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Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Wenn wir heute an das Leiden und Sterben Jesu Christi in ganz besonderer Weise denken, dann mag uns dieser Tod so erscheinen wie der eines Selbstmordattentäters. Er opferte sein Leben für eine höhere Idee. Erst beim genauen Hinsehen wird der Unterschied deutlich. Jesus opferte sein Leben nicht, um möglichst viele Gegner mit ihm sterben zu lassen. Jesus starb, damit seine Feinde leben und den Zugang zum wahren Leben mit Gott erst finden konnten. Jesus - kein Selbstmordattentäter, sondern ein Geburtshelfer zu neuem Leben. Die Berichte, die die Evangelisten von Karfreitag geben, sind Glaubenszeugnisse. Wenn wir jetzt das Karfreitagsgeschehen nach Markus bedenken, können wir zwischen den Zeilen lesen, worauf er die Betonung legt, was ihm besonders wichtig ist und was uns herausfordert zum Nachdenken. Ich möchte an seinem Bericht entlang gehen, ihn wie ein Bild betrachten. Sobald sich mir das Bild erschlossen hat, möchte ich mich selbst hineinzeichnen und meinen Platz im Karfreitagsbild 2003 einnehmen. Markus 15,20-27 Kreuzigung In kurzen Worten wird vom Evangelisten Markus die Kreuzigung zusammen gefasst. Jesus wurde hinausgeführt. Wie ein Verbrecher wurde er aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Auf dem Weg wurde Simon gezwungen, Jesu Kreuz zu tragen. Die Erwähnung des Namens und seiner Söhne legt den Schluss nahe, dass Simon später zur christlichen Gemeinde gehörte zusammen mit seinen Söhnen. Die ersten Leser des Evangeliums kannten Simon und wussten um seinen besonderen Dienst für Jesus. Vielleicht hatte Markus aber mit der Erwähnung des Simon auch im Sinn zu zeigen, dass mit Jesus zu leben bedeutet, seinen Weg mit zu gehen und sogar sein Kreuz zu tragen. An der Kreuzigungsstätte angekommen wollten die Soldaten Jesus Myrrhe in Wein zu trinken geben, ein Betäubungsgetränk, das seine Schmerzen lindern sollte. Doch Jesus verweigerte dieses Getränk. Bis in letzter Konsequenz nahm er das Leiden auf sich, ohne Abmilderung. Sogar das Letzte wurde ihm genommen, die Kleider entriss man ihm, nackt hing er am Kreuz. Doch daran wird deutlich, auch wer sich ein Kleidungsstück von Jesus sichern konnte, hatte nichts von Jesus begriffen. Gemeinschaft mit ihm war und ist nur möglich, wenn man seinen Weg nachging und nachgeht, nicht wenn man sich "etwas" von ihm sichert. Die Schuld Jesu wurde auf einem Schild festgehalten "Der König der Juden". Angeklagt war Jesus wegen Gotteslästerung und Volksverhetzung. Die Juden sahen in ihm den Verräter ihres Glaubens, die Römer den Rebellen gegen den Kaiser. Die Gemeinde, die das Zeugnis des Markus las, erkannte die Ironie in dieser Kreuzesinschrift. Nicht Jesus war der Gotteslästerer, sondern die Menge, die ihn, den Sohn Gottes und König der Juden ans Kreuz geschlagen hatte. Das Schild, das seine besondere Schuld der Selbstanmaßung herausstellen sollte, wandte sich gegen das Volk, das diesen König nicht anerkannte und ihn kreuzigte. Zwei Verbrecher wurden mit Jesus gekreuzigt. Von ihnen wissen wir nach dem Bericht des Markus nicht viel. Nahe liegt, sie der Bewegung der Rebellen zuzuordnen, die im Widerstand gegen die römischen Besatzer zu gewalttätigen Mitteln griffen. Für diese zwei Verbrecher starb Jesus genauso wie für die anderen, die als Menge dem Schauspiel zusahen. Markus 15,29-32 Verspottung Menschen unter dem Kreuz verspotteten Jesus.
Von verschiedenen Gruppen wird berichtet. Alle drei Gruppen verstanden Jesus nicht. Ihre Logik war: Ziel des Lebens ist, sich selbst zu retten, Rettung bedeutet, überleben in dieser Welt - ohne Gott. Jesu Weg war dem entgegen gesetzt. Er hatte zum Ziel, nicht sich selbst, sondern andere zu retten. Rettung ist Leben mit Gott - bis in Ewigkeit. Ich möchte diesen drei Gruppen um Jesus noch eine vierte, eine neuzeitliche, zur Seite stellen. Ich sehe da Leute wie du und ich stehen, die Jesus entgegenrufen: "Was bringt es mir, dass du für mich stirbst? Ich brauche keinen Jesus und keinen Gott. Ich bin für mich selbst verantwortlich." Markus 15,33-41 Jesu Tod Eine große Finsternis erinnert an Gottes Gericht, der Weltlauf wird unterbrochen, die Selbstverständlichkeiten werden unterbrochen. Es ist die Stunde, in der alle Sicherheiten auf dem Prüfstand stehen. Die Stunde der Entscheidung. Jesus ruft mit Worten des 22. Psalms "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" In diesem Aufschrei ist der ganze Abgrund des Todes Jesu enthalten. Er schreit zu Gott wie ein Ertrinkender, der den Arm des Retters nicht mehr ergreifen kann. Der Tod reißt ihn in die Tiefe und nichts ist, das ihn hält. Gott hält mit seinem Sohn diese tiefste Gottverlassenheit aus, in der nichts mehr trägt und keine Gewissheit mehr einen Ausweg andeutet. Hier - im Loslassen der letzten Sicherung - wird sich erweisen, dass Jesus wirklich Sohn Gottes ist und Gott zu seinen Verheißungen steht. Sieht es auch an dieser Stelle so aus, als sei Jesus eben doch umsonst gestorben, so weiß die Gemeinde des Markus bereits vom Ostermorgen. Sie zeichnet die Linie ganz selbstverständlich weiter. Jesus, der die absolute Verlassenheit durchlitten hat, wird von seinem Vater nicht fallen gelassen und im Tod ertränkt. Der Vater hält ihn und eröffnet ihm eine neue Zukunft in der ewigen Gemeinschaft mit ihm. Der Vorhang des Tempels zerreißt. Gott ist von nun an sichtbar in seinem Sohn am Kreuz. Keine bestimmte Nationalität und keine religiöse Stellung, keine Opfer oder Vorleistungen sind nötig, um Gott zu sehen. Er gibt sich zu erkennen als ein Vater, der mit uns den Weg des Lebens bis in den Tod geht, um uns zu retten. Ein Hauptmann der römischen Besatzungsmacht sieht in Jesus den Retter. Anders als die Spötter lässt er sich von Jesus berühren. Aus dem Augenzeugen wird ein Bekenner. Er versteht, dass Jesus stirbt um zu retten. Auch die Frauen, die Jesus begleitet hatten, werden von Markus als Augenzeugen genannt. Offenbar konnten sie in Jesus den Retter sehen, weil sie ihn so auf der langen Wanderschaft kennen gelernt hatten. Sie hatten Jesus gedient und ihre Habe mit ihm geteilt, denn er hatte ihr Leben verändert und sie schon früh in die Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Hauptmann und Frauen sind Gegenbilder zu den Spöttern. Gott hat ihren Blick schon über das Kreuz hinaus auf die Auferstehung gerichtet. Der Hauptmann und die Frauen laden ein, sich auf Jesus am Kreuz einzulassen und ihm mit einer Lebensführung zu folgen, die in enger Gemeinschaft mit ihm geschieht. Warum musste Jesus am Kreuz sterben? Gottes Weg mit uns ist kein Weg der Gewalt und des Zwangs. Gott ist nicht der Diktator, der unter Aufbietung eines großen Polizeiapparats Menschen dazu bringt, seine Standbilder anzubeten. Gott möchte vertrauensvolle Gemeinschaft mit uns. Er möchte uns leiten und uns mit seiner Kraft beschenken. Doch wir neuzeitlichen Spötter unter dem Kreuz wollen keinen Gott über uns, wir sehen in ihm eine Macht, die uns kontrollieren und einschränken will. Dieser Macht laufen wir aus der Schule. Statt seine Kraft zum Leben zu nutzen, rebellieren wir dagegen und rennen in den Tod. Selbst in diesen Tod geht Gott uns in seinem Sohn Jesus nach. Er lässt sich hinrichten ohne Gegenwehr. Er durchbricht die menschliche Spirale von Gewalt, Hass, Rache und Gegenwehr. Statt die Feinde mit in den Tod zu reißen, stirbt Jesus stellvertretend für sie. Statt ihnen den Tod zu wünschen, will er sie zu neuem Leben in der Gemeinschaft mit Gott rufen. Sein Tod ist der Anfang eines neuen Lebens, seine Auferstehung die Bestätigung Gottes, dass es Rettung nur durch Jesus gibt. Wo stehen wir? Vielleicht ist unser Standort nicht eindeutig. Wenn wir ehrlich vor uns selbst sind, kommen da und dort immer wieder Zweifel hoch. Gerade für diese Zeiten brauchen wir den Bericht vom Karfreitag. Es kommt darauf an, dass wir Jesus ansehen, ihm eine Chance geben, uns zu begegnen bis in die tiefsten Tiefen unseres Lebens. Die Spötter hatten ihr Urteil längst gefällt. Sie waren für Karfreitag immun. Der Hauptmann ließ sich von Gott finden. Er antwortete mit seinem Bekenntnis. Wollen wir uns finden lassen von Gott, der uns immer noch sucht? Noch sind Plätze unter dem Kreuz Jesu frei für uns. Cornelia
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