|
|
|
Apostelgeschichte 3,1-10 Liebe Gemeinde, liebe Schwestern
und Brüder,
Achtlos waren sie bis jetzt an dem über 40-Jährigen vorbeigegangen, der jeden Tag vor die Schöne Pforte des Tempels gebracht wurde, um dort zu betteln. Jeden Tag waren die beiden Apostel an ihm vorübergegangen, doch an diesem Tag hatte der Heilige Geist ihnen eine neue Sicht für die Umgebung geschenkt. Sie wurden auf den Mann aufmerksam. Sie sahen seine Erwartung, seine ausgestreckte Hand, sie hörten sein Betteln um eine milde Gabe. Den beiden wird aufgefallen sein, welchen Kontrast dieser Bettler zu der Schönen Pforte des Tempels bildete. Gott hatte doch seinem Volk anbefohlen, dass es keine Bettler in Israel geben sollte. Und nun saß dieser arme Mann direkt neben dem Gotteshaus, in unmittelbarer Nähe der Geldwechsler und Händler. Die Armut neben den Banken und das alles im Einflussbereich von Gottes Wohnung. Petrus und Johannes können
die Erwartung des Gelähmten nicht bedienen, sie haben nichts, um es
ihm in die geöffneten Hände zu legen. Er wartet auf Geld, sie
geben ihm den Heiligen Geist. Sie fordern ihn auf, sie anzuschauen. Wir können nur staunen,
wie offensiv der Heilige Geist, derselbe Geist, den wir auch heute noch
von Gott geschenkt bekommen, damals wirkte. Er erfüllte diesen gut
bekannten und viele Jahre beobachteten Bettler und ließ ihn nicht
nur gesund, sondern auch zum Christen werden. Der Heilige Geist führte
ein doppeltes Wunder vor aller Augen aus, er zerriss die Fesseln der Lähmung
und die Fesseln des Unglaubens. Er machte dem Mann Beine, die ihn bis in
die Ewigkeit tragen sollten.
Die Heilung ist prophetisch zu verstehen. Wie der Mann von Geburt an gelähmt war, so hätte es auch das Volk Israel von sich sagen können. Sie waren unfähig in die richtige Richtung zu gehen. Selbst Prophetenworte konnten sie nicht auf Kurs bringen. Sie schwankten zwischen Verzweiflung und Hochmut, vergaßen ihren Herrn, der ihnen zugesagt hatte, immer für sie zu sorgen, und verließen sich oft genug auf die eigene Kraft oder Bündnispartner. Sie waren gelähmt von Anfang an und konnten aus eigener Kraft nicht voran kommen. Israel braucht Jesus, so demonstriert es dieser eine Mann vor dem Tempel. Nur so wird Israel Beine bekommen, die ihrem Herrn nachfolgen und in seine Richtung gehen. Aber das gilt nicht nur für Israel, obwohl man ja bei anderen oft sehr viel deutlicher die Defizite und Lähmungen wahrnimmt, als bei sich selbst. Wir Christen, die wir mit dem Heiligen Geist begabt sind, sollten ja eigentlich herumspringen und Gott loben, doch finden wir uns nicht immer wieder bei den Gelähmten vor den Kirchentüren wieder? Unfähig, in Gottes Nähe zu kommen, unfähig unseren Auftrag in der Welt anzunehmen? Ich fand dafür einen schönen Vergleich. Wir sind wie Tramper an der Landstraße. Wir hoffen, dass uns jemand mitnimmt dem Ziel entgegen. Allein kommen wir da nicht hin, und leider fahren so wenig Autos in die Richtung mit freien Plätzen. So bleiben wir am Wegrand stehen, den Daumen gereckt, aber nicht von der Stelle kommend – wie gelähmt. Nun hören wir die Botschaft dieses Geretteten. Es geht nicht nur um ihn und sein Einzelschicksal, es geht auch um uns. Der Heilige Geist will uns Beine machen, Beine zum Aufstehen, Beine zum neu Ausrichten auf Gott, Beine zur Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag, wenn Jesus wiederkommt. Wenn Gott diesen Gelähmten aufstehen lassen kann, dann wird er auch uns Beine machen können, um mit ihm zu gehen. Allerdings gibt er uns nicht unbedingt das Erwartete, sondern das, was wir im Tiefsten brauchen. Wenn wir uns in diesen Bettler hineinversetzen und die Hand ausstrecken, was erwarten wir von Gott? Mir fallen ein paar Punkte ein, die wir hier vielleicht gemeinsam nennen würden: Ich erwarte, dass die Gemeinde wächst, dass Kinder und Jugendliche zum Glauben kommen. Ich erwarte, dass Jesus mein Leben so angenehm und störungsfrei wie möglich gestaltet, damit ich so ganz für ihn da sein kann. Aber ist es das, was Jesus mir in die Hand legt? Sind vielleicht ganz andere Themen für mich wichtig? Dass mein Leben manchmal anstrengend, hart und stressig ist, will Gott mir damit nicht sagen, dass ich ihn umso mehr brauche? Dass nicht automatisch Kinder und Jugendliche zum Glauben kommen, will er uns damit sagen, dass wir phantasievoller mit ihnen umgehen sollen? Den langen Atem lernen können? Oder andere Zielgruppen in unseren Blick rücken sollen? Dass er uns nicht ständig an diesem Standort wachsen lässt, macht es uns wachsam, am anderen Ort Neulandmission zu betreiben und dort zu wachsen? Sehr eindrücklich erzählte ein Pastor von seiner Gemeinde während einer Tagung. Die Kirche wurde zu klein, aber erweitert werden konnte sie nicht. Da wurde es der Gemeinde deutlich, dass sie an anderen Orten Gemeinde gründen sollte. Inzwischen sind innerhalb von 14 Jahren 14 neue Gemeindezentren über die USA verteilt entstanden. Sicher, es ist in Amerika. Aber wäre statt 14 Gemeinden in 14 Jahren nicht schon 1 neue Gemeinde in 28 Jahren ein echtes Wunder? Die Heilung des Mannes bleibt nicht allein stehen. Wie schon zu Pfingsten ergreift Petrus das Wort und fängt an zu predigen. Zwei für uns heute spannende Gedanken dieser Predigt, die in Apostelgeschichte 3,12-26 nachzulesen ist, möchte ich hier nennen. Petrus lenkt die Blicke der Zuschauer von sich oder dem Mann hin zu Jesus. Um ihn geht es bei dieser Heilung. Petrus und der Mann sind nur Hinweisschilder zu Jesus. So sind auch unsere Erfahrungen mit Jesus Hinweisschilder zu Jesus. Sie sind nicht dafür gedacht, dass wir sie allein für uns im stillen Kämmerlein genießen oder uns im warmen Nest der Gemeinde an ihnen freuen. Sie sind dafür da, andere neugierig auf Jesus zu machen, sie einzuladen zu Jesus, der sie sucht. Petrus predigt mit Wärme und einem werbenden Unterton. Er macht die Leute nicht fertig, er stößt sie nicht zu Boden, sie, die doch zum Teil Jesu Kreuzigung miterlebt hatten. Er holt sie ab bei ihrer Schuld, Jesus „verleugnet“ zu haben und thematisiert dadurch sich selbst. Petrus ist doch der Oberverleugner, der es erst beim dritten Mal merkte, was er da tat. Und Petrus bezeugt, dass Jesus ihm vergeben hat und er nun die Kraft des Heiligen Geistes empfangen durfte. Das gilt auch für die Zuhörenden. Den Verleugnern kann vergeben werden. So ist die Geschichte vom Schönen Tor auch eine Evangelisationspredigt für uns. Jesus vergibt. Er macht neue Beine, die ihm folgen. Das gilt für die, die schon im Nest sind, aber auch für die, die noch einsam auf den Ästen sitzen. Obwohl die Heilung und
dann die Predigt die Apostel ins Gefängnis brachte, blieben sie bei
Jesus. Zwei Herzsätze des Glaubens fallen während der Anhörung
vor dem Hohen Rat:
Der Heilige Geist macht Beine und öffnet Münder. Keine Macht der Welt hält das Evangelium auf. Jesus möchte uns seinen Heiligen Geist schenken, der uns bereit macht, vom Nestrand los zu fliegen und seine Liebe in die Welt zu tragen. Das geschieht nicht nur bei gutem Wetter und Sonnenschein, sondern auch in widrigen, gefährlichen und bedrohten Zeiten. Doch der Heilige Geist führt uns, lehrt uns und tröstet uns, darauf können wir uns verlassen. Cornelia
Trick
|