Zwischenzeit (1.Korinther 7,29-32)
Gottesdienst am 21.10.2012

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
die Kirchenglocken läuten im Ort, in 10 Minuten beginnt der Gottesdienst. Aus allen Häusern strömen Menschen auf die Straßen, Autos suchen hektisch nach Parkplätzen. Manche parken in der 2.Reihe, um ja noch rechtzeitig in der Kirche anzukommen. Um kurz vor 10 Uhr ist der Ort wie ausgestorben. Diebesbanden hätten jetzt freies Spiel. Keiner ist mehr unterwegs, und auch der Bäcker hat schon wieder geschlossen, auch er ist in der Kirche.

Dieselbe Szene: die Kirchenglocken läuten im Ort, in 10 Minuten beginnt der Gottesdienst. Erkennbar kommt daraufhin niemand aus dem Haus und geht in Richtung Kirche. Stattdessen läuft ein Strom zum Bäcker. Dort bilden sich Schlangen bis auf die Straße. Einige ältere Frauen sieht man an der Kirchentür stehen. Warten sie, dass noch mehr kommen? Wenn jemand nicht vertraut wäre mit deutschen Kirchenglocken, würde er denken, die Glocken würden Menschen beim Frühstück mit volkstümlichen Klängen erfreuen.

Nehmen wir dieses Bild vom Sonntagmorgen als Ausdruck für Gottes Gegenwart und Kommen in unsere Welt, stellt sich die Frage, wie wir uns verhalten würden, wenn die Glocken Jesu Wiederkommen in diese Welt ankündigen würden. Ließen wir alles stehen und liegen, um zu ihm zu eilen? Oder würden wir unseren Alltag einfach fortsetzen und gar nicht darauf achten? Vielleicht in dem Bewusstsein, dass wir noch das ganze Leben Zeit hätten, Jesus entgegen zu gehen?

Der Apostel Paulus schrieb der Gemeinde in Korinth: Die Glocken läuten, Jesus kommt wieder. Die Zeit ist kurz. Verhaltet euch entsprechend!

1 Korinther 7,29-32
Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid. 

Am Ende dieses Abschnitts bringt Paulus zum Ausdruck, dass ihm die Korinther am Herzen liegen. Sie sollen sich nicht sorgen, sondern innerlich und äußerlich frei sein, Jesus zu empfangen. Offensichtlich beobachtete er, dass die Leute in der Gemeinde sehr stark mit sich selbst beschäftigt waren. Ehethemen belasteten sie. Wahrscheinlich gab es auch damals Krisen im Miteinander und jede Menge Beziehungsstress. Trauernde waren in Trostlosigkeit gefangen. Statt den Blick vom Grab der Auferstehung entgegen zu heben, versanken sie ohne Hoffnung. Extrem anders verhielten sich ein paar Enthusiasten. Sie wollten vor dem Weltende nochmal alles mitnehmen und am besten grenzenlos. Auch ein paar Reiche hatte Paulus wohl vor Augen. Sie saßen vielleicht bei den Zusammenkünften zusammen, um über die besten Geldanlagen zu beraten. Und sicher würden uns noch ein paar Personengruppen einfallen, die sehr mit dem Hier und Jetzt beschäftigt sind und den Blick nach vorn und oben verloren haben. Zusammen fasst Paulus es mit dem letzten Halbsatz. Wer in der Welt aufgeht, verliert den Horizont darüber hinaus. Wer nur zum Bäcker geht, wird zwar satt, aber das Brot des Lebens findet er dort nicht.

Paulus erinnert daran, dass die Zukunft auf uns zukommt und das Kommen Jesu nicht mehr lange dauert. Wir können dem entsprechend unser Leben gestalten. Sich unnötig fest an die Alltagsthemen zu klammern, hindert am Aufbruch dem Herrn entgegen.

Für die erste Christen-Generation war klar, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Doch die Zeitspanne dehnt sich bis heute. Man richtete sich auf ein langes Warten ein, bis man ganz vergaß, worauf man eigentlich wartete. Ähnlich wie unsere Adventszeit, die ursprünglich Bußzeit war, um für das Kommen des Herrn ein reines Herz zu haben. Heute ist Advent Kuschelzeit, in der man es sich mit Kerze und Glühwein gemütlich  macht, viel Süßes isst und auf stimmungsvollen Märkten die Abende zubringt. Wer weiß schon noch, dass er oder sie auf Jesus wartet? Die Kirchenglocken läuten unaufhörlich, und keiner hört hin. 

Paulus erinnert daran, dass die Zeitansage besteht. Die Zeit des Wartens ist kurz, das Wesen dieser Welt wird vergehen.
Jesu Wiederkommen ist aber nicht nur Zukunftsmusik. Er kommt schon heute, zeigt sich in vielen Situationen unseres Alltags, bricht herein wie ein Sonnenstrahl auf dem Himmel oder wie ein Werbegeschenk, das für den Himmel wirbt. Er kommt in unser ganz normales Leben hinein, um es heute schon zu verändern. Er gibt uns die Kraft, uns vom alltäglichen Kreisen um uns selbst zu lösen, um für ihn da zu sein.

Im Bild der Kirchenglocken gesprochen: Er wartet nicht in der Kirche auf uns, sondern geht schon 10 vor 10 von Haustür zu Haustür, klopft, bittet um Eintritt und lädt ein, mit ihm zu kommen. Er redet mit uns über die Themen, die uns angehen. Vielleicht sind sie gar nicht so anders als in Korinth.

Da sind unsere Beziehungen. Natürlich wird Jesus uns Verheirateten und Liierten nicht empfehlen, nur so zu tun, als ob wir zusammen gehörten. So etwa wie wenn wir ein gemeinsames Türschild hätten, aber in der Wohnung getrennte Haushaltsführung praktizierten. Wir dürfen uns jeden Tag am anderen oder der anderen freuen und Gott danken, dass wir nicht allein durch das Leben gehen müssen. Doch der Partner, die Partnerin ist nicht Gott und auch kein Gottesersatz. Sie ist nicht Lebensziel und alleiniger Lebensinhalt. Das würde die Beziehung völlig überstrapazieren, wer könnte diesem Anspruch gerecht werden.  Die Beziehung ist eine wunderbare Chance, um miteinander Jesus zu folgen, seinen Willen zu erkunden und mit und für ihn etwas zu bewegen. Da sind es nicht mehr zwei Menschen, die nur Augen füreinander haben und ausschließlich mit sich selbst beschäftigt sind, sondern sie sind ein Team, das gemeinsam Jesus entgegen lebt.

Auch Trauernde sollen ihre Trauer nicht einfach übergehen oder unterdrücken. Wer könnte das auch, wenn ihm das Liebste genommen wird. Trauer dürfen wir zulassen. Doch es kommt ein Punkt, bei dem einen nach Wochen, bei der anderen nach Monaten, dass wir uns auf den Weg machen und langsam wieder aufbrechen. Sehr anschaulich wird das in der Jesus-Begegnung nach Jesu Kreuzigung erzählt, als zwei seiner Jünger nach Emmaus aufbrechen, blind vor Trauer, aber auf dem Weg in die Zukunft. Zu diesen Jüngern gesellt sich Jesus und führt sie behutsam zurück ins Leben und in die Hoffnung, weil sie den Auferstandenen erkennen.  Wer sich auf den Weg locken lässt, dem wird Jesus nahe sein und seinen Blick auf den Horizont der Ewigkeit lenken, wo alle Tränen getrocknet sein werden. Wir als Gemeinde haben genau hier unsere Emmaus-Aufgabe. Wir können Menschen begleiten, dass sie auf ihrem Weg nicht in der Trauer steckenbleiben, sondern Jesu Gegenwart erfahren, der sie in die Zukunft mitnimmt.

Den Lebenslustigen will Paulus ihre Freude nicht ausreden. Christen sind frohe Menschen, weil Jesus ihre Freude ist. Aber diese Freude äußert sich in tiefer Zufriedenheit. Christen sind satt vor Freude. Sie brauchen nicht alle möglichen Events und Waren um glücklich zu sein. Sie definieren sich nicht über das, was sie haben, sondern über das, was Jesus über sie sagt: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Lukas 10,20)

Auch die Reichen müssen nicht alles verkaufen und den Armen geben. In den ersten Gemeinden gab es Reiche, und auch in der Jesus-Bewegung wird es Reiche gegeben haben, die für die Jünger sorgten. Aber Paulus erinnert daran, dass Reichtum nur Mittel zum Zweck ist. Wohlstand hilft, unabhängig für das Reich Gottes zu sein, andere zu unterstützen und viel Gutes tun zu können. Wer reich ist, muss mit seinem Geld treuhänderisch umgehen und dafür sorgen, dass es im Reich Gottes Frucht trägt, nicht unbedingt in den Sparbüchern.

Vieles kann mich abhalten, um 10 vor 10 mein Haus zu verlassen und Jesus entgegen zu gehen. Im Vaterunser beten wir „Dein Reich komme“. Wir bitten unseren himmlischen Vater darum, frei zu werden von uns selbst, von unseren Sorgen und Ängsten und den Heiligen Geist zu empfangen, der uns jetzt schon Jesus nahe bringt. Das Reich-Gottes-Gebet vertreibt unsere Ich-Gebete und macht Gott in Jesus Christus groß.

Sein Reich kommt in seinem Wort und seinen Sakramenten. Wenn wir heute Abendmahl feiern, so erfahren wir, dass Jesus uns wie mit Kirchenglocken an seinen Tisch lockt, dass unser Alltag klein wird und er groß. Dass wir nicht an unseren Sorgen angekettet sind, sondern frei sind, Jesus beide Hände entgegenzustrecken.

Es ist Aufbruchstimmung um 10 vor 10. Womit bringen wir die nächsten 10 Minuten zu? Mit Hausarbeit und Bäcker-Besuch? Das Abendmahl ist Wegzehrung für unterwegs, unser Herr holt uns ab und geht mit – es werden wunderbare 10 Minuten mit ihm!

Cornelia Trick


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