Jesus Christus - unser ein und alles
Pfingstgottesdienst am 30.05.2004

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Ostern hat heute Fortsetzung. Jesus ist vom Tod auferstanden. Er hat uns den Weg zu Gott geebnet. Keine Schuld muss uns seither mehr von ihm trennen. Aber Ostern ist damit auch ein Geschehen in der Vergangenheit, fast wie eine Heldensage. Auf ihr fußt ja auch das Selbstverständnis einer Menschengemeinschaft. Sie wird erzählt, um zusammen zu halten und aus dem gemeinsamen Erbe die Motivation für die Gegenwart zu ziehen.

Wäre jedoch Ostern solch eine Heldensage vom Held Jesus, hätte sie nur sehr begrenzte Kraft für unsere Gegenwart. Was würde sie uns heute lehren über unser Leben mit Gott im Alltag? Welche Perspektiven könnte sie uns aufweisen? Doch wohl eher keine. Ostern ist keine Heldensage der Vergangenheit, weil Gottes Heiliger Geist damals wie heute das Wunder vollbrachte, uns diese Geschichte mit Jesus im Herzen lebendig zu machen. Dass Jesus auferstanden ist, bedeutet durch die Hilfe des Heiligen Geistes, dass er in meinem Alltag lebendig mit mir umgeht, er mit mir redet, mich berührt und verändert. Das Pfingstfest, an dem die Jünger Jesu diesen Geist empfangen habenKerzen symbolisieren Pfingsten, ist für uns Erinnerungsdatum, dass Pfingsten auch heute geschieht, wo dieser Geist uns göttlichen Atem einhaucht und aus Weltmenschen, die mit beiden Beinen in dieser Welt verhaftet sind, Gotteskinder macht, die an den Sauerstofftank der Liebe Gottes angeschlossen sind und aus seiner Kraft leben.

Vom ersten Pfingstfest hören wir in der Apostelgeschichte, dass der Heilige Geist die Jünger ergriff und aus verängstigten Nachfolgern feurige Prediger wurden. Weiter hören wir von Petrus, der in diesem Geist predigte, und von Menschen, die durch diese Predigt vom Heiligen Geist erfasst wurden. Aus 11 Verängstigten wurden an einem Tag 3000 Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu.

In den Passions- und Ostertagen haben wir als Gemeinde sehr intensiv das Evangelium nach Matthäus studiert und die Berichte mit ihren Besonderheiten betrachtet. Ich möchte heute den Pfingstbericht des Matthäus genauer beleuchten. Er enthält eine sehr interessante Sicht auf das Fest und die Auswirkungen des Festes bis heute. Im Unterschied zu dem Evangelium nach Lukas und der Apostelgeschichte lässt Matthäus die Erzählungen des Auferstanden aus, der seinen Jüngern leibhaftig begegnete. So zielt im Matthäusevangelium alles auf die Schlussbegegnung Jesu mit seinen Jüngern, in der die Zusammenfassung seiner Botschaft und seines Auftrags enthalten ist und uns anleitet, das Pfingstfest nicht nur zu feiern, sondern in diesem Heiligen Geist von nun an zu leben.

Wie im Zeitraffer erzählt Matthäus. Die Frauen bekommen am leeren Grab und von dem Auferstandenen selbst den Auftrag, die Jünger nach Galiläa zu bestellen, dort sollten sie Weiteres erfahren. Offenbar befolgten die Jünger diese Aufforderung und gingen nach Galiläa.

Matthäus 28,16-20

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: 
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und  machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes  und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Mit diesem Gipfelerlebnis knüpft Jesus an seine besonderen Bergerfahrungen an, die im Matthäusevangelium gebündelt sind. Als Jesus vom Teufel vor seinem öffentlichen Wirken in der Wüste Galiäas versucht wurde, führte der Teufel ihn auch auf einen hohen Berg und zeigte ihm den Ausblick auf das Land. Dies alles sollte er besitzen, wenn er die Herrschaft des Teufels anerkannte. Doch Jesus wies ihn ab.

Jesus sammelt seine Anhänger auf dem Berg in Galiäa und verkündet ihnen, dass nun alles im Himmel und auf Erden ihm gehört. Diese Macht ist ihm von Gott verliehen und geht weit über das hinaus, was der Teufel ihm damals versprochen hatte. Was sagt nun Jesus über sich selbst und was bewirkt es in uns?

Jesus gebraucht viermal das Wort "alles":

  • Jesus hat alle Macht im Himmel und auf Erden.
  • Jesus wirbt um alle Völker, dass sie an ihn glauben.
  • Zur Nachfolge Jesu gehört, alles zu beherzigen, was er gesagt hat.
  • Jesus ist alle Tage bei seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern, bis eine neue Welt beginnt.
Jesus hat alle Macht
Jesu Macht zeigte sich in der Ostergeschichte. Der tote Jesus wurde auferweckt, die Gesetze dieser Erde hatten keine Gewalt über ihn. Diese Macht setzt Jesus nun für uns Menschen ein. Er bietet uns an, uns aus unseren Ohnmachtsituationen herauszureißen und dem Tod zu entkommen. Doch er drückt uns seine Macht nicht gewaltsam auf. In der Begegnung auf dem Berg in Galiläa wird das deutlich. Einige Jünger sehen den Auferstandenen, sie sind von seiner Gegenwart überwältigt und fallen zu Boden, aber es bleiben Zweifel. Woran diese Jünger zweifelten, wird aus den sparsamen Worten nicht deutlich. Sie trauten offenbar der Macht Jesu nicht vorbehaltlos.

Vielleicht ist es ihnen ergangen wie Petrus, der auf dem Wasser Jesus entgegen gehen wollte. Er sah, dass Jesus Macht über die chemische Zusammensetzung von Wasser hatte. Er traute Jesus zu, dass auch er selbst auf dem Wasser gehen konnte. Aber als er selbst dann auf dem Wasser stand, sah er die hohen Wellen um sich herum viel deutlicher als Jesus und das ließ ihn zweifeln. Zweifeln an seiner eigenen Courage und an der Tragfähigkeit des Wassers.

Die Jünger auf dem Berg sahen Jesus als Auferstandenen. Aber sie sahen auch ihre eigene Lebenssituation, die ungewisse Zukunft, die vor ihnen lag, die Leere, die seit Ostern in ihrem Leben herrschte. Sie konnten diese hohen Wellen nicht ignorieren. Statt auf Jesus zu sehen und ihm zu vertrauen, zweifelten sie.

Jesus wischt dort auf dem Berg ihre Zweifel nicht beiseite. Er fasst sie nicht an der Hand oder fordert sie auf, ihn zu berühren, um glauben zu können. Er redet mit ihnen. In seiner Verkündigung kommt er ihnen nahe. Hier liegt das Geheimnis des Pfingstfestes verborgen. Auf dem Berg in Galiläa steht mit den Jüngern die nachösterliche Gemeinde. Jesus ruft uns zusammen und schenkt uns seine Gegenwart durch seinen Heiligen Geist. Doch er zwingt uns nicht, sie anzuerkennen. Er redet mit uns, er lässt seine Worte in unserem Herzen wirken. Er lässt seinen Geist in uns wirken. 

Was geschieht? Wir werden angerührt, angeschlossen an seine Kraft, die Zweifel werden weniger, weil das Vertrauen wächst. Die Wogen unseres täglichen Lebens bleiben hoch, aber Jesus ist größer und sichtbarer. Er weist uns den Weg zu sich. 

Wenn Jesus alle Macht im Himmel und auf Erden hat, dann ist es wichtig, ihn als Herrn anzuerkennen. Jesus nimmt Gottes Platz ein, ist Gott als der Sohn, dem der Vater die Herrschaft anvertraut. Wir können im Sohn Jesus den Vater sehen und erfahren, Jesus allein genügt, um Gott nahe zu sein.

Jesus wirbt um alle Völker

Zur Zeit des Matthäusevangeliums war klar, dass die Mehrzahl des jüdischen Volkes Jesus ablehnte. Eine kleine Gruppe der Juden hatte Jesus als ihren Herrn angenommen und war in Folge des jüdischen Krieges um 70 nach Christus nach Syrien ausgewandert. Dort entstand vermutlich das Matthäusevangelium und zu dieser versprengten Gruppe sprach Matthäus. Sie wurde von Jesu Worten aufgefordert, nicht mehr zurück zu schauen zu dem, was sie verloren hatte, sondern sich nach vorne zu orientieren. Unzählige Menschen anderer Herkunft lebten um die judenchristliche Gemeinde herum, die Jesus brauchten. Jesus schickte sie genau zu ihnen.

Wenn wir diese Aufforderung Jesu hören, dann sehen wir 2000 Jahre wechselvolle Christengeschichte hinter uns liegen. Dieser Auftrag wurde von Karl dem Großen zum Beispiel so verstanden, dass er sich ganz Sachsen durch Zwangstaufen einverleibte - im Namen Jesu.

Doch sollten wir uns durch diese Unrechtsgeschichten nicht den Blick auf das Wesentliche trüben lassen. Jesu Geist schickt uns vor die Haustür. Unsere Beziehung zu ihm können wir nur leben, indem wir ihn bekannt machen und hingehen in diese Welt. Im 18. Jahrhundert ist John Wesley mit seinem Bruder und einigen Glaubensbrüdern auf diese Wahrheit neu aufmerksam geworden. Sie empfingen den Heiligen Geist und erlebten, Gottes Kinder zu sein und zu Jesus zu gehören ohne Wenn und Aber. Gleichzeitig hörten sie auch Jesu Ruf in die Welt. Sie predigten im Freien vor den Hütten der Bergarbeiter, sie ließen sich durch nichts abhalten, Jesus zu verkündigen und ihn damit wirken zu lassen. Ganze Landstriche wurden durch die Verkündigung geändert, Kreativität wurde freigesetzt, soziale Systeme kamen ins Schwanken, Schulen entstanden.

Heute leben wir in dem Bewusstsein, dass viele Religionen um uns herum gelebt werden und um Einfluss ringen. Immer wieder stellt sich die Frage, ob nicht alle Religionen das Gleiche wollen und gleichwertig sind. Wozu dann noch zu den Völkern gehen, wenn sie doch auch an Gott glauben? Ich meine, dass hier Jesus klar spricht. Wir brauchen keine Religionen abzuurteilen oder sie schlecht zu machen. Doch wir können Jesu Anspruch nicht aufgeben. Er ruft alle Menschen in seine Nachfolge und nicht in die Nachfolge eines Gurus, der sich Göttlichkeit anmaßt. Er ist der, den wir brauchen. Nur er kann uns den Weg zum Leben führen. Das ist nicht beweisbar, aber erlebbar. Denn sein Geist macht uns gewiss, dem richtigen Herrn zu folgen und ihm vertrauen zu können.

Worüber wir uns allerdings unterhalten sollten, ist, wie wir Jesus zu den Menschen um uns herum bringen. Wir werden von Jesus selbst angeleitet. Ihre Zweifel sollten wir akzeptieren, wie Jesus es tat, aber ihnen unsere Zuwendung entgegen setzen. Wer sagt, er kann nicht glauben, ist deshalb kein Mensch zweiter Klasse, dem wir besser keine Beachtung mehr schenken. Er ist ein Mensch, den wir lieben können, weil Jesus ihn liebt. Den wir begleiten können, weil Jesus uns die Kraft dazu schenkt. Und für den wir beten können, weil Jesus unser Gebet hört. Für mich ist es die entscheidende Frage, wenn ich an eine konkrete Person denke, der ich Jesus zeigen will: Liebe ich diese Person so, dass ich nichts mehr möchte, als dass sie zum Herrn gehört? Und wenn mir diese Liebe fehlt, dann bitte ich Jesus darum, sonst bleibt von seinem Auftrag nur eine Methode übrig, kalt und ohne Heiligen Geist.

Jesus ist alles, was wir weiterzugeben haben

Petrus machte in seiner Pfingstpredigt beispielhaft deutlich, dass Jesus alles war, was er weitergeben wollte. Und Jesus wirkte in der Predigt für unsere Verhältnisse so überwältigend, dass 3000 Menschen auf einmal zum Glauben kamen.

Es geht auch für uns darum, Jesus und seine Lehre zu verinnerlichen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der Bibel. Wo ist der Ort, an dem wir Jesu Lehre studieren? Haben wir dafür zu Hause Zeit, in der Gemeinde, in der Mittagspause während der Arbeit? Lernen wir Jesu Lehre, oder reden wir nur darüber? In den Gesprächen rund um die Einsegnungen der letzten Tage wurde ich immer wieder von Älteren darauf angesprochen, wie viel man doch früher im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt hatte und wie das für das weitere Leben wichtig war.

Ich frage mich im Nachhinein: ist das nicht merkwürdig, dass wir zum Auswendiglernen als ideale Zeit das Alter zwischen 12 und 15 Jahren ansehen, in dem nach allgemeinem Verständnis schon das Lernen einer gewissen Zimmerordnung eine Zumutung ist? Sind die Frauen, die von ihrer Konfirmandenzeit erzählen nicht inzwischen auch schon 70 und hatten bis heute 55 Jahre Zeit, noch dazu zu lernen? Warum haben sie es nur in der Konfirmandenzeit getan? Weil sie unter Druck lernen mussten? Und wenn wir einen "Dampftopf" zum Auswendiglernen brauchen, warum setzen wir uns nicht selbst kleine Prüfungstermine, bis zu denen wir etwas verinnerlicht haben wollen? Fragen über Fragen mit dem einzigen Hintergrund, uns selbst auf die Schliche zu kommen. Wie gern reden wir über die Lehre Jesu, ohne sie inwendig zu kennen. Wie nötig haben wir es, sie zu lernen und zu bewegen - auch jenseits des 15. Lebensjahres. Ich merke bei mir, dass es wichtig ist, die Worte der Bibel zu wiederholen und sie am Stück immer wieder zu lesen. So prägen sie sich mir ein und werden lebendig für meinen Alltag.

Ein Unterpunkt dieses "Alles von Jesus" ist das Taufen. Ich möchte jetzt nicht in die großen Tauffragen einsteigen. Das gehört an eine andere Stelle. Was hier wichtig ist: Jesus setzt die Taufe ein als Wegzeichen, das einen neuen Anfang markiert. Wer mit Jesus lebt, gehört nicht mehr mit beiden Beinen in diese Welt. Er hat eine himmlische Verbindung, die Gott schafft durch seinen Geist. Die Taufe ist nicht Mitgliedsmarke, die Rechte und Pflichten der Zugehörigkeit zum Verein ausdrückt, sondern Initialzündung Gottes, der damit zum Ausdruck bringt, dass sein Ja feststeht und festbleibt. Wer getauft ist, wird in diese Gegenwart Gottes hineingestellt, der als Vater, Sohn und Heiliger Geist gegenwärtig ist. Dabei unterscheiden wir nach menschlicher Weise, ob dieses Ja von uns beantwortet werden kann oder noch nicht wie bei einem Säugling. Doch schauen wir auf Gottes Ja in Jesus Christus, dann wird unser eigenes Ja ganz klein mit Hut. Er wird uns nicht mehr loslassen, auch wenn die Wellen um uns herum hoch sind. Er fasst unsere Hand, selbst wenn wir in den Wogen fast ertrinken. Er steht zu uns durch sein Wort. 

Jesus ist alle Tage bei uns bis ans Ende der Welt

In den ersten Worten des Matthäusevangeliums wird Jesus angekündigt als "Immanuel", zu Deutsch "Gott mit uns". Mit den gleichbedeutenden Worten schließt Matthäus sein Evangelium ab. Gott ist in Jesus mit uns bis ans Ende der Welt. Deshalb kann er es aushalten, dass in uns Zweifel sind. Er ist mit uns auch gerade in diesen Zeiten. Er ist mit uns im Leiden. Nirgendwo wird mehr von Jesu Mit-Sein mit seinen Jüngern gesprochen wie in den Passionsberichten des Matthäus. Und Jesus ist ganz besonders mit uns in den Missionssituationen.

Ausgesandt sind wir bis ans Ende der Welt. Es wird keinen Ort geben, an dem wir ohne ihn sind. Es wird keine Zeit geben, in der er uns allein lässt. Seine Macht über Himmel und Erde zeigt er durch seine Gegenwart und Treue. Diese Verheißung gilt auch seinem geliebten Volk Israel, auf das er wartet und das er gewinnen will. Sein Evangelium wird sie erreichen, dafür wird er bis ans Ende der Welt eintreten und seinen Heiligen Geist schenken, dass die Botschaft ankommt.

Pfingsten 2004 können wir als Geburtstag der Gemeinde feiern, an dem wir durch den Heiligen Geist ins Leben gerufen wurden und fortan als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger leben dürfen.

Einen Auftrag für den Alltag hat Jesus mit diesem Geburtstag verbunden. Den Menschen Jesus nahe bringen und ihn zu verkünden, weil er alles ist, was wir brauchen. Wir selbst bekommen als Hausaufgabe, ihn immer besser zu verstehen und ihm zu folgen durch unser Handeln, denn Ziel dieses Festes ist, dass wir praktizierende Jüngerinnen und Jünger werden, die ihren Glauben leben und investieren für die Nachbarn, Freunde, die Nahen und die Ferneren.

"So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." (Matthäus 5,16)

Cornelia Trick


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