Pfingsten macht Beine
Gottesdienst am 06.06.2010

Apostelgeschichte 3,1-10

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbei getragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
die erste Gemeinde, so berichtet Lukas in der Apostelgeschichte, war wie ein warmes Nest voll Heiligen Geistes. Als neue Familie war man in diesem Nest täglich zusammen, hörte auf Geschichten von Jesus, tankte auf in der Gemeinschaft der Glaubenden, hielt Tischgemeinschaft mit Jesus und betete, um vor Versuchungen und dem Bösen bewahrt zu bleiben. Das warme Nest war die Abflugbasis der jungen Christinnen und Christen in die Welt. Weil ihr Nest ihnen Rückendeckung gab, konnten sie sich in neue Herausforderungen wagen. So hören wir von den beiden Aposteln Petrus und Johannes, wie sie ihre Umgebung mit neuen Augen wahrnahmen. Täglich gingen sie zum Tempel, um dort zu beten. 

Achtlos waren sie bis jetzt an dem über 40-Jährigen vorbeigegangen, der jeden Tag vor die Schöne Pforte des Tempels gebracht wurde, um dort zu betteln. Jeden Tag waren die beiden Apostel an ihm vorübergegangen, doch an diesem Tag hatte der Heilige Geist ihnen eine neue Sicht für die Umgebung geschenkt. Sie wurden auf den Mann aufmerksam. Sie sahen seine Erwartung, seine ausgestreckte Hand, sie hörten sein Betteln um eine milde Gabe. Den beiden wird aufgefallen sein, welchen Kontrast dieser Bettler zu der Schönen Pforte des Tempels bildete. Gott hatte doch seinem Volk anbefohlen, dass es keine Bettler in Israel geben sollte. Und nun saß dieser arme Mann direkt neben dem Gotteshaus, in unmittelbarer Nähe der Geldwechsler und Händler. Die Armut neben den Banken und das alles im Einflussbereich von Gottes Wohnung.

Petrus und Johannes können die Erwartung des Gelähmten nicht bedienen, sie haben nichts, um es ihm in die geöffneten Hände zu legen. Er wartet auf Geld, sie geben ihm den Heiligen Geist. Sie fordern ihn auf, sie anzuschauen. RollstuhlDer Blickkontakt bedeutet, dass sie keinen Zauber an einem willenlosen Objekt vollziehen, sondern stellvertretend für Jesus diesem Mann ins Herz schauen. Er muss es zulassen, er entscheidet, ob er die Apostel anschauen will oder nicht, sich Jesu heilender Gegenwart aussetzen will oder nicht. Sehr bildhaft wird die Heilung geschildert. Die Apostel geben dem Mann das, was er sich nicht gewünscht hat, aber was er am nötigsten braucht, Gesundheit. Petrus ergreift seine Hand, und die Fülle des Heiligen Geistes fließt über von Petrus zu dem Mann, durchströmt seinen Körper und landet schließlich bei den Knöcheln der Füße und lässt sie fest werden. Der Mann bleibt nicht sitzen, die Kraft des Heiligen Geistes treibt ihn an, lässt ihn in den Tempel, in Gottes unmittelbare Nähe, springen und Gott loben. Später wird berichtet, dass er den Aposteln folgte und sich der Gemeinde anschloss, auch für ihn wurde das Nest der Urgemeinde zur neuen Heimat. 

Wir können nur staunen, wie offensiv der Heilige Geist, derselbe Geist, den wir auch heute noch von Gott geschenkt bekommen, damals wirkte. Er erfüllte diesen gut bekannten und viele Jahre beobachteten Bettler und ließ ihn nicht nur gesund, sondern auch zum Christen werden. Der Heilige Geist führte ein doppeltes Wunder vor aller Augen aus, er zerriss die Fesseln der Lähmung und die Fesseln des Unglaubens. Er machte dem Mann Beine, die ihn bis in die Ewigkeit tragen sollten.
Salopp formuliert könnten wir sagen, der Gelähmte war der Lockvogel des Heiligen Geistes für das seit Pfingsten angebrochene neue Zeitalter. Hier geht es nicht nur um das Einzelschicksal eines Mannes in der 40, ein Privatglück, das man für sich vielleicht auch ersehnt. Hier schreibt der Heilige Geist Weltgeschichte mit diesem Mann, denn die Rettung der Welt ist Thema der Begegnung vor dem Schönen Tor.

Die Heilung ist prophetisch zu verstehen. Wie der Mann von Geburt an gelähmt war, so hätte es auch das Volk Israel von sich sagen können. Sie waren unfähig in die richtige Richtung zu gehen. Selbst Prophetenworte konnten sie nicht auf Kurs bringen. Sie schwankten zwischen Verzweiflung und Hochmut, vergaßen ihren Herrn, der ihnen zugesagt hatte, immer für sie zu sorgen, und verließen sich oft genug auf die eigene Kraft oder Bündnispartner. Sie waren gelähmt von Anfang an und konnten aus eigener Kraft nicht voran kommen. Israel braucht Jesus, so demonstriert es dieser eine Mann vor dem Tempel. Nur so wird Israel Beine bekommen, die ihrem Herrn nachfolgen und in seine Richtung gehen. Aber das gilt nicht nur für Israel, obwohl man ja bei anderen oft sehr viel deutlicher die Defizite und Lähmungen wahrnimmt, als bei sich selbst.

Wir Christen, die wir mit dem Heiligen Geist begabt sind, sollten ja eigentlich herumspringen und Gott loben, doch finden wir uns nicht immer wieder bei den Gelähmten vor den Kirchentüren wieder? Unfähig, in Gottes Nähe zu kommen, unfähig unseren Auftrag in der Welt anzunehmen? Ich fand dafür einen schönen Vergleich. Wir sind wie Tramper an der Landstraße. Wir hoffen, dass uns jemand mitnimmt dem Ziel entgegen. Allein kommen wir da nicht hin, und leider fahren so wenig Autos in die Richtung mit freien Plätzen. So bleiben wir am Wegrand stehen, den Daumen gereckt, aber nicht von der Stelle kommend – wie gelähmt. Nun hören wir die Botschaft dieses Geretteten. Es geht nicht nur um ihn und sein Einzelschicksal, es geht auch um uns. Der Heilige Geist will uns Beine machen, Beine zum Aufstehen, Beine zum neu Ausrichten auf Gott, Beine zur Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag, wenn Jesus wiederkommt.

Wenn Gott diesen Gelähmten aufstehen lassen kann, dann wird er auch uns Beine machen können, um mit ihm zu gehen. Allerdings gibt er uns nicht unbedingt das Erwartete, sondern das, was wir im Tiefsten brauchen. Wenn wir uns in diesen Bettler hineinversetzen und die Hand ausstrecken, was erwarten wir von Gott? Mir fallen ein paar Punkte ein, die wir hier vielleicht gemeinsam nennen würden: Ich erwarte, dass die Gemeinde wächst, dass Kinder und Jugendliche zum Glauben kommen. Ich erwarte, dass Jesus mein Leben so angenehm und störungsfrei wie möglich gestaltet, damit ich so ganz für ihn da sein kann.

Aber ist es das, was Jesus mir in die Hand legt? Sind vielleicht ganz andere Themen für mich wichtig? Dass mein Leben manchmal anstrengend, hart und stressig ist, will Gott mir damit nicht sagen, dass ich ihn umso mehr brauche? Dass nicht automatisch Kinder und Jugendliche zum Glauben kommen, will er uns damit sagen, dass wir phantasievoller mit ihnen umgehen sollen? Den langen Atem lernen können? Oder andere Zielgruppen in unseren Blick rücken sollen? Dass er uns nicht ständig an diesem Standort wachsen lässt, macht es uns wachsam, am anderen Ort Neulandmission zu betreiben und dort zu wachsen?

Sehr eindrücklich erzählte ein Pastor von seiner Gemeinde während einer Tagung. Die Kirche wurde zu klein, aber erweitert werden konnte sie nicht. Da wurde es der Gemeinde deutlich, dass sie an anderen Orten Gemeinde gründen sollte. Inzwischen sind innerhalb von 14 Jahren 14 neue Gemeindezentren über die USA verteilt entstanden. Sicher, es ist in Amerika. Aber wäre statt 14 Gemeinden in 14 Jahren nicht schon 1 neue Gemeinde in 28 Jahren ein echtes Wunder?

Die Heilung des Mannes bleibt nicht allein stehen. Wie schon zu Pfingsten ergreift Petrus das Wort und fängt an zu predigen. Zwei für uns heute spannende Gedanken dieser Predigt, die in Apostelgeschichte 3,12-26 nachzulesen ist, möchte ich hier nennen.

Petrus lenkt die Blicke der Zuschauer von sich oder dem Mann hin zu Jesus. Um ihn geht es bei dieser Heilung. Petrus und der Mann sind nur Hinweisschilder zu Jesus. So sind auch unsere Erfahrungen mit Jesus Hinweisschilder zu Jesus. Sie sind nicht dafür gedacht, dass wir sie allein für uns im stillen Kämmerlein genießen oder uns im warmen Nest der Gemeinde an ihnen freuen. Sie sind dafür da, andere neugierig auf Jesus zu machen, sie einzuladen zu Jesus, der sie sucht.

Petrus predigt mit Wärme und einem werbenden Unterton. Er macht die Leute nicht fertig, er stößt sie nicht zu Boden, sie, die doch zum Teil Jesu Kreuzigung miterlebt hatten. Er holt sie ab bei ihrer Schuld, Jesus „verleugnet“ zu haben und thematisiert dadurch sich selbst. Petrus ist doch der Oberverleugner, der es erst beim dritten Mal merkte, was er da tat. Und Petrus bezeugt, dass Jesus ihm vergeben hat und er nun die Kraft des Heiligen Geistes empfangen durfte. Das gilt auch für die Zuhörenden. Den Verleugnern kann vergeben werden. So ist die Geschichte vom Schönen Tor auch eine Evangelisationspredigt für uns. Jesus vergibt. Er macht neue Beine, die ihm folgen. Das gilt für die, die schon im Nest sind, aber auch für die, die noch einsam auf den Ästen sitzen. 

Obwohl die Heilung und dann die Predigt die Apostel ins Gefängnis brachte, blieben sie bei Jesus. Zwei Herzsätze des Glaubens fallen während der Anhörung vor dem Hohen Rat:
In keinem andern ist das Heil, auch ist  kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ (Apostelgeschichte 4,12)
Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,20)

Der Heilige Geist macht Beine und öffnet Münder. Keine Macht der Welt hält das Evangelium auf. Jesus möchte uns seinen Heiligen Geist schenken, der uns bereit macht, vom Nestrand los zu fliegen und seine Liebe in die Welt zu tragen. Das geschieht nicht nur bei gutem Wetter und Sonnenschein, sondern auch in widrigen, gefährlichen und bedrohten Zeiten. Doch der Heilige Geist führt uns, lehrt uns und tröstet uns, darauf können wir uns verlassen.

Cornelia Trick


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