Herausgerufen vom Kreuz
Gottesdienst zum Karfreitag am 06.04.2007

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
"Pilatus schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: „Jesus von Nazareth, der König der Juden."

Diese Überschrift über dem sterbenden Jesus rief alle Feinde Jesu auf den Plan. Sie mussten sich von diesen wenigen Worten auf ganz verschiedene Weise provoziert fühlen. Sie konnten dem Tod Jesu nicht von einem distanzierten Platz aus zusehen. Sie wurden von Gott selbst herausgerufen, um Stellung zu beziehen und ihr Ärgernis an Jesus noch einmal zum Ausdruck zu bringen.

  • Die frommen Juden hatten ein Problem mit dem galiläischen Heimatort Jesu. Was sollte aus Nazareth Gutes kommen? War nicht alles Heil von Jerusalem aus zu erwarten? Und prophezeite nicht der Prophet Micha, dass der kommende König aus Bethlehem kommen würde?
  • Die Hohenpriester und die religiöse und politische Oberschicht der Juden sahen sich von diesem Judenkönig in ihrer Existenz bedroht.
  • Jesus-Gläubige zu allen Zeiten wollten nicht wahrhaben, dass Jesus von seinem himmlischen Vater zu den Juden gesandt war.
  • Die Zeitgenossen, die aus Jesus eine mythische Gestalt machen wollten, ärgerten sich über seinen wirklichen Tod mit Fleisch und Blut.
  • Menschen, die ablehnen, dass Jesus einen Herrschaftsanspruch und Vollmacht von Gott bekommen hatte.
Menschen wurden und werden durch das Kreuz auf Golgatha herausgerufen aus alten Sicherheiten, alten Gewohnheiten, Denkmustern und Urteilen. Wir werden herausgerufen, Stellung zu diesem Kreuz zu beziehen, uns einzureihen in die Szene auf Golgatha und hinzuhören, wozu Jesus, der Gekreuzigte, uns heute rufen will.

Johannes 19,16-30

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): "Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen." Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber  füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

In diesem Bericht des Evangelisten Johannes fallen vier Besonderheiten auf. 

Jesus trägt sein Kreuz allein nach Golgatha. Er ist der souveräne Herr, der sein Kreuz für uns stellvertretend trägt. Jesus wird vom Evangelisten nicht in seiner schwachen menschlichen Gestalt gezeichnet, sondern als der Retter, der von Gott die Kraft bekommt, unser Kreuz, unser Leiden, unsere Schuld und Not zu tragen. Erinnert werde ich an ein Bild aus meinem Religionsunterricht, auf dem Jesus als Kreuzträger abgebildet ist, der auf dem Längsbalken einen Pfarrer, ein liebendes Pärchen und einen Gelehrten, der einen Text studiert, mitschleppt. Jesus geht ans Kreuz für uns. Auf diesem Kreuz ist Platz für mich. Lasse ich mich von Jesus herausrufen aus meiner sicheren Distanz? Lasse ich mich einladen, mich von ihm tragen zu lassen, dass mein Leben durch das Kreuz neu wird?

Zwei Personen erwähnt der Evangelist, die sich offensichtlich bis zum Gekreuzigten mittragen lassen. Jesu Mutter Maria und der Lieblingsjünger Jesu, dessen Namen der Evangelist nicht verrät, stehen am aufgerichteten Kreuz unter dem sterbenden Jesus. Sie sind entgegen den Berichten der anderen Evangelien ganz nah dabei am Geschehen. Sie lassen sich von Jesus aus der sicheren Distanz herausrufen, um von ihm ein befreiendes, zukunftsweisendes Wort zu hören. Jesus hatte Geschwister, er war nicht der einzige Sohn seiner Mutter. Man kann davon ausgehen, dass die anderen Geschwister sich schon um Maria gekümmert hätten. Schließlich war sie die sonderbaren eigenwilligen Wege ihres Ältesten ja schon mindestens 3 Jahre lang gewöhnt. Es geht Jesus bei seiner Adoptionsvermittlung offensichtlich nicht um die wirtschaftliche Absicherung Marias. Er hatte ihre geistliche Zukunft im Blick. Er ordnete sie der Familie Gottes zu und trug dem Lieblingsjünger auf, sich ihrer anzunehmen, sie in die neu entstehende österliche und pfingstliche Gemeinschaft aufzunehmen.

Wer sich von Jesus herausrufen lässt - auch heute auf seinem Kreuzbalken Platz nimmt und sich unter sein Kreuz begibt - wird von Jesus nicht allein gelassen. Er oder sie wird herausgerufen aus alten Bindungen, aus krankmachenden Beziehungen oder zerstörender Einsamkeit, um in der neuen Familie Gottes einen Platz zu finden. Karfreitag deutet an, dass der Tod Bindungen zerreißt, aber nicht zerrissen zurücklässt, sondern neue Bindungen schafft, die bis in die Ewigkeit reichen.

Auf dem Tiefpunkt der Erniedrigung schreit der Gottessohn "Mich dürstet!" Spätestens hier müssen wir begreifen, dass Gott sich in die tiefste Dunkelheit unserer Existenz hinab begibt. Jesus, der von sich sagte: Ich habe lebendiges Wasser, das dich nie mehr durstig werden lässt, der sich als Brot bezeichnet, das nie mehr hungrig sein lässt, hat selbst Durst, wird bedürftig wie wir, nimmt teil an dem Elend, sich nicht selbst retten zu können.

Wie bringen wir diese Bedürftigkeit mit der Allmacht Gottes zusammen? Der Islam findet genau hier die deutlichste Abgrenzung zu Jesus Christus. Ein Gott, der allmächtig ist, kann nicht ohnmächtig sein und sterben. Das, so der Koran, widerspricht seiner Allmacht (Sure 4).  Aber ist nicht durch diese Festlegung die Allmacht, Gottes Macht gerade eingeschränkt? Bedeutet Macht nur siegen und größer, kräftiger, mächtiger sein als alles andere?

Ist Gottes Macht gerade dadurch umfassend, dass er auf sie verzichten kann? Dass er im entscheidenden Augenblick mit uns Menschen eins wird, um uns zu erlösen aus der Hilflosigkeit der Verdurstenden? Jesus hat Durst. Er hat meinen Durst. Den Durst nach Vergebung, den Durst nach Annahme, den Durst nach Lebenssinn und tragfähigen Beziehungen, den Durst nach Sicherheit in einer unsicheren Welt. Jesus leidet an meinem Durst nach Gott. Und deshalb weiß er, wie ich fühle und was ich brauche, ist mir nahe in den schwersten Stunden und steht mir bei. Deshalb kann ich beten: "Ich trau auf dich, o Herr", weil dieser Herr meinen Durst selbst erlebt hat und dafür gestorben ist. Gott schwebt nicht über meiner Not, er kommt in meine Not, er wird zum Retter, weil er sich meiner Not annimmt und sie selbst mitnimmt in seinen Tod.

Die letzten beiden Worte, die der Evangelist überlieferte, zeugen davon, dass Jesus seine Mission auf Erden beendet hat: "Es ist vollbracht!" Er hat das Opfer gebracht, dass zur Entsühnung aller führt, niemand muss mehr selbst dieses Opfer bringen, ein Ja zu dem Opfer des Gottessohnes genügt, um es für sich wahr sein zu lassen. Diese Botschaft ist revolutionär.

Schade, dass wir sie als Christen oft so gewohnheitsmäßig hinnehmen. Jesus ist für uns gestorben, dass unsere Sünden ein für allemal vergeben sind. Sie hängen nicht mehr an uns wie ein Kettenhemd, aus dem wir uns nicht selbst befreien können. Ein einfaches Ja zerreißt unser persönliches Kettenhemd und lässt uns wieder frei sein, unbeschwert und glücklich.

Stellen wir uns vor: Eine Krebsstation. KrankenhausflurJeder einzelne Patient, jede Patientin dieser Station muss ganz allein durch ihre Krankheit hindurch. Es gibt keine Stellvertreterlisten. Und plötzlich käme eine neue Forschungsidee auf, dass ein einziger nur die Chemotherapie, die Operation und alles weitere Behandeln durchmachen müsste, alle anderen dieser Station könnten von der Krankheit befreit werden durch Unterschrift und lebenslange Verpflichtung, mit diesem Einen regelmäßig in Kontakt zu bleiben. Und das Beste daran: Dieser Eine ist schon gefunden. Er hat sich freiwillig bereit erklärt, die Last der anderen zu tragen. Würden sich die Patienten nicht völlig begeistert in die Listen eintragen? Würden sie nicht vor Freude jubeln, dass sie noch am selben Tag das Krankenhaus geheilt verlassen können? Würde einer seinem Leidensweg nachtrauern? (Heute soll es uns nicht darum gehen, unserer menschlichen Vergesslichkeit nachzuspüren und festzustellen, dass der regelmäßige Kontakt eine schwierige Bedingung darstellen würde.)

Und hier hat Jesus nicht eine Krankheit besiegt, der weitere folgen können, sondern er hat unsere Schuld besiegt, alles, was uns von Gott fernhält. Wir müssen nicht mehr selbst dafür ans Kreuz, Jesus hat diese Schuld besiegt und mit sich in den Tod genommen. Wir dürfen geheilt nach Hause gehen, Gott gibt uns Leben in Ewigkeit, eine Unterschrift genügt!

Jesus sagte "Es ist vollbracht", vollendet wird sein Weg, wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten und die um sich sammelt, die ihre Unterschrift geleistet haben. Darauf dürfen wir hoffen und uns darauf freuen. 

Der Seher Johannes sah in der Offenbarung den Thronsaal Gottes vor sich. Er sah das Buch der Weltgeschichte, das der ganze Hofstaat nicht öffnen konnte. Da kam das Lamm, das sich hat opfern lassen am Kreuz, und brach die Siegel auf. Jesus hat die Weltgeschichte in seiner Hand, wer zu ihm gehört, wird leben in Ewigkeit, weil er in diesem Buch mit seiner Unterschrift verzeichnet ist.

Der Seher Johannes auf Patmos: Und als ich Jesus sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,17-18)

Cornelia Trick


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