Sterben und dann?
Die Frage nach dem Leben nach dem Tod ist nicht verstummt.  Als junger Mensch hörte ich oft die Meinung, der Mensch werde sich endlich darauf einrichten und damit abfinden, daß er sterben müsse und daß es jenseits des Todes keine Form des Weiterexistierens gebe.  Aber das war eine Fehleinschätzung menschlichen Verhaltens.  Die Frage wird nachdrücklicher denn je gestellt und findet zum Teil Antworten, von denen damals niemand gedacht hätte, daß sich ein vernünftiger Mensch jemals wieder damit beschäftigen würde.
Totenbeschwörer, die die Verbindung mit Verstorbenen herstellen zu können behaupten, haben Hochkonjunktur, und viele ernstzunehmende Zeitgenossen beschäftigen sich intensiv mit der Frage nach der Wirklichkeit einer Re-Inkarnation.
Ich möchte mich darauf beschränken, die Bibel nach ihrer Antwort zu fragen.  Sie hat mir auf die Fragen des Lebens das Entscheidende gezeigt, darum möchte ich auch auf das hören, was sie mir zur letzten Frage sagt.

Die Realität des Todes ist unumstößlich

Um es gleich ganz offen zu sagen: Eine Bagatellisierung oder Verharmlosung des Todes werden wir in der Bibel nicht finden.
Vor allem das Alte Testament sieht hier die Dinge sehr nüchtern und realistisch.  Der Tod ist die dem Menschen vorgegebene Grenze.  Menschliche Möglichkeiten reichen nicht darüber hinaus.
Deshalb protestieren die Beter der Psalmen mit aller Macht gegen den Tod und ringen mit Gott darum, sie vor einem frühen Sterben zu bewahren. "Was nützt es dir, wenn ich jetzt sterbe, wenn ich ins Grab hinunter muß?" fragt der todkranke Beter seinen Gott . "Kann einer dir auch dann noch danken, wenn er zu Staub zerfallen ist?  Kann denn ein Toter deine Treue preisen?" (Psalm 30,10; Gute Nachricht).
Hier ließ man sich nicht mit billigem Trost abspeisen, hier stellte man sich der schmerzlichen Realität des Todes, von der man freilich hoffte, daß sie möglichst spät eintreffen werde.
Der Mensch weiß um seinen Tod, und zwar nicht nur - wie das auch bei Tieren der Fall sein mag - als Ahnung kurz vor dem Sterben.  Schon sehr früh in seinem Leben kann er merken, daß er sterblich ist.
Eines meiner Geschwister wurde im Alter von drei oder vier Jahren auf das Läuten der Sterbeglocke aufmerksam.  Als meine Mutter die Bedeutung erklärte, fragte das Kind: "Müssen alle Menschen sterben?" Auf die bejahende Antwort der Mutter kam nach kurzem Besinnen die weitere Frage: "Muß ich denn auch sterben?" und bevor die Mutter das unausweichliche Ja in ein paar tröstliche Worte kleiden konnte, brach das Kind in Tränen aus.  So oft es in der folgenden Zeit das Beerdigungsläuten hörte, begann es zu weinen.
Der Philosoph Martin Heidegger hat diese Einsicht für eine grundsätzliche Beschreibung des Wesens des Menschen benutzt.  Das Sein des Menschen, so sagt er, ist Sein zum Tode.  Der Mensch weiß um seinen Tod - das macht seinen Adel aus, das Besondere des Menschseins gegenüber allen anderen Lebewesen, das darin besteht, bewußt leben zu können und zu müssen.
Dieses Wissen macht aber auch das Elend des Menschen aus: Immer vor Augen zu haben, sterben zu müssen, vom Ende zu wissen und gegen diese Grenze zu rebellieren, den Schmerz der Trennung zu empfinden und von der Angst vor dem Nichts des Todes gequält zu werden, das prägt sein Leben und ist seine tiefste Not.
Ein zeitgenössischer Dichter hat diesen Zwiespalt sehr eindringlich in einem Gedicht beschrieben (H.  Tschudy- Verlag, St. Gallen- Stuttgart).

Laß mich nicht sterben
o gott
den schrecklichen
tod des menschen
laß mich erlöschen
wie eine blume
in deiner einfalt

laß mich nicht erlöschen
o gott
wie eine blume
in deiner einfalt
laß mich sterben
den schrecklichen
tod des menschen
(Hermann Joseph Kopf)

Der Schrecken des Todes

Den Tod zu erleiden, ist uns aufgegeben.  Daran führt kein Weg vorbei.  Was aber macht den Tod des Menschen so schrecklich?  Warum kann er nicht erlöschen wie eine Blume?
Die Antwort darauf gibt Paulus, wenn er sagt: "Der Tod ist der Sünde Sold" (Römer 6, 23).  Der Tod des Menschen ist das Ergebnis seiner Sünde. "Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben" (Römer 5,12).  Seit Adam und Eva sündigen die Menschen, und seither steht der Fluch des Todes als dunkler Schatten über ihrem Leben.
Aber ist der Tod nicht eine biologische Tatsache, ja geradezu die Voraussetzung höheren organischen Lebens? "Mit Volvox (einer mehrzelligen Grünalge) kam der Tod in die Natur", pflegte mein Biologielehrer zu formulieren, und in seiner Stimme lag ein leicht triumphierender Unterton, als wolle er mit diesem Faktum die biblische Behauptung, der Tod sei durch Adam in die Welt gekommen, ein für alle Mal widerlegen.
Aber dieser Widerspruch ist nur scheinbar.  Volvox stirbt nicht den schrecklichen Tod des Menschen, sondern verlöscht wie eine Blume.  Und der biblische Bericht vom Sündenfall deutet an, daß auch für den Menschen der biologische Tod schon immer Wesensmerkmal war (vgl. 1. Mose 3,22).  Aber nach dem Sündenfall stirbt der Mensch nicht mehr den natürlichen Tod des Geschöpfs, das sein Leben dankbar in die Hand des Schöpfers zurückgleiten läßt.  Er erleidet den Tod des Sünders, der seine Trennung von Gott festschreibt und ihn in das Nichts der Gottesferne entläßt.  Das ist der schreckliche Tod des Menschen.
An dieser Tatsache können uns keine gut gemeinten Theorien vorbeimogeln.  Der Tod des Menschen hält die Einmaligkeit der Existenz eines Menschen fest. Jeder Mensch ist ein unverwechselbares Original, das zeichnet ihn aus!  Aber jedes Leben ist auch unwiderruflich und unwiederholbar nur dies eine Leben mit all seinem Tun und Lassen, seinem Bewirken und Erleiden.  Der Hebräerbrief formuliert dies klipp und klar: "Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, danach aber kommt das Gericht" (9,27).  Das entzieht jeder Spekulation über eine Re-Inkarnation die biblische Grundlage.
Viel häufiger hat man dem Schrecken und der Endgültigkeit des Todes dadurch ausweichen wollen, daß man annahm, daß der eigentliche Kern der Person des Menschen, seine Seele oder sein Geist, unsterblich sei.  Diese Lehre stammt aus der griechischen Philosophie und wurde von der frühen Christenheit übernommen, obwohl sie von der biblischen Botschaft kaum gestützt wird.
Der Unterschied zwischen der Auffassung der Griechen und dem biblischen Menschenbild wird nirgends deutlicher als im Vergleich der Darstellung des Todes des Sokrates und dem Bericht vom Sterben jesu.
Plato berichtet in seiner Schrift Phaidon von den letzten Gesprächen des Sokrates mit seinen Schülern.  Er belehrt die Trauernden, daß sie sich eigentlich freuen müßten, da doch der Tod seine Seele aus der Gefangenschaft des Leibes befreie.  Darauf trinkt er den tödlichen Schierlingssaft und, gelassen seine Wirkung beobachtend, stirbt er heiter und gefaßt.
Demgegenüber zeichnen die Evangelien ein sehr viel dramatischeres Bild vom inneren Ringen Jesu auf seinem Weg zum Sterben in Gethsemane und auf Golgatha.  Der Hebräerbrief faßt diesen Kampf mit den Worten zusammen: "Als Jesus auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tode retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden" (Hebräer 5,7).
Fast könnte es scheinen, als habe der Tod des Sokrates den Idealen eines christlichen Sterbens viel mehr entsprochen als das Sterben Jesu.  Aber genau hier liegt die entscheidende Pointe: Jesus stirbt nicht einen idealen Tod.  Er stirbt den wirklichen Tod des Menschen, den Tod, der von den Schrecken der Sünde gezeichnet ist.  Diesen Tod auf sich zu nehmen, war sein Auftrag.  Und seine und unsere Rettung liegt nicht darin, daß sich eine unsterbliche Seele aus der Hülle des zerfallenen Leibes befreit, wie ein Schmetterling aus der Puppe.  Es ist Gott, der hineinreicht in die Nacht des Todes und Leben aus dem Tode schenkt.

Die Wirklichkeit Gottes ist stärker

Schon im Alten Testament dämmert an einigen Stellen die Hoffnung auf, daß für Gott der Tod nicht die letzte Grenze sein kann.  So hart und grausam die Beter der Psalmen den Tod als Trennung von Gott auch empfinden und schildern, es wächst doch in ihnen das Vertrauen, daß auch der Tod sie nicht ganz von Gottes Nähe abschneiden könne.  Nach einer schweren, inneren Auseinandersetzung mit der Unverständlichkeit der Wege Gottes sagt einer von ihnen: "Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil" (Psalm 73,25), und bei Hiob lesen wir: "Ich weiß: mein Erlöser lebt, als letzter erhebt er sich über dem Staub.  Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen" (Hiob 19,25 f).
Es ist nicht die Hoffnung, daß irgend etwas im Menschen doch den Tod überdauern müsse, die diese Worte diktiert.  Es ist das tiefe Vertrauen, daß Gottes Treue die Grenze des Todes durchbricht und an dem festhält, der Gott im Leben und Sterben nicht losgelassen hat.
Wenn der Prophet Hesekiel in Kapitel 37 seines Buches schildert, wie durch Gottes Lebensodem ein Feld von Totengebeinen wieder lebendig wird, dann ist das zunächst ein Bild dafür, daß Gott das zerschlagene Volk der Juden wieder zu neuer Lebenskraft erwecken werde.  Aber der entscheidende Punkt zukünftiger Hoffnung ist damit schon getroffen und eindrücklich veranschaulicht.
Gott ist stärker als der Tod.  Er, der durch sein Wort die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, er kann auch Leben in den Toten erwecken. Das wird für die, die auf Gott vertrauen, zum Grund für die Hoffnung auf ein persönliches Leben bei Gott; für die aber, die auf ein ewiges Vergessen ihres Tuns spekulieren, ist es Anlaß zur Warnung.  Darum unterscheidet schon Daniel 12, 3 zwischen einer Auferstehung zu unvergänglichem Leben und einem Erwachen zu ewiger Beschämung.
Was sich hier im Alten Testament andeutet und in den spätesten seiner Schriften dann ausdrücklich genannt wird, das bewahrheitet sich für die neutestamentlichen Zeugen in der Auferweckung Jesu.  Hier bricht die Liebe Gottes mit lebenschaffender Kraft in die Welt des Todes ein.  Es war ja nicht nur der physische Tod Jesu, der seine Jünger verzweifeln ließ.  Mit ihm waren auch all ihre Hoffnungen ins Grab gesunken, daß Gottes Herrschaft auf dieser Erde bald anbrechen würde.
Wieder einmal hatten Liebe, Gerechtigkeit und Friede den kürzeren gezogen, und die Macht des Neides, des Hasses und der Eigensucht hatten gesiegt.  Als sie dem Auferstandenen begegneten, war für sie nicht nur der Mensch Jesus wieder ins Leben zurückgekehrt. Ihre Hoffnung auf Leben, ihr Vertrauen in Gott und die Gewißheit seiner Liebe waren mit ihm auferstanden.  Die Erscheinungen des Auferstandenen waren für die Jünger darum etwas ganz anderes als die Besichtigung einer ganz unglaublichen Kuriosität.  Was hier geschah, reichte in ihr eigenes Leben hinein und erfüllte es mit nie gekannter Freude und Hoffnung.  Darum blieb der Glaube an die Auferweckung Jesu auch nicht auf die beschränkt, die ihn mit eigenen Augen gesehen hatten.  Der Funke sprang auf andere über, die erfaßten und glaubten: Mit der Auferweckung Jesu hat Gott begonnen, seine neue Welt zu schaffen, seine Herrschaft aufzurichten und mein Leben zu erlösen.
Paulus hat die Gewißheit, die dieser Lebensfunke schafft, der von Jesu Auferweckung in unser Leben fällt, so beschrieben: "Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat,in euch wohnt, so wird Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt" (Römer 8, 1 1).
Keine weltanschauliche Theorie also ist der Grund für die Hoffnung des Christen, sondern seine innige Verbindung mit dem lebendigen Gott, die dieser durch Leben und Sterben Jesu begründet hat und durch das Wirken seines Geistes in uns gewiß macht.
Daß diese Zugehörigkeit zu Christus  der tragende Grund im Leben und im Sterben ist, hat Paulus in sehr eindrücklichen Worten im Römerbrief ausgesprochen (14,7-9): "Keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst.  Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.  Darum, ob wir nun leben oder sterben, gehören wir dem Herrn.  Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei."

Wir versinken nicht ins Nichts

Was aber folgt daraus für das Sein des Menschen nach dem Tod?  Lassen sich darüber klare Auskünfte geben, oder müssen wir uns mit der Ansicht von Goethes Faust bescheiden: "Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt?"
Wer die Bibel ernst nimmt und die Hinweise, die sie gibt, nicht mit Hilfe eigener Vorstellungen zu fantasievollen Wunschbildern ausmalt, wird feststellen, daß sie kein großartiges System eines Lebens nach dem Tod entfaltet.  Sie stellt uns nicht ein himmlisches Paradies vor Augen, um uns zur inneren Auswanderung aus dem irdischen Jammertal zu verleiten, obwohl man ihr das immer wieder vorgeworfen hat.  Was sie tut, ist etwas anderes.  Sie betont wichtige Aspekte unseres Lebens mit Gott und zeigt, wie diese Verbindung mit Gott nach unserem Tod eine neue, umfassendere Bedeutung bekommt.  Leben nach dem Tod und Leben vor dem Tod fallen nicht als völlig unterschiedliche Seinsweisen auseinander, sondern sind verklammert durch die Zugehörigkeit zu Jesus Christus und zu dem Gott, der durch ihn handelt.
So schreibt Paulus an die Gemeinde in Philippi angesichts seines drohenden Todes: "Für mich heißt das Leben Christus, darum kann das Sterben mir nur Gewinn bringen.  Wenn ich am Leben bleibe, kann ich allerdings noch mehr für Christus tun.  So weiß ich nicht, was ich wählen soll.  Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich möchte am liebsten dieses Leben hinter mir lassen und bei Christus sein; das wäre bei weitem das beste.  Aber ich sehe auch, daß ihr mich noch braucht ..." (Philipper 1, 21-24).
Paulus verläßt sich also nicht auf die Unsterblichkeit seiner Seele und hofft auf ihre Befreiung aus dem Kerker des Leibes.  Aber er rechnet auch nicht mit einer "Existenzlücke" zwischen Tod und Auferstehung, einer Zeit des Nicht-Seins, in die er zunächst versinken würde.  Seine Hoffnung gründet auf seine Gemeinschaft mit Christus.  Sie ist so mit unzerstörbarem, göttlichen Leben erfüllt, daß Sterben für ihn nur bedeuten kann, in eine noch innigere, ungehindertere und ganzheitliche Gemeinschaft mit Christus zu treten.  Paulus nennt das bildhaft "bei" Christus sein.  Das wird nicht beschrieben oder gar ausgemalt und ist doch völlig erfüllt von der Gewißheit der Nähe Christi, die dem Tod seine Schrecken nimmt.

Gottes Ziel ist Leiblichkeit

Das sind allerdings nicht die einzigen Aussagen, die Paulus über das ewige Leben macht.  In 1. Korinther 15 z. B. ringt er mit den Korinthern um die Frage nach der Auferstehung des Leibes, einer Vorstellung, die man offensichtlich in Korinth für schwierig oder unwichtig hielt.
Paulus aber will an ihr festhalten, ja er bindet an sie die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu und die Entscheidung darüber, ob es sich überhaupt lohnt, das beschwerliche Leben eines Christen zu führen.  Daran hängt für ihn alles.  Wenn es keine Auferstehung des Leibes gibt, dann sind Glaube und Hoffnung der Christen hinfällig (vgl. 1. Korinther 15,13-19.32).
Warum ist für Paulus diese Aussage so wichtig?  Sie macht für Gegenwart und Zukunft deutlich: Es geht Gott um den ganzen Menschen, und der ganze Mensch gehört zu Gott.  Wahrscheinlich teilte man in Korinth die Meinung, daß der Körper des Christen für seine Beziehung zu Gott bedeutungslos sei.  Entscheidend sei allein, was mit dem Geist des Menschen geschehe.  Dieser aber sei durch Glaube und Taufe schon so eng mit Gott verbunden, daß der Tod nur noch letzte Befreiung von den Fesseln des Leibes sein könne, durch die der Geist zur völligen Gemeinschaft mit Gott gelangen werde.
Diese Auffassung hatte Konsequenzen auch für das gegenwärtige Leben.  Der Leib konnte nicht mehr als Instrument des Handelns Gottes verstanden werden.  Was er tat, war gleichgültig.  Man konnte versuchen, ihn durch asketische Übung möglichst abzutöten, man konnte ihn aber auch seinen natürlichen Trieben überlassen, ohne das mit der Verantwortung vor Gott in Verbindung zu bringen.  Gott fragte nur nach der Innerlichkeit des Menschen (vgl. 1. Korinther 6,12 ff).
Das ist der Hintergrund des Ringens des Paulus um die Auferstehung der Toten.  Paulus weiß natürlich auch um die Probleme, die wir haben, wenn wir uns die Auferstehung der Toten vorstellen sollen.  Und er bindet seine Gesprächspartner keineswegs an bestimmte Bilderbuchanschauungen.  Schilderungen des ewigen Lebens, wie man sie bei den Zeugen Jehovas findet, wo jeder mit seiner Familie in einem paradiesischen Schrebergarten lebt, suchen wir bei Paulus vergebens.
Er nagelt seine griechischen Freunde auch nicht auf die Vorstellungen seiner jüdischen Herkunft fest, in denen sehr massiv an eine Wiederherstellung von Fleisch und Gebein des Menschen gedacht wurde. "Das wissen wir auch", sagt er, "Menschen aus Fleisch und Blut können nicht in Gottes neue Welt gelangen.  Ein vergänglicher Körper kann nicht unsterblich werden" (15,50).
Die frühere Formulierung im apostolischen Glaubensbekenntnis, "Auferstehung des Fleisches", schoß also über das Ziel hinaus.  Es bedarf auch nicht der Gebeine, um die Auferstehung möglich zu machen, wie diejenigen meinten, die die Ketzer verbrannten, damit wirklich nichts von ihnen für den Jüngsten Tag übrig bleibe.  Paulus sagt statt dessen: Gott hat viele Möglichkeiten, leibliche und körperliche Existenz zu gestalten . Das "Wie" dürfen wir getrost ihm überlassen (vgl. 15,35-41).
Das Entscheidende aber ist die Grundsatzaussage: Du bist als Mensch ganz erlöst - nicht nur ein besserer oder edlerer Teil von dir.  Du bist ganz erlöst: auch mit dem, was du erlitten hast.  Gott macht dein Leben heil und ganz, wenn er es vor sein Angesicht stellt.  Die Verletzungen und Verwundungen werden geheilt, die Behinderungen überwunden, die Armut und der Mangel werden gefüllt.
Du bist ganz erlöst: auch mit dem, was du getan hast.  Was deine Hände erstellt, was deine Worte bewirkt und wohin dich deine Füße getragen haben, es steht in der Gegenwart Gottes und erhält von ihm seinen Sinn.
Du bist ganz erlöst: auch in dem, worin du schuldig wurdest.  Wo du andere verletzt oder ihr Leben zerstört hast, wo du dich im Trotz oder in der Resignation verweigert hast, wo du anderen den Platz weggenommen hast, einfach weil du da warst, Gott nimmt das an und versöhnt dein Leben mit seinen schuldhaften Folgen.

Unser Leben steht vor Gott

Es geht der Bibel um umfassende Erlösung.  Aber - und das ist sicher schon deutlich geworden - es geht auch um umfassende Verantwortung.  Unser Leben steht vor Gott, so wie es war, auch das des Christen.  Es ist nichts ungeschehen - nicht das Schöne, das Erfreuliche und das, was an Gutem herausgekommen ist, aber auch nicht das Häßliche, das Versagen und die Schuld.  Es muß alles ans Licht kommen, damit alles von der Gnade Gottes erreicht wird.  In ihr dürfen wir unser Leben bergen.
Wenn aber alles vor ihn gelangt, dann steht auch das Nein eines Menschen zu ihm und seiner Gnade vor Gott.  Die Frage des Gerichts darf nicht umgangen werden.  Zwar ist auch hier die Bibel zurückhaltend in ihrer Schilderung und ergeht sich keinesfalls im Ausmalen der Qualen der Verbannten, wie es manche mittelalterlichen Bilder vom Jüngsten Gericht tun.
Im Grunde ist ja die Entscheidung auch schon gefallen: Im Johannesevangelium wird dies immer wieder betont: "Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.  Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet!" (Johannes 3,17f).  Gott stellt nicht den Unglauben des Menschen unter Strafe und vollstreckt irgendwann einmal das Urteil.  Wer Nein zu Gott und seiner Liebe sagt, stellt sich selbst ins Dunkel und wendet sich vom Leben ab, das Gott schenkt.  Das Tun selbst ist in sich schon Gericht und Strafe.  Gottes letztes Wort stellt nur fest, was schon geschehen ist, behaftet den Menschen bei dem, was er selbst gewählt hat: ein Leben ohne Gott.
Dabei dürfen wir darauf trauen, daß Gott tiefer sieht als wir, vielleicht manchesmal sogar tiefer als die Betroffenen selber.  Sein Lebensbuch muß nicht mit unseren Kirchenbüchern übereinstimmen.  Er weiß zu unterscheiden zwischen der Stimme des Herzens und oberflächlichen Worten, die nur verbergen sollten, was in der Tiefe geschah.
Ihm dürfen wir auch die Antwort auf die Frage überlassen, wie er mit all denen verfahren wird, die in ihrem Leben der Botschaft von Christus nicht oder nur ganz unangemessen begegnet sind.  Die Frage, ob andere die Möglichkeit hatten, sich zu entscheiden, entläßt uns nicht aus der Entscheidung, vor der wir stehen.  Sagen wir ja zur Gnade Gottes - oder wenden wir uns von ihr ab?
Gott nimmt uns ernst.  Davon dürfen wir ausgehen.  Das bedeutet aber, daß er auch unser Nein ernst nimmt und es nicht einfach mild lächelnd übergeht, wie das manche erwarten, die sich in diesem Leben über eine solche Behandlung bitter beklagen würden.  Hier geht es nicht darum, ob Gott Gnade vor Recht ergehen läßt und beide Augen zudrückt.  Sein Recht ist seine Gnade!  Hier geht es vielmehr darum, ob er unsere Entscheidung so sehr respektiert, daß er sie verewigt.
Was das im einzelnen bedeutet, wissen wir nicht.  Wird es die Qual der Leere sein, eines Existierens ohne Gott, obwohl Gott plötzlich ganz gewiß und wirklich ist?  Die Erfahrung des Nichts, ohne durch sie vernichtet zu werden?
Oder ist es eine große Beschämung, die sich vor dem Angesicht Gottes ereignet, die den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens auslotet angesichts der Erkenntnis dessen, was ein Leben mit Gott hätte sein können?
Gibt es durch das Gericht hindurch, jenseits dieser beschämenden oder vernichtenden Erkenntnis, eine letzte Begegnung mit Gott, die doch noch in die Gemeinschaft mit ihm führt?  Deutet Paulus das an, wenn er sagt: "Gott hat alle in das Gefängnis des Ungehorsams eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen" (Römer 11, 32)?  Ist dies das letzte Ziel der Erlösung, "damit Gott alles in allem ist" (1.  Korinther 15, 28)?
Wir wissen das nicht.  Es sind auch nicht die Fragen, die jetzt zu beantworten sind.  Hier ist allein die Frage entscheidend: Lebe ich heute mein Leben mit Gott?  Von ihr hängt alles weitere ab.

Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Die Frage "Sterben - und dann?" ist keine Wissensfrage.  Es ist eine Lebensfrage.  Sie wird nicht durch einen Reiseführer ins Jenseits beantwortet.  Die Antwort liegt in meiner Entscheidung für oder gegen ein Leben mit Gott hier und heute.  Man hat in den letzten Jahren immer einmal wieder die geläufige Frage: "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" umformuliert und gefragt "Gibt es ein Leben vor dem Tod?" Gibt es Leben, das mehr ist als nur Vegetieren, Funktionieren und Konsumieren?  Gibt es sinnvolles Leben?
Die Botschaft der Bibel bejaht diese Frage.
Wer sein Leben in Gottes Hand legt und seiner Liebe öffnet, der lebt ein erfülltes Leben, ein Leben, das Gott gehört und in ihm geborgen und glücklich ist.
John Wesley, der Gründer des Methodisrnus, hat den Inhalt eines solchen Lebens mit Gott immer wieder mit der Formel "holiness and happiness - Heiligkeit und Glückseligkeit" umschrieben.
Holiness (Heiligkeit) meint ein Leben, das zu Gott gehört und von seiner Liebe geprägt und ausgerichtet wird.  Happiness (Glückseligkeit) beschreibt die Erfüllung durch den Frieden mit Gott und die Freude an seiner Nähe.
Daß Gott dieses Leben mit ihm vollendet, wenn wir ihm im Tod begegnen, das ist die Hoffnung, zu der uns die Bibel Mut macht.  In demütiger Zurückhaltung und zugleich in großer Gewißheit sagt der 1. Johannesbrief: "Meine lieben Freunde, wir sind schon Kinder Gottes.  Was wir einmal sein werden, ist jetzt noch nicht sichtbar.  Aber wir wissen: wenn Christus erscheint, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er wirklich ist" (1.  Johannes 3, 2).
Daß Christus uns in seine Gemeinschaft mit Gott hineinnimmt, das können wir glauben, darauf dürfen wir hoffen.
Dr. Walter Klaiber
mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch "Das kannst Du glauben",
Rechte bei Edition Anker, Christliches Verlagshaus, Stuttgart


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