Neuer Wein gehört in neue Schläuche
Gottesdienst am 12.11.2006

Esther 9, 20-22 und 29-32

Mordechai schrieb auf, was damals geschehen war, und schickte einen Brief an alle Juden bis in die entferntesten Provinzen des persischen Reiches. Darin bestimmte er, dass sie Jahr für Jahr den 14. und 15. Tag des 12. Monats, des Monats Adar, feiern sollten. Denn an diesen Tagen hatten sie sich von ihren Feinden befreit, ihr Leid hatte sich in Freude verwandelt und ihre Trauer in Jubel. Am 14. und 15. Tag des Monats sollten sich die Juden zu festlichen Mahlzeiten treffen, sich gegenseitig beschenken und auch die Armen dabei nicht vergessen.

Königin Esther, die Tochter Abihajils, und der Jude Mordechei verfassten noch ein zweites Schreiben über das Purimfest. Es enthielt genaue Anweisungen für die Durchführung der Feier und wurde an alle Juden in den 127 Provinzen des persischen Reiches gesandt. Esther und Mordechai wünschten ihnen Frieden und erklärten, dass sie sich stets für sie einsetzen würden. Sie wiesen die Juden noch einmal darauf hin, dass sie und ihre Nachkommen das Fest so feiern sollten, wie es vorgeschrieben war. Der Feier musste eine Zeit des Fastens und Klagens vorangehen. Mit ihrem Erlass führte Esther das Purimfest und seine Vorschriften für alle Juden verbindlich ein; er wurde schriftlich festgehalten.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
als ich begann, meine Predigt zu verfassen (21.10.2006), fand ich auf der 1. Seite unserer Zeitung (FAZ) die Aufforderung Ahmadineschads, des iranischen Präsidenten, an die Europäer, doch endlich aufzuhören, Israel zu unterstützen. Israel könne nicht dauerhaft bestehen … "Welchen Nutzen außer Hass der Nationen habt ihr davon, dieses Regime zu unterstützen?" - Mit anderen Worten: Macht endlich Platz, damit wir Israel beseitigen können.

Ahmadineschad reiht sich ein in die Zahl vieler, die das - nämlich Juden bzw. Israel zu vernichten - versucht haben. Leider haben auch wir Deutschen einen schrecklichen Anteil daran.

Als das Perserreich - der heutige Iran ist daran gemessen ein kleiner Nachfolgestaat - in seiner Ausdehnung bis nach Europa, Afrika und Russland reichte, wollte ein einflussreicher Mann unter dem König Xerxes (ca. 480 vor Christus) die überall im Land lebenden Juden umbringen lassen. Die Vollmacht dazu hatte dieser Mann sich vom König erbeten. Er wollte dies an einem bestimmten Tag vollstrecken lassen. Und dieser Tag war durch ein Los ermittelt worden. Durch den Todesmut der Königin Esther, die selbst Jüdin war, konnte das vereitelt werden. Todesmut aus folgendem Grund: Wer sich ungerufen dem König näherte, war des Todes schuldig, es sei denn, der König streckte dieser Person sein goldenes Zepter entgegen.

Zu diesem Tag nämlich, als alle Juden als vogelfrei galten und damit hätten umgebracht werden können, konnten sich die Juden aufgrund eines zweiten Erlasses gegen ihre Feinde wehren. Und diese Feinde waren wie gelähmt, vor allem infolge ihrer Angst vor dem jetzt einflussreichsten Mann nach dem König, Mordechai,.

Auf diesen Tag geht das sog. Purimfest ("Pur" bedeutet Los) zurück, an dem die Juden feiern und sich gegenseitig beschenken sollten. Aber, Sie haben es vielleicht von der alttestamentlichen Lesung noch im Ohr: "der Feier musste eine Zeit des Fastens und Klagens vorausgehen." Der Grund: Bei ihrem todesmutigen Schritt wollte Esther alle Juden der Stadt Susa (der damaligen Hauptstadt des Perserreichs, südlich des heutigen Teheran) hinter sich wissen als Menschen, die an sie denken, sich an Gott wenden, sich von ihrer Schuld reinigen und dazu fasten und vor Gott klagen.

Im Alten Testament wird sehr oft von dem Fasten einzelner oder des ganzen Volkes gesprochen. Ähnlich wie bei Esther bestand der Sinn vor allem darin, vor Gott zu treten, umzukehren, sich vor ihm zu beugen und natürlich um dabei nicht von anderen Dingen abgelenkt zu werden. Fasten heißt ja wörtlich "einschnüren", gemeint ist den Bauch. Deshalb hat man zum Teil oder völlig auf Essen verzichtet, manchmal auch eine kurze Zeit auf das Trinken. Die Juden haben dabei ihre innere Haltung äußerlich unterstrichen: Sie trugen Sackleinen, streuten sich Asche auf den Kopf und noch einiges mehr. Wie die Menschen so sind, wurde irgendwann nur noch das Äußere zur Schau getragen. Man musste ja mitmachen, die innere Umkehr blieb zusehends auf der Strecke. 

Nachdem in der Römischen Kirche im Mittelalter die Vorstellung verbreitet wurde, sich mit dem Fasten einen guten Platz im Himmel zu verdienen, und das Fasten auch noch zum Gesetz erhoben wurde, war klar, dass nach Luther das Fasten im evangelischen Raum in Vergessenheit geriet.

Jesus wird von den Pharisäern einmal gefragt, warum die Jünger des Täufers und auch sie fasten, Jesu Jünger aber nicht. Jesus antwortet gleich mit drei Bildern darauf, dem einer Hochzeit, dem des Flickens eines alten Stoffes und der Reparatur eines alten Weinschlauchs.

Markus 2, 18-22

Die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten regelmäßig. Deshalb kamen einige von ihnen zu Jesus und fragten: "Die Jünger des Johannes und alle Pharisäer fasten. Warum fasten deine Jünger nicht?" Jesus antwortete ihnen: "Sollen die Hochzeitsgäste etwa fasten, wenn sie an der Festtafel sitzen? Sie denken nicht daran! Zumindest werden sie so lange feiern, wie der Bräutigam bei ihnen ist. Die Zeit kommt ohnehin früh genug, dass der Bräutigam ihnen genommen wird. Dann werden sie fasten. Niemand  flickt ein altes Kleid mit neuem Stoff. Der alte Stoff würde an der Flickstelle doch wieder reißen, und das Loch würde nur noch größer. Ebenso füllt niemand jungen, gärenden Wein in alte, brüchige Schläuche. Sonst platzen die Schläuche, der Wein läuft aus, und die Schläuche sind unbrauchbar. So verlangt das neue Leben nach neuen Ordnungen" - Zum letzten Satz ist angemerkt: Wörtlich: Neuer Wein gehört in neue Schläuche.

Nur auf das Letztere möchte ich eingehen.

Markus 2, Vers 22
Ebenso füllt niemand jungen, gärenden Wein in alte, brüchige Schläuche. Sonst platzen die Schläuche, der Wein läuft aus, und die Schläuche sind unbrauchbar. So verlangt das neue Leben nach neuen Ordnungen. - Wobei über eine Fußnote erklärt wird: Wörtlich: Neuer Wein gehört in neue Schläuche.

Während des komplizierten chemischen Prozesses des Gärens entweicht hauptsächlich Kohlendioxyd. Auch wenn der Wein schon trinkbar ist, hat er noch lange nicht sein Gären eingestellt. Deshalb braucht er Gefäße, die Gase abgeben können, ohne gleich zu platzen.

Weinfässer Weintrauben für neuen Weinkonnte man nicht so leicht mit sich herumtragen. Also nahm man sehr dicht genähte Tierfelle, die zu einer Art Schlauch geformt waren und oft nur Schlauch genannt wurden. Wie Wein alterte, so alterte auch ein Schlauch. Der Wein hörte auf zu gären, der Schlauch wurde mit der Zeit brüchig. Also: keinen jungen Wein in alte Schläuche! Neuer Wein gehört in neue Schläuche!

Die von der Übersetzung der "Hoffnung für alle"-Bibel genannte Wendung: "So verlangt das neue Leben nach neuen Ordnungen" gefällt mir überhaupt nicht. Den Juden kündigt Gott schon im Alten Testament etwas ganz Neues an. Im Hesekielbuch (36, 26f.) spricht er durch seinen Propheten: "Ich will euch ein anderes Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges Herz. Mit meinem Geist erfülle ich euch …" - und er fährt fort: "damit ihr nach meinen Weisungen lebt, meine Gebote achtet und sie befolgt." Man kann den letzten Satz auch anders formulieren: Wenn ihr euch von meinem Geist erfüllen lasst, dann werdet ihr nach meinen Weisungen leben und meine Gebote achten und sie befolgen.

"Alter Wein" ist Leben nach dem Grundsatz "richtig und falsch", man hat Gebote und muss sich daran halten, sonst ist der Himmel verschlossen. "Neuer Wein" ist "Leben aus dem Geist Gottes heraus". Und weil man nicht genau weiß, was der Geist Gottes ist, lebt man weiter nach dem Grundsatz "richtig und falsch". Oder: So steht das in der Bibel, das ist richtig, daran musst du dich halten.

Der Geist Gottes ist unbändige Energie. Er will sich entfalten, er will gelebt werden, er will gesucht und geliebt werden. Wir können ihn erbitten: Heiliger Geist, ich bitte dich: erfülle mein Herz, verändere du mich. Ich bin bereit, mich auf dich einzulassen. Oder, Herr, Jesus, erkläre du mir dieses Wort der Bibel. Schenk mir deinen Heiligen Geist.

Meine Frau und ich, wir haben es gelernt, ganz nüchtern mit der Bibel umzugehen. Täglich einen Abschnitt zu lesen, keine Auslegung dazu, nur die Bibel direkt. Und dazu fragen wir, was uns der Text sagt über Gott, über Jesus, über die Menschen allgemein, über mich persönlich. Was ein anderer davon hat, dass ich das weiß. Und dazu bitten wir Jesus, dass er uns das zeigt. Das tut er durch seinen Heiligen Geist. Da redet er. Da redet er wirklich in der Stille. Wir sprechen aber auch über unsere Gedanken und lassen den anderen dadurch teilhaben und zugleich prüfen, ob sich da nicht allzu menschliche Gedanken breit gemacht haben. Der Heilige Geist zeigt uns Zusammenhänge in der Bibel auf, er stellt uns in Frage, er rüttelt uns wach. Und er entfaltet Lob und Anbetung in unseren Herzen, lässt uns singen und froh werden.

Sie werden natürlich fragen: Woran merken wir denn, dass der Heilige Geist am Werk war? Nun, ein deutliches Zeichen ist, wenn mir beim Lesen in der Bibel etwas einfällt, wo ich etwas zerstört habe, wo mein Umkehren, meine Bitte um Vergebung gefragt sind, wo ich mich genötigt sehe, mich aufzumachen zu einem anderen hin, um etwas in Ordnung zu bringen. Ich habe früher regelmäßig einen Seelsorger gehabt, in dessen Gegenwart ich Jesus für dies oder das um Vergebung gebeten habe. Und wenn mich auch heute eine Schuld nicht in Ruhe lässt, dann finde ich auch heute eine Person. Die Zusage der Vergebung auf den Kopf zu ist ein Erleben, ein Werk des Heiligen Geistes, welches tiefer nicht greifen und verändern kann.

Ja, der Heilige Geist hat mich verändert. Er hat mich näher zu Jesus gebracht. Er lässt mich den Allmächtigen anbeten in einer Form, wie es David in einem Psalm beschreibt, mit "singen und spielen im Herzen".

Wer eine noch größere Gewissheit über den Heiligen Geist haben möchte nur für sich persönlich, das betone ich, der bitte um die Gabe, in der zweiten Sprache zur reden. Einer Sprache, die ich selbst nicht verstehe, vielleicht eine andere Person, die die Gabe der Auslegung hat. Jesu Jünger hatten diese Gabe Pfingsten bekommen. Diese Sprache, die Bibel nennt sie Zungenrede, ist besonders für Menschen, die immer wieder in große Not und Zweifel geraten. Ich versichere Ihnen: Sie werden getröstet und sie werden Gewissheit erlangen!

Neuer Wein, der Geist Gottes, gehört in neue Schläuche. Das sind Menschen, die Jesus suchen, sich von ihm trösten, leiten und senden lassen. Amen.

Georg Hoffmann


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