Jesus, wir sehen auf dich
Gottesdienst am 25.03.2001

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
gerade kommen wir aus dem Wochenende des Alpha-Kurses. Mit 13 Personen verbrachten wir zwei Tage in Mauloff, um miteinander Grundaussagen unseres Glaubens zu bedenken, uns zu helfen, erste und zweite Schritte im Glauben zu tun und uns zu ermutigen dranzubleiben, auch wenn vieles dagegen spricht und uns abhalten will. Heute haben wir unser Thema hier in den Gottesdienst mitgebracht. Als Alpha-Kurs- Gruppe Alpha-Kurs-Logowollen wir mit den Fragen an das Leben nicht unter uns bleiben, sondern Sie alle einladen, mit uns diesen Gottesdienst zum Abschluss des Wochenendes zu feiern. Wir sind miteinander unterwegs und gleiche Fragen an das Leben verbinden uns.

Eine Begegnung mit Jesus aus dem Matthäusevangelium leitet uns jetzt an, aus unserer Zuschauerposition herauszukommen und Jesus persönlich zu begegnen. Auch hier in Neuenhain kann es geschehen, dass Jesus uns trifft und Antworten auf unsere Fragen gibt.

Die Vorgeschichte dieser Jesus- Begegnung: Jesus wird regelrecht von den Leuten verfolgt. Sie bringen ihm Kranke und wollen auf seine Worte hören. Sie belagern ihn. Wieder geht ein langer Tag am See Genezareth mit Heilungen und Predigt zu Ende, die Leute sind hungrig, aber keine Gulaschkanone steht bereit. Jesus fragt die Jünger, ob sie etwas zu essen haben. Sie kramen 5 Brote und 2 Fische aus ihren Vorräten zusammen. Eigentlich würde das für über 5000 Menschen nie und nimmer reichen. Doch Jesus bricht das Brot und die Fische, verteilt sie und alle werden satt, ja es bleiben noch 12 Körbe übrig. Die Jünger werden Zeugen, dass Jesus für das Leben sorgt. Im Überfluss gibt er und kümmert sich um das Herz, aber auch um den Körper der Menschen. Jesus, so können die Jünger daraus schließen, macht aus dem Wenigen, das wir ihm bringen, viel und setzt es ein zum Segen für andere. Nach diesem anstrengenden und erlebnisreichen Tag ist nun Ruhe angesagt.

Matthäus 14,22-33

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 
Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich.
Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen:  Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Diese Jesus- Begegnung ist wie eine Grammatik des Glaubens. Es geht um uns persönlich – um Jesus und mich. Wie ein Stichwortverzeichnis blättern sich uns die Themen auf, die hier behandelt werden: Gebet, Erfahrung von Not und Hilfe, Vertrauen und Zweifel, Glaubensbekenntnis. Ich möchte an diesen Stichworten entlang gehen und sie auf dem Hintergrund unseres Lebens entfalten.

Gebet

Jesus hatte Menschen geheilt, ihnen das Evangelium verkündet, Brot an mehr als 5000 Erwachsene und Kinder verteilt. Er schöpfte Kraft dazu aus seiner Beziehung zu Gott, dem himmlischen Vater. Nun, am Abend, war er erschöpft. Der Reservetank blinkte, er brauchte neue Energie. So wandte sich Jesus Gott zu, in der Stille, auf dem Berg. Jesus kommt uns hier mit seiner ganz menschlichen Seite nahe.

Auch unsere Kraftreserven sind im Dienst Jesu erschöpfbar. Wir brauchen die neue Hinwendung zu Gott an der Tankstelle der Stille und des Gebets. So wie Jesus immer wieder die Einsamkeit eines Berges für das Gebet suchte, so brauchen wir auch sichere Orte, an die wir fliehen können, um uns der Gegenwart Gottes in unserem Leben wieder neu zu versichern.

Ich habe zu Hause einen Platz, der ein bisschen abseits des Familiengetümmels ist. Dort kann ich zur Ruhe kommen und mich wieder neu inspirieren lassen. Vielleicht gibt es bei Ihnen auch einen Quadratmeter, der wirklich nur Ihnen gehört, wo die anderen Familienmitglieder wissen, wenn Sie da sitzen, wollen Sie Ihre Ruhe haben. Vielleicht ist das Auto für Sie auch so ein sicherer Ort. Morgens im Stau an der Miquelallee, da steht man ein Viertelstündchen und kann Gott auftanken lassen. Vielleicht machen Sie auch abends noch einen Spaziergang mit Ihrem Hund, es will keiner mehr etwas von Ihnen, Sie können die Gedanken des Tages schweifen lassen, sie können um neue Kraft bitten. Egal, wo wir diesen sicheren Ort finden, wichtig ist, dass wir nicht immer weiter routieren, nicht ununterbrochen über unsere Verhältnisse leben, unser Leben wieder in die richtige Perspektive rücken lassen. Jesus geht uns da voran und führt uns den Weg auf unseren "Gebetsberg", wo er uns Erholung und neue Kraft geben will.

Erfahrung von Not und Hilfe

Die Jünger sind allein im Boot auf dem See, mitten in der Nacht. Unter ihnen sind erfahrene Fischer, sie kennen den See und die Unwetter, sie wissen, worauf sie sich bei dieser Fahrt einlassen. Wir hören, dass sie in Not kamen durch die Wellen. See und WellenInteressant ist hier der Sprachgebrauch im griechischen Urtext. Wörtlich können wir übersetzen: Sie wurden gequält, körperlich gefoltert, seelisch bedrängt von Wasser, Sturm und Nacht, von allgemeinen Nöten und Ängsten.

Diese Übersetzung ist wie eine Brücke in unsere Gegenwart. Wir haben hier in Neuenhain keinen See und werden von Jesus nicht aufs Wasser geschickt. Aber wir kommen in unserem Alltag in anderer Weise in Bedrängnis, werden von Angst gequält, von Sorgen bedrückt und von Mitmenschen gemobbt. Die Erinnerung an die wunderbare Brot- und Fischvermehrung war für die Jünger in dem Moment keine Hilfe. Die Erinnerung an frühere Bewahrungen verblasst auch bei uns im Angesicht akuter Probleme. Allein fühlen wir uns mit Anfechtungen und Sturm. Deshalb heißt es in den Psalmen, dem Gebetbuch des Volkes Israel: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."(Psalm 103,2). Wir brauchen die Erinnerung von außen, weil unser Gedächtnis in der Bedrängnis zu kurz greift.

Jesus geht in der 4. Nachtwache über das Wasser auf die Jünger zu. Zwischen 3 und 6 Uhr morgens ist biblisch die Zeit für das Eingreifen Gottes. Jesus wurde zu dieser Uhrzeit vom Tod auferweckt. Und auch hier geschieht Hilfe von oben. 

Für die Hörer und Hörerinnen der damaligen Zeit war es nichts Ungewöhnliches, dass Götter oder Göttersöhne über das Wasser laufen konnten. Viele griechische Sagen beschäftigten sich mit diesem Thema. Es scheint hier eine Ursehnsucht der Menschen ausgesprochen zu sein, dass das Göttliche auf uns zu kommt, auf Wegen, die wir nicht selbst beschreiten können. Dass Jesus auf seine Jünger zulief, ließ sie erkennen, da kommt Gott auf uns zu, da greift Gott in unsere Wirklichkeit ein, wir sind nicht mehr allein gelassen.

Ihre erste Reaktion war Angst – war das wirklich noch Jesus, den sie als ihren Lehrer kannten? Doch Jesus nahm ihnen die Angst. Er stellte sich schlicht vor "Ich bin es" – er gebrauchte die Worte Gottes, der sich so seinem Volk immer wieder zu erkennen gab. Und die Jünger wussten nun, da war wirklich Jesus unterwegs zu ihnen, mit ihm kam Gott zu ihrem Boot.

Diese Erfahrung machen auch Christen. In der Bedrängnis kommt Jesus über Wasser, springt über Mauern, überbrückt Gräben. Er lässt nicht im Stich. Ihm ist die persönliche Beziehung zu uns so wichtig, dass dabei der Sturm weiter toben kann. Wenn Jesus bei und mit uns ist, kann der Sturm uns nichts anhaben. So tritt Jesus auf den Angestellten in der Firma zu und bietet ihm seine Gemeinschaft an, der schlimme Chef muss nicht zuerst den Schreibtisch räumen. Die Gemeinschaft mit Jesus angesichts des schlimmen Chefs ist die Rettung aus der Not, die Zukunft eröffnet.

Hier könnte die Jesus- Begegnung enden. Die Evangelisten Markus und Johannes erzählen nur bis zu diesem Punkt. Und wir haben schon jetzt viel lernen können. Jesus kommt auf uns zu, steigt in unser Boot, ist auf unserer Seite und stillt dann den Sturm. Doch Matthäus spitzt die persönliche Unterweisung zu. Er berichtet von Petrus und führt uns sehr anschaulich vor Augen, wie Glaube praktisch geschieht.

Vertrauen und Zweifel

"Herr, bist du´s, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen." Für die Hörer und Leser der damaligen Zeit klang hier menschliche Anmaßung durch. Wie konnte der einfache Petrus von Jesus etwas erbitten, das nur göttlichen Wesen vorbehalten war. Reichte es denn nicht, dass Jesus zu ihnen ins Boot kommen wollte? Was wollte Petrus denn noch – sich wieder mal in den Mittelpunkt stellen? Doch der Erstberufene unter den Jüngern wollte sich offensichtlich nicht selbst ins Rampenlicht stellen. Sonst wäre er doch wohl gleich losgelaufen und hätte nicht erst um den Befehl Jesu zum Gehen gebeten. Petrus zeigt hier seinen Gehorsam. Ohne Befehl will er nichts tun. Aber leise Zweifel schwingen in seiner Bitte mit: "Bist du es wirklich? Und wenn du wirklich Jesus, Gottes Sohn bist, dann will ich dir auch gehorchen." Petrus bittet hier um Menschenunmögliches, so wie wenn er bitten würden, die Berge zu versetzen. Doch genau das Menschenunmögliche hat Jesus denen zugesprochen, die ihm ganz und gar vertrauen. Ihm ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben, so im letzten Abschnitt des Matthäusevangeliums, er kann Menschen befähigen ihm zu folgen. Petrus überwindet seine Zweifel, er vertraut sich Jesus an, denn er weiß nun, Jesus hat Vollmacht, er ist wirklich Gottes Sohn.

Sicher sieht unsere Situation im Moment ganz anders aus. Und ich vermute, wir wollen auch gar nicht über das Wasser laufen. Aber wir kennen vielleicht die zaghafte Frage in unserem Innern: "Bist du´s, der allein helfen kann?" Aus der Zuschauerposition herauszutreten ist ein Wagnis, das Boot zu verlassen, Jesus entgegen zu gehen, obwohl der Sturm noch peitscht, ist mutig. Doch Jesus zeigt uns diesen Weg, um unsere Zweifel loszuwerden und von ihm wirklich alles zu erwarten.

Petrus hörte Jesus "Komm her" und wagte sich aus dem Boot. Petrus sah den Wind und Angst und Zweifel kehrten zurück. Wir hören Jesu Stimme hier, beim Lesen der Bibel, im Gespräch mit Christen, aber wir sehen unsere Situation, die uns bannt und zum Untergehen führt. Das Hören wird in Frage gestellt durch das Sehen – verhängnisvoll, wie wir an der Szene auf dem See Genezareth beobachten können. Aber wir wissen als Beobachtende ja schon längst, dass Jesus viel mehr Macht haben wird als der Sturm.

Jesus ruft Petrus nicht nur herbei, er fasst nun auch beherzt zu uns ergreift den sinkenden Petrus. Er gewährt dem Kleingläubigen göttlichen Schutz.

Es scheint fast, als wolle Jesus uns allen vorführen, wie er es mit uns machen will. Jesus stillt nicht gleich jedes Unwetter, das über unser Leben hereinbricht. Er lädt ein zum Vertrauen im Sturm. Er kommt uns entgegen. Er fasst zu, wenn wir uns mehr auf unsere Augen als auf unsere Ohren und Herzen verlassen. Er rettet uns.

Auch wir Kleingläubigen brauchen Jesu Hand, die herausreißt. Kleinglaube und Zweifel gehören zur christlichen Existenz. Jesus nimmt unsere Zweifel auf und überwindet sie.

Wir müssen nicht irgendwie über uns selbst hinauswachsen. Wir müssen nicht zu Göttern werden, die auf dem Wasser laufen können. Wir können auf Jesus hören und seiner Wegweisung folgen. Seine Liebe rettet und trägt, hält und überwindet die Stürme. Am Kreuz hat er diese Liebe ein für allemal für uns eingesetzt.

Glaubensbekenntnis

Die Jünger im Boot fielen vor Jesus nieder und beteten ihn an. Sie bekannten "Du bist wahrhaftig Gottes Sohn". Wir kommen hier im Gottesdienst zusammen, um in dieses Bekenntnis einzufallen. Wie damals, so rettet uns auch heute Jesus. Seine Fußspuren auf dem Wasser sind wie tragfähige Pfähle, denen wir folgen können. Diese Pfähle sind das Kreuz.

In der frühchristlichen Schrift "Oden Salomos" (um 140 nach Christus) wird das so ausgedrückt:

Der Herr überbrückt die Fluten durch sein Wort.
Er selbst ging hin und konnte sie zu Fuß überschreiten.
Die Spuren seiner Schritte blieben auf dem Wasser und wurden nicht verwischt.
Sie waren eingerammt wie Pfähle.
(Ode Salomos 39,9f, zitiert nach Klaus Berger)

Cornelia Trick


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