Plötzlich unterbrochen (2.Mose 3,1-10)
Gottesdienst am 5.2.2017 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und  Brüder,
für die Jungschar probierten wir aus, wie wir am besten ein Büchlein mit den 10 Geboten basteln konnten. Bald wurde uns klar, allein Papier reichte nicht, das Büchlein war nicht stabil genug, es würde bald wellig werden oder reißen. So mussten wir die Außenseiten des Büchleins mit Pappe verstärken, und schon war das Heft kompakt und haltbar.

Nicht nur Bastelarbeiten in der Jungschar brauchen Verstärkung. Unser Alltag fordert uns Manches ab führt dazu, dass wir spätestens am Freitagabend schlapp in den Seilen hängen. Wenn noch ein Thema dazukommt, dem wir nicht gewachsen sind, führt das schnell zum Kollaps. Auch wir brauchen jemand, der uns den Rücken stärkt, uns vor dem Umfallen bewahrt wie eine Pappe um das Büchlein. Gott bietet uns Verstärkung an. Das wird sehr anschaulich an Mose, einem Mann aus alter Zeit.

2.Mose 3,1 - ein Gottesberg

Mose hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Als er die Herde tief in die Wüste hineintrieb, kam er eines Tages an den Gottesberg, den Horeb.

Mose war im selbst gewählten Exil in Midian, mitten in der Wüste. Er hatte in Ägypten miterlebt, wie die Ägypter seine israelitischen Landsleute wie Sklaven behandelten, hatte seinem Zorn nachgegeben und einen Aufseher erschlagen und konnte dadurch doch nichts am Elend des Volkes ändern. Um vor den Konsequenzen seiner Tat zu fliehen, wählte er den Wüstenort. Mittlerweile hatte er sich dort eingerichtet, eine Frau gefunden und war im Geschäft seines Schwiegervaters, eines Schafzüchters, untergekommen. Sein Alltag lief gleichförmig und beschaulich, zumindest wirkt es auf uns so, wenn wir lesen, dass er mit der Herde in der Wüste unterwegs war. 

Aus göttlicher Perspektive nähert sich Mose gerade einem tiefen Einschnitt in seinem Leben. Nicht an irgendeinem Berg hütet er Schafe, sondern an Gottes Berg. Hier wird ihm Gott begegnen und sein Leben auf eine neue Spur bringen. Vorbei ist es mit dem schlappen Schafehüten. Mose wird nicht länger für die Schafe zur Verfügung stehen.

Versetzen wir uns in die Szene. Wir treiben vielleicht keine Schafe in die Wüste, aber bearbeiten unsere Themen an Computern, in Betrieben, auf Baustellen, in Krankenhäusern und an anderen Arbeitsplätzen. Da gibt es Routine, die oft ermüdet, immer gleiche Auseinandersetzungen und Stress, der den Atem raubt. Aber Gott? Gott sieht auf unsere Situation mit einem anderen Blickwinkel. Wo wir Alltagsberge sehen, sieht er vielleicht einen Gottesberg, seinen Einsatzort, an dem er uns unterbrechen und überraschen wird.

2.Mose 3,2-3 - ein Dornbusch

Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer lodernden Flamme, die aus einem Dornbusch schlug. Mose sah nur den brennenden Dornbusch, aber es fiel ihm auf, dass der Busch von der Flamme nicht verzehrt wurde.»Das ist doch seltsam«, dachte er. »Warum verbrennt der Busch nicht? Das muss ich mir aus der Nähe ansehen!«

Mose sieht einen brennenden, nicht verbrennenden Dornbusch. Der macht ihn neugierig und lockt ihn an. Treten wir wieder auf Gottes Seite der Szene, entdecken wir einen Engel Gottes, der in diesem Feuer steht und den Kontakt zwischen Gott und Mose herstellt. Der Dornbusch ist Programm. Seine Stacheln stehen für das Unglück des Volkes Israel in Ägypten, für Unterdrückung, Demütigung, Wunden und Schmerzen. Gott kommt in dieses Elend und teilt die Demütigungen der Menschen. Er brennt für seine Menschen, aber er verbrennt nicht. Wenn er verbrennen würde, könnte er nicht mehr helfen. Er ist ganz dabei.

Dieses Bild lässt sich gut in unseren Alltag übernehmen. Gott ist nicht in einem Engel, sondern in seinem Sohn Jesus ganz in unsere Welt gekommen, mitten hinein in den beschwerlichen Tag, die schwierigen Entscheidungen und dornigen Wegstrecken. Jesus teilt unser Leben, die Höhenwege und die Tiefpunkte. Er ist nicht passiver Betrachter oder Aufpasser. Er ist sogar für uns gestorben, aber nicht im Tod geblieben. Als der Auferstandene hilft er uns, rettet und, stärkt uns und zieht uns aus unseren Dornen heraus.

2.Mose 3,4-5 - Gott redet

Als der HERR sah, dass Mose näher kam, rief er ihn aus dem Busch heraus an: »Mose! Mose!«
»Ja«, antwortete Mose, »ich höre!« »Komm nicht näher!«, sagte der HERR. »Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden.«

Mose hört seinen Namen zweimal. Wir hören diese doppelte Anrede einerseits als besonders eindringlichen Appell Gottes, es ist ihm wirklich wichtig, hier mit Mose zu reden. Andererseits können wir dahinter auch Gottes Seufzen hören: „Ach Mose. Du kapierst es nicht.“ Mose hört jetzt eine merkwürdige Ansage. Er soll bleiben, wo er ist, aber seine Schuhe ausziehen. Zu gerne wäre er wohl näher an dieses Feuer herangegangen, aber Gottes Stimme hält ihn auf Abstand. Er soll mitten im Wüstensand seine Schuhe ausziehen, eine Geste der Demut? Mose merkt, er ist hier nicht der Chef-Hirte, der seinen Tieren sagt, wo es langgeht, sondern er wird selbst zum Schaf. Da ist einer, der ihm sagt, wo es für ihn langgeht. Gott kann helfen, wenn Mose stehenbleibt und hört. Aber Gott bleibt im Abstand, er wird nicht Teil des Problems.

Bei einer Gemeindefreizeit haben wir ein Spiel gespielt, „Gordischer Knoten“ hieß es. Wir hielten uns alle im Kreis an den Händen und mussten nun durcheinanderlaufen, sodass sich unsere Arme wild verknoteten. Zuerst versuchten wir, selbst dieses Gewirr auseinanderzubringen, doch es wurde immer schlimmer. Unsere Arme waren verdreht, die Hände schmerzten, einzelne klagten über Rückenschmerzen. Erst als wir jemand bestimmten, der von außen Ordnung ins Chaos brachte, kamen wir wieder auseinander.

So verstehe ich Gottes Perspektive auf Ägypten. Er wurde nicht zu einem Sklaven, der mit den anderen ausgebeutet worden wäre, sondern konnte Mose ermächtigen, die Sklaven in die Freiheit zu führen.

Diese Distanz macht uns im Leben oft zu schaffen. Jesus sagt zu, alle Tage bei uns zu sein, doch wir suchen ihn auf dem Beifahrersitz vergeblich. Diese Szene in der Wüste hilft zum Verstehen. Jesus ist nicht der Beifahrer, der wie wir sprachlos ist, dass das Auto nicht anspringt, sondern ist längst unter der Motorhaube am Wirken oder stellt ein Warndreieck auf. Er hat den Überblick und begegnet uns von vorn.

2.Mose 3,6-8 - Gott stellt sich vor

Dann sagte er: »Ich bin der Gott, den dein Vater verehrt hat, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.«
Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzusehen. Weiter sagte der HERR: »Ich habe genau gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. Ich habe gehört, wie es um Hilfe schreit gegen seine Antreiber. Ich weiß, wie sehr es leiden muss, und bin herabgekommen, um es von seinen Unterdrückern zu befreien. Ich will es aus Ägypten führen und in ein fruchtbares und großes Land bringen, ein Land, das von Milch und Honig überfließt. Ich bringe es in das Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

Mose hört Gottes Selbstvorstellung. Er ist der Gott seines persönlichen Vaters und der Gott, der über lange Generationen weg das Volk begleitet hatte. Später in diesem Bibelabschnitt wird Gott sich vorstellen als „Ich bin, der ich bin.“ Oder wie wir auch übersetzen können: „Ich bin da und werde da sein.“ Gott, so hört es Mose, sieht, hört, erkennt das Leiden des Volkes. Er steigt herab. Das Volk hatte gar nicht zum ihm gebetet, nur geseufzt und gejammert, aber Gott hat dieses Seufzen als Gebet gehört. 

Wechseln wir zu Gottes Perspektive, so sehen wir Gott, wie er sich berühren und bewegen lässt und buchstäblich herabsteigt. Dies wurde sein Programm und ist in Jesus zur Vollendung gekommen. Jesus, der herabgestiegene Gott.

Dies soll uns Mut machen. Auch unser Seufzen und Jammern sieht, hört und erkennt Gott mit allen Sinnen. Wir müssen ihm nicht vorschreiben, wie er uns helfen soll. Das weiß er besser. Wir können gespannt darauf sein, was er für uns und mit uns tun wird.

2.Mose 3,9-10 - der Auftrag

Ich habe den Hilfeschrei der Leute von Israel gehört, ich habe gesehen, wie grausam die Ägypter sie unterdrücken. Deshalb geh jetzt, ich schicke dich zum Pharao! Du sollst mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten herausführen.«

Mose erhält einen Auftrag und ein Ziel. Im Folgenden wird er so manche Einwände aufführen, die gegen diesen Auftrag sprechen. Er wird Fragen stellen: „Wer bin ich, dass ich …? Wer bist du, dass die Leute mir glauben werden? Ich kann das nicht! Ich kann nicht reden.“

Gottes Perspektive hingegen sieht in Mose den geeigneten Mann, der das Volk in die Freiheit führen kann. Gott ist nicht der große Zaubermeister, der seinen Zauberstab bewegt und alles so macht, wie er es gerne hätte. Er bindet uns Menschen in seine Pläne und Wege ein. Er will, dass auch wir zu Hörenden, Sehenden und Erkennenden werden, die sich der Not anderer annehmen. Gott reagiert auf Moses Einwände. Er sagt ihm zu, dass er ihm an der Seite bleiben wird, ihm Vollmacht schenken wird, das Leitungsteam um Bruder und Schwester verstärken wird. Er geht über die skeptischen Fragen des Mose nicht hinweg, sondern nimmt sie ernst. Er verstärkt Moses Rückgrat, aber lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen.

Wir können hier Gottes Coaching beobachten. Er sieht unsere Situation, er tritt uns in den Weg und gibt uns Weisung, wie wir weitermachen sollen. Auch wir haben Einwände und viele Aber. Er sagt uns zu, dass Jesus mit uns ist und der Heilige Geist uns Kraft und Zuversicht schenken wird. Auch wir haben ein Ziel, ein ewiges in Gottes Reich. Aber auch in unserem Leben auf dieser Erde stellt uns Gott Ziele in Aussicht, Oasen zum Luftholen, eine Gemeinde, in der wir Frieden und Annahme erleben und immer wieder überraschende Fülle, wo wir sie nicht erwarten.

Was will uns diese Gotteserfahrung aus alter Zeit sagen? 

In unserem Alltag begegnet uns Gott in Jesus Christus. Für andere ist das oft unsichtbar. Jesus ist der nahe und doch auch auf Distanz bleibende Begleiter. Er sieht, hört und erkennt unsere Lage und reagiert, steigt herab und hilft. Nicht ohne, sondern mit uns gemeinsam. Er bevollmächtigt uns für Aufgaben, die uns bisweilen zu groß und zu schwer erscheinen. Er lässt uns dabei nicht allein, sondern gibt uns Schwerstern und Brüder zur Seite. 

Wir sind nicht unbedingt Anführer, die Israel aus Ägypten führen. Aber wir sind genauso berufen, Gottes Gegenwart heute und hier zum Ausdruck zu bringen: Liebe zu unseren Nächsten zu bringen, weil wir Geliebte sind und denen nahe zu sein, die uns auf unserem Weg begegnen und uns brauchen.

In einem alten irischen Gedicht heißt es sinngemäß:
Ein ganz gewöhnlicher Busch steht mit Gott in Flammen. Aber nur wer hinsieht, zieht seine Schuhe aus. Die anderen stehen drum  herum und pflücken Brombeeren.

Cornelia Trick


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