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Vor Jahren, als meine Kinder noch klein waren,
fiel mir einmal ein Bilderbuch von Maurice Sendak in die Hand, aus dem
sich mir eine Szene unauslöschlich eingeprägt hat. Jenny, ein
kleiner Hund, packt eines Tages seine Siebensachen in einen Koffer und
will von zu Hause weggehen. "Warum willst du gehen?" fragt ihn ein Freund.
"Du hast ein gutes Essen, ein warmes Bett, du hast jemand, der dich liebt.
Warum willst du gehen?" - "Es muß im Leben noch mehr als alles geben",
sagt der Hund und macht sich auf den Weg.
Gott in der Natur? Viele Menschen suchen Antwort auf diese Fragen
in der Natur. Angesichts der Weite des Sternenhimmels, der Schönheit
des Hochgebirges, des Zaubers eines Schmetterlingsflügels oder der
stillen Pracht einer aufblühenden Rose drängt sich ihnen der
Eindruck auf, daß hinter all dem eine gute, schöpferische Kraft
steht. Wer meint, nicht mehr von Gott sprechen zu können, wählt
andere Ausdrücke. "Die Natur hat es so eingerichtet", pflegt man dann
zu sagen, als sei die Natur ein persönliches Wesen. Der Mensch
spürt etwas von dem personalen Charakter der Kraft, die in allem wirkt,
aber er weicht der Anerkennung Gottes aus. Blickt man tiefer hinein
in die Gesetzmäßigkeiten, die alles bestimmen, was uns umgibt,
und in die auch unser Leben eingebettet ist, dann stellen sich ähnliche
Eindrücke ein. Das Wunder einer verläßlichen Ordnung,
die wir entdecken können und mit deren Hilfe wir das Leben meistem,
muß jeden innerlich berühren, der das Staunen nicht verlernt
hat. Von den riesigen, nahezu unvorstellbar großen Dimensionen
des Weltalls bis zu den kleinsten Strukturen lebendiger Zellen ist alles
von den gleichen Grundgesetzen durchwaltet. Daß sie so gestaltet
sind, wie wir sie erkennen, hat Leben ermöglicht, ja fördert
Leben in einer Weise, die immer wieder Verwundern auslöst. Ist
es wirklich nur Zufall, der selbststeuernde Entwicklungsprozeß irgendeiner
Urmaterie, der dies bewirkt hat, oder steht Gott als Schöpfer dahinter
- überlegene Intelligenz und personhafte Kraft, die freilich einer
Dimension angehört, die unsere naturwissenschaftlichen Meßinstrumente
und Hypothesenbildungen nicht erfassen?
Ein Blick in die Welt der Religionen Zuständig für die Frage nach Gott scheint
sowieso ein ganz anderer Bereich: die Welt der Religion. Auch hier
ist die Antwort eindeutig und verwirrend zugleich. Sieht man einmal
vom neuzeitlichen Atheismus ab, gibt es offensichtlich keine Gruppe von
Menschen, die nicht religiöse Bräuche kennt und damit eine Ahnung
von einem göttlichen Gegenüber verrät. Auch das, was
die Archäologen an Hinterlassenschaft aus der Frühzeit des Menschen
aufsparen, zeigt immer wieder, daß der Mensch, sobald er Mensch war,
nach einem "jenseits" fragte: nach dem, was jenseits des eigenen Lebens
und Sterbens liegt, und nach dem, was sich überhaupt jenseits der
Dinge befindet, die wir hier sehen. Daß der Mensch über
die Grenze seines eigenen Lebens und Seins hinaus denken, aber nicht darüber
hinaus sehen kann, daß er sich selbst zur Frage werden kann, das
ist der Quellort allen religiösen Bemühens, das ist der innermenschliche
Ansatzpunkt der Frage nach Gott.
Der Mensch ist unheilbar religiös Liest man ein Buch der alten oder neuen Religionskritik,
dann sieht alles sehr einfach aus. Die Vielfalt der religiösen
Auffassungen, ihre Widersprüchlichkeit und ihr Mißbrauch zur
Begründung und Erhaltung menschlicher Macht und Herrschaft scheint
es leicht zu machen, all diese Überzeugungen als Illusion, Aberglauben
oder Projektion menschlicher Wünsche zu entlarven. Dennoch ist
die Zerstörung der Religion nicht gelungen. Sie scheint lebendiger
als je. »Der Mensch«, so sagte der russische Kulturphilosoph
Nikolaj Berdajew, "der Mensch ist unheilbar religiös". Woran
liegt das? Kann er nicht ohne eine Illusion leben? Oder stößt
er, weil er sich selbst eine Frage bleibt, immer wieder unausweichlich
auf seine Ahnung von Gott?
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Der Gott der Bibel will nicht bewiesen werden All diese Bemühungen des Menschen, Gott
zu erkennen, ihn zu finden oder gar zu beweisen, stehen im Gegensatz zu
dem, was die Bibel von Gott sagt. Der Gott der Bibel wartet nicht
darauf, daß er bewiesen wird. Die Schreiber der biblischen
Bücher berichten nicht von einem verborgenen Gott, den die Menschen
in eigener Kraft suchen und finden müßten. So ist die
Bibel kein Buch von Gottsuchern, die über die verschlungenen Pfade
ihres Weges zu Gott zu berichten wissen. Die Bibel erzählt von
den Wegen, die Gott geht, um den Menschen zu finden; sie zeigt uns einen
Gott, der den Menschen aufsucht und ihn anspricht.
Der Gott, der den Menschen sucht Am schönsten zeigt sich diese Art des biblischen
Gottes im Leben Jesu von Nazareth. Er geht den Menschen nach, die
durch Schuld oder Schicksal von Gott weggetrieben wurden, trägt die
heilende Kraft seiner Liebe hinein in ihr Leben, macht sie leiblich und
seelisch gesund und läßt sie spüren, daß ihnen Gott
ganz nahe kommt. Ein Hirte, der nach einem verirrten Schaf sucht,
eine Hausfrau, die ihren Haushalt wegen eines verlorenen Geldstückes
auf den Kopf stellt, und ein Vater, der seinem aus selbstverschuldetem
Elend heimkehrenden Sohn entgegeneilt, das sind die Bilder, die Jesus für
Gott und seine Art findet.
Gottes Liebe - das Geheimnis der Welt Für mich persönlich ist dies der entscheidende
"Gottesbeweis". Dieser Gott, den die Bibel verkündet, ist keine
Projektion menschlicher Allmachtsfantasien. Der Vater Jesu Christi,
der Gott der Liebe, der um uns leidet, ist ganz anders als unsere Gottesbilder
und als deren Widerlegungen. Nicht umsonst galten Juden und Christen
im Altertum als "Gottlose". Das hing damit zusammen, daß sie
keine Götterbilder verehrten. Aber darin spiegelte sich auch
wider, daß ihr Gott keine menschliche Konstruktion ist.
Ist die Bibel zuverlässig? All das, was wir jetzt als Antwort formuliert
haben, beruht auf Aussagen der Bibel. Hier setzen neue Fragen ein:
Wie zuverlässig sind ihre Angaben? Gelten sie auch heute noch?
Wie können wir uns von ihrer Wahrheit überzeugen?
Die Menschlichkeit der Bibel In seinem ersten Brief an die Gemeinde Thessalonich
sagt Paulus im Rückblick auf die Zeit, als er in dieser Stadt predigte:
"Darum danken wir Gott unablässig dafür, daß ihr das Wort
Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als
Menschenwort angenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist,
nämlich als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt" (l.
Thessalonicher 2,13). Um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen,
muß man sie hineinstellen in die Situation des ersten Besuchs des
Paulus in Thessalonich, wie sie uns die Apostelgeschichte (Kap. 16,25-17,9)
schildert. Paulus kommt aus Philippi, wo
Gott nennt die Dinge beim Namen Die Bibel schämt sich ihrer Menschlichkeit
und der Schwäche ihrer handelnden Personen nicht. Das ist nicht
selbstverständlich. Neulich las ich einen Bericht über
die Vertuschung unliebsamer Züge in den offiziellen Biographien Sigmund
Freuds - was bei einem Mann wie ihm, der so tief in die Abgründe des
Menschseins eingedrungen ist, doppelt erstaunlich scheint. Die Bibel
hat das nicht nötig. Eine Gestalt wie König David wird
mit seinen Licht- und Schattenseiten geschildert. Nicht einmal, daß
er Ehebruch und Mord beging, wird verschwiegen, obwohl (oder gerade weil)
er eine solche überragende Bedeutung für das Volk Israel besaß.
Petrus, der Felsenapostel, dessen Bekenntnis zu Jesus Christus das Fundament
seiner Gemeinde werden sollte,
Gott spricht durch die Worte der Bibel Es sind Menschen, die die Bibel geschrieben haben.
Sie haben das mit ihren Worten getan, mit Worten und Vorstellungen ihrer
Zeit. Gerade so will Gott den Menschen begegnen - nicht nur zeitbedingt
und zeitgebunden, nein, ganz zeitbezogen. Weil Gott zur Zeit Abrahams
oder Jesajas klar und deutlich sprach, weil er in Jesus von Nazareth unter
Pontius Pilatus in Galiläa und Jerusalem sich den Menschen ganz hingegeben
hat, darum ist er auch uns in unserer Zeit an unserem Ort nah. Die
Worte von damals werden durch sichtig für das Reden Gottes heute.
Was können wir von Gott wissen? Wir haben sicher schon längst gemerkt, daß
diese Frage eine andere Qualität hat als die Frage: Was können
wir über die Sonne wissen oder über Montezuma oder über
die Dinosaurier. Wir können über Gott kein Lexikonwissen
sammeln, das wir unbeteiligt auf unsere Karteikarten eintragen oder in
unseren Computer einspeichern. Ein Wissen "über Gott", das uns
nicht selbst im Innersten berührt und verwandelt, weiß noch
gar nichts von dem wirklichen Gott. Es gibt höchstens Wissen
"von Gott", das von Gott selber kommt, das er schenkt, in dem er sich selber
offenbart.
Dr. Walter Klaiber
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