellschaft hätten, die kein "Opium fürs Volk" mehr braucht - die Frage nach Gott würde nicht verstummen.  Denn es muß im Leben mehr als alles geben!
Wie die Archäologen manchmal Häuser ausgraben, die sich nur noch in den Gräben zeigen, in denen einst Fundamente lagen, und in den Löchern, die die verwitterten Pfosten hinterlassen haben, so findet man auch noch in den Tiefenschichten des heutigen Menschen, der nichts mehr von Gott zu wissen meint, die "Gräben und Pfostenlöcher" der einstigen religiösen Fundamente ihres Lebens - vielleicht mit anderem weltanschaulichen Material aufgefüllt, das notdürftig zu tragen scheint und doch immer wieder einbricht.
Wo aber finden wir eine gültige Antwort?  Auch die Gottesbeweise, die man immer wieder zu führen gesucht hat, helfen da nicht weiter.  Sie können die Denkmöghchkeit Gottes darstellen, aber sie können den Ungläubigen nicht mit logischen Mitteln von der Existenz Gottes - oder wie der Philosoph es ausdrücken würde: von der Denknotwendigkeit Gottes - überzeugen.  Was läßt sich dann aber von Gott mit Gewißheit sagen?


Der Gott der Bibel will nicht bewiesen werden

All diese Bemühungen des Menschen, Gott zu erkennen, ihn zu finden oder gar zu beweisen, stehen im Gegensatz zu dem, was die Bibel von Gott sagt.  Der Gott der Bibel wartet nicht darauf, daß er bewiesen wird.  Die Schreiber der biblischen Bücher berichten nicht von einem verborgenen Gott, den die Menschen in eigener Kraft suchen und finden müßten.  So ist die Bibel kein Buch von Gottsuchern, die über die verschlungenen Pfade ihres Weges zu Gott zu berichten wissen.  Die Bibel erzählt von den Wegen, die Gott geht, um den Menschen zu finden; sie zeigt uns einen Gott, der den Menschen aufsucht und ihn anspricht.
Das beginnt schon auf den ersten Seiten der Bibel, wo uns berichtet wird, wie Gott sich durch sein schöpferisches Wort ein Gegenüber in Welt und Mensch schafft.  Ganz bildhaft wird uns geschildert, wie Gott den Menschen, der sich im Bewußtsein seiner Schuld vor ihm versteckt, fragt: "Adam, wo bist du?" Daß der Mensch um Verantwortung weiß, wie deformiert sein Gewissen manchmal auch sein mag, ist Ausdruck dieser bleibenden Frage Gottes an ihn.
So wird uns weiter erzählt, wie Gott Abraham aus seiner Heimat und der Verehrung angestammter Götter herausruft zu einem einsamen Weg mit ihm in ein neues Land und eine Zukunft der Verheißung.  Den Mose sucht Gott in seinem ausländischen Versteck auf, um das Volk Israel durch ihn aus der ägyptischen Sklaverei führen zu lassen.  Auch das Gesetz, das er diesem Volk gibt, ist Ausdruck seiner aufmerksamen Fürsorge.  Und die Propheten werden immer wieder von ihm gesandt, um das Volk, das sich von seinem Gott getrennt hat, zu ihm zurückzuholen.

Der Gott, der den Menschen sucht

Am schönsten zeigt sich diese Art des biblischen Gottes im Leben Jesu von Nazareth.  Er geht den Menschen nach, die durch Schuld oder Schicksal von Gott weggetrieben wurden, trägt die heilende Kraft seiner Liebe hinein in ihr Leben, macht sie leiblich und seelisch gesund und läßt sie spüren, daß ihnen Gott ganz nahe kommt.  Ein Hirte, der nach einem verirrten Schaf sucht, eine Hausfrau, die ihren Haushalt wegen eines verlorenen Geldstückes auf den Kopf stellt, und ein Vater, der seinem aus selbstverschuldetem Elend heimkehrenden Sohn entgegeneilt, das sind die Bilder, die Jesus für Gott und seine Art findet.
Genau das aber geschieht in Weg und Werk Jesu.  Gott geht dem Menschen nach bis hinein in die tiefste Tiefe seines Elends und seiner Verlorenheit, bis hinein in den Tod, in dem der Mensch seine Gottverlassenheit einsam durchleiden muß.
Jesu Sterben am Kreuz - äußerlich Ergebnis der unheilvollen Koalition politischer Berechnung und religiösen Neides - ist nichts anderes als der Tiefpunkt (und damit gerade der Höhepunkt) des Weges, den Gott mit ihm in die Not der Menschen hinein geht.  Jesus endet am Kreuz, damit es mit uns nicht zu Ende geht.  Die Jünger, denen er als Auferstandener begegnet, erkennen: Er, der in seiner letzten Not gebetet hat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen", trug diese Gottverlassenheit für uns - und gerade so war Gott bei ihm im tiefsten Dunkel des Todes.  Auch de Gott-loseste darf es wissen: Gott verläßt keinen; er sucht ihn und zeigt sich ihm in der Gestalt des Jesus von Nazareth.

Gottes Liebe - das Geheimnis der Welt

Für mich persönlich ist dies der entscheidende "Gottesbeweis".  Dieser Gott, den die Bibel verkündet, ist keine Projektion menschlicher Allmachtsfantasien.  Der Vater Jesu Christi, der Gott der Liebe, der um uns leidet, ist ganz anders als unsere Gottesbilder und als deren Widerlegungen.  Nicht umsonst galten Juden und Christen im Altertum als "Gottlose".  Das hing damit zusammen, daß sie keine Götterbilder verehrten.  Aber darin spiegelte sich auch wider, daß ihr Gott keine menschliche Konstruktion ist.
Diesen "Gottesbeweis" führe allerdings nicht ich zugunsten eines Gottes, der sich von mir beweisen lassen müßte.  Gott selbst erweist sich als lebendig und gegenwärtig in seiner Liebe.  Nicht von ungefähr korrigiert sich Paulus immer dann, wenn er davon spricht, daß die Christen Gott erkannt haben, und sagt: "Nein, richtiger, daß sie von Gott erkannt sind" (vgl.  Galater 4, 9; 1. Korinther 8, 2f.).
Wer so Gott begegnet "im Angesicht Jesu Christi" (2. Korinther 4,6), d. h. in dem, was Jesus an Liebe und Zuwendung Gottes ausstrahlt, dessen Sinne werden geschärft für das Wirken Gottes in Geschichte und Natur.  Er erkennt, daß (wie der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel es formulierte) "Gott das Geheimnis der Welt" ist.  Seine Liebe, seine Zuwendung, sein Wille zum Gegenüber ist der Grund dafür, "daß überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts".  Durch ihn und für ihn ist alles geschaffen (Koloser 1, 16).  Die Ahnung, die uns beim Studium der Natur und ihrer Gesetze ergreift, trügt uns nicht.  Sie kann zwar keine eigene Antwort formulieren, aber wo die Antwort der Bibel gehört wird, da wird auch ihre Stimme klar vernehmbar als Hinweis auf den Schöpfer.

Ist die Bibel zuverlässig?

All das, was wir jetzt als Antwort formuliert haben, beruht auf Aussagen der Bibel.  Hier setzen neue Fragen ein: Wie zuverlässig sind ihre Angaben?  Gelten sie auch heute noch?  Wie können wir uns von ihrer Wahrheit überzeugen?
Ich muß auf diese Fragen eine Antwort geben, die manchen zunächst überraschen wird: Die Bibel überzeugt mich durch ihre Menschlichkeit.  Warum das?  Ist nicht gerade um die menschliche Seite der Bibel ein heftiger Streit entbrannt?
Niemand leugnet diese menschliche Seite.  Zu deutlich spricht die Bibel selbst davon, daß ihre Schriften in einer langen Geschichte von menschlichen Schreibern niedergeschrieben wurden.  Aber welche Bedeutung hat dies?
Die einen verweisen auf Widersprüche zwischen biblischen Berichten oder auf Unstimmigkeiten biblischer Angaben mit heutigen, scheinbar gesicherten Erkenntnissen und suchen so den menschlichen Charakter dieser Schriften dazu zu verwenden, ihre Autorität zu erschüttern.
Die andern drängen diese Seite der Bibel zurück.  Sie argumentieren, der Vollkommenheit Gottes müsse die Vollkommenheit der Bibel entsprechen und leugnen schlichtweg, daß es in ihr Widersprüche oder unzuverlässige Angaben über irgendein Wissensgebiet geben könne.  Die biblischen Schriften selbst aber sprechen von einem unauflösbaren Ineinander von menschlicher und göttlicher Dimension der Bibel.

Die Menschlichkeit der Bibel

In seinem ersten Brief an die Gemeinde Thessalonich sagt Paulus im Rückblick auf die Zeit, als er in dieser Stadt predigte: "Darum danken wir Gott unablässig dafür, daß ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort angenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, nämlich als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt" (l.  Thessalonicher 2,13).  Um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen, muß man sie hineinstellen in die Situation des ersten Besuchs des Paulus in Thessalonich, wie sie uns die Apostelgeschichte (Kap. 16,25-17,9) schildert.  Paulus kommt aus Philippi, wo
er öffentlich ausgepeitscht, dann aber wunderbar aus dem Gefängnis befreit worden war.  Mit den Spuren dieser Mißhandlungen an seinem Körper kommt er nach Thessalonich und verkündigt die Botschaft von der Rettung durch Jesus Christus.  Aber wie kann ein verprügelter Bote für die Wahrheit einer solchen Botschaft einstehen?  Schlägt nicht seine menschliche Verfassung der Wahrheit seiner Verkündigung ins Gesicht?  Gerade nicht!  Denn er predigt vom gekreuzigten Christus und von der Größe der Liebe Gottes, die sich in seinem Leiden und Auferstehen den Menschen auftut (Apostelgeschichte 17, 3).  Die Schwachheit und Treue des Boten entspricht der Botschaft, die er bringt, der Botschaft von dem Weg Gottes in die Tiefen des Menschseins, den er durchhielt bis zum bitteren und doch siegreichen Ende.
Und das gilt nun nicht nur für das Auftreten des Paulus.  Es gilt für die Bibel überhaupt.  Die irdische Gestalt der Heiligen Schrift entspricht der Menschenfreundlichkeit Gottes, der zu den Menschen menschlich spricht, weil er will, daß sie ihn verstehen.

Gott nennt die Dinge beim Namen

Die Bibel schämt sich ihrer Menschlichkeit und der Schwäche ihrer handelnden Personen nicht.  Das ist nicht selbstverständlich.  Neulich las ich einen Bericht über die Vertuschung unliebsamer Züge in den offiziellen Biographien Sigmund Freuds - was bei einem Mann wie ihm, der so tief in die Abgründe des Menschseins eingedrungen ist, doppelt erstaunlich scheint.  Die Bibel hat das nicht nötig.  Eine Gestalt wie König David wird mit seinen Licht- und Schattenseiten geschildert.  Nicht einmal, daß er Ehebruch und Mord beging, wird verschwiegen, obwohl (oder gerade weil) er eine solche überragende Bedeutung für das Volk Israel besaß.  Petrus, der Felsenapostel, dessen Bekenntnis zu Jesus Christus das Fundament seiner Gemeinde werden sollte,
wird mit seinem ganzen Versagen vor Augen gestellt und niemand zensiert diese Stellen.  Die Menschen, die in den Psalmen beten, dürfen ihre Klage vor Gott äußern, dürfen fragen: Warum?  Hiob darf mit den frommen Theorien seiner Freunde kämpfen, und der Prediger kann resigniert äußern: Alles ist eitel!  Die Stimmen der Menschen werden hineingenommen in das Reden Gottes, weil Gott die Menschen ernst nimmt und ihnen in ihrem Leid, in ihrem Zweifel und in ihrer Schuld nahekommt.  So gibt es auch unterschiedliche Berichte über die gleichen Ereignisse, weil diese Berichte keine unbeteiligten Reportagen über vergangenes Geschehen sind, sondern auch in neue, sich verändernde Situationen der Hörer oder Leser hineinsprechen wollen.
Gott nennt in seinem Wort die Dinge beim Namen.  Er spricht vom Ursprung aller Dinge und davon, wie es unter Menschen zugeht.  Er spricht von dem, was Menschen können und sollen, und von dem, was sie untereinander anrichten.  Gott spricht von seinem Erbarmen und von der Verantwortung, in der jeder vor ihm steht.  Er spricht vom Leiden des Menschen und von seinem Ziel, alle Not zu überwinden und alle Tränen abzuwischen.  Gott und sein Wort nennen die Dinge beim Namen und überfordern doch keinen.
Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen.  Manchmal haben wir im Zoo den Umgang von Eltern mit kleinen Kindern beobachtet.  Da gab es welche, für die bestand die ganze Tierwelt aus »Wauwaus, Miaus, Muhs und Hottepferdchen«.  Ihre Kinder werden kaum etwas gelernt haben.  Andere dagegen gaben ihren Kindern klare Auskünfte.  Sie überschütteten sie nicht mit den neuesten wissenschaftlichen Erklärungen der Zoologie oder mit lateinischen Fachbegriffen, aber sie erzählten einprägsam und bildhaft, was sie über die Tiere wußten, so daß es den Zweijährigen wie den Vierzehnjährigen Stoff zum Nachdenken gab.
Auf unser Thema angewandt heißt das: Die Bibel berichtet z.B. von der Erschaffung der Welt in einer Weise, wie sie auch Menschen vergangener Jahrhunderte verständlich war.  Wir müssen die Schöpfungsgeschichte nicht an die jeweilig modernsten Erkenntnisse angleichen, müssen aber auch nicht die naturwissenschaftliche Forschung an die Einzelheiten des biblischen Berichts binden.  Er bleibt in seiner Grundaussage, in dem, was er über das Verhältnis von Gott und Welt oder Gott und Mensch sagt, wahr und schildert es in seiner einprägsamen, bildhaften Sprache verständlicher und treffender als alle abstrakten philosophischen und theologischen Analysen.

Gott spricht durch die Worte der Bibel

Es sind Menschen, die die Bibel geschrieben haben.  Sie haben das mit ihren Worten getan, mit Worten und Vorstellungen ihrer Zeit.  Gerade so will Gott den Menschen begegnen - nicht nur zeitbedingt und zeitgebunden, nein, ganz zeitbezogen.  Weil Gott zur Zeit Abrahams oder Jesajas klar und deutlich sprach, weil er in Jesus von Nazareth unter Pontius Pilatus in Galiläa und Jerusalem sich den Menschen ganz hingegeben hat, darum ist er auch uns in unserer Zeit an unserem Ort nah.  Die Worte von damals werden durch sichtig für das Reden Gottes heute.
Er begegnet uns, wenn er Adam fragt: "Mensch, wo bist du?" oder wenn er zu David sagen läßt: "Du bist der Mann!" Er meint auch uns, wenn er seinem Volk sagt-. "Ich bin der Herr, dein Gott.  Du sollst keine anderen Götter neben mir haben", oder wenn er durch den Propheten spricht: "Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte" (Jeremia 31,3).  Das sind alles alttestamentliche Worte.  Der Gott aber, der sie spricht, ist durch Jesus Christus unser aller Gott.  Er, der zu den Menschen seiner Zeit sagte: "Kommt her, ihr Mühseligen und Beladenen, ich will euch erquicken" (Matthäus 11, 28), spricht mit der Stimme des Gottes, der seinem Volk verkündigen ließ: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet" (Jesaja 66, 13).  Es ist die Stimme des einen Gottes, die Stimme des lebendigen Gottes, die bis heute aus den Worten der Bibel zu uns spricht.
Sind wir bereit, zu hören?

Was können wir von Gott wissen?

Wir haben sicher schon längst gemerkt, daß diese Frage eine andere Qualität hat als die Frage: Was können wir über die Sonne wissen oder über Montezuma oder über die Dinosaurier.  Wir können über Gott kein Lexikonwissen sammeln, das wir unbeteiligt auf unsere Karteikarten eintragen oder in unseren Computer einspeichern.  Ein Wissen "über Gott", das uns nicht selbst im Innersten berührt und verwandelt, weiß noch gar nichts von dem wirklichen Gott.  Es gibt höchstens Wissen "von Gott", das von Gott selber kommt, das er schenkt, in dem er sich selber offenbart.
Darum können und sollen wir auch Gott nicht beweisen.  Denn ein von uns bewiesener Gott wäre nicht mehr, als ein Faktor in unserer Rechnung.
Aber wir können Gott begegnen: dem Gott, der auf der Suche nach uns ist, wie er die Menschen in biblischer Zeit besucht hat; dem Gott, der nach uns ausschaut wie der Vater des verlorenen Sohnes und auf unsere Heimkehr wartet; dem Gott, der uns längst erkannt hat, vor dem wir uns nicht zu verstecken brauchen, weil sein Erkennen Liebe ist.
Wir begegnen diesem Gott in den Worten der Bibel.  Er spricht zu uns in den Gleichnissen Jesu, die zum Vertrauen auf sein Reich einladen, und in den Berichten von seinen Wundern, die von seiner helfenden und heilenden Kraft erzählen.  Er spricht zu uns durch die Stimme der Propheten, die gegen Hochmut und Selbstzufriedenheit leidenschaftlich um die Durchsetzung von Gottes Willen in seinem Volk ringen und mit mütterlichen Worten diejenigen trösten, die unter Gericht und Elend zu verzweifeln drohen.  Er spricht zu uns auch durch die Klage der Leidenden, die zu ihm rufen, und durch den Dank derer, die von seiner Hilfe berichten.  Wir können ihn hören und seine Gegenwart spüren, wo immer sich Menschen heute auf diese Worte verlassen, sich von ihnen bestimmen und leiten lassen.  Sie sind lebendige Briefe Gottes, heute lesbar und verstehbar, menschliche Dokumente der Liebe Gottes, die bleibend gültig und wirksam ist.
Gott läßt sich nicht beweisen.  Aber er läßt sich finden, ja, er sucht uns und hat uns schon gefunden.  Er steht neben uns mit den ausgestreckten Armen seiner Liebe und nimmt unser Leben an.
Das können wir wissen, und das dürfen wir glauben.

Dr. Walter Klaiber
mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch "Das kannst Du glauben",
Rechte bei Edition Anker, Christliches Verlagshaus, Stuttgart


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