Mut zum Risiko
Gottesdienst am 01.09.2002 

Matthäus 25,14-29
Das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Gute Nachricht)

"Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Er rief vorher seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Zentner Silbergeld, dem anderen zwei Zentner und dem dritten einen, je nach ihren Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Der erste, der die fünf Zentner bekommen hatte, steckte sofort das ganze Geld in Geschäfte und konnte die Summe verdoppeln. Ebenso machte es der zweite: Zu seinen zwei Zentnern gewann er noch zwei hinzu. Der aber, der nur einen Zentner bekommen hatte, vergrub das Geld seines Herrn in der Erde. Nach langer Zeit kam der Herr zurück und wollte mit seinen Dienern abrechnen. Der erste, der die fünf Zentner erhalten hatte, trat vor und sagte: 'Du hast mir fünf Zentner anvertraut, Herr, und ich habe noch weitere fünf dazuverdient; hier sind sie!' 'Sehr gut', sagte sein Herr, 'du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich in kleinen Dingen als zuverlässig erwiesen, darum werde ich dir auch Größeres anvertrauen. Komm zum Freudenfest deines Herrn!' Dann kam der mit den zwei Zentnern und sagte: 'Du hast mir zwei Zentner gegeben, Herr, und ich habe noch einmal zwei Zentner dazuverdient.' 'Sehr gut', sagte der Herr, 'du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich in kleinen Dingen als zuverlässig erwiesen, darum werde ich dir auch Größeres anvertrauen. Komm zum Freudenfest deines Herrn!' Zuletzt kam der mit dem einen Zentner und sagte: 'Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nichts ausgeteilt hast. Deshalb hatte ich Angst und habe dein Geld vergraben. Hier hast du zurück, was dir gehört.' Da sagte der Herr zu ihm: 'Du unzuverlässiger und fauler Diener! Du wußtest also, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nichts ausgeteilt habe? Dann hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank bringen sollen, und ich hätte es mit Zinsen zurückbekommen! Nehmt ihm sein Teil weg und gebt es dem, der die zehn Zentner hat! Denn wer viel hat, soll noch mehr bekommen, bis er mehr als genug hat. Wer aber wenig hat, dem wird auch noch das Letzte weggenommen werden.'

Liebe Gemeinde,
es gibt Bilder, die wir nicht vergessen, denken Sie nur an die Geschehnisse in New York am 11. Sptember 2001.
Es gibt Menschen, deren Mut unsere uneingeschränkte Bewunderung findet, z. B. der Taucher, der aus geringer Entfernung einen Verband Haie filmt. Oder der Artist, der hoch oben in der Zirkuskuppel mit einer Balancierstange das Seil überquert.

Wir lieben das Risiko, wenn andere es auf sich nehmen. Aber wie steht es mit dem Risiko, das wir selber tragen müssen?

Jesus von Nazareth hat einmal eine Predigt gehalten, in dem er den Mut zum Risiko gelobt hat. Er hat ihr die Gestalt eines Gleichnisses gegeben. Wir finden den biblischen Text in Matthäus 25, 14 - 29 (Einheitsübersetzung):
Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften und gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der nur ein Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. Da kam der, der die fünf erhalten hatte, brachte fünf weitere dazu und sagte: "Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazu gewonnen." Sein Herr sagte zu ihm: "Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm und nimm teil an der Freude deines Herrn!" (Ähnlich erging es bei dem, der die zwei Talente auf vier vermehrt hatte.) Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte und sagte: "Herr, ich wußte, daß du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder." Sein Herr antwortete ihm: "Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewußt, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!" Denn, wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat."

Liebe Gemeinde,
es gibt keinen Glauben ohne den Mut zum Risiko. Gott ist kein Freund von feigen Leuten. Dafür ist das Gleichnis Jesu eine anschauliche Bildgeschichte (in heutigem Deutsch etwa so erzählt):
Ein Mann geht auf Reisen und will für die Zeit seiner Abwesenheit sein Geld in guten Händen wissen. Er ruft drei leitende Angestellte zu sich  und verteilt an sie beachtliche Summen. Der erste erhält sagen wir einmal 500.000,00 Euro, der Zweite erhält 200.000,00 Euro und der Dritte immerhin noch 100.000,00 Euro. Der Zweite, nicht faul zeichnet Bundesschatzbriefe und verdoppelt sein Vermögen. Der Erste, etwas Risikofreudigere, kauft Industrieaktien und das Risiko hat sich ausbezahlt. Der Dritte denkt: der Chef versteht alles, bloß keinen Spaß. Ich geh auf Nummer sicher! Er verwahrt die 100.000,00 Euro in einer Geldkassette. Sicher ist sicher.

Auch recht! So möchten wir meinen. Aber sein Verhalten ist nicht im Sinne des Geldgebers; denn der kommt zurück und läßt abrechnen. Vom Ersten erhält er das Doppelte der ausgegebenen Summe. Vom Zweiten ebenso. Der Dritte hat Ausflüchte und schlichtweg Angst! Angst, es könnte etwas schief gehen: "Es wäre mir unangenehm gewesen, wenn ich dir nicht alles auf Euro und Cent hätte zurückgeben können. Hier ist das Geld!" Aber der Chef läßt nicht mit sich reden. Er nimmt ihm die 100.000,00 Euro weg und gibt sie dem anderen. Fristlos entlassen steht dann auf dem Brief, der nachgeschickt wird.

Jesus sagt: "Wer hat, dem wird noch dazugegeben, damit er im Überfluß lebt; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat."

Erschrocken fragen wir als Zuhörer: "Was ist das für ein Lebensgesetz? Ist das Kapitalisten- Moral?" Täglich erleben wir das mehrfach, und es ist in den Medien belegt. Der erfolgreiche Politiker erhält noch einen Aufsichtsratsposten. Zu dem sowieso schon beliebten Typ gesellen sich noch ein paar Freunde mehr. Dem rundum Begabten wird noch mehr Erfolg und Anerkennung zu teil. Dem schon gut verdienende Spitzensportler erhält auch noch lukrative Werbeeinnahmen. Kürzlich hörte ich in einer TV-Talkshow einen Börsenmakler sagen: "Wer schon dreißig Jahre alt ist und noch immer kein Millionär, der ist selber schuld, dem ist nicht mehr zu helfen. Sind das die Peanuts der heutigen Gesellschaft?

Natürlich eignet sich unser Gleichnis nicht als christliche Anleitung für Alltagsgeschäfte. Es ermutigt nicht zum rücksichtslosen Umgang mit Besitz und Begabung auf Kosten der Ängstlichen. Gott, der Geber des Lebens, hat sich auch nicht wie der Mann vom Gleichnis verabschiedet. Er verteilt kein Geld und die Versager werden von ihm
auch nicht fristlos entlassen. Jesu Gleichnisse drängen immer zu einem ganz bestimmten Vergleichspunkt hin, der dann wie ein Brückenpfeiler die Verbindung zu unserem Glauben trägt. Und dieser Vergleichspunkt ist hier eine Frage: "Was fängst du mit deinen Talenten an?" Warum läßt du möglicherweise dein Talent verkommen? Dabei wurde schon sehr früh in der christlichen Kirche "das Talent", diese alte Münzeinheit, im Sinne unserer Begabung verstanden.

Gott der Geber des Lebens ist großzügig! Er beteiligt uns an dem, was er in der Welt vorhat. Wir sind bei ihm nicht außen vor gelassen, müssen nicht handeln und arbeiten ohne zu wissen, warum so und nicht anders, etwa in dem Sinne: "Überlasse das Denken mir."

Wiewiele Talente gibt es um uns herum, aber doch vor allem auch in uns selbst! Talente sind Geschenke, deren Wert wir zuweilen erst entdecken, wenn sie uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Schmecken kannst du und riechen; sprechen, lesen, hören, sehen, schreiben, rechnen. Du kannst lachen und andere zum Lachen bringen, wenn dir danach zu Mute ist. Lieben kannst du und dich lieben lassen, weinen und nach dem verlangen, was dir fehlt. Du kannst vielleicht musizieren oder malen, erziehen und fördern, pflegen und für die Würde eines Menschen eintreten. Du hast ein Gewissen, auch eine Gabe Gottes, und kannst Gottes Gebote als Angebote zum Leben verstehen.

Natürlich, es gibt Unterschiede: große, mittelmäßige und geringe Talente. Dennoch: Originalität und Einzigartigkeit sind gefragt. Fantasie für Gott und Menschen werden gebraucht. Denn Keiner ist ganz unbegabt. Niemand wird bei Gott überfordert. Jede/ Jeder ist zu etwas gut. Jede/ Jeder bekommt für sich und den anderen genug: genug Kraft, um den kleinen Tag mit seinen kleinen Sorgen zu bestehen, genug Kraft zum Loslassen und NEIN-Sagen, zum Staunen und zum Danken. Genug Kraft für die Aufgaben, die nun mal an mir hängen, für den Menschen, der mir anvertraut ist.

Susja, ein lebensfroher Rabbiner, hat uns einen wichtigen Gedanken hinterlassen: "Wenn ich einmal drüben auf der anderen Seite ankomme, wird man mich nicht fragen: "Warum bist du nicht Mose gewesen?" Man wird mich fragen: "Warum bist du nicht Susja (DU selbst) gewesen?" Warum warst du nicht der, als der du angelegt warst? Also, nur dieser eine, dieser ganz bestimmte einmalige Mensch mit seinen Gaben und mit seinen Grenzen, aber der ganz mit allem Drum und Dran, der ist gemeint.

Dabei sind große Begabungen kein Verdienst und kleine Begabungen keine Entschuldigung. Im Gegenteil: "Wem viel anvertraut ist, der ist auch viel schuldig." (Lukas 12,48) Und wer über Geringes treu ist, dem wird noch mehr anvertraut. Viele Menschen reiben sich an der Frage: Warum bin ich nicht so begabt, nicht so schön, nicht so reich, nicht so gesund, nicht so beliebt, wie die Nachbarn, nicht so beliebt, wie die Freundin, nicht so beliebt, wie der Kollege? Warum komme ich immer zu kurz ?

Aber schauen wir doch nicht so sehr auf das, was uns versagt bleibt. Entdecken wir lieber das uns Geschenkte! Auf dem AckerDas ist auch meine Lektion, an der ich täglich neu studiere. Denn Gott gibt unerschöpflich viel. Dazu zählt auch der Trost, den sich Menschen nicht selber zusprechen können. Dazu gehört auch die Lebensveränderung, die nicht uns, aber Gott sehr wohl möglich ist. Auch die Entlastung, die uns aufatmen läßt und frei sein für Neues. Merken wir: Es ist alles da, was das Leben gelingen läßt.  Daß vieles in uns verkümmert, weil wir es nicht benutzen, spüren wir oft selbst nicht. Hoffentlich sagen es uns andere. Mensch, was machst du bloß mit deinen Talenten?

Talente sind Gottes "Anlagekapital" in uns. Wer sie nicht ausgibt, für sich und für andere, verkommt selbst, samt seinen Begabungen. Wer seine Phantasie vergräbt, kommt zu kurz. Wer sein, wenn auch kleines Licht unter den Scheffel stellt, läuft Gefahr, daß es verlischt.

Es ist mit Begabungen wie mit unserem Körper. Muskeln und Gelenke versteifen, wenn sie nicht betätigt werden. Durch langes Liegen ermattet der Mensch. So ist es auch mit den Begabungen.

"Dann wird den anderen", sagt Jesus in unserer Bildgeschichte, "noch hinzugegeben werden." Denn wer für andere Menschen redet, sich einsetzt, erfährt selbst Zuspruch. Wer andere tröstet, wird selbst getröstet. Derjenige, der hilft, dem wird geholfen. Wer trägt , bekommt mehr Kraft zum Tragen. Das sind alles Zusagen unseres Gottes, die wir in der Bibel nachlesen können. Und es sind Erfahrungswerte vieler Christen.

Begabungen wachsen, wenn wir sie üben. Wer Lust hat, sich und andere besser zu verstehen, lernt zu hören. Selbst, was wir verschenken, ist nie verloren. Es kommt zurück als verdoppelte Freude.

Hier könnte die Predigt zu Ende sein, aber für uns heutige Menschen geht der Gedanke der Liebe Gottes mit uns Menschen noch weiter. Deshalb will meinen Blick noch einmal auf den dritten Knecht in unserem Gleichnis werfen. Ist er wirklich so untätig und faul? In Israel galt das Vergraben wertvoller Schätze als gewissenhafte, durchgängig praktizierte Diebstahlsicherung. Den Schatz zur Bank bringen ist bequemer. Nein, faul ist er nicht, der Dritte. Ja, ich sehe ihn so richtig vor mir, mit rotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn, während er seinen Schatz in die Erde schafft. Und wie erleichtert muß er gewesen sein, als er das Geld zurückgeben konnte. Warum steht gerade er am Ende mit leeren Händen vor seinem Geldgeber? Das Schlüsselwort seiner Rede war: "Ich hatte Angst". Zuerst war es die Angst vor den Dieben, dann vor der Verantwortung und zuletzt vor dem Risiko. Warum war der Knecht so furchtsam? Vielleicht hat er in seiner Kindheit und Jugend zu oft den Satz gehört: Du taugst nichts, aus dir wird nie etwas. Vielleicht wurde er verwöhnt, es wurde zuwenig von ihm verlangt. Seine Fähigkeiten konnte er erst gar nicht entdecken. Vielleicht hätte er so etwas wie einen Anlageberater für Talente nötig gehabt, einen Mensch, der ihn nicht nach dem Augenschein beurteilt, sondern das noch Verborgene herauslockt.

Ist das das letzte Wort über den Dritten? Wird er scheitern? Unsere Bildgeschichte hat Jesus von Nazareth erzäht. Er selbst hat alle Räume des Lebens, die der Freude und die der Angst ausgemessen. Er hat selbst erfahren, was es heißt, von Menschen verworfen zu werden, am Kreuz. Ihn, Jesus, nehme ich auch in Anspruch für diesen Dritten, für alle Dritten! Für alle, die sich nicht mehr trauen, das was ihnen anvertraut ist, zu erproben.

Jesus sieht Gottes Reich mitten unter uns im Anbruch. Er sieht alle Dinge im Licht der anbrechenden Gottesherrschaft. Gott, der unendliche Liebe vorhat, gibt nicht auf. Deshalb muß es auch nicht bei der Angst bleiben, die uns bisweilen den Tag verdirbt und verstellt und uns am Ausgeben unserer Talente hindert. Du kannst jetzt deine Wirklichkeit mit anderen Augen sehen lernen, kannst Gaben als Aufgaben entdecken, die Samenkörner der Liebe Gottes entschlüsseln.

Die Zukunft ist noch offen. Da, wo sich der liebende Gott durchsetzt, ergreift  alle Freude. "Geh ein zu der Freude des Herrn", darauf dürfen wir uns verlassen, denn: Du Herr, heißt uns hoffen und gelassen vorwärts schaun, deine Zukunft steht uns offen, wenn wir dir fest vertraun.

Maria Ling


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