Zur Herberge "Gottestreu"
Gottesdienst am 09.12.2001

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
unvergessen wird für mich eine Herberge sein, von der Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben und die sie auch nie aufsuchen werden. Die Lagazuoi- Hütte Lagazuoi-Hütteist nicht berühmt, obwohl mächtige Berge hinter ihr stehen. Und wir wären sicher nie auf die Idee gekommen, dort einzukehren, hätte das Wetter uns nicht dazu gezwungen. Den ganzen Tag schon waren wir auf den Beinen, sind den sogenannten Friedensweg der Dolomiten entlang gewandert, haben Gipfel und Geröllfelder hinter uns gelassen und waren fast am Ende unseres Tagessolls angekommen. Ein kleiner Bach trennte uns noch vom Hüttenanstieg und der nächsten Tagesroute. Doch kurz bevor wir den Bach erreichten, brach ein mächtiges Gewitter über uns herein. In Minuten schwoll der harmlose Bach zu einem breiten Strom an und an ein Hinüberkommen war nicht zu denken. Also war Krisenmanagement gefragt. In einigen Stunden Entfernung entdeckten wir auf der vom Wasser triefenden Karte eine Hütte, die diesseits des Baches lag. Es war Abend, wir waren Schlag kaputt, doch es half nichts, als die Rucksäcke zu satteln und die nächste Schutzhütte anzupeilen. Die drei Stunden zogen sich wie Kaugummi. Die Nässe war das eine Problem, die Kälte das andere. Hunger hatten wir auch. Aber der größte Feind war die Dunkelheit. Unsere Taschenlampen reichten nicht von einem Steinmännchen zum anderen. In völliger Dunkelheit erreichten wir schließlich wie begossene Pudel die Hütte. Sie quoll über vor Menschen, die wie wir Schutz vor dem Regen gesucht hatten. Doch die Spaghetti waren noch nicht ausgegangen und ich weiß nicht, ob sie je wieder so gut schmeckten wie damals.

Die Lagazuoi- Hütte ist für mich Urtyp einer Herberge geworden. Hier fand ich herzliche Aufnahme. Hier wurde ich die nassen Klamotten los. Hier durfte ich neue Kräfte für den nächsten Tag sammeln und mir Tipps holen, wie ich meine Wanderroute fortsetzen konnte.

Advent hat etwas mit einer Herberge zu tun. Wir sind auf unseren Wegen. Nicht immer stehen wir vor reißenden Bächen im Regen. Doch manches Hindernis blockiert uns, lässt uns müde werden, lässt uns Kraft verlieren. Und da wird uns eine Zeit im Jahr angeboten, in der wir einkehren können, in der wir eine Herberge finden. Heute am 2. Advent sind wir eingeladen, auf Gottes Wort zu hören, das uns Herberge sein will.

Paulus schrieb der Gemeinde in Thessalonich einen Brief. Er ermutigte die Gemeinde, im Glauben fest zu bleiben, das Angefangene weiter auszubauen und auch im Alltag ihr Christsein zu leben. Doch Paulus wies vor allem immer wieder darauf hin, dass Gott in Jesus Christus die Herberge ist, die Kraft für das Leben als Christ gibt. So schließt er auch seinen Brief mit einem Gebet, in dem das zum Ausdruck kommt:

1. Thessalonicher 5,23-24

Gott selbst aber, der uns seinen Frieden schenkt, vollende euch als sein heiliges Volk und bewahre euch im Innersten unversehrt, fehlerlos an Seele und Leib, für den Tag, an dem Jesus Christus, unser Herr, kommt. Gott ist treu, der euch berufen hat; er wird euch auch vollenden. 

Die Herberge von der Paulus schreibt, hat den Namen "Gott ist treu" und da in der Kürze die Würze liegt, heißt sie einfach "Gottestreu", nicht zufällig auch der Name unseres Gemeindezentrums in Neuenhain. Doch wie bei jeder Herberge, reicht der Name nicht, damit jemand vorbeikommt. Unterstützende Maßnahmen sind nötig. So wird gleich am Eingang der Service der Herberge genannt, eben was das Haus alles zu bieten hat. Allerdings steht nicht Hallenbad, Whirlpool oder Billard auf der Werbetafel, sondern drei Angebote: 

  • Du wirst beschenkt.
  • Du wirst befähigt.
  • Du wirst bewahrt.
Nicht schlecht, wenn man bedenkt, in welchem Zustand man die Herberge oft erreicht. Da wird man offensichtlich für seine Mühen entschädigt. Zumal Preise nicht erwähnt sind. Also würde ich vorschlagen, diese Herberge mal zu betreten. Allerdings merke ich gleich, dass es mit dem bloßen Betreten nicht getan ist. Ich werde gebeten, meine Wanderklamotten abzugeben. Sie sollen in der Zwischenzeit gereinigt werden. Ein sehr lukratives Angebot, aber damit ist der schnelle Fluchtweg auch abgeschnitten. Man erklärt mir, dass ich auch als Zaungast in die Herberge kommen kann. Aber ich hätte nichts davon. Geschenk, Befähigung und Bewahrung gäbe es nur für die, die wirklich wollten, nicht für die Zuschauer. Na, ich will es mir nicht entgehen lassen und gebe meine Klamotten ab.

Du wirst beschenkt

Das Geschenk, das in dieser Herberge Gottestreu übergeben wird, ist Gottes Friede mit uns Menschen. "Friede sei mit dir", das ruft uns Gott zu und bietet es uns an. Zwar wird Jesus Christus nicht ausdrücklich erwähnt, doch ist klar, dass es um ihn hier geht. Er ist der Friede, den Gott uns geschenkt hat. Mit ihm zu leben, heißt, mit Gott Frieden zu haben. Mit ihm zu leben, heißt, dass uns nichts und niemand von Gottes Liebe trennen kann - kein reißender Gebirgsstrom und kein Hindernis am Montag am Arbeitsplatz. Wenn zwischen Gott und uns alles geheilt ist und wir Gott vertrauen können, dann ist auch in unserem Alltag die Möglichkeit zum Frieden geschaffen.

Wie viel Unfriede entsteht aus der Angst, den Anforderungen nicht zu genügen. Da kämpft man ums Überleben, versucht, Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, zweifelt an sich selbst. Gott schließt Frieden, er sagt Ja, unsere Angst muss uns nicht mehr zum Krieg führen.

Wie viel Unfriede entsteht durch Schuld. Statt Schuld beim Namen zu nennen, verdrängen wir sie, nehmen sie mit in unsere Träume und unser Unterbewusstes und halten sie anderen unter die Nase. Gott vergibt. Jesus hat diese Schuld auf sich genommen. Sie ist an seinem Kreuz besiegt worden. Unsere Schuld muss uns nicht mehr nachhängen.

Wie viel Unfriede entsteht durch Selbstverteidigung. Da will ich meine Schwachstellen verbergen und baue hohe Zäune um mich. Ich zeige mit den Fingern auf andere, um von mir selbst abzulenken.

Gott kennt unsere Schwachstellen. Er will uns helfen, an ihnen zu arbeiten. Sie sollen nicht länger zu unserem Untergang führen. Dieses Geschenk, dass Jesus Christus für unser Leben ist, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Jesus befreit uns vor Heuchelei, Rollenzwang und Selbsttäuschung. Er lädt uns ein, in der Herberge ehrlich zu sein, unsere Verkleidungen abzulegen, einen Blick in den Spiegel unseres wahren Selbst zu riskieren. Denn da werden wir nicht nur uns sehen, sondern ihn an unserer Seite, der uns festhält und ermutigt. 

Der Friede Gottes wird uns geschenkt, aber er ist auch immer wieder bedroht. Streit, innerer Aufruhr, Gleichgültigkeit rücken Jesus Christus aus dem Zentrum. Der Alltag ruft so laut, dass wir die Herberge schon bald verlassen und atemlos den Tagesgeschäften nachjagen. Viel zu früh haben wir uns den Mantel wieder übergezogen und sind aus Gottes Einflussbereich fortgelaufen. Wie gut, wenn da andere sind, die uns zurückrufen. Manchmal schaffen wir das nicht allein, die Herberge aufzusuchen, dort aufzutanken, uns beschenken zu lassen. Dann brauchen wir ein oder zwei gute Freunde, die uns mitnehmen, die bei uns bleiben, die uns gut zureden. Dann brauchen wir ihre Erfahrung, dass der Friede zwischen Gott und uns wirklich einen Unterschied macht und die Dinge wieder zurecht rückt und ins Lot bringt.

Wir werden befähigt

Nachdem wir das Geschenk bekommen haben, in Jesu Gemeinschaft Gott kennen lernen dürfen und uns bei ihm geborgen wissen, gibt es eine neue Erfahrung in der Herberge: Wir werden befähigt.

Das hört sich jetzt fast so an wie ein Mitarbeiterseminar. Befähigung, mit anderen über Gott zu reden, Befähigung, als Christ im Beruf zu leben, Befähigung, mit schwierigen Eltern oder Kindern auszukommen ... Doch was hier eigentlich gemeint ist: Wir werden befähigt, als Gottes Kinder in seinem Auftrag unterwegs zu sein.

Denn Gott möchte nicht nur die Verhältnisse mit uns klären und uns Frieden stiften. Er möchte uns auch dazu bringen, mit ihm zusammen zu arbeiten, zu seinem Wirken unseren Beitrag zu leisten. Und so wie er ganz und gar heilig ist, das heißt, die Quelle des Heils und der Heilung ist, so möchte er, dass wir Heil und Heilung in diese Welt tragen. Es geht dabei nicht zuerst um einzelne Aufgaben, also Mitarbeiterseminare zu verschiedenen Schwerpunktthemen. Es geht um unser ganzes Leben. Bleiben wir Friedens- Konsumenten oder lassen wir uns zur Mitarbeit gewinnen? 

Vertrauen wir unserem Herrn, dass er alles tun wird, um uns den passenden Arbeitsplatz einzurichten und uns dafür auszubilden? Vertrauen wir ihm auch soweit, dass er uns für die Aufgabe seine Kraft geben wird? Paulus spricht in seinem Gebet davon, dass wir vollendet werden als Gottes heiliges Volk. Offensichtlich ist das Friedensgeschenk erst der Anfang. Aus dem Geschenk wächst die Befähigung, sein Heil weiterzutragen. Wie das geschieht, ist umfassend ausgedrückt mit den Stichworten Dankbarkeit und Liebe. Vielleicht finden wir für uns viel leichter den Zugang zu unseren von Gott geschenkten Fähigkeiten, wenn wir nicht auf die Aktionen starren, die wir gerne anzetteln würden, sondern zuerst danken, dass Gott etwas mit uns anfangen kann. Und daraus entwickelt sich die Sehnsucht nach einer Aufgabe, die Sehnsucht, Liebe zu leben - nicht nur zu Weihnachten, das brennende Herz für die Sache, die der Herr für uns ausgesucht hat. Denn er hat sie für jeden und jede von uns ausgesucht.

Gerade an dieser Stelle decken sich Theorie und Praxis oft nicht. Da hat man eher den Eindruck, in der Herberge hängt eine Pinnwand mit der Überschrift: "Wir suchen... Mitarbeiter in der Kinderarbeit, Mitarbeiter in der ... Arbeit, Kuchenbäcker und Geschirrspüler, Gartenarbeiterinnen und Leute für den nächsten Straßeneinsatz." Und wer an diesem Pinn- Brett vorbei kommt, dem schlägt schon das schlechte Gewissen, sich schon wieder nicht in die Listen A bis Z eingetragen zu haben. Sollte das die geschenkte Befähigung sein?

Nein, sie ist es nicht, denn bei Gott ist das eigentlich genau umgekehrt. Nicht wir stopfen mehr oder minder erfolgreich die Lücken, sondern er baut Gemeinde mit unseren Gaben und Fähigkeiten. Ich höre aus dem Gebet des Paulus eine andere Reihenfolge: "Jesus Christus ist unser Friede - er zieht uns hinein in seinen Frieden, er hat einen Plan für die Gemeinde, er sorgt für die Verwirklichung seines Plans, indem er die entsprechenden Leute befähigt und beruft."

Lassen wir es zu, dass er uns neu befähigt? Lassen wir uns von ihm den Platz zuweisen? Helfen wir einander, auf seine Platzanweisung zu achten? Richten wir unsere Gemeindearbeit nach seinem Willen und Plan?

Wir werden bewahrt

Das ganze ist keine Spielerei. Wir sind auf unserem Weg und gehen dem wiederkommenden Christus entgegen. Er verheißt uns ein herrliches Hochzeitsfest. Das Ziel ist klar und durchaus erstrebenswert.

Auf dem Weg allerdings lauern Gefahren. Unsere Selbstgenügsamkeit, manchmal auch Faulheit, unser Neid auf andere, die es scheinbar besser haben, unsere Überforderung, auch manche Anfeindung machen uns das Leben schwer. Manche Gefahren lassen uns reifen, geben Tiefgang, wenn wir bei der Bewältigung Gottes Hilfe erleben. Manche Gefahren können unseren Glauben ankratzen. Wir brauchen Bewahrung, tatkräftige Hilfe unseres Herrn, um auf dem Weg zur Hochzeit zu bleiben. Es nutzt nichts, sich in der Herberge Frieden schenken zu lassen und sich befähigen zu lassen, wenn alles gleich beim ersten Kilometer auf dem Wanderweg verpufft ist.

Deshalb bietet uns der Herr Bewahrung an. Sie kann praktisch so aussehen. Wie wir in der Herberge nicht die einzigen Gäste sind, sondern in eine Gemeinschaft von Wanderern aufgenommen sind, so werden wir auch nicht allein wieder auf den Weg geschickt. Da stellt uns Jesus andere zur Seite, die für uns beten, die für uns danken, die ein offenes Ohr und Herz für uns haben. Bewahrung geschieht auch in vielen Momenten unseres Alltags, in denen wir spüren, da hatte er seine Hand im Spiel. Das hätte auch ganz schief gehen können. Da hat er sich uns gezeigt.

Und die Bewahrung geschieht nicht zuletzt durch die ruhigen Minuten am Tag. Wenn wir uns die Zeit nehmen, in der Bibel zu lesen, ein Lied vor uns hinsummen, ein Gebet im Auto oder am Herd sprechen, dann möchte er uns neu ausstatten mit Kraft, Phantasie und Liebe. Dann möchte er uns zusprechen, dass nichts uns von ihm trennen kann und er wirklich auf unserer Seite steht. Dann möchte er wieder und wieder die Steine aus dem Weg räumen, die uns am Fortkommen hindern. Ohne seine Bewahrung können wir nicht leben. Wir bleiben auf ihn angewiesen.

Gott ist treu

Die Herberge "Gottestreu" ist ein Ort der Vergewisserung. Hier werden wir beschenkt, befähigt und bewahrt. Auch diese Gemeinde, die ihrem Gemeindezentrum den Namen "Gottestreu" gegeben hat, lebt von der Treue Gottes und bezeugt sie. Zu dieser Herberge können wir immer Zuflucht nehmen. Hier erwartet uns keine Kletterwand, die wir aus eigener Kraft und ungesichert mühsam erklimmen müssen. Hier erwartet uns Jesus Christus. Er sichert uns von oben und gibt uns Zug, wenn wir nicht weiterkommen. Er lässt uns hier Spaß haben an der Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Sein Friede regiert. Über seine Befähigung können wir nur staunen und für seine vielfältigen Bewahrungen danken.

Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin.
Du hast gesagt, dass jeder kommen darf.
Ich muss dir nicht erst beweisen,
dass ich besser werden kann.
Was mich besser macht vor dir,
das hast du längst am Kreuz getan.
Und weil du mein Zögern siehst,
streckst du mir deine Hände hin,
und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.

Jesus, bei dir darf ich mich geben, wie ich bin.
Ich muss nicht mehr als ehrlich sein vor dir.
Ich muss nichts vor dir verbergen,
der mich schon so lange kennt.
Du siehst, was mich zu dir zieht,
und auch, was mich von dir noch trennt.
Und so leg ich Licht und Schatten
meines Lebens vor dich hin,
denn bei dir darf ich mich geben, wie ich bin.

Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin.
Nimm fort, was mich und andere zerstört.
Einen Menschen willst du aus mir machen,
wie er dir gefällt, der ein Brief von deiner Hand ist,
voller Liebe für die Welt.
Du hast schon seit langer Zeit
für mich das Beste nur im Sinn.
Darum muss ich nicht so bleiben, wie ich bin. (Manfred Siebald)

Cornelia Trick


Home


Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
Internet-Adresse: http://www.predigt-online.de/prewo/prewo_zur_herberge_gottestreu.htm