Mit Jesus unterwegs
Gottesdienst am 17.09.2006

Markus 10,46-52

Sie kamen nach Jericho. Als Jesus die Stadt wieder verließ, gefolgt von seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge, saß da am Straßenrand ein Blinder und bettelte. Es war Bartimäus, der Sohn von Timäus. Als er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, der da vorbeikam, fing er an, laut zu rufen: "Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!" Viele fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: "Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!" Da blieb Jesus stehen und sagte: "Ruft ihn her!" Einige liefen zu dem Blinden hin und sagten zu ihm: "Fasse Mut, steh auf! Jesus ruft dich!" Da warf der Blinde seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus. "Was willst du?" fragte Jesus. "Was soll ich für dich tun?" Der Blinde sagte: "Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!" Jesus antwortete: "Geh nur, dein Vertrauen hat dir geholfen!" Im gleichen Augenblick konnte er sehen und folgte Jesus auf seinem Weg. 

Liebe Gemeinde,
zu Beginn möchte ich mit Ihnen ein Gedankenexpermiment machen. Sie werden nachher verstehen, warum wir es nur in Gedanken machen. 

Dazu möchte ich Sie bitten, die Augen zu schließen. Sie spüren nun, wie Sie auf dem Stuhl sitzen und sind ganz gelassen. Stellen Sie sich vor, wie Sie aufstehen, und auch in Gedanken sind Ihre Augen geschlossen. Sie versuchen zum Ausgang des Gottesdienstraumes zu kommen - was erleben Sie dabei? Müssen Sie vielleicht erstmal durch die ganze Reihe gehen, bevor Sie im Mittelgang stehen? Stoßen Sie sich womöglich an sämtlichen Stühlen? Rempeln Sie andere an? Kleiner Tipp: Passen Sie auf, dass Sie nicht gegen die Tür laufen ! 

Sie dürfen Ihre Augen nun wieder öffnen.
Können Sie sich das Chaos vorstellen, dass hier geherrscht hätte, wenn wir alle versucht hätten, blind den Raum zu verlassen? Ich will gar nicht wissen, was Außenstehende darüber gedacht hätten!

Aber es ist doch eindeutig, wie Sie sich gefühlt haben müssen: Sie hatten nur eine wage Vorstellung, wo Sie hingehen müssen und waren eigentlich ziemlich hilflos. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie müssten jeden Tag so verleben wie Bartimäus. Für mich unvorstellbar! Heutzutage gibt es ja vieles, was den Blinden-Alltag verbessert: Blindenhunde, Blindenschrift, sogar Heime und Schulen. Aber damals zu Jesu Zeiten war Blindheit viel schlimmer als heute: Man konnte nicht arbeiten gehen, nichts anbauen und musste somit betteln um zu überleben. 

So etwas Ähnliches habe ich diesen Sommer erlebt. Keine Panik, ich war nicht blind und musste weder betteln noch hungern, aber meine Brille ist mir kaputt gegangen und das auf einer Art kleiner Kreuzschifffahrt. Sie ist von einem Deck aufs andere, also knapp 4-5 Meter tief, gefallen und hatte in einem Glas einen riesigen Riss. BrilleFür mich ein halber Weltuntergang, und alle Brillen- und Kontaktlinsenträger können mich bestimmt verstehen. Ich konnte noch nicht mal Schilder lesen ohne meine Brille und bin meinem Bruder dann wie ein kleiner Hund den ganzen Tag hinterher gelaufen. 

Da habe ich erst richtig gemerkt, wie abhängig ich von diesem Teil bin. Ich konnte meine Familie in größeren Menschenansammlungen kaum finden. Sie kennen dieses Gefühl vielleicht noch aus Ihrer Kindheit, wenn Sie Ihre Mutter beim Einkaufen verloren haben. Man fühlt sich richtig klein und allein gelassen. 

Egal, ob zu Jesu Zeiten, in Gedanken oder in der Realität, wenn man nichts oder nur schlecht sehen kann, fühlt man sich hilflos und einsam. In unserer heutigen Welt kein Einzelfall mehr. Man steht da, hat ein Riesenproblem und rundherum scheint sich alles über einem aufzutürmen, man wird immer kleiner, kriegt Angst, und es ist niemand da, so verzweifelt man sucht. Niemand? Ich kenne da so einen, der Licht in die Sache bringen will, er heißt Jesus und ist für Sie gestorben. Er liebt Sie und möchte, dass Sie klar sehen, das Wichtige im Leben im Blick haben, Ihren Weg im Blick haben. 

Ich stelle mir das so vor: Man steht an einem Weg und guckt in die Landschaft um sich herum: Alles nur verschwommen, die Berge, die Wiesen, selbst der Weg mit all seinen Abzweigungen. Man wird so langsam panisch, weil man nicht genau weiß, was einen erwartet. In dieses Bild kommt Jesus rein und schenkt uns eine Brille, genau in unserer Stärke. Und während wir dieses Wunderwerk der Technik noch bestaunen, reicht Jesus uns seine Hand. Das klingt doch voll nach Happy End oder? Sie und Jesus, Hand in Hand, wie Sie in den Sonnenuntergang laufen bis in Ewigkeit, mit klarer Sicht und auf dem richtigen Weg! 

Ich denke nicht, dass das so vonstatten ginge. Jesus möchte zwar unser Begleiter sein, aber er möchte auch unser Leben verändern, lassen wir das wirklich zu? Und was passiert, wenn man mit jemand neuem oder vielleicht einem alten Bekannten unterwegs ist? Man fragt sich, ob man demjenigen und in wiefern man ihm vertrauen kann.

Dazu möchte ich Ihnen zwei Geschichten erzählen. Die erste handelt von einer Freundin von mir. Sie ist Christ, deshalb habe ich sie während meiner Vorbereitungen gefragt: "Vertraust du Gott eigentlich immer 100%ig? Oder gab es schon mal Situationen, in denen du das Problem lieber allein gelöst hast?" Da meinte sie: "Nö, ich vertraue Gott total. Ist doch echt chillig: Wenn du ein Problem hast, gibst du es einfach Gott, und der macht das dann für dich. Voll easy und du brauchst dich um nichts mehr kümmern." 

Ich möchte diese Erfahrung einfach mal so stehen lassen und Ihnen die zweite, meine Geschichte erzählen. Wie Sie wissen, ist mir ja meine Brille im Urlaub kaputt gegangen. Ich ging zur Rezeption auf diesem Schiff, um nach dem nächsten Optiker zu fragen. Die Dame konnte mir jedoch nur mit einem gekonnten Dauergrinsen versichern, dass ich wohl noch ein paar Tage warten müsse, bis wir einen geeigneten Hafen anlaufen würden. Somit bin ich die nächsten 1 ½ Tage gegen Wände, Türen, Menschen und sonstige Dinge gelaufen. Oder ich hatte meine Sonnenbrille auf, was tagsüber bei Sonnenschein ja okay war. Nur spätestens beim Abendessen haben mich die Leute total schräg angesehen. Ich fühlte mich wie ein Mafioso! Nach 1 ½ Tagen voller Verzweiflung bin ich also noch mal zu der netten Dame an der Rezeption gegangen und gerade, als sie mich wieder abwimmeln wollte, drehte sich eine andere Frau um und meinte, sie habe sich die Augen lasern lassen und noch Kontaktlinsen übrig. Und wissen Sie was? Die Linsen hatten genau meine Stärke! Erst als mein Urlaub fast zu Ende war, bedankte ich mich mit einem schlechten Gewissen bei Gott, dass er mir in dieser Situation geholfen hatte. 

So, wo sind nun die Fehler in den beiden Geschichten? Bingo: Meine Freundin nimmt das mit dem Vertrauen viel zu locker. Sie lehnt sich einfach zurück und lässt Gott machen, ohne einen Finger zu krümmen. Ich wiederum habe gar nicht an Gott gedacht, sondern wollte mein Problem ohne Gottes Hilfe lösen. Was dumm war, denn andersherum wäre es viel, viel leichter gewesen! Ich lasse Jesus auf meinem Weg auf irgendeiner Bank zurück und versuche mir meinen Weg ohne Brille zu ertasten. Meine Freundin lässt sich tragen, fragt sich nur, wer sie denn nun huckepack nimmt. Ist es wirklich immer Jesus? Oder klettert sie einfach auf irgendeinen Rücken und kann nicht genau erkennen, wer unter ihr ist, weil sie keine Brille aufhat? Meine Freundin hat einen Arbeitsplatz gesucht, dieses Problem wie schon angedeutet einfach Gott überlassen - sie hat auch eine Arbeit gefunden, aber vielleicht hat Jesus sie gar nicht zu dieser Arbeitsstelle getragen, sondern eine ganz andere Macht. Denken wir mal weiter: Wenn wir unbewusst einfach irgendwelchen anderen Mächten vertrauen, wo kommen wir da denn raus? 

Wie gehen Sie den Weg mit Jesus? 

Das war der 1. Schritt auf dem Weg mit Jesus: Vertrauen zu ihm fassen. 

Der zweite heißt: Selbst vertrauenswürdig werden! Wenn Sie schon längst mit Jesus unterwegs sind, ein super ausbalanciertes Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut haben, dann sollten Sie dieses Glück mit anderen teilen und Ihre Erfahrungen weitergeben, an Bedürftige, an Blinde. 

Als Bartimäus zu Jesus wollte, sagten die Menschen: Halt den Mund! Und drängten ihn von Jesus weg, obwohl Bartimäus ihn wahrscheinlich viel nötiger gebraucht hätte. Mir ist klar geworden, dass ich manchmal auch so bin wie diese Menschen. Es gibt Sonntage, an denen sitze ich hier im Gottesdienst und das Programm spricht mich keinen Meter an, es werden Lieder gesungen, die ich nicht gut kenne oder nicht mag, ich kann mich nicht wirklich frei machen von meinen Alltagsproblemen und mich auf Gott konzentrieren, auch die Predigt bringt mir nichts und hinterher finde ich keine guten Gespräche. Nach dem Gottesdienst denke ich dann: Toll, das hat mir ja gar nichts gebracht, da hätte ich auch ausschlafen können. Oder auch im Jugendkreis: Manchmal gibt der Abend mir einfach nichts, ich habe keine außergewöhnlichen Begegnungen und das Thema ist langweilig. 

Anhand der Bartimäusgeschichte ist mir klar geworden, dass ich manchmal wirklich wie diese Menschen bin, die den Blinden wegdrängen wollen, und ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Denn genau so will doch niemand sein! Diese Leute sind doch die unsympathischsten Charaktere in dieser Jesusbegegnung! Mir ist klar geworden, dass es sich nicht immer um mich drehen kann, ob ich was mitnehmen kann, ob ich Spaß habe, ob ich gute Begegnungen habe; es geht vielmehr um andere. Meine Aufgabe ist es, andere Menschen dahin zu bringen, dass sie Jesus in der ersten Reihe begegnen, dass sie Spaß haben, dass sie was mitnehmen können, dass sie gute Gespräche haben. Somit beschenke ich andere und werde selbst reich dabei! 

Was ich Ihnen also heute mitgeben möchte ist: 

  1. dass Sie sich einlassen auf Jesus und seine Gemeinschaft auf dem gemeinsamen Weg
  2. dass Sie Ihr Vertrauensverhältnis zu Jesus klären
  3. dass Sie anderen Blinden zu klarer Sicht auf das Wichtige verhelfen. 
Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns. (Thomas Laubach)
Melanie Karsten


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