|
|
|
ich stand in der vergangenen Woche noch unter dem Eindruck der Norddeutschen Jährlichen Konferenz in Berlin, an der ich teilgenommen habe. In diesem Jahr wird in allen Jährlichen Konferenzen 150 Jahre Methodismus in Deutschland gefeiert. 1850 wurde die erste methodistische Gemeinde in Bremen gegründet. Das Thema, das daraus abgeleitet über der diesjährigen NJK stand, hieß: "Mit Christus unterwegs". Natürlich
haben wir da und dort zurückgeschaut in die Geschichte, voller Dankbarkeit
dafür, wie Gott unter und durch unsere Väter und Mütter
gewirkt hat und voll Bewunderung für ihren großen und begeisterten
Einsatz für das Evangelium. Wir haben altbekannte und neuübersetzte
Lieder von Charles Wesley gesungen und uns mit zentralen Begriffen methodistischer
Theologie wie Bekehrung, Heilsgewissheit und Heiligung beschäftigt.
Daneben waren die normalen Konferenzgeschäfte zu erledigen -
Berichte mußten entgegengenommen werden, Personal-, Finanz- und Ordnungsangelegenheiten
waren zu beraten. Doch in allem wurde unser Blick immer wieder nach
vorne gerichtet, denn das Konferenzthema stand uns groß vor Augen:
Mit Christus unterwegs - nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in
der Zukunft. Wir haben nicht nur in der Geschichte gegraben, um uns auf
die Schulter klopfen zu können, wie toll wir einmal waren, und wir
haben auch nicht nur an der Gegenwart herumgemäkelt, weil alles so
schwierig geworden ist, sondern haben eine sog. "Prioritätendiskussion"
geführt: Was bedeutet es für uns, mit Christus unterwegs zu sein?
Wo sehen wir unseren Auftrag als Evangelisch- methodistische Kirche?
Was soll für uns als Konferenz und für die einzelnen Gemeinden
Priorität haben in den nächsten 10 Jahren?
Es gab dazu verschiedene Vorlagen, die im Detail heftig diskutiert wurden, sich in der Grundlinie aber einig waren: Evangelisation, das Heraustreten aus dem engen Rahmen unserer Gemeinden, die Verkündigung des Evangeliums für Menschen, die sich bisher von Kirche und Glauben distanzieren, soll unsere Priorität sein. Man kann sagen: Das ist doch eine Selbstverständlichkeit - muss das überhaupt festgeschrieben werden? Man könnte uns auch vorwerfen: Jetzt, wo die Gliederzahlen zurückgehen, besinnen sie sich plötzlich auf ihren Auftrag - geht es wirklich um die Menschen, oder geht es darum, bessere Zahlen, größere Gemeinden vorweisen zu können? Wir sind davor sicher nicht ganz gefeiht. Aber so falsch wie es wäre, nur um größerer Zahlen willen missionarische Kirche sein zu wollen, so falsch wäre es auch, sinkende Kirchengliederzahlen als unabänderliches Schicksal hinzunehmen und die Schuld nur bei den modernen Menschen zu suchen, die eben nichts mehr von Gott wissen wollen. Ein zentraler neutestamentlicher Text zur Frage unseres Auftrags als Christen in der Welt steht am Ende des Matthäusevangeliums, der sog. Missionsbefehl. Es ist ein nachösterlicher Text, der den Jüngern damals und auch uns heute Antworten gibt auf die Frage: Wie geht es denn jetzt weiter, nach Ostern, nach der Auferstehung? Jesus zeigt sich seinen
Jüngern (Matthäus 28,16-20)
Dieser Text ist historisch gesehen ziemlich belastet.
Leider ist in der Geschichte der Christenheit Mission immer wieder auf
eine Weise betrieben worden, dass es nicht darum ging, Menschen die befreiende
Botschaft des Evangeliums zu verkündigen, sondern um knallharte Machtausübung.
Politik, Wirtschaft, Kultur und christlicher Glaube wurden als Einheit
gesehen und die Taufe notfalls mit Waffengewalt durchgesetzt. Unter dem
Deckmantel des Missionsbefehls wurden andere Kulturen und Lebensräume
mißachtet und zerstört.
wir Anteil haben. Das ist die Basis für alles, was Jünger und Jüngerinnen Christi in seinem Namen leben, sagen und tun: Es steht nicht in unserer Macht, sondern in seiner. Wo wir das vergessen, handeln wir eigenmächtig und versuchen, anderen unsere Meinung überzustülpen anstatt ihnen Christus zu verkündigen. Wohin dies führt, zeigen uns eben unzählige Beispiele aus der Geschichte in beschämender Weise. Aber auch die anderen Beispiele gibt es: Wo Menschen in Christi Namen und Auftrag handeln, da lassen sich Menschen von der Macht der Liebe gewinnen - da kommen wie in den ersten Gemeinden der Apostelgeschichte, zu Zeiten John Wesleys, in Willow Creek und an vielen anderen Orten Menschen zum lebendigen Glauben an Christus und entdecken, wie befreiend es ist, sich seiner Macht anzuvertrauen. 2 Auf dieser Basis gibt der Auferstandene den Jüngern und Jüngerinnen ihren Auftrag zumindest auch bei der Konferenz in Berlin. Kann man Menschen zu "Jüngern machen"? Stehen wir da nicht in der Gefahr, den menschlichen Machbarkeitswahn auch auf Fragen des Glaubens auszudehnen. Entspricht es nicht viel mehr dem biblischen Zeugnis, dass Gott allein den Glauben wirkt und wir andere nur dazu einladen, sie aber nicht zu Jüngern machen können? Diese Einwände sind sicher richtig. "Menschen zu Jüngern zu machen" klingt im Deutschen noch missverständlicher als im Griechischen, wo an dieser Stelle ein nicht direkt übersetzbares Wort steht, nämlich ein aus dem Substantiv "Jünger" gebildetes Verb "jüngern". Es ist richtig, dass wir Menschen es nicht "machen" können, dass andere zum Glauben an Jesus Christus kommen. Das hat auch Petrus in seiner Predigt in Apostelgeschichte 3 und 4, gesagt: "Der Name Jesu hat in dem Gelähmten, der geheilt wurde, Glauben geweckt." Und doch ist es interessant, dass Jesus seine Jünger nicht damit beauftragt, Menschen von der Liebe Gottes zu erzählen oder sie mit dem Evangelium vertraut zu machen, sondern: "macht sie zu Jüngern und Jüngerinnen". Damit wird die Zielrichtung seines Auftrags deutlich: Es geht nicht nur darum, dass wir Menschen auf Jesus hinweisen sollen oder in ihnen so eine allgemeine Zustimmung entstehen soll: an diesem Jesus könnte etwas dran sein. Nein, es geht um eine persönliche Verbindung zu Jesus Christus und auch um die Einbindung in die Gemeinschaft derer, die ihm nachfolgen. Jesus gibt uns den Auftrag, seine Gemeinde zu bauen. Er will in uns nicht modernen Machbarkeitswahn wecken, aber er will uns vielleicht vor zu vornehmer Zurückhaltung warnen. Wieviel leichter ist es, mit anderen ganz allgemein über Gott und seine Liebe zu dieser Welt zu sprechen, als sie ganz konkret zu einer Beziehung zu Jesus Christus einzuladen oder gar dazu aufzufordern. Und doch ist es das, worum es hier geht - nicht um anderen etwas überzustülpen, aber mit dem Ziel, dass sie sich in der Taufe die Liebe und Annahme Gottes zusprechen lassen und dass sie ihr Leben an dem ausrichten, was Jesus gesagt und getan hat. Wo dies geschieht, werden wir es immer auch als Geschenk und Wirken Gottes und nicht "von uns gemacht" erleben. Der Ausdruck "Menschen zu Jüngern zu machen" klingt provozierend - und ich glaube, das muss so sein, damit er uns wirklich herausfordert. 3 Mit seinem Auftrag läßt Jesus die Jünger und uns nicht allein, sondern gibt uns eine Verheißung Unser Auftrag Gott sind alle Menschen wichtig.
andere Dinge – die auch ihre gute Berechtigung haben mögen - zurückzustellen. Jesus beauftragt uns nicht dazu, unter uns zu bleiben und uns das Gemeindeleben möglichst schön zu machen - sondern er gibt uns den Auftrag: Geht hinaus. Traut euch, mit euren Nachbarn und Arbeitskolleginnen über euren Glauben zu reden. Steht dazu, dass die Bibel und Jesus Christus für euch keine verstaubten Dinge aus der Vergangenheit sind, sondern aktuell euer Leben prägen und bestimmen. Überlegt euch, was und wer in eurem persönlichen Leben wirklichPriorität hat - das Leben ist mit seinen Ansprüchen und Möglichkeiten so vielfältig geworden, dass kaum jemand all das tun und verwirklichen kann, was er oder sie gerne möchte und eigentlich wichtig fände. Umso wichtiger ist es, zwischendurch innezuhalten und zu fragen: Was soll wirklich Priorität haben in meinem Leben? Wo willst du, Herr mich haben? Welche Aufgaben in der Gemeinde, im Beruf, in der Familie, in meinem Bekanntenkreis, an meinem Wohnort oder wo auch immer trägst du mir auf? Und wo hilfst du mir auch, loszulassen, auf manche Aktivitäten zu verzichten, damit ich mich nicht zu sehr verzettle? Zu welchen Menschen in der Welt sendest du mich - damit ich sie durch mein Reden und Tun auf dich aufmerksam mache - "zu Jüngern mache"? Das Neue Testament berichtet uns, wie die Jünger wirklich ihr eigenes Leben aufgegeben, ihre persönlichen Bedürfnisse zurückgestellt und sich ganz in den Dienst des Evangeliums und des Missionsauftrags gestellt haben. Auch in der Kirchengeschichte und bis in unsere Zeit gibt es immer wieder solche Menschen. Ich glaube nicht, dass Jesus von uns allen erwartet, dass wir sämtliche persönlichen Wünsche und Bedürfnisse zurückstellen. Aber es bleibt doch für mich immer wieder die Herausforderung, meine persönlichen Wünsche und Bedürfnisse am Evangelium messen zu lassen und mich zu prüfen: Wieviel von meinem Leben bin ich bereit, Jesus wirklich zur Verfügung zu stellen, der für mich alles getan hat. Wie gesagt: "Machen" kann ich es nicht, dass andere sich Jesus Christus öffnen und sich für ein Leben mit ihm entscheiden. Aber in seiner Vollmacht, in seinem Auftrag und unter seiner Verheißung leben, reden und handeln, das kann ich, das können wir alle. So ist es meine Hoffnung und mein Gebet für die Norddeutsche Konferenz, für unsere Gemeinde hier und für mich ganz persönlich, dass wir zuversichtlich, für andere einladend und ansteckend mit Christus unterwegs sind. Amen. Irene
Kraft
|