Wer ist Jesus? (Johannes 9,35-41)
Gottesdienst am 22.09.2013 in Friedrichsdorf

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
nach dem Gottesdienst kam ein Mann auf mich zu. Er mahnte an, dass die Schrift auf dem Gottesdienstprogramm viel zu klein sei, niemand könnte sie lesen. Nach einigem Hin und Her und der Befragung von Umstehenden stellte sich heraus, dass er an diesem Sonntag seine alte Brille mithatte, weil die Neue unauffindbar war. Er konnte die Schrift nicht lesen, weil seine Sehstärke nicht stimmte.

Wie oft geht es mir wie diesem Mann. Ich denke, dass meine Sicht die einzig Richtige ist und alle anderen wohl falsch liegen. Ich habe eine falsche Brille auf und sehe alles nur verzerrt, kein Wunder, dass ich mich an Manchem stoße.

Von einer solchen verzerrten Sicht handelt eine Jesus-Begegnung, die uns im Johannes-Evangelium überliefert ist. Jesus floh mit seinen Jüngern buchstäblich aus dem Tempel. Eine heftige Auseinandersetzung mit seinen Gegnern ging voraus, die schon nach Steinen gegriffen hatten, um Jesus zu töten. Auf dem Tempelvorplatz hielt Jesus inne. Dort lagerten wie gewöhnlich Bettler, um von den Pilgern Almosen zu erbitten. Jesu Blick ruhte nur auf einem, der in dreifacher Hinsicht ein hoffnungsloser Fall war. Er war arm, blind und blindgeboren, für seine Umgebung ein Signal, dass große Sünde auf der Familie liegen musste. Es wird nicht berichtet, dass Jesus mit diesem Mann sprach, nur was er über ihn sagte: „An ihm soll die Macht Gottes offenbar werden“. Er schmierte ihm einen Brei aus Erde und Speichel auf die Augen. Dies ist kein magischer Ritus, sondern knüpft an die Schöpfungsgeschichte an. Jesus erschafft Neues, indem er aus Erde dem Menschen eine neue Sicht schenkt. Danach fordert er ihn auf, quer durch die Stadt zum Teich Siloah zu gehen, um diesen Brei abzuwaschen. Es sind Schritte des Vertrauens, die dieser Mann nun gehen wird. Sein Beitrag zur Heilung ist, dem Wort Jesu zu trauen schon bevor das Ergebnis sichtbar ist.

Der Mann geht, wäscht seine Augen und wird sehend. Das wirft die Frage auf: „Wer ist dieser Jesus?“

Nachbarn, Pharisäer und Eltern sind irritiert. Die Nachbarn wollen nicht glauben, dass der Geheilte der ist, der seit Geburt nicht sehen konnte. Sie erwarten keine Heilungen. Die Pharisäer sprechen Jesus ab, dass er im Auftrag Gottes handelt. Denn Jesus bricht mit der Heilung die Sabbatruhe. Die Eltern halten sich merkwürdig heraus. Sie beziehen keine Stellung. Waren sie jahrelang geächtet durch die Krankheit des Sohnes, wollen sie sich jetzt nicht absichtlich ins Abseits begeben. Also warten sie ab, was die Mehrheit über Jesus denkt.
Nur der sehend Gewordene bekennt: Jesus ist ein Prophet, er kommt von Gott. 

Johannes 9,35-38

Als Jesus hörte, dass sie ihn aus der Synagogengemeinde ausgeschlossen hatten, suchte er ihn auf und fragte ihn: »Willst du ganz zum Menschensohn gehören?« Der Mann antwortete: »Herr, wenn du mir sagst, wer es ist, will ich es tun.« Jesus sagte: »Er steht vor dir und spricht mit dir.« »Herr, ich will dir allein gehören!«, sagte der Mann und warf sich vor Jesus nieder.

Die Antworten auf die Frage „Wer ist Jesus?“ sind bei gleicher Begebenheit höchst unterschiedlich: „Von Jesus erwarte ich nichts.“ „Er kann nicht von Gott sein, denn er widerspricht meinen Vorstellungen.“ „Ich richte mich nach den andern.“ „Ich will zu Jesus gehören.“

Wer ist Jesus? Ein Wunderheiler, Neuschöpfer, einer, der nicht für alle derselbe ist, einer, der in eine Lebensgemeinschaft ruft?

Wer ist Jesus für mich?

Die Begebenheit aus dem Leben Jesu ist nicht nur ein geschichtlicher Bericht, sondern ist vom Evangelisten als Lebenshilfe überliefert. Jesus ruft bei unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Reaktionen hervor. Wir alle können uns in den verschiedenen Antworten wiedererkennen. Eingeladen werden wir, uns zu dem Sehend-Gewordenen zu stellen. Gehen wir den Weg mit dem Mann nochmal zurück, finden wir uns mit ihm auf dem Tempelvorplatz wieder.

Was lässt mich arm und bedürftig sein? Welche Sehnsucht habe ich im Herzen – nach heilen Beziehungen, Friede, dem richtigen Platz im Leben? Wo brauche ich Jesu Neuschöpfung? Habe ich Jesu Zuwendung erfahren und sollte nun mutig losgehen?

Oder finde ich mich bei den Nachbarn wieder – ohne Erwartungen? Es kann ja sein, dass ich christliches Leben beobachte, als würde es sich hinter einer Schaufensterscheibe abspielen. Interessant, aber nicht wirklich existentiell. Manche erwachsenen Kinder betrachten ihre Eltern so, als ob deren Glaube nichts mit ihnen zu tun hätte. Haben sie keine Sehnsucht im Herzen, keine Bedürfnisse, die ihre Mitmenschen nicht stillen können? Vielleicht finden wir uns auch bei den Pharisäern ein. Wir stolpern darüber, wenn jemand anders glaubt als wir, andere Schwerpunkte setzt und sich über Regeln hinweg setzt. Wir empfinden unseren Glauben als Pflichtenkatalog, der uns sagt, was wir zu tun haben. Dass unser Glaube die Freude verloren hat, merken wir viel später als unsere Mitmenschen. Auch die Eltern könnten uns nicht fremd sein. Wer will schon die Hand heben, wenn es sonst niemand tut? Wer will sich schon zu Jesus Christus bekennen, wenn alle anderen das mega uncool finden? Leider hat ein Glaube, der sich auf Mehrheiten stützt, keine Widerstandskraft. Der kleinste Gegenwind haut ihn um. Lebenshilfe ist er nicht.

Wer ist Jesus für mich? Das Johannesevangelium wirbt darum, sich wie der Blindgeborene von Jesus berühren und heilen zu lassen. Dadurch nur werden wir stark, wenn unsere Umwelt gegen uns ist und uns den Glauben ausreden will. Das gibt uns die neue Sicht auf unser Leben und den Sinn unseres Lebens. Wir gehören nicht mehr uns allein, sondern zu Jesus.

Wer ist Jesus für die Welt?

Johannes 9,39-41

Jesus sagte: »Ich bin in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Darin vollzieht sich das Gericht.« Einige Pharisäer, die in der Nähe standen, hörten das und sagten: »Soll das etwa heißen, dass wir auch blind sind?« Jesus antwortete: »Wenn ihr blind wärt, würde euch keine Schuld angerechnet. Weil ihr aber sagt: 'Wir können sehen', bleibt eure Schuld bestehen.«

Jesus will nicht nur diesen einen Mann, sondern die Welt sehend machen. Er will die sehend machen, die ihren eigenen Weg und den Weg dieser Welt nicht sehen können, die nicht auf ihre eigene Stärke vertrauen, sondern wissen, dass sie auf Gottes Gnade angewiesen sind. Das Gericht Jesu vollzieht sich nicht erst am Jüngsten Tag, sondern heute und hier. Wer meint, Jesus nicht zu brauchen, weil er selbst weiß, wo es lang geht, hat verloren. Er bekommt keine Sehhilfe von Gott, bleibt mit seiner verzerrten oder blinden Sicht sich selbst überlassen. Wer dagegen um seine eigene Begrenztheit weiß, lässt sich von Jesus die Brille geben, erfährt Heilung und bekommt Gottes Sicht.

Heute - 22.9.2013 - ist Wahltag in Hessen und in ganz Deutschland. Wie können wir Jesu Bedeutung für die Welt mit der Politik verbinden? Vielleicht so: Nicht die, die meinen, zu wissen, wie die Welt funktioniert, sollten Verantwortung tragen. Stattdessen brauchen wir Politiker, die um ihre eigene Schwachheit wissen, ihr Angewiesensein auf Gott. Das qualifiziert zum Regieren. Unser Gebet ist es, dass Menschen quer durch alle politischen Parteien gewählt werden, die um ihre Blindheit und Sehschwäche wissen. Denn sie werden sensibel sein für die Not der Menschen, die an den Bettelplätzen dieses Landes und Europas sitzen und Hilfe brauchen.

Jesus für die Welt

  • Öffnet die Herzen und Augen für Frieden und Gerechtigkeit.
  • Lässt die in ihrer Blindheit, die sich selbst überschätzen und meinen, ohne ihn den Weg zu wissen.
  • Beruft uns Christen, Salz und Licht in dieser Welt zu sein – auch im politischen Tagesgeschehen.
Cornelia Trick


Home


Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
Internet-Adresse: http://www.predigt-online.de/prewo/prewo_wer_ist_jesus.htm