Mit Christus unterwegs
Gottesdienst am 07.05.2000
Liebe Gemeinde,
ich stand in der vergangenen Woche noch unter dem Eindruck der Norddeutschen Jährlichen Konferenz in Berlin, an der ich teilgenommen habe. In diesem Jahr wird in allen Jährlichen Konferenzen 150 Jahre Methodismus in Deutschland gefeiert. 1850 wurde die erste methodistische Gemeinde in Bremen gegründet. Das Thema, das daraus 
abgeleitet über der diesjährigen NJK stand, hieß: "Mit Christus unterwegs". FußspurenNatürlich haben wir da und dort zurückgeschaut in die Geschichte, voller Dankbarkeit dafür, wie Gott unter und durch unsere Väter und Mütter gewirkt hat und voll Bewunderung für ihren großen und begeisterten Einsatz für das Evangelium. Wir haben altbekannte und neuübersetzte Lieder von Charles Wesley gesungen und uns mit zentralen Begriffen methodistischer Theologie wie Bekehrung, Heilsgewissheit und Heiligung beschäftigt. Daneben waren die normalen Konferenzgeschäfte zu erledigen -  Berichte mußten entgegengenommen werden, Personal-, Finanz- und Ordnungsangelegenheiten waren zu beraten.  Doch in allem wurde unser Blick immer wieder nach vorne gerichtet, denn das Konferenzthema stand uns groß vor Augen: Mit Christus unterwegs - nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Zukunft. Wir haben nicht nur in der Geschichte gegraben, um uns auf die Schulter klopfen zu können, wie toll wir einmal waren, und wir haben auch nicht nur an der Gegenwart herumgemäkelt, weil alles so schwierig geworden ist, sondern haben eine sog. "Prioritätendiskussion" geführt: Was bedeutet es für uns, mit Christus unterwegs zu sein? Wo sehen wir  unseren Auftrag als Evangelisch- methodistische Kirche? Was soll für uns als Konferenz und für die einzelnen Gemeinden Priorität haben in den nächsten 10 Jahren?
Es gab dazu verschiedene Vorlagen, die im Detail heftig diskutiert wurden, sich in der Grundlinie aber einig waren: Evangelisation, das Heraustreten aus dem engen Rahmen unserer Gemeinden, die Verkündigung des Evangeliums für Menschen, die sich bisher von Kirche und Glauben distanzieren, soll unsere Priorität sein. Man kann sagen: Das ist doch eine Selbstverständlichkeit - muss das überhaupt festgeschrieben werden? Man könnte uns auch vorwerfen: Jetzt, wo die Gliederzahlen zurückgehen, besinnen sie sich plötzlich auf ihren Auftrag - geht es wirklich um die Menschen, oder geht es darum, bessere Zahlen, größere Gemeinden vorweisen zu können? Wir sind davor sicher nicht ganz gefeiht. Aber so falsch wie es wäre, nur um größerer Zahlen willen missionarische Kirche sein zu wollen, so falsch wäre es auch, sinkende Kirchengliederzahlen als unabänderliches Schicksal hinzunehmen und die Schuld nur bei den modernen Menschen zu suchen, die eben nichts mehr von Gott wissen wollen.
Ein zentraler neutestamentlicher Text zur Frage unseres Auftrags als Christen in der Welt steht am Ende des Matthäusevangeliums, der sog. Missionsbefehl. Es ist ein nachösterlicher Text, der den Jüngern damals und auch uns heute Antworten gibt auf die Frage: Wie geht es denn jetzt weiter, nach Ostern, nach der Auferstehung?

Jesus zeigt sich seinen Jüngern (Matthäus 28,16-20)
16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, zu dem Jesus sie bestellt hatte. 
17 Als sie ihn sahen, warfen sie sich vor ihm nieder, doch einige hatten auch Zweifel. 
18 Jesus trat auf sie zu und sagte: "Gott hat mir unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben. 
19 Darum geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern und Jüngerinnen!
Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, 
20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe.
Und das sollt ihr wissen: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Dieser Text ist historisch gesehen ziemlich belastet. Leider ist in der Geschichte der Christenheit Mission immer wieder auf eine Weise betrieben worden, dass es nicht darum ging, Menschen die befreiende Botschaft des Evangeliums zu verkündigen, sondern um knallharte Machtausübung. Politik, Wirtschaft, Kultur und christlicher Glaube wurden als Einheit gesehen und die Taufe notfalls mit Waffengewalt durchgesetzt. Unter dem Deckmantel des Missionsbefehls wurden andere Kulturen und Lebensräume mißachtet und zerstört.
Bis in die Gegenwart heinein sind fatale Folgen eines problematischen Missions- und Evangelisationsverständnisses zu spüren. Die Psychologie hat dafür sogar einen eigenen Begriff geprägt: Unter ekklesiogenen Neurosen leiden Menschen, die nicht zurechtkommen mit der Art, wie christlicher Glaube ihnen vermittelt wurde, die nicht die Freiheit des Evangeliums kennengelernt haben, sondern eine beängstigende, krankmachende Enge und Gesetzlichkeit.
Wir Menschen haben die Neigung, als Reaktion von einem als falsch erkannten Extrem ins andere umzuschlagen. Auf ein zumindest teilweise schwieriges Missionsverständnis folgte die Devise: Wir müssen in der 
dritten Welt in erster Linie Entwicklungshilfe leisten und auch hier bei uns nicht viel vom Glauben reden, sondern ihn glaubwürdig vorleben. Die Menschen können ja kommen - unsere Kirchentüren stehen offen. Doch sehr erfolgreich war dieses Modell nicht. Mehr und mehr Menschen haben sich in den letzten 20 Jahren von Glauben und Kirche abgewandt. Von dort erwarten sie keine Antworten auf ihre Fragen und ihr religiöses Suchen, das da und dort ja durchaus vorhanden ist. 
In den letzten Jahren besinnen viele Christen sich wieder verstärkt auf den Missionsauftrag und suchen nach Wegen, ihn in der heutigen Zeit umzusetzen. Deshalb also die Prioritätendiskussion der Norddeutschen Jährlichen Konferenz, 
deshalb auch viele Diskussionen, die wir hier in Neuenhain schon geführt haben und wo wir uns immer wieder fragen: Was ist unser Auftrag? Wozu sind wir als Gemeinde da?  Was heißt es für uns heute - als Gemeinde hier in Neuenhain und als Einzelne - mit Christus unterwegs zu sein?
Der Missionsauftrag ist eine Priorität, die Jesus selbst gesetzt hat. Er ist das Vermächtnis seines Lebens auf der Erde 
an seine Jünger und Jüngerinnen. Er galt nicht nur den elf Jüngern damals und auch nicht nur den ersten Gemeinden, sondern ist bis heute aktuell, unabhängig von allem Mißbrauch und Mißverständnissen, die passiert sein mögen. 
Drei Dinge gibt der Auferstandene den Jüngern damals in Galiläa und uns heute mit:
Wir sind mit Christus unterwegs

  • auf Grund seiner Vollmacht
  • in seinem Auftrag
  • unter seiner Verheißung
1 Christus sendet uns auf Grund seiner Vollmacht
"Gott hat mir unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben." oder nach Luther: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden". Es ist Gott selber, der im Auferstandenen begegnet. In der Auferweckung Jesu hat das Leben über den Tod gesiegt, die Liebe über das Böse, auch wenn das im täglichen Leben noch nicht immer offenkundig ist. Wer sich Jesus Christus anvertraut, steht auf der Seite des Lebens, hat eine Macht hinter sich, die stärker ist als alle anderen Mächte. Aber es ist nicht die Macht brutaler Gewalt, sondern die Macht der Liebe, die niemanden zwingt und vergewaltigt, sondern gewinnen und überzeugen möchte. Wer sich dieser Macht anvertraut, wird ihren Halt und ihre Kraft erfahren auch in aller Ohnmacht. Es ist aber nie die eigene Macht und Kraft, sondern bleibt Gottes Macht, an der 
wir Anteil haben. Das ist die Basis für alles, was Jünger und Jüngerinnen Christi in seinem Namen leben, sagen und tun: Es steht nicht in unserer Macht, sondern in seiner. Wo wir das vergessen, handeln wir eigenmächtig und versuchen, anderen unsere Meinung überzustülpen anstatt ihnen Christus zu verkündigen. Wohin dies führt, zeigen uns eben unzählige Beispiele aus der Geschichte in beschämender Weise. Aber auch die anderen Beispiele gibt es: Wo Menschen in Christi Namen und Auftrag handeln, da lassen sich Menschen von der Macht der Liebe gewinnen - da kommen wie in den ersten Gemeinden der Apostelgeschichte, zu Zeiten John Wesleys, in Willow Creek und an 
vielen anderen Orten Menschen zum lebendigen Glauben an Christus und entdecken, wie befreiend es ist, sich seiner Macht anzuvertrauen.

2 Auf dieser Basis gibt der Auferstandene den Jüngern und Jüngerinnen ihren Auftrag 

Geht, erzählt weiter, was ihr erlebt habt, "macht zu Jüngern alle Völker". Die Apostelgeschichte erzählt uns, wie das geschehen ist und sich das Evangelium wirklich in atemberaubender Geschwindigkeit in der ganzen damals bekannten Welt ausgebreitet hat. Heute haben viele eine gewisse Scheu vor dieser Formulierung des Missionsaufrags - so war es 
zumindest auch bei der Konferenz in Berlin. Kann man Menschen zu "Jüngern machen"? Stehen wir da nicht in der Gefahr, den menschlichen Machbarkeitswahn auch auf Fragen des Glaubens auszudehnen. Entspricht es nicht viel mehr dem biblischen Zeugnis, dass Gott allein den Glauben wirkt und wir andere nur dazu einladen, sie aber nicht zu Jüngern machen können? Diese Einwände sind sicher richtig. "Menschen zu Jüngern zu machen" klingt im Deutschen noch missverständlicher als im Griechischen, wo an dieser Stelle ein  nicht direkt übersetzbares Wort steht, nämlich ein aus dem Substantiv "Jünger" gebildetes Verb "jüngern". Es ist richtig, dass wir Menschen es nicht "machen" 
können, dass andere zum Glauben an Jesus Christus kommen. Das hat auch Petrus in seiner Predigt in Apostelgeschichte 3 und 4, gesagt: "Der Name Jesu hat in dem Gelähmten, der geheilt wurde, Glauben geweckt." Und doch ist es interessant, dass Jesus seine Jünger nicht damit beauftragt, Menschen von der Liebe Gottes zu erzählen oder sie mit dem Evangelium vertraut zu machen, sondern: "macht sie zu Jüngern und Jüngerinnen". Damit wird die  Zielrichtung seines Auftrags deutlich: Es geht nicht nur darum, dass wir Menschen auf Jesus hinweisen sollen oder in ihnen so eine allgemeine Zustimmung entstehen soll: an diesem Jesus könnte etwas dran sein. Nein, es geht um eine persönliche Verbindung zu Jesus Christus und auch um die Einbindung in die Gemeinschaft derer, die ihm nachfolgen. Jesus gibt uns den Auftrag, seine Gemeinde zu bauen. Er will in uns nicht modernen Machbarkeitswahn wecken, aber er will uns vielleicht vor zu vornehmer Zurückhaltung warnen. Wieviel leichter ist es, mit anderen ganz allgemein über Gott und seine Liebe zu dieser Welt zu sprechen, als sie ganz konkret zu einer Beziehung zu Jesus Christus einzuladen oder gar dazu aufzufordern. Und doch ist es das, worum es hier geht - nicht um anderen etwas überzustülpen, aber mit dem Ziel, dass sie sich in der Taufe die Liebe und Annahme Gottes zusprechen lassen und dass sie ihr Leben an dem ausrichten, was Jesus gesagt und getan hat. Wo dies geschieht, werden wir es immer auch als Geschenk und Wirken Gottes und nicht "von uns gemacht" erleben. Der Ausdruck "Menschen zu Jüngern zu machen" klingt provozierend - und ich glaube, das muss so sein, damit 
er uns wirklich herausfordert. 

3 Mit seinem Auftrag läßt Jesus die Jünger und uns nicht allein, sondern gibt uns eine Verheißung

"Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt." Was immer auch passiert, wir sind mit Christus unterwegs. Das gilt für unser persönliches Leben, aber auch für das Leben unserer Gemeinde und Kirche: Dann, wenn wir Jesus ganz nahe sind und ihn deutlich vor uns sehen wie die Jünger auf dem Berg, ist er da. Auch dort, wo wir wie einige von ihnen unsere Zweifel haben und uns fragen, ob das denn nicht alles zu schön und zu einfach sei, um wahr zu sein, ist er uns nah. Und auch in den Niederungen des Alltags oder in den finsteren Tälern der Probleme und Sorgen ist er da wie ein guter Hirte. Auf ihn ist Verlass. Und nur weil er mit uns unterwegs ist, ist auch seine Gemeinde und seine Kirche noch da. Trotz aller Höhen und Tiefen, trotz allem menschlichen Versagen, hat er sich immer wieder als der Lebendige und glaubwürdige Herr erwiesen, dem das eigene Leben anzuvertrauen sich lohnt. Das ist die Priorität, die in Jesus Christus Gott selbst sich gesetzt hat: Er will mit  uns Menschen unterwegs zu sein,  für uns dasein, uns anzuleiten zu einem Leben, das Gott, unsere Mitmenschen und die Schöpfung achtet. - Und er wünscht sich sehnlichst, dass andersherum er in unserem Leben Priorität hat. Als Gemeinde haben wir vor etwa eineinhalb Jahren formuliert, was das für uns bedeutet und wie wir unseren Auftrag abgeleitet aus dem Missionsauftrag aus Matthäus 28 sehen.

Unser Auftrag  

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Matthäus 28, 19+20a  

Gott sind alle Menschen wichtig.

  • Wir laden die Menschen unserer Umgebung zu einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus ein.
  • Gottes Liebe zu unseren Mitmenschen bewegt uns, uns für sie einzusetzen.
  • Wir heißen alle in unserer Gemeinde willkommen und nehmen sie an.
  • Wir gestalten unsere Gemeinde bewusst so, dass sie anziehend und einladend auf Menschen wirkt.
Es ist gut, sich das immer wieder einmal vor Augen zu führen und unser Gemeindeleben daran zu überprüfen. Bei den Gruppengesprächen während der Norddeutschen Konferenz ging es oft darum, dass wir uns den Missionsauftrag Jesu ja schon neu zu Herzen nehmen möchten, aber dass wir oft in der Gefahr stehen, ihn zu allen anderen Gemeindeaktivitäten hinzuzufügen und uns so selber zu überfordern. Prioritäten zu setzen heißt gleichzeitig, 
andere Dinge – die auch ihre gute Berechtigung haben mögen - zurückzustellen. Jesus beauftragt uns nicht dazu, unter uns zu bleiben und uns das Gemeindeleben möglichst schön zu machen - sondern er gibt uns den Auftrag: Geht hinaus. Traut euch, mit euren Nachbarn und Arbeitskolleginnen über euren Glauben zu reden. Steht dazu, dass die Bibel und Jesus Christus für euch keine verstaubten Dinge aus der Vergangenheit sind, sondern  aktuell euer Leben prägen und bestimmen. Überlegt euch, was und wer in eurem persönlichen Leben wirklichPriorität hat - das Leben ist mit seinen Ansprüchen und Möglichkeiten so vielfältig geworden, dass kaum jemand all das tun und verwirklichen kann, was er oder sie gerne möchte und eigentlich wichtig fände. Umso wichtiger ist es, zwischendurch innezuhalten und zu fragen: Was soll wirklich Priorität haben in meinem Leben? Wo willst du, Herr mich haben? Welche Aufgaben  in der Gemeinde, im Beruf, in der Familie, in meinem Bekanntenkreis, an meinem Wohnort oder wo auch immer trägst du 
mir auf?  Und wo hilfst du mir auch, loszulassen, auf manche Aktivitäten zu verzichten, damit ich mich nicht zu sehr verzettle? Zu welchen Menschen in der Welt sendest du mich - damit ich sie durch mein Reden und Tun auf dich aufmerksam mache - "zu Jüngern mache"?
Das Neue Testament berichtet uns, wie die Jünger wirklich ihr eigenes Leben aufgegeben, ihre persönlichen Bedürfnisse zurückgestellt und sich ganz in den Dienst des Evangeliums und des Missionsauftrags gestellt haben. Auch in der Kirchengeschichte und bis in unsere Zeit gibt es immer wieder solche Menschen. Ich glaube nicht, dass Jesus von uns allen erwartet, dass wir sämtliche persönlichen Wünsche und Bedürfnisse zurückstellen. Aber es bleibt doch für mich immer wieder die Herausforderung, meine persönlichen Wünsche und Bedürfnisse am 
Evangelium messen zu lassen und mich zu prüfen: Wieviel von meinem Leben bin ich bereit, Jesus wirklich zur Verfügung zu stellen, der für mich alles getan hat.
Wie gesagt: "Machen"  kann ich es nicht, dass andere sich Jesus Christus öffnen und sich für ein Leben mit ihm entscheiden. Aber in seiner Vollmacht, in seinem Auftrag und unter seiner Verheißung leben, reden und handeln, das kann ich, das können  wir alle. So ist es meine Hoffnung und mein Gebet für die Norddeutsche Konferenz, für unsere 
Gemeinde hier und für mich ganz persönlich, dass wir zuversichtlich, für andere einladend und ansteckend mit Christus unterwegs sind. Amen.
Irene Kraft


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