Bleibt der Mensch des Menschen Feind?
Zugegeben - die Themafrage enthält eine Unterstellung.  Sie provoziert damit eine Rückfrage: Stimmt denn die Voraussetzung, von der sie ausgeht?  Ist der Mensch des Menschen Feind?  Wenn ja, warum ist das so?  Was liegt im Wesen des Menschen, das ihn so gefährlich macht?  Wenn nein, warum geht es dann in unserer Welt so mörderisch zu?  Sind die gesellschaftlichen Verhältnisse daran schuld oder die Systeme, in denen wir leben und die uns verführen und manipulieren?  Wer aber ist verantwortlich für die Verhältnisse und Systeme?
Im Frankfurter Zoo fand sich eine Ausstellungsvitrine, über der stand: Das gefährlichste Raubtier der Welt.  Blickt man hinein, sieht man in einem Spiegel sich selbst!
Das macht nachdenklich, wird aber manchem von uns doch übertrieben scheinen.  Vielleicht halten wir eher den Satz Albert Schweitzers für realistisch, mit dem er die Situation des Menschen beschreibt: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Damit ist der Interessenkonflikt angedeutet, in dem wir stehen.  Unser Lebenswille, der uns am Leben hält, kostet andern das Leben.  Das ist bis zu einem gewissen Maß ein Grundgesetz der belebten Natur.  Das Tragische aber ist, daß das Vernichtungspotential des Menschen, das er immer mehr ausnützt, weit mehr als die unbedingt notwendigen Opfer an Leben anderer fordert.  Wir zerstören durch unsere Ansprüche unsere Umwelt in einem Maße, das uns selbst gefährdet und zu vernichten droht.  Und auch unser Zusammenleben im täglichen Leben leidet darunter, daß es viele gibt, die mehr Lebensraum beanspruchen, als sie eigentlich brauchen und dadurch andere an den Rand ihrer Lebensmöglichkeiten drängen.
Dem wollte Albert Schweitzer entgegentreten, indem er seine Ethik auf die "Ehrfurcht vor dem Leben", d. h. auch vor dem Leben anderer Geschöpfe, aufbaute.  Viel Erfolg hat er damit nicht gehabt.  Woran liegt das?

Nicht jeder Mensch ist jedes Menschen Feind

Ungerechte Verallgemeinerungen helfen meist nicht weiter.  Deswegen soll gerne zugestanden werden: Nicht jeder Mensch ist jedes Menschen Feind.  Es gibt unter uns nicht nur den Kampf ums Leben ohne Rücksicht auf Verluste und nicht nur die Typen, die über Leichen gehen.  Wir hören von Menschen, die unter dem Einsatz des eigenen Lebens andere retten, weil das ihr Beruf ist oder weil sie angesichts der Not einfach nicht anders können.  Wir begegnen immer wieder Leuten, die hilfsbereit und zuvorkommend sind und die uns mit ihrer Freundlichkeit das Leben leichter machen.
Da ist die Frau von nebenan, die sich um ihre betagte Nachbarin kümmert, obwohl ihre eigene Familie ihr Arbeit genug macht.  Das Lebenswerk eines Mahatma Gandhi steht uns vor Augen, der auf friedlichem Wege ein Volk in die Freiheit geführt hat und von einem seiner eigenen Parteigänger erschossen wurde, weil er die Versöhnung mit dem traditionellen Erzfeind lehrte und lebte.  Vielleicht denken wir an unseren Hausarzt, der keine Mühe scheut und dem keine Zeit zu ungelegen ist, wenn es darum geht, Schmerzen zu lindern oder ein Leben zu retten. Janusz Korczak kommt mir in den Sinn, der polnische Arzt, der mit den jüdischen Kindern, die er betreute, den Weg in das Vernichtungslager ging; oder zwei türkische Schulmädchen, die mich in Izmir auf der Straße ansprachen, als ich mich mit etwas ratlosem Blick über die öffentlichen Verkehrsmittel zu orientieren versuchte, und die mir mit Rat und Tat weiterhalfen.
Ich denke an Mutter Teresa, die sich um die Sterbenden unter den Ärmsten der Armen in Kalkutta kümmerte, um gerade ihnen zu zeigen, daß sie nicht menschlicher Müll sind, sondern daß das Leben eines jeden Menschen seine Würde und seinen Sinn hat.  Es fallen mir die Frauen und Männer von Greenpeace ein, die mit wagemutigen Aktionen die Zerstörung der Schöpfung zu verhindern suchen.  So könnte man noch viele nennen, Christen und Nichtchristen, die mit einer heroischen Tat oder auch nur mit einer kleinen Geste das Leben anderer retten oder lebenswerter machen.
Jesus hat das gegen alle enge jüdische oder auch christliche Sektenmoral in seinem Gleichnis vom barmherzigen Samariter festgehalten: Menschen können wissen, was in einer bestimmten Situation notwendig ist, um anderen zu helfen, und sie können es auch tun!  Die biblische Diagnose, daß "das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf" (l.  Mose 8, 21), darf nicht mißverstanden werden, als sei der Mensch zu keiner guten Tat mehr fähig.  Nein, er kann im Einzelfall durchaus Gutes tun, kann helfen, einem anderen eine Freude machen, ja, sein Leben aufs Spiel setzen, um einen Mitmenschen oder auch nur den eigenen Hund zu retten.
Aber daß er das kann und auch immer wieder tut, verschärft ja nur die Spannung und macht die Frage um so schmerzlicher- Warum geschieht das so selten?  Warum hat es so wenig Breitenwirkung und bleibt die Ausnahme, die man erstaunt registriert und keineswegs für selbstverständlich hält?

Die Raubtierexistenz des Menschen

Immer wieder wird uns schmerzlich bewußt, daß unsere Welt ganz anders aussieht, als man es von diesen positiven Beispielen her erwarten müßte. "Sie sollten einmal erleben, wie es bei uns im Geschäftsleben zugeht", sagen mir Leute, die in der Wirtschaft tätig sind. "Das können Sie sich nicht vorstellen; da ist jeder des andern Feind, und das nicht nur bei der Konkurrenz, sondern auch im eigenen Betrieb."
Von der Politik brauchen wir gar nicht erst zu reden.  Zu offensichtlich ist, wie hier gegeneinander gekämpft wird, und zwar oft mit unfairen Mitteln, selbst im eigenen Lager.  Aber das scheint der Preis zu sein, den man für den Weg nach oben zu zahlen hat.
So wundert es kaum, daß auch die Konflikte zwischen Staaten oder ethnischen Gruppen immer wieder entgleisen und zu bewaffneten Auseinandersetzungen führen.  Gerade in diesem Bereich ist das Dilemma besonders deutlich: Einerseits hat man in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts eine Fülle von wirksamen diplomatischen Maßnahmen gefunden, die den Ausbruch von Kriegen verhindern, ja sogar zur Versöhnung ehemals verfeindeter Völker führen können.  Andererseits wird der Teufelskreis zwischen Unterdrückung und Terror immer enger, so daß es an vielen Punkten des Erdballs jederzeit zu unkontrollierbaren Kettenreaktionen der Gewalt kommen kann.
Ähnlich dürfte es im engsten persönlichen Lebenskreis aussehen. Wenn es zwischen Menschen, die einander kennen und aufeinander angewiesen sind, so schwer ist, miteinander auszukommen, dann ist es kaum verwunderlich, daß es uns so schlecht gelingt, unser Verhältnis zu denen, die uns fern stehen, zu klären.  Oft sind es ja auch Zusammenhänge, die dem einzelnen gar nicht bewußt sind, die dazu führen, daß wir anderen Schaden zufügen.  Allein durch unsere expansive Lebensart, unser Streben nach Bequemlichkeit und Komfort, zerstören wir unsere Umwelt und beteiligen uns an der Ausbeutung von Menschen in Entwicklungsländern.
Das Beängstigendste bei all dem aber ist, daß die bloße Einsicht in die Probleme noch wenig zu ihrer Überwindung hilft.  Entgegen aller Träume von Philosophen und Dichtern ist es dem Menschen bisher nicht gelungen, die Schwierigkeiten des Zusammenlebens durch vernünftige Überlegung zu ordnen.  Einer meiner Freunde sagte vor einiger Zeit: "Der Mensch mit seinem raubtierhaften Wesen wird nicht eher ruhen, bis er seine eigene Lebensgrundlage zerstört hat." Diese Prophezeiung hat mich betroffen gemacht.  Ist dem Menschen mit seiner Natur wirklich ein so zerstörerischer Trieb mitgegeben worden, daß er auch vor der Vernichtung der eigenen Lebensmöglichkeiten nicht Halt zu machen vermag?  Das würde die Gefährlichkeit von Raubtieren weit übersteigen, die sich ja in der Regel mit dem Lebensnotwendigen begnügen und nicht mehr töten, als sie für sich selber nötig haben.

Diagnose: Angst

Warum wird der Mensch von diesem Drang zur zerstörerischen Expansion beherrscht, der ihn zum Kampf aller gegen alle (oder zumindest vieler gegen viele) führt, warum haben Neid und Haß so eine beherrschende Stellung im menschlichen Zusammenleben?
Meine Diagnose für diese todbringende Erkrankung lautet: Das liegt an der Angst des Menschen um sein Leben.  Diese Erklärung ist nicht meine private Entdeckung.  Sie deckt sich mit der Beobachtung vieler Psychologen, die in der Lebensangst des heutigen Menschen die Ursache für viele krankhafte Erscheinungen im persönlichen Leben und in unserer Gesellschaft sehen.  Diese Erklärung stimmt auch überein mit der Diagnose der Bibel, die im Verlust des Gottvertrauens und der daraus entspringenden Existenzangst des Menschen den Ursprung von Schuld und Fehlverhalten sieht.
Die biologische Forschung hat den Menschen als das "nicht festgelegte" Wesen bezeichnet (A.  Portmann).  Das heißt, er ist viel weniger als andere Lebewesen durch angeborene Instinkte auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegt.  Darin liegt das Geheimnis der Anpassungsfähigkeit des Menschen.  Er kann neue Situationen und Lebensräume durch verändertes Verhalten bewältigen.  Das ist aber auch die Quelle einer viel stärkeren Unsicherheit.  Die Freiheit der Entscheidung und das Wissen um die Möglichkeit von falschem Verhalten führen zu Angst und Furcht.  War dies in den traditionellen Kulturen der Menschheit durch die starke Einbettung des einzelnen in die Gemeinschaft und ihre Normen teilweise noch aufgefangen, so ist der moderne Mensch, der auch diese Absicherung verlassen hat, den Grundängsten des Menschseins beinahe schutzlos ausgeliefert.
Die biblische Botschaft beschreibt diesen Sachverhalt im Blick auf das Verhältnis des Menschen zu Gott.  Der Mensch, der sich aus dem Urvertrauen zu Gott heraustreiben läßt und sich so von Gott trennt, liefert sich der Angst aus.  Sie wird zum Mutterboden für Schuld und Sünde, wie der dänische Philosoph Sören Kierkegaard in einer eindringlichen Analyse der biblischen Sündenfallgeschichte aufgewiesen hat.  Darum versteckt sich der Mensch vor Gott und vor dem Mitmenschen. (Tiefenpsychologische Untersuchungen von Kindern haben den Zusammenhang von Scham und Angst sehr eindrücklich erwiesen!) Er reagiert aus der Angst heraus aggressiv und erschlägt seinen Bruder.  Der Mensch wird des Menschen Feind, weil er Gott verloren hat, der seiner Angst wehren kann.

Die vielen Gesichter der Angst

Die Angst, unter der wir leiden, hat viele Gesichter.  Am deutlichsten erkennen wir sie, wo sie sich in ängstlichem Streben nach Sicherheit und Schutz auswirkt.  Aber wie dieses Sicherheitsbedürfnis befriedigt wird, das kann sehr unterschiedlich aussehen. "Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt", sagen die einen und suchen im Besitz die Basis für ein gesichertes Leben.  Andere streben nach Anerkennung oder versuchen sich durch konsequentes, manchmal fast fanatisches Gesundheitsbewußtsein vor Krankheit zu schützen.
Viele müssen sich abgrenzen von anderen, vermeiden Kontakte, die sie äußerlich oder innerlich gefährden oder in Frage stellen könnten.  Die Intoleranz gegen Menschen, die "anders" sind, und die daraus sich ergebende Ausländerfeindlichkeit sind Ausdruck innerer Unsicherheit und der Angst um die eigene Identität.
In vielen Fällen entspringt der verborgenen Angst aber gleichzeitig auch das Festhalten-Wollen des anderen.  Eltern, die ihre Kinder nicht loslassen können, oder Eheleute, die ihrem Partner keinen Freiraum für eine eigene Entwicklung gewähren können, handeln oft aus der unbewußten Angst vor der Leere des Alleinseins heraus.
Weil man Angst hat, zu kurz zu kommen, muß man versuchen, möglichst viel an Erleben, an Genuß oder an Ansehen in dieses Leben hineinzupressen.  Viele sexuelle Eskapaden von Männern und Frauen mittleren Alters mit ihren zerstörerischen Folgen für Ehen und Familien sind sicher nicht von einer unbezwingbaren geschlechtlichen Anziehung verursacht, sondern entspringen der Angst, man könne etwas verpassen.
Und hinter all dem steht die uneingestandene Angst vor dem Tod, vor der Grenze, die unserem Leben gesetzt ist.  Ein Don Juan und ein Faust und - auf seine grauenvolle Weise - auch ein Hitler suchten letztlich Unsterblichkeit!
Die Angst hat auch Masken, hinter denen sie unerkannt lauert.  Manchmal aber entdecken wir, daß hinter der zynischen Gefühllosigkeit, der kalten Grausamkeit oder der naßforschen Unverfrorenheit eines Zeitgenossen sich nichts anderes als Unsicherheit und Angst verbirgt.  Und gerade weil er oder sie das auf gar keinen Fall zugeben kann, ist ihre Reaktion so überzogen und so un-menschlich.

Ist Angst heilbar?

Wenn das, was wir hier als Diagnose erhoben haben, stimmt, wenn die Lebensangst des Menschen die Wurzel seines zerstörerischen Egoismus und damit der Feindschaft unter den Menschen ist, läßt sich diese Angst bekämpfen, bewältigen oder gar heilen?  Denn das wäre ja gleichzeitig der entscheidende Schritt, die Menschen in ein heilsameres, gesünderes Verhältnis zu ihren Mitmenschen und zu ihrer Umwelt zu führen.  Oder bleibt der Mensch des Menschen Feind?
Fragen wir die Bibel, was sie an Hilfe bietet, so treffen wir auf eine Art "therapeutische Doppelstrategie", d. h. die Krankheit wird von zwei Seiten angegangen.
Das ist eine Art von "verhaltenstherapeutischem" Ansatz, durch den der Mensch mit seinem Fehlverhalten konfrontiert wird und Maßstäbe für richtiges Handeln bekommt.  Die Zehn Gebote sind ein solcher Leitfaden.  Durch Gebote wie "Du sollst nicht töten", "Du sollst nicht stehlen" oder "Du sollst nicht ehebrechen", werden Grenzmarkierungen abgesteckt, die den Menschen davor bewahren können, zerstörerisch in das Leben anderer einzudringen.
Daneben steht dann das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", das die Beziehungen der Menschen zueinander positiv regelt und in der Bibel immer wieder genannt wird (3.  Mose 19,18; Matthäus 22,39; Lukas 10, 25-32, Römer 13,9).
Dieses Gebot faßt alle anderen Verhaltenshinweise zusammen, weil es nicht nur markiert, was falsch ist und wo wir andere verletzen, sondern weil es dem Menschen von innen heraus zeigen kann, was sein Mitmensch braucht und was ihm hilft.  Es ist einem Kompaß vergleichbar, der dazu befähigt, ans Ziel zu finden, auch wenn äußere Wegmarkierungen fehlen, ein Leitfaden zum richtigen Handeln, der auch dort funktioniert, wo Strafgesetzbuch oder Knigge unzuständig sind.  Wo diese Regel herrscht, da hört Feindschaft auf, denn in ihrer letzten Konsequenz lautet sie - wie Jesus deutlich macht: "Liebet eure Feinde!" (Matthäus 5,44).
Aber - so müssen wir fragen - ist es überhaupt möglich, dieser Regel zu folgen?  Kuriert solche "Verhaltenstherapie", soweit sie Äußerlichkeiten betrifft, nicht doch nur an Symptomen herum und verlangt dort, wo sie durch das Liebesgebot den Kern der Sache trifft, schlicht Unmögliches?  Kann man denn Liebe befehlen?  Wird uns nicht die Angst, die in der Tiefe sitzt, daran hindern, uns so einzusetzen und preiszugeben, wie es wahrer Liebe entspricht?

Die neue Lebensgrundlage

Hier setzt die zweite "Therapieform" der biblischen Botschaft ein, eine "Kausaltherapie", die die Ursache unseres Leidens angeht und es an der Wurzel heilt.  Schon im Alten Testament wird dem ersten Gebot "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" die Zusage vorangestellt: "Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Sklaverei, geführt habe" (2.  Mose 20, 2f). Das Gebot gründet in Gottes Handeln, der das Volk befreit und ihm Lebensmöglichkeit geschenkt hat.  Es ist nicht die Willensanstrengung des Menschen, auf die gesetzt wird, wenn verhindert werden soll, daß das Volk sich durch selbstgemachte Götter abzusichern sucht und sich gerade damit in Abhängigkeit und Unsicherheit begibt.  Es ist Gottes befreiende Tat, die ihm die Lebensgrundlage schenkt.  Sie bildet die solide Basis für rechtes Handeln.
So wird auch im Neuen Testament, wenn nach der Liebe zu anderen gefragt wird, nicht an unsere moralische Stärke appelliert.  Es wird an Jesu Liebe erinnert, die unserem Leben vorausgeht und es begründet.  So lesen wir z. B. im Epheserbrief: "Liebt einander, weil Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat" (5, 2), oder im Römerbrief: "Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat" (15, 7), und Jesus sagt in Lukas 6, 36 zur Begründung des Liebesgebots: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!"
Dabei sind Jesu Liebe und Gottes Barmherzigkeit nicht nur ein gutes Beispiel, das uns zur Nachahmung vorgehalten wird.  Sie sind der Grund für ein neues Verhalten.  Die Wirklichkeit dieser Liebe schafft die Basis für ein Leben, in dem die Angst bewältigt ist.  Denn welch größere Sicherheit könnte es für unser Leben geben als die, daß Gott uns liebt?  Gottes Barmherzigkeit ist wie ein Haus, das uns schützt und birgt.  Unsere eigenen Schneckenhäuser, in denen wir uns abkapseln, und unsere Trutzburgen, aus denen wir auf andere schießen, sind unnötig.  Wir haben Halt bei Gott; das macht die Kräfte, die bisher zur Selbstverteidigung oder zum Angriff auf andere benützt werden, frei zum Einsatz für den Nächsten.
Daß Liebe Sicherheit verleiht, können wir auch im Zusammenleben von Menschen beobachten.  Da wird ein junger Mann, der bisher linkisch und gehemmt war, plötzlich selbstbewußt und frei, weil er entdeckt hat, daß ihn ein Mädchen liebt, unbegreiflicherweise gerade ihn für liebenswert hält.  Was die Zuneigung eines Menschen bewirken kann, geschieht viel tiefer und entscheidender durch die Liebe Gottes.  So wie er durch seinen Propheten das verzweifelnde und verzagende Volk der Juden angesprochen hat, so spricht er in Jesus Christus jeden an und sagt: "Fürchte dich nicht!  Ich habe dich erlöst.  Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.  Du gehörst zu mir" (Jesaja 43,1).
Das ist die neue Lebenswirklichkeit dessen, der sich von Gottes Liebe erreichen und umgeben läßt.  Und zu dieser neuen Lebenswirklichkeit gehört auch ein neues Verhaltensmodell.  Es ergibt sich geradezu zwangsläufig aus ihr.
Eines der wichtigsten Argumente für das alte Modell von Mißtrauen und Feindschaft ist: "Alle machen es so!" Oder: "Jeder ist sich selbst der Nächste!" Genau das stimmt nicht mehr, seit Jesus gelebt hat.  Er hat es nicht so gemacht wie alle.  Er war uns der Nächste, indem er sein Leben verschenkte.  Und Gott hat diesen Weg bejaht und sich zu ihm
bekannt (vgl.  Philipper 2,5-11).  Das Schema, nach dem man angeblich in dieser Welt zu leben hat, ist zerbrochen.  Weil Jesus der Liebe treu blieb, ist Liebe möglich.  Er lebte das Modell, das uns zu neuem, verändertem Verhalten befähigt (vgl.  Römer 12,1f).

Die großen und kleinen Veränderungen

Welche Folgen hat ein Leben ohne Angst oder - vielleicht etwas realistischer gesagt - ein Leben, dessen Ängste in
Gottes Liebe aufgenommen sind?
Und wie sieht Liebe zwischen Menschen praktisch aus, wenn sie mehr sein soll als nur ein Wort oder ein unbestimmtes Gefühl?
Paulus nennt als ersten Schritt der Liebe immer wieder die Bereitschaft, einander anzunehmen.  Wer weiß, daß er selbst von Gott angenommen ist - mit allen Schwächen und Fehlern, mit allen Ecken und Kanten, allen Begabungen und Besonderheiten - wer das erfährt, der kann auch einen anderen akzeptieren und gelten lassen.  Sein Anderssein bedroht mich nicht mehr.  Ich muß ihn nicht mehr mir angleichen, um stärker zu sein.  Gott hat mich angenommen; meine Identität ist in ihm gewiß.  Und ich weiß auch:  Gott hat den anderen Menschen angenommen, so wie er oder sie ist.
Das bedeutet nicht, daß ich den anderen sich selbst überlasse.  Erst auf der Basis einer grundsätzlichen Anerkennung des Gegenüber ist ein Ringen um die richtige Lebensauffassung möglich.  Gerade im Schutz der Liebe kann man nach der Wahrheit fragen, kann sie ertragen und bewältigen, weil die letzte Wahrheit Gottes Ja zu uns ist.
Ein nächster Schritt der Liebe ist, Verletzungen, die uns andere zufügen, und Aggressionen, die in uns gegen sie aufsteigen, zu verarbeiten.
Es gibt Menschen, die uns quälen.  Vielleicht tun sie es nicht absichtlich, merken es nicht einmal.  Ihre Art, wie sie
mit uns sprechen, die Vorwürfe, die sie laut oder leise anklingen lassen, die Unterstellungen, die sie andeuten, oder die Ansprüche, die sie geltend machen, sind wie Nadelstiche, die uns immer wieder unvermutet und schmerzhaft treffen.  Die Wunden, die sie verursachen, tun weh und, ohne daß wir es hindern können, steigt in uns die Wut über so viel vermeintliche Bosheit auf.  Andere überfordern uns.  Wir können ihre Erwartungen nicht erfüllen oder mit ihrem Leistungsniveau nicht Schritt halten und fürchten ihre Enttäuschung oder ihren Spott.
Es wäre zwecklos, alle diese Gefühle zu unterdrücken.  Verleugnete oder verdrängte Aggressionen verschwinden nicht einfach; sie wirken im Unterbewußtsein weiter und vollbringen ihr zersetzendes Werk im Verborgenen.
Die Liebe geht anders damit um.  Sie ringt vor Gott um den andern und mit all den Gefühlen, die er verursacht.  Wunden, die heilen sollen, dürfen nicht luftdicht abgeschlossen werden.  Das gilt auch für seelische Verwundungen.  Sie heilen in der Luft des ehrlichen Gebets, das nichts beschönigt, aber Gott an die Fakten und Gefühle unseres Lebens heranläßt.  Aus diesem Ringen mit Gott erwächst auch das echte Vergeben.  Wirkliches Vergeben ist harte Arbeit.  Denn die Schuld, die zwischen uns steht, ist ja eine Realität.  Sie läßt sich nicht ungeschehen machen.  Sie muß verarbeitet werden, indem ich den anderen durch die Schuld hindurch zu mir hole.
Liebe aber kann noch mehr.  Sie kann sogar um Verzeihung bitten.  Das ist unendlich viel schwerer, als Verzeihung zu gewähren.  Denn wenn ich vergeben soll, bin ich ja noch in der Position des Stärkeren, des Edelmütigen und Großzügigen.  Ich kann meinen verletzten Stolz hinter der Pose des Gönners verstecken.  Wenn ich aber um Verzeihung bitte, bin ich ganz klein und schwach, verletzlich und gefährdet.  Wen Gottes Liebe schätzend umhüllt, der kann sich diese Blöße geben.  Mit ihm bittet ja Christus: Vergebt einander, wie ich vergeben habe.

Helfen und sich helfen lassen

Natürlich geht es bei der Liebe nicht nur um innerliche Vorgänge.  Sie wirkt sich auch in ganz konkreten Taten aus: in einem Handgriff, mit dem wir zupacken und einem Behinderten helfen, im stillen Zuhören bei einem Krankenbesuch, in den paar Stunden, in denen wir einer überlasteten jungen Mutter die Kinder abnehmen, in der Hausaufgabenbetreuung für Ausländerkinder, in einer warmen Mahlzeit für einen Nichtseßhaften oder darin, daß wir einem Sterbenden die Hand halten.
Es gibt in dieser Hinsicht Naturtalente, Menschen, die einfach sehen, wo es fehlt, und ohne viel Überlegen zupacken.  Andere haben trotz guten Willens Probleme: sie haben Hemmungen, wollen dem Hilfsbedürftigen nicht zu nahe treten, fühlen sich ungeschickt oder haben einfach die Augen nicht genügend offen.  Aber ich denke, auch in Sachen tätiger Nächstenliebe gibt es Anlernlinge und Auszubildende in der Liebe Christi.  Nicht jeder ist ein geborener Rot-Kreuzler; mancher kann kein Blut sehen und ist darum zur Ersten Hilfe ungeeignet.  Aber im Dienst der Liebe gibt es kein "untauglich".  Die viel umrätselte Wendung des Liebesgebots "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", erweist sich hier gerade als die entscheidende Lernhilfe.  Was ich selber brauche und was ich von jemand erwarten würde, der meine eigene Befähigung hat, das ist mir meist durchaus klar.  Warum setze ich diese Erkenntnisse nicht häufiger in die Tat um, wenn es um andere geht?
Bisher habe ich ganz bewußt von der Hilfe im Kleinen gesprochen.  Ich bin überzeugt, daß unser Leben viel liebens- und lebenswerter wäre, wenn wir in diesem Bereich mehr füreinander tun würden, statt alles vom Staat oder von der Gesellschaft oder von der Kirche oder anderen Institutionen zu erwarten.  Aber damit ist nicht geleugnet, daß Liebe auch institutionelle und politische Gestalt gewinnen muß.
Unsere Umwelt wird nicht nur durch das verantwortungsbewußte Verhalten des einzelnen zu retten sein.  Wir brauchen vernünftige Gesetze, die das Tun und Lassen aller regeln.  Das Unrecht und das Elend in manchen Entwicklungsländern wird nicht allein dadurch gelindert oder beendigt, daß ich persönlich mich im Dritte-Welt-Laden versorge.  Hier müssen politische Lösungen angestrebt werden.  Aber sie werden nur erreicht und mit Leben erfüllt werden können, wenn mehr Menschen auch für sich persönlich das Verhaltensmodell der Liebe bejahen und nicht nur der private, sondern auch der gesellschaftliche und staatliche Egoismus überwunden wird.
Bei all dem dürfen wir eine andere Seite nicht vergessen.  Liebe hat nicht nur mit Helfen zu tun, als sei sie bloß Sache der Aktivisten, der Geber und der Macher.  Liebe befähigt auch dazu, sich helfen zu lassen.
Wieviel Gutes kann nicht getan werden, weil Menschen nicht zugeben können: Ich brauche Hilfe und will sie gerne annehmen.  Wenn wir ehrlich sind, können wir bei uns selber merken, wie schwer uns das fällt.  Unser Stolz wird dadurch gekränkt, und wir haben Angst, das Gesicht zu verlieren.  So wichtig es für die Entwicklung eines Kindes ist, daß es sagt: "Das kann ich selber", so verhängnisvoll ist, wenn man dadurch verlernt zu sagen: "Das kann ich nicht, hilf du mir dabei."
Wer den Wert seines Lebens nicht nur am Selbermachen mißt, sondern ihn aus der Liebe Gottes schöpft, wer sein Gesicht durch den Blick auf Jesus wahrt, der kann auch Schwächen zugeben und sich am Können anderer freuen und es hineinnehmen in das eigene Leben.
Ein Letztes: Liebe bewirkt Vertrauen.  Mißtrauen wurzelt in der Angst, enttäuscht zu werden, oder in Angst, etwas zu verlieren.  Diese Angst wird genährt durch schlechte Erfahrungen, an denen es ja nie fehlt.  Die Liebe kämpft gegen das Mißtrauen.  Sie macht nicht blind, wie der Volksmund behauptet.  Das gilt vielleicht für bestimmte Formen des Verliebtseins, nicht aber für wirkliche Liebe, die den anderen sieht, wie er ist, und dennoch nicht aufhört, für ihn zu hoffen.
Solches Vertrauen kann auch der Beziehung zwischen den Geschlechtern die Dimension wirklicher Liebe geben.  Man wird es zwar kaum für möglich halten, aber es ist leider wahr: Gerade im Zeitalter einer fast zum Leistungssport entarteten Sexualität gibt es immer häufiger Frauen und Männer, die Schwierigkeiten haben, sich ihrem Partner wirklich anzuvertrauen und hinzugeben.  Die unbewußte Angst, mißbraucht oder verschlungen zu werden, richtet unsichtbare Barrieren auf, die bis hinein in die körperliche Vereinigung störend wirken, vor allem aber eine ganzheitliche Erfahrung des Zusammengehörens und Einsseins verhindern.
Es könnte eines der schönsten Geschenke unserer Begegnung mit Gottes Liebe sein, daß wir uns als Frau oder als Mann annehmen können, weil wir gerade so von Gott gewollt und geliebt sind.  So können wir auch unsere sexuellen Empfindungen als Gottes Gabe empfangen und dem Partner weiterschenken - oder auch versuchen, sie zu bewahren, wenn wir nicht in eine verbindliche Lebensgemeinschaft geführt werden, in der die Kraft und die Verwundbarkeit unserer Sexualität eingebettet und gehalten sind.  Vielleicht rnüssen dort, wo unsere Geschlechtlichkeit so in Gottes Willen geborgen ist, auch Alleinstehende nicht mehr als gefährliche Störenfriede oder potentielle Verführer angstvoll ausgegrenzt werden, sondern können in die Gemeinschaft der Verheirateten und Familien integriert werden.

Leben behalten oder Leben verlieren

All das soll kein Leistungskatalog sein für Christen oder solche, die es werden wollen.  Es beschreibt ein Leben, das aus einer Mitte heraus gestaltet ist, die nicht mehr von der Angst bestimmt ist.
Dabei gilt es, ganz nüchtern zu bleiben: Obwohl das alles so klingt, als müsse es den Beifall jedes Gutwilligen finden, empfindet die Gesellschaft Menschen, die so zu leben versuchen, als Störenfriede.  Denn sie sind anders und stellen das Leben der anderen in Frage.  Darauf wird - wie wir sahen - in der Regel mit Angst und Aggression reagiert.  Den Weg der Liebe Christi zu gehen, führt nicht geradeaus zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes oder gar des Friedensnobelpreises.  Er kann uns auch Spott, Widerstand und Feindschaft eintragen.
Um dem standzuhalten, müssen wir uns noch einmal der Grundsatzfrage stellen. "Leben behalten oder Leben verlieren?" - das scheint die Alternative zu sein, vor die uns unsere Angst stellt.  Daraus folgt der Rat, festzuhalten, was man hat, sich unter allen Umständen zu wehren und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. "Leben behalten oder Leben verlieren?" - ist damit nicht unser ganzer Lebenskampf auf eine Formel gebracht?
Jesus nimmt diese Frage auf und beantwortet sie in einem Satz, der in den Evangelien häufig - wenn auch in etwas unterschiedlichem Wortlaut - zitiert wird, auf eigentürnlich paradoxe Weise: "Wer sein Leben behalten will, wird es verlieren.  Wer aber sein Leben hingibt, der wird es erhalten!" (vgl.  Lukas 17, 33; Matthäus 10, 39; 16, 25; Markus 8, 35; Johannes 12, 25).
Ich muß gestehen, ich war sehr überrascht, als ich vor einigen Jahren in einem Vortrag eines österreichischen Psychiaters, Leiter einer großen Nervenklinik, dieses Wort Jesu zitiert fand mit dem Kommentar: Das ist der Weg und das Ziel jeder psychischen Heilung.  Ich war überrascht, weil ich von psychologischer oder psychiatrischer Seite eher Angriffe auf eine solche Aussage erwartet hätte.  Könnte man Jesu Wort nicht als Aufforderung zur seelischen Selbstverstümmelung oder psychischem Selbstmord denunzieren und dagegen das große Ziel der Selbstverwirklichung stellen?  Aber hier blickte einer tiefer und hatte gelernt: Nicht der findet sich selbst, der sich pausenlos um sich selbst dreht, sondern der, der sich loslassen, von sich wegsehen und sich dem andern zuwenden kann.  Und nicht der behält sein Leben, der es mit allen Mitteln für sich konserviert; sondern der, der es in Liebe verschenkt, erhält es neu und lebenskräftig wieder.
Jesus hat einmal von seinem eigenen Weg gesagt, was im Grunde für jedes Leben gilt: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn.  Wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht" (Johannes 12,24).
Das Geheimnis eines fruchtbaren Lebens ist, daß es sich wie ein Korn aussäen läßt.  Ohne das Wagnis des Opfers findet unser Leben keinen Sinn.
Nicht davon, daß wir unser Leben verschleudern oder vergeuden sollen, ist also die Rede!  Wohl aber davon, daß wir es gezielt für andere einsetzen, auch auf das Risiko des Widerstands, der Schmerzen und des Verlustes hin.  Aber weil wir wissen: Unser Leben ist in Gott geborgen, es fällt in seine Hand, wenn es durch den Wurf der Liebe ausgestreut wird, darum ist das eben kein tödliches Risiko, sondern ein Einsatz für das Leben.
"Sein Leben hingeben, um es zu behalten" - das gilt auch für den Christen.  Und vielleicht funktioniert das alles, was mit Liebe und Verstehen, Friede und Gerechtigkeit zu tun hat, auch unter uns Christen oft so schlecht, weil wir unser Christsein als eine Lebensversicherung höherer Art ansehen und nicht als das Wagnis des Glaubens, der Jesus auf dem Weg des Kreuzes nachfolgt.
Es gilt übrigens auch für Kirchen; und alle Erfolgsrezepte, die letztlich auf die Effektivität von kirchlichem Egoismus setzen, führen uns an Jesus vorbei.  Daß es - trotz aller Hindernisse und Langsamfahrstrecken - in diesem Jahrhundert Schritte zur ökumenischen Verständigung gegeben hat und Kirche Ort der Versöhnung sein konnte, ist für mich deshalb ein Wunder von Gott und ein Zeichen dafür, daß die christliche Kirche noch nicht ganz von ihrem Herrn und Meister abgefallen sein kann.
Vielleicht sind wir darum als Christen doch ein wenig glaubwürdig geblieben, wenn wir dazu ermutigen, aus dem Teufelskreis des Egoismus auszusteigen und sich durch Christus in den von pulsierendem Leben erfüllten Kreislauf der Liebe einfügen zu lassen.
Das darf jeder glauben und sein Leben darauf gründen: Gott kann man sein Leben anvertrauen.  In seiner Hand sind wir geborgen.  Darum ist Liebe möglich.
Dr. Walter Klaiber
mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch "Das kannst Du glauben",
Rechte bei Edition Anker, Christliches Verlagshaus, Stuttgart


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