Noch Plätze frei
Karfreitagsgottesdienst am 18.04.2003

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
vor ein paar Tagen hörte ich mir ein Interview mit Leuten an, die sich in Damaskus freiwillig bei einer Rekrutierungsstelle für Selbstmordattentäter meldeten. Sie wurden gefragt, warum sie bereit wären, ihr Leben für Saddam Hussein und seine Sache zu opfern. Ihre Antwort kam sehr überzeugend, sie sahen keinen anderen Ausweg aus ihrer Situation mehr, als sich selbst zu opfern und möglichst viele Feinde mit in den Tod zu ziehen.

Wenn wir heute an das Leiden und Sterben Jesu Christi in ganz besonderer Weise denken, dann mag uns dieser Tod so erscheinen wie der eines Selbstmordattentäters. Er opferte sein Leben für eine höhere Idee. Erst beim genauen Hinsehen wird der Unterschied deutlich. Jesus opferte sein Leben nicht, um möglichst viele Gegner mit ihm sterben zu lassen. Jesus starb, damit seine Feinde leben und den Zugang zum wahren Leben mit Gott erst finden konnten. Jesus - kein Selbstmordattentäter, sondern ein Geburtshelfer zu neuem Leben.

Die Berichte, die die Evangelisten von Karfreitag geben, sind Glaubenszeugnisse. Wenn wir jetzt das Karfreitagsgeschehen nach Markus bedenken, können wir zwischen den Zeilen lesen, worauf er die Betonung legt, was ihm besonders wichtig ist und was uns herausfordert zum Nachdenken. Ich möchte an seinem Bericht entlang gehen, ihn wie ein Bild betrachten. Sobald sich mir das Bild erschlossen hat, möchte ich mich selbst hineinzeichnen und meinen Platz im Karfreitagsbild 2003 einnehmen.

Markus 15,20-27 Kreuzigung

Die Soldaten führten ihn hinaus, um ihn ans Kreuz zu nageln. Sie zwangen einen Mann, der gerade vorbeiging, für Jesus das Kreuz zu tragen. Es war Simon aus Zyrene, der Vater von Alexander und Rufus, der gerade vom Feld in die Stadt zurückkam. Sie brachten Jesus an die Stelle, die Golgota heißt, das bedeutet übersetzt "Schädelplatz". Dort wollten sie ihm Wein mit einem betäubenden Zusatz zu trinken geben; aber Jesus nahm nichts davon. Sie nagelten ihn ans Kreuz und verteilten dann untereinander seine Kleider. Durch das Los bestimmten sie, was jeder bekommen sollte. Es war neun Uhr morgens, als sie ihn kreuzigten. Als Grund für seine Hinrichtung hatte man auf ein Schild geschrieben: "Der König der Juden!" Zugleich mit Jesus kreuzigten sie zwei Verbrecher, einen links und einen rechts von ihm.

In kurzen Worten wird vom Evangelisten Markus die Kreuzigung zusammen gefasst. Jesus wurde hinausgeführt. Wie ein Verbrecher wurde er aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Auf dem Weg wurde Simon gezwungen, Jesu Kreuz zu tragen. Die Erwähnung des Namens und seiner Söhne legt den Schluss nahe, dass Simon später zur christlichen Gemeinde gehörte zusammen mit seinen Söhnen. Die ersten Leser des Evangeliums kannten Simon und wussten um seinen besonderen Dienst für Jesus. Vielleicht hatte Markus aber mit der Erwähnung des Simon auch im Sinn zu zeigen, dass mit Jesus zu leben bedeutet, seinen Weg mit zu gehen und sogar sein Kreuz zu tragen. An der Kreuzigungsstätte angekommen wollten die Soldaten Jesus Myrrhe in Wein zu trinken geben, ein Betäubungsgetränk, das seine Schmerzen lindern sollte. Doch Jesus verweigerte dieses Getränk. Bis in letzter Konsequenz nahm er das Leiden auf sich, ohne Abmilderung. Sogar das Letzte wurde ihm genommen, die Kleider entriss man ihm, nackt hing er am Kreuz. Doch daran wird deutlich, auch wer sich ein Kleidungsstück von Jesus sichern konnte, hatte nichts von Jesus begriffen. Gemeinschaft mit ihm war und ist nur möglich, wenn man seinen Weg nachging und nachgeht, nicht wenn man sich "etwas" von ihm sichert. Die Schuld Jesu wurde auf einem Schild festgehalten "Der König der Juden". Angeklagt war Jesus wegen Gotteslästerung und Volksverhetzung. Die Juden sahen in ihm den Verräter ihres Glaubens, die Römer den Rebellen gegen den Kaiser. Die Gemeinde, die das Zeugnis des Markus las, erkannte die Ironie in dieser Kreuzesinschrift. Nicht Jesus war der Gotteslästerer, sondern die Menge, die ihn, den Sohn Gottes und König der Juden ans Kreuz geschlagen hatte. Das Schild, das seine besondere Schuld der Selbstanmaßung herausstellen sollte, wandte sich gegen das Volk, das diesen König nicht anerkannte und ihn kreuzigte. Zwei Verbrecher wurden mit Jesus gekreuzigt. Von ihnen wissen wir nach dem Bericht des Markus nicht viel. Nahe liegt, sie der Bewegung der Rebellen zuzuordnen, die im Widerstand gegen die römischen Besatzer zu gewalttätigen Mitteln griffen. Für diese zwei Verbrecher starb Jesus genauso wie für die anderen, die als Menge dem Schauspiel zusahen.

Markus 15,29-32 Verspottung

Die Leute, die vorbeikamen, schüttelten den Kopf und verhöhnten Jesus: "Ha! Du wolltest den Tempel niederreißen und in drei Tagen einen neuen bauen! Dann befreie dich doch und komm herunter vom Kreuz!" Genauso machten sich die führenden Priester und die Gesetzeslehrer über ihn lustig. "Anderen hat er geholfen", spotteten sie, "aber sich selbst kann er nicht helfen! Wenn er der versprochene Retter ist, der König von Israel, dann soll er doch jetzt vom Kreuz herunterkommen! Wenn wir das sehen, werden wir ihm glauben." Auch die beiden, die mit ihm gekreuzigt waren, beschimpften ihn.

Menschen unter dem Kreuz verspotteten Jesus. Von verschiedenen Gruppen wird berichtet. Unter dem KreuzDa waren die Vorübergehenden. Leute, die nicht direkt an der Kreuzigung Jesu beteiligt waren, die sich aber dennoch aufgemacht hatten, um zuzusehen, was da vor den Toren der Stadt mit Jesus passierte. Eine andere Gruppe waren die herrschenden Hierarchien. Sie stimmten ein in die Spottlieder der Schaulustigen. Und damit nicht genug meldeten sich auch die beiden Verbrecher rechts und links neben ihm zu Wort. Vielleicht erhofften sie sich, dass eine wundersame Rettung dieses Paradiesvogels in der Mitte auch ihnen helfen könnte, sie vor dem Todesurteil zu retten.

Alle drei Gruppen verstanden Jesus nicht. Ihre Logik war: Ziel des Lebens ist, sich selbst zu retten, Rettung bedeutet, überleben in dieser Welt - ohne Gott. Jesu Weg war dem entgegen gesetzt. Er hatte zum Ziel, nicht sich selbst, sondern andere zu retten. Rettung ist Leben mit Gott - bis in Ewigkeit.

Ich möchte diesen drei Gruppen um Jesus noch eine vierte, eine neuzeitliche, zur Seite stellen. Ich sehe da Leute wie du und ich stehen, die Jesus entgegenrufen: "Was bringt es mir, dass du für mich stirbst? Ich brauche keinen Jesus und keinen Gott. Ich bin für mich selbst verantwortlich."

Markus 15,33-41 Jesu Tod

Um zwölf Uhr mittags verfinsterte sich der Himmel über dem ganzen Land. Das dauerte bis um drei Uhr. Gegen drei Uhr schrie Jesus: "Eloi, eloi, lema sabachtani?" - das heißt übersetzt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: "Der ruft nach Elija!" Einer holte schnell einen Schwamm, tauchte ihn in Essig, steckte ihn auf eine Stange und wollte Jesus trinken lassen. Dabei sagte er: "Lasst mich machen! Wir wollen doch sehen, ob Elija kommt und ihn herunterholt." Aber Jesus schrie laut auf und starb. Da zerriss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel von oben bis unten. Der römische Hauptmann aber, der dem Kreuz gegenüberstand und miterlebte, wie Jesus aufschrie und starb, sagte: "Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn!" Auch einige Frauen waren da, die alles aus der Ferne beobachteten, unter ihnen Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus dem Jüngeren und von Joses, sowie Salome. Schon während seines Wirkens in Galiläa waren sie Jesus gefolgt und hatten für ihn gesorgt. Außer ihnen waren noch viele andere Frauen da, die mit Jesus nach Jerusalem gekommen waren.

Eine große Finsternis erinnert an Gottes Gericht, der Weltlauf wird unterbrochen, die Selbstverständlichkeiten werden unterbrochen. Es ist die Stunde, in der alle Sicherheiten auf dem Prüfstand stehen. Die Stunde der Entscheidung. Jesus ruft mit Worten des 22. Psalms "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" In diesem Aufschrei ist der ganze Abgrund des Todes Jesu enthalten. Er schreit zu Gott wie ein Ertrinkender, der den Arm des Retters nicht mehr ergreifen kann. Der Tod reißt ihn in die Tiefe und nichts ist, das ihn hält. Gott hält mit seinem Sohn diese tiefste Gottverlassenheit aus, in der nichts mehr trägt und keine Gewissheit mehr einen Ausweg andeutet.

Hier - im Loslassen der letzten Sicherung - wird sich erweisen, dass Jesus wirklich Sohn Gottes ist und Gott zu seinen Verheißungen steht. Sieht es auch an dieser Stelle so aus, als sei Jesus eben doch umsonst gestorben, so weiß die Gemeinde des Markus bereits vom Ostermorgen. Sie zeichnet die Linie ganz selbstverständlich weiter. Jesus, der die absolute Verlassenheit durchlitten hat, wird von seinem Vater nicht fallen gelassen und im Tod ertränkt. Der Vater hält ihn und eröffnet ihm eine neue Zukunft in der ewigen Gemeinschaft mit ihm.

Der Vorhang des Tempels zerreißt. Gott ist von nun an sichtbar in seinem Sohn am Kreuz. Keine bestimmte Nationalität und keine religiöse Stellung, keine Opfer oder Vorleistungen sind nötig, um Gott zu sehen. Er gibt sich zu erkennen als ein Vater, der mit uns den Weg des Lebens bis in den Tod geht, um uns zu retten.

Ein Hauptmann der römischen Besatzungsmacht sieht in Jesus den Retter. Anders als die Spötter lässt er sich von Jesus berühren. Aus dem Augenzeugen wird ein Bekenner. Er versteht, dass Jesus stirbt um zu retten. Auch die Frauen, die Jesus begleitet hatten, werden von Markus als Augenzeugen genannt. Offenbar konnten sie in Jesus den Retter sehen, weil sie ihn so auf der langen Wanderschaft kennen gelernt hatten. Sie hatten Jesus gedient und ihre Habe mit ihm geteilt, denn er hatte ihr Leben verändert und sie schon früh in die Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Hauptmann und Frauen sind Gegenbilder zu den Spöttern. Gott hat ihren Blick schon über das Kreuz hinaus auf die Auferstehung gerichtet. Der Hauptmann und die Frauen laden ein, sich auf Jesus am Kreuz einzulassen und ihm mit einer Lebensführung zu folgen, die in enger Gemeinschaft mit ihm geschieht.

Warum musste Jesus am Kreuz sterben?

Wenn ich im Kirchlichen Unterricht mit den Jugendlichen das Thema Kreuzigung Jesu behandele, wird in jedem Jahrgang neu diese Frage gestellt: "Warum musste Jesus am Kreuz sterben?" Die Jugendlichen sind ehrlich. Sie wollen nicht einfach die Antwort ihrer Lehrer und Eltern übernehmen, sondern ihre eigene Antwort finden. Ich merke dabei, wie auch in mir diese Frage wach ist. Auch ich habe keine Antwortkarte im Ärmel, mit der ich jede Frage im Keim ersticken kann. Die Antwort ist vielmehr ein Geschenk, das Gott selbst mir macht. Und jedes Mal leuchtet seine Antwort in einer anderen Farbe, kommt ein anderer Aspekt zum Vorschein. Wenn ich jetzt auf diese Frage antworte, dann im Bewusstsein, dass meine Antwort nur eine Facette der Botschaft wiedergibt.

Gottes Weg mit uns ist kein Weg der Gewalt und des Zwangs. Gott ist nicht der Diktator, der unter Aufbietung eines großen Polizeiapparats Menschen dazu bringt, seine Standbilder anzubeten. Gott möchte vertrauensvolle Gemeinschaft mit uns. Er möchte uns leiten und uns mit seiner Kraft beschenken. Doch wir neuzeitlichen Spötter unter dem Kreuz wollen keinen Gott über uns, wir sehen in ihm eine Macht, die uns kontrollieren und einschränken will. Dieser Macht laufen wir aus der Schule. Statt seine Kraft zum Leben zu nutzen, rebellieren wir dagegen und rennen in den Tod. Selbst in diesen Tod geht Gott uns in seinem Sohn Jesus nach. Er lässt sich hinrichten ohne Gegenwehr. Er durchbricht die menschliche Spirale von Gewalt, Hass, Rache und Gegenwehr. Statt die Feinde mit in den Tod zu reißen, stirbt Jesus stellvertretend für sie. Statt ihnen den Tod zu wünschen, will er sie zu neuem Leben in der Gemeinschaft mit Gott rufen. Sein Tod ist der Anfang eines neuen Lebens, seine Auferstehung die Bestätigung Gottes, dass es Rettung nur durch Jesus gibt.

Wo stehen wir?

Diese sehr persönliche Frage stellt uns Markus durch seinen Karfreitagsbericht. Sind wir bei denen, die nicht verstehen, warum Jesus nicht sein eigenes Leben in Sicherheit bringt? Stehen wir bei den neuzeitlichen Menschen, die sich fragen, was ihnen der Tod Jesu bringt und die fest davon überzeugt sind, dass sie sich selbst am besten retten können? Oder finden wir uns beim Hauptmann wieder, der von Gott die Augen geöffnet bekommt und erkennt, dass er Jesus braucht, der ihm den Weg zu Gott weist? Sind wir bei den Frauen, die die Liebe Jesu erfahren haben und danach leben?

Vielleicht ist unser Standort nicht eindeutig. Wenn wir ehrlich vor uns selbst sind, kommen da und dort immer wieder Zweifel hoch. Gerade für diese Zeiten brauchen wir den Bericht vom Karfreitag. Es kommt darauf an, dass wir Jesus ansehen, ihm eine Chance geben, uns zu begegnen bis in die tiefsten Tiefen unseres Lebens. Die Spötter hatten ihr Urteil längst gefällt. Sie waren für Karfreitag immun. Der Hauptmann ließ sich von Gott finden. Er antwortete mit seinem Bekenntnis. Wollen wir uns finden lassen von Gott, der uns immer noch sucht? Noch sind Plätze unter dem Kreuz Jesu frei für uns.

Cornelia Trick


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