Verantwortlich für das Gute
Gottesdienst am 06.02.2011

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
fassungslos kippt die Frau vor mir den Inhalt ihrer Handtasche auf den Verkaufstresen. Sie kann es offensichtlich nicht fassen. Gerade noch hatte sie in einem anderen Laden ihr Portemonnaie in der Hand gehabt, jetzt ist es verschwunden. Und – wie sie feststellt, nicht nur das Portemonnaie, auch ihre Brieftasche mit diversen Karten. Die Handtasche war offen – hatte sie sie offen gelassen und so ihre Geldbörse verloren? War jemand an ihrer Tasche dran und hat den Reißverschluss geöffnet? Ich weiß nicht, wie die Geschichte weiterging. Vielleicht, ja, hoffentlich hatte die Frau alles im letzten Laden liegen gelassen und dort wieder gefunden. Aber vielleicht sind ihr ihre Wertgegenstände auch tatsächlich geklaut worden. Vielleicht hat sie sich später am Familientisch mit ihren Lieben heftig darüber aufgeregt, warum es immer wieder Böses gibt, das in unser Leben einbricht, es durcheinander bringt und uns so ohnmächtig zurück lässt.

Eine solche Erfahrung hatte Jesus wohl auch im Hinterkopf, als er den Menschen von Gott erzählte. Er nutzte dafür ihren Lebenshintergrund, griff Alltagssituationen auf, um ihnen deutlich zu machen, wie Gott und seine Menschen zueinander gehörten.

Manche der Zuhörer haben vielleicht gefragt: „Lohnt es sich überhaupt, mit Gott eine intensive Beziehung zu leben?“ Jesus erzählte ihnen das Gleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle, für die ein Händler seinen gesamten Besitz verkaufte. So kostbar, fasst Jesus zusammen, ist die Beziehung zu Gott, dass man alles dafür hingibt, weil es nichts Wichtigeres gibt. Mag sein, dass jemand fragte: „Warum glauben dann nicht alle an Gott und leben entsprechend?“ Und Jesus zeigte auf ein Getreidefeld und erklärte ihm, dass Gott jedem und jeder die Chance gibt, aber die Bemühungen Gottes nicht immer auf fruchtbaren Boden fallen. Wie die Getreidekörner nicht alle aufgehen, weil sie auf den Weg, unter Dornen oder auf felsigen Boden fallen, so findet auch Gottes Werben nicht immer Antwort. Eine weitere Gruppe wandte sich an Jesus und fragte: „Warum schafft Gott sich nicht eine reine, sündlose Gemeinde?“ Und Jesus antwortete ihnen:

Matthäus 13,24-30

Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune. 

Jesus erklärt das Gleichnis später seinen Jüngern. Er ist der Sämann, der den guten Weizen aufs Feld streut. Das Feld ist die Welt. Nachts kommt der Feind und sabotiert die Aussaat. KornfeldEr wirft den Samen des Taumel-Lolchs dazwischen, dessen Pflanze zunächst dem Weizen täuschend ähnlich sieht. An diesen Taumel-Lolch hängen sich gerne Pilze, die Gift absondern. So kann der Feind die ganze Ernte verderben. Statt Mehl hält der Bauer am Schluss nur Gift in den Händen. Die Angestellten des Bauern wollen den Taumel-Lolch sofort ausjäten. So war es bei den Bauern üblich – mehrmals gingen sie durch die Aussaat, um den Taumel-Lolch auszurotten. Doch der Bauer gibt eine überraschende Antwort. Weizen und Taumel-Lolch sollen miteinander groß werden. Der Bauer sorgt sich um den Weizen, der aus Versehen mit ausgerissen werden könnte. Lieber will er kurz vor der Ernte die Erntehelfer durch das Weizenfeld schicken, um die Taumel-Lolche einzusammeln, zu bündeln und als Brennmaterial zu verwenden. 

Was sät Jesus eigentlich aus? Es geht ihm in diesem Gleichnis ja nicht um eine Anleitung für ökologischen Landbau. Es geht ihm vielmehr um das Verhältnis von Gott und Mensch, die Antwort auf die Frage nach einer reinen, sündlosen Gemeinde. 

Jesus sät die Liebe Gottes in die Herzen der Menschen aus. Diese Liebe wächst und bewirkt Selbstannahme und vorbehaltlose Liebe zum Anderen. Diese Liebe zeigt sich auf vielfältige Weise und ist Zeichen für die Reife des Erntefeldes. Aber es gibt offenbar noch eine andere Macht, die nicht Liebe in unsere Herzen sät, sondern im Gegenteil dafür sorgt, dass die Liebe Gottes abstirbt. Statt Selbstannahme zweifeln wir an uns, fühlen uns minderwertig und ungeliebt. Statt andere zu lieben, wachsen feindliche Gefühle, werden wir misstrauisch und neidisch. 

Jesus erzählt das Gleichnis und beschreibt damit unsere Lebenswirklichkeit. Es kommt Böses vor, in unserem Herzen, in unserer Gemeinde und in unserer Welt. Das Recht, dieses Böse herauszureißen, hat nur Gott, und er wartet ab. Wir sind nur für das Wachsen unseres Weizens verantwortlich. Gesunde und starke Früchte sind entscheidend, nicht ob wir den Taumel-Lolch immer wieder aus unserem Herzen herausgerissen haben.

Das Bild vom Weizenfeld ist in einer Hinsicht unzulänglich. Weizen und Taumel-Lolch sind klar zu unterscheiden und können ihre Identität nicht ändern. Weizen bleibt Weizen und Lolch bleibt Lolch. Mit Gut und Böse verhält es sich anders. Wer Böse ist, muss nicht böse bleiben. Wer jetzt gut ist, wird noch lange nicht am Ende die guten Früchte hervorbringen. Das Gleichnis gibt nur die Momentaufnahme wieder: Jesus gibt es Gutes und Böses. 

Jesus streut Weizen auf das Feld – in unser Herz

Jesus sät die Liebe Gottes aus. Das äußert sich darin, dass jemand sich im tiefsten Inneren geliebt weiß und das Bedürfnis in sich spürt, von dieser Liebe anderen weiterzugeben. Die Saat der Liebe Gottes in einem Menschen entwickelt sich. Mit Freude sucht er oder sie die Gemeinschaft mit Gott in ganz persönlicher Weise, er oder sie betet, sucht Orientierung in der Bibel, weiß sich in einer Gemeinde zu Hause. Mit Freude setzt er sich für Menschen ein, die mehr von dieser Liebe brauchen. Er wird bereit zur Versöhnung bei Menschen, die ihn verletzt haben, und erkennt seine eigenen Anteile an Streit und Trennungen. Er ist gehalten von Gott, hat wenig Angst um sich selbst und um seine Lebensumstände, hält in dunklen Zeiten an der Hoffnung fest, die Jesus ihm zusagt, und wendet sich an Jesus in Kummer und Schmerz.

Doch in das Weizenfeld eines solchen Menschen werden auch die Samen des Bösen gesät, und niemand von uns ist davon verschont. Zweifel tauchen auf. Wo wir gestern noch voller Vertrauen auf Gottes Liebe waren, schleichen sich heute Sätze ein wie „ob Gott sich wirklich um mich kümmert?“ „Ob Gott persönlich mich meint?“ „Ob er nicht doch andere lieber hat als mich“? Auch andere Störungen kommen ins Weizenfeld. Ich sorge für mich selbst, stärke mein Ich auf Kosten anderer. Rede schlecht über sie, um mich besser zu machen. Oder ich öffne mich für schädliche Einflüsse wie der Taumel-Lolch für Pilze, die ihn giftig werden lassen. Was auch immer das für jeden und jede von uns bedeutet. Ob es Gewaltvideos sind, ob es der Alkolhol ist, der mir zunehmend mehr bedeutet, als ich mir eingestehen will, ob es die Arbeit ist, der ich mein Leben opfere und die mich ruiniert, ob es scheinbare Freunde sind, die mich mit Gewalt von dem wegziehen wollen, der ihnen allein richtig Konkurrenz machen kann. Es gibt ein sehr anschauliches Bild für den Taumel-Lolch, das Böse, das in unser Leben gestreut wird: Es ist wie ein Reiter, der sich auf das Pferd setzt und das Tier zwingt, sich seinem Willen unterzuordnen. Das Böse in unserem Herzen benimmt sich wie ein Reiter, wir werden vom Bösen geritten, ohne uns wirklich wehren zu können.

Natürlich liegt es nahe, den Reiter einfach abzuwerfen, den Taumel-Lolch möglichst frühzeitig auszureißen, das Böse aus unserem Herzen zu werfen. Aber Jesus sagt uns mit seinem Gleichnis sehr deutlich, dass es sofort wiederkommt. Der Reiter wird bei nächster Gelegenheit wieder aufsteigen, er wird durchs Abwerfen nicht sterben. Solange wir uns auf den Reiter konzentrieren, gibt es keine Rettung. Denn das Gute wird dabei verkümmern.

Wir müssen es hinnehmen, dass das Böse mit dem Guten in unserem Herzen wächst. Doch wir können uns auf das Gute, auf den Weizen, konzentrieren. Je stärker der Weizen wächst, je weniger Luft bekommt der Taumel-Lolch. Die Liebe Gottes wird nie zu 100% in unserem Herzen aufgehen. Restzweifel, Unsicherheit, Angst, Unversöhnlichkeit, Trotz und Kleinglaube wird immer in einem Eckchen unseres Herzens schlafen und bei Gelegenheit aufwachen und Ärger machen. Aber wir können die Liebe stärker werden lassen, dass die Schlafphasen des Bösen länger werden. Wir können uns der Liebe Gottes täglich aussetzen durch eine Zeit, die nur ihm gehört, dass wir widerstandsfähig werden und klar in unserer Lebensorientierung. Das sieht für jeden und jede anders aus. Mag sein, dass jemand eine halbe Stunde Musik macht und dabei Gottes Düngung seines Weizenfeldes erlebt. Eine andere trifft sich zum Gebet, ein anderer liest Glaubensberichte, wieder jemand anders studiert biblische Texte. Wir sind unterschiedliche Böden für Gottes Weizen und er sät keinen Einheitsweizen, der genetisch gleichgeschaltet wurde. Deshalb ist es Aufgabe jedes einzelnen, seinen persönlichen Wachstumsfaktor zu entdecken und zu praktizieren.

Jesus streut Weizen auf das Feld – in unsere Gemeinde

In unserer Gemeinde gibt es nicht die Guten und die Bösen. Es ist auch nicht so, dass der Teufel neue böse Leute brächte, die die Gemeinde zerstören. Nein, wir alle sind von Jesus berufen, gute Früchte zu bringen. Doch wir können auch, und da ist niemand ausgenommen, Reittiere für das Böse werden. Wie sich das Böse in der Gemeinde zeigt, wissen Sie wahrscheinlich nur zu gut. Es beginnt meistens mit Trennung. Man hat etwas miteinander erlebt, das einen trennt vom anderen. Man fühlt sich missverstanden, verletzt, vielleicht sogar bedroht. Man geht sich aus dem Weg, weil Verständigung nicht möglich ist, jeder beharrt auf seinem Standpunkt, möglichst biblisch begründet. Man entfremdet sich, und Phantasien wachsen. Was einmal Ursache der Trennung war, gerät in Vergessenheit. Die alten Geschichten fangen an zu schimmeln. Man kann die verschimmelten Geschichten nicht identifizieren, aber der Schimmel macht krank. Und als Kranke haben wir keine Kraft mehr für den Auftrag Jesu, uns um die Menschen zu kümmern, die er mit seinem Licht und seiner Liebe erreichen will. 

Das Böse in der Gemeinde, das sich unserer bemächtigt und uns zu Statisten werden lässt, können wir nicht rausschmeißen. Es würde durch die Hintertür wieder zurückkommen. Das Böse werden wir aber überwinden (wie es unsere Jahreslosung für 2011 Römer 12,21 sagt), indem wir Jesus in unsere Mitte holen durch Gebet, durch Umkehr, durch Versöhnung, auch wenn wir uns im Recht fühlen, durch Liebe zum anderen. Das Gute in der Gemeinde wächst, wenn wir uns miteinander wieder neu unserem Auftrag zuwenden, wie Jesus ihn uns gegeben hat: Gott zu lieben, den Nächsten wie uns selbst zu lieben, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen und Jüngerschaft zu praktizieren.

Jesus streut Weizen auf das Feld – in unsere Welt

Jesus ist verschwenderisch mit seinen Samen. Er streut das Gute in diese Welt. Statt des Guten fällt uns viel eher das Böse auf, die Terrorakte rund um den Globus, die Gewaltdelikte, die Unversöhnlichkeit zwischen Nationen, Verfolgung von Christen und Hungerkatastrophen, die politische Hintergründe haben. Doch es ist nicht an uns, uns zum Richter über unsere Welt aufzuschwingen. Es ist Gottes Sache, den Taumel-Lolch zu bündeln und ins Feuer zu werfen. Unsere Konzentration gilt dem Guten, das wir unterstützen und fördern können. Schauen wir auf das Böse, werden wir gelähmt, schauen wir auf das Gute, auf Gottes Kraft, die am Ende siegen wird, rückt auch das Böse in die richtige Perspektive, nämlich in den Hintergrund. 

Im Endgericht Gottes wird die ganze Welt vor ihm stehen, und Gott wird entscheiden, ob unser Leben Frucht gebracht hat oder vom giftigen Schimmelpilz befallen ist. Was, so könnten wir uns fragen, haben wir Christen denn den anderen voraus?

Zwei Aspekte zeigt uns der Evangelist Matthäus. Als Jesus zur Menge geredet hatte, nahm er die Jünger mit sich und ging heim (Matthäus 13,36). Dort erklärte er ihnen das Gleichnis. So geht Jesus mit uns heute heim, um uns zu zeigen, wie das Gute in unserem Leben wachsen kann, wie seine Liebe in uns wurzeln will und uns verändern wird. Jesus bleibt unser Begleiter bis an der Welt Ende, wie Jesus es zum Abschied seinen Jüngern mitgibt, und bis dahin ist er mit uns, um uns den rechten Weg zu weisen.

Gegen den bösen Feind sind wir machtlos. Mit ihm fertig zu werden, ist Gottes Sache. Für den Weizen dagegen sind wir verantwortlich. Gott freut sich über eine reiche Ernte.

Cornelia Trick


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