Wer ist Jesus für mich?
Gottesdienst am 16.04.2000

Jesus zieht in Jerusalem ein (Matthäus 21,1-11)

1 Kurz vor Jerusalem kamen sie zu der Ortschaft Betfage am Ölberg. Dort schickte Jesus zwei Jünger fort
2 mit dem Auftrag: "Geht in das Dorf da drüben! Gleich am Ortseingang findet ihr eine Eselin und ihr Junges angebunden. Bindet beide los und bringt sie zu mir!
3 Und wenn jemand etwas sagt, dann antwortet: 'Der Herr braucht sie.' Dann wird man sie euch sofort geben."
4 Damit sollte in Erfüllung gehen, was der Prophet angekündigt hatte:
5 "Sagt der Zionsstadt: Dein König kommt jetzt zu dir! Er verzichtet auf Gewalt. Er reitet auf einem Esel und auf einem Eselsfohlen, dem Jungen eines Lasttiers."
6 Die beiden Jünger gingen hin und taten, was Jesus ihnen befohlen hatte.
7 Sie brachten die Eselin und ihr Junges und legten ihre Kleider darüber, und Jesus setzte sich darauf.
8 Viele Menschen aus der Menge breiteten ihre Kleider als Teppich auf die Straße, andere rissen Zweige von den Bäumen und legten sie auf den Weg.
9 Die Menschenmenge, die Jesus vorauslief und ihm folgte, rief immer wieder: "Gepriesen sei der Sohn Davids! Heil dem, der im Auftrag des Herrn kommt! Gepriesen sei Gott in der Höhe!"
10 Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet alles in große Aufregung. "Wer ist dieser Mann?" fragten die Leute in der Stadt.
11 Die Menge, die Jesus begleitete, rief: "Das ist der Prophet Jesus aus Nazaret in Galiläa"!

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, Matthäus 21,1-9
Samstagabend in der Guiness-Show. Ein Star oder ein Sternchen tritt auf und singt ein Lied mit dem bezeichnenden Text: My heart goes bum bum. Einige Leute sind schon während der Ansage kaum zu halten. Und als die Sängerin auftritt, werden diese Fans immer wieder ins Bild gebracht. Sie klatschen, schwenken Transparente und sind völlig aus dem Häuschen.
So ähnlich ging es zu, als Jesus nach Jerusalem einzog. Die Menge war aufgeregt, erschüttert - das griechische Wort hat den selben Wortstamm wie das Wort: Erdbeben. Fans säumten die Straßen, jubelten Jesus zu, taten alles, um ihn willkommen zu heißen.
Aufregung - Erschütterung um Jesus. Heute erscheint uns das unvorstellbar. Wenn Bill Clinton in Frankfurt ist oder wenn Madonna ein Konzert gibt, das ist aufregend, das gibt Schlagzeilen in der Presse, das bringt Leute auf die Straße. "Pro Christ" war zwar auch eine Pressemeldung wert, aber Stadtgespräch war es nicht. 
Ja, wie geht es uns, wenn wir diese Erzählung vom Einzug Jesu auf uns wirken lassen? Erschüttert sie uns? Lassen wir uns ein, auf den, der kommt? Wer ist das überhaupt, auf den wir uns einlassen?

Wer ist Jesus?

Die Erzählung des Matthäus gibt zwei Antworten, die gleichzeitig Fragen sind:
  • Der König, der den Weg ans Kreuz geht: Von allen Evangelisten nimmt Matthäus am deutlichsten Bezug auf die alttestamentliche Verheißung des Profeten Sacharja, die wir vorhin in Sacharja 9,9-12 lesen: Jesus ist der versprochene König; jetzt bricht das Friedensreich an. Doch dieser König ist anders als die mächtigen Herren: Es nimmt fast kroteske Züge an, dass ein König auf einem Esel reitet, auf dem Tier der einfachen Leute. Der, der im Namen Gottes Frieden schafft, tut es eben nicht mit Gewalt; er wird arm, er geht den Weg in die Tiefe und kommt den einfachen Leuten nahe. Luther nennt Jesus den Bettlerkönig, als solcher geht er den Weg in Jerusalem bis ans Kreuz.
  • Der Helfer, der sich selbst nicht hilft: "Hossianna" - rufen die Leute. Das heißt: Hilf, o Helfer! In diesem Gebetsruf steckt der Name "Jeshua" - Jesus drin!  Voller Erwartung schreien die Leute ihr "Hossianna, gepriesen sei der Sohn Davids" - und sie legen ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit in diesen Ruf mit hinein. Ob mit Jesus endlich Befreiung kommt? Befreiung von der römischen Fremdherrschaft; Befreiung von der Schuldversklavung; Befreiung aus der Not...?Wenige Tage später hängt der Helfer am Kreuz: "Anderen hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen..."
Wer ist Jesus? Sein Einzug wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Dennoch lassen sich die Leute anstecken von der Bewegung, ja, von der Erschütterung, die spürbar ist. Man redet von Jesus; man erwartet etwas von ihm... Und als sich die Erwartungen nicht erfüllen, da schlägt Begeisterung in Haß um. Wer von den Massen hat es wirklich erfahren, dass Jesus Friedenskönig und Helfer ist? 
Die Zuschauerposition allein genügte dafür nicht. Für viele, die mit einstimmten in das Hossianna, blieb dieses Erlebnis eine wundersame Episode. Ihr Leben wurde nicht wirklich verändert. Anders war es für die Frauen, die auch unter dem Kreuz aushielten und die an Ostern dem Auferstandenen begegneten: Sie merkten: Jesus bringt Heil, auch wenn es weiterhin Krieg und Unterdrückung gibt. Sie wurden selbst angesteckt, sich auf Leute einzulassen, die eigentlich Fremde für sie waren – später, in der Gemeinde in Jerusalem. Sie fanden Mut, es weiterzusagen: Jesus ist der versprochene Retter.
Anders war es für die Jünger, die verstört davon liefen, als Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Jesus begegnete auch ihnen nach Ostern. Sie merkten: Jesus schreibt uns nicht ab. Sie erfuhren die Kraft der Vergebung. Sie gewannen Mut, den lebendigen Christus zu bezeugen, trotz massivem Gegenwind. 

Wer ist Jesus für mich? Für dich?

Wenn wir uns mit theoretischen Antworten begnügen, geben wir uns mit zu wenig zufrieden. Jesu Kraft erfahren wir, wenn wir uns auf ihn einlassen – und das heißt, dass wir uns ihm zumuten mit allem, was wir mitbringen: Bei Jesus What would Jesus do?müssen wir das Unvollkommene nicht verstecken; auch unsere Fragen haben Raum. Ja, damit es uns leichter wird, uns auf ihn einzulassen, kommt Jesus uns entgegen: Er läßt sich auf uns ein. "Jesus erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an; er wurde Mensch wie wir..." So lesen wir es in Philipper 2,5-11. Jesus ist eben nicht wie die Stars, die von Leibwächtern vor ihren Fans abgeschirmt werden und irgendwelche Hintereingänge benutzen, um ungestört sein zu können. Jesus speist uns nicht ab mit einem huldvollen Winken. Jesus teilt unser Leben – ganz und gar. Er ist wirklich Bettlerkönig, um den Ärmsten nicht fremd zu bleiben; er ist Helfer, der vor keiner Not die Augen verschließt. Der bittere Weg ans Kreuz ist der Weg der liebevollen Solidarität mit uns Menschen und mit dieser Welt. 
Wer ist Jesus für mich? Wenn wir das, was Jesus für uns tat, wirklich an uns heranlassen, dann dreht sich diese Frage um: Bin ich bereit, Jesus Mitte meines Lebens sein zu lassen? Dann bin ich nicht distanzierter Zuschauer und ich bin nicht nur Fan. Dann lasse ich mich von Jesus prägen. Dann frage ich nach seinem Willen für mein Leben. Martin Niemöller, der frühere Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), der im dritten Reich der bekennenden Kirche angehörte, hat das mit der einfachen Frage ausgedrückt: "Was würde Jesus dazu sagen?" Heute zeigen viele junge Leute durch ein Armband mit den Buchstaben: WWJD, dass sie diese Frage zu der Leitfrage für ihre Entscheidungen machen: What would Jesus do? Sicherlich liegt die Antwort auf diese Frage nicht immer auf der Hand, doch die Orientierung am Bettlerkönig und Helfer, der den Weg ans Kreuz ging, gibt schon eine Richtung vor: Es geht nicht allein um persönlichen Erfolg; es geht darum, dass Frieden und Gerechtigkeit sich ausbreiten auf dieser Welt.  Wenn ich mir von Jesus helfen lasse, dann werde ich frei, um für ihn und meine Mitmenschen da zu sein – und das Wunderbare ist: Ich werde nicht arm dabei. Das ist das Geheimnis der Nachfolge. Ich erfahre es, wenn ich nicht nur aus der Ferne zuschaue und immer mit den Massen juble, sondern mich auf Jesus einlasse. Ich wünsche es uns, dass wir auf diese Weise die Karwoche und die Osterzeit neu erleben.
Rosemarie Wenner, Nußloch


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