Schon die Hausaufgaben gemacht?
Gottesdienst  am 20.02.2000

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Schulheftdas Thema "Hausaufgaben" kennen Sie und kennt Ihr bestimmt auch zur Genüge. Für die einen von Ihnen liegt die Zeit der Schule mit der leidigen Frage "Hast Du schon die Hausaufgaben gemacht" schon sehr lange zurück, und Ihr anderen steckt noch mittendrin.
Hausaufgaben haben eigentlich eine tolle Perspektive: der Schüler hat in einer Schulstunde genug gelernt von einem bestimmten Stoff und darf selbständig weiter denken, in eigener Verantwortung weiter arbeiten. Das, was er verstanden hat, übt er ohne Druck des Lehrers, der Schüler vertieft den Stoff und kann auch mal was in die Praxis umsetzen.
Die Schule hat sich die Hausaufgaben gar nicht ausgedacht, sie guckt nur beim Leben ab. Das Leben stellt die Grundsatzfragen. Es ist Gott selber, der Sie nach Ihrem Leben fragt:

  • Wie leben Sie?
  • Wie gehen Sie mit Ihren Mitmenschen um?
  • Wie gehen Sie mit Gott um?
Die Fragen des Lebens müssen bearbeitet werden. Da muss jeder seine Hausaufgaben machen und danach leben.

Unterricht: Gott hat mich total gerne

Am Anfang aller Hausaufgaben steht der Unterricht: Jesus bringt uns bei, wie Gott mit uns zusammen sein möchte, und Jesus zeigt uns den Weg zu Gott. Das Besondere an diesem Weg ist: Gott kommt uns entgegen. Er kommt nicht, um uns noch mehr Aufgaben zu geben oder uns zu zeigen, was wir alles nicht können. Gott kommt zu mir, um mir seine Liebe zu schenken. Er hat große Sehnsucht nach uns, und darum freut er sich, wenn jemand auf ihn reagiert, auf ihn hört und mit Jesus leben will. Jesus zeigt uns, wie sehr Gott uns lieb hat!
In der Lesung in Matthäus 5,13-16 spricht Jesus uns zu, dass wir Salz für die Welt sind. Und er spricht uns zu, dass wir Licht sind. Jesus Christus ist selber das Licht - wir brauchen uns nur von ihm anstecken zu lassen! Das ist unsere Basis, auf der wir stehen. Wir sind die Beschenkten und damit auch die Berufenen.
Dieses Grundverständnis ist wichtig, wenn ich jetzt aus der Gute-Nachricht Bibel lese.

Was muss ich tun, um das Ewige Leben zu bekommen? (Markus 10,17-22)

Als Jesus weitergehen wollte, kam ein Mann zu ihm gelaufen, warf sich vor ihm auf die Knie und fragte: "Guter Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?" Jesus antwortete: "Warum nennst du mich gut? Nur einer ist gut: Gott! Und seine Gebote kennst du doch: Du sollst nicht morden, nicht die Ehe brechen, nicht stehlen, nichts Unwahres über deinen Mitmenschen sagen, niemand berauben; ehre deinen Vater und deine Mutter!" "Lehrer", erwiderte der Mann, "diese Gebote habe ich von Jugend an alle befolgt." Jesus sah ihn an; er gewann ihn lieb und sagte zu ihm: "Eines fehlt dir: Geh, verkauf alles, was du hast, und gib das Geld den Armen, so wirst du bei Gott einen unverlierbaren Besitz haben. Und dann komm und folge mir!" Der Mann war enttäuscht über das, was Jesus ihm sagte, und ging traurig weg; denn er hatte großen Grundbesitz. 

Dieser Bibeltext könnte Ihnen bekannt vorkommen, natürlich einmal, weil die Geschichte in drei der vier Evangelien geschildert wird, aber vielleicht auch, weil Sie vor einem Vierteljahr hier im Gottesdienst waren. Irene Kraft hat uns einen fiktiven Brief von Petrus, der damals dabei war, an die Gemeinde in Neuenhain vorgestellt.
Der reiche Mann hat verstanden, dass seine Hausaufgabe die Frage nach dem ewigen Leben ist. Er weiß, was er dafür tun muss, er hält die Zehn Gebote ein. Und doch hat der reiche Mann Zweifel, ob seine Deutung des Lebens wirklich richtig ist. Vielleicht hat der neue Lehrer, Jesus, neue Erkenntnisse. Schließlich redet er nicht nur, sondern heilt Kranke, gibt 5000 Menschen zu essen, und tut noch viele andere Wunder mehr.
Jesus gewinnt den reichen Mann lieb, weil er mit viel Engagement und Hingabe die Zehn Gebote hält. Auf den ersten Blick macht der reiche Mann alles richtig.
Aber Jesus bleibt nicht beim ersten Blick, er macht dem reichen Mann klar, dass ihm die entscheidende Sache fehlt. Der reiche Mann hat nicht gemerkt, wie er beim Ziel "Ewiges Leben" Gott losgeworden ist. Er verliert dabei völlig die Beziehung zu Gott aus den Augen. Ihn interessiert nur, was er tun kann. Die Hingabe des Mannes richtet sich auf seine Aufgabe, auf das Erledigen und Abhaken seiner Checkliste "Zugang zum Ewigen Leben". Gott als Gegenüber und als Partner kommt im Leben des reichen Mannes überhaupt nicht vor. Dem Mann fehlt die echte Hingabe.

Hausaufgaben, die Jesus stellt

Und genau das entdeckt Jesus, als er ihn anschaut. Das, was den Mann an einer tiefen Gottesbeziehung hindert, da, wo der Mann seine Probleme hat, genau daraus macht Jesus eine neue Hausaufgabe für den Mann. Die Hausaufgabe ist auf ihn persönlich zugeschnitten und will ihn weiterbringen: "Verkauf alles! Komm und folge mir!"
Darauf kommt es an: mit Jesus unterwegs zu sein, nicht mit halbem Herzen, sondern mit ganzem. Und bevor Jesus zum Mitkommen auffordert, macht er ganz deutlich, dass er den reichen Mann lieb hat. Es geht Jesus wirklich nicht darum, unhaltbare Forderungen aufzustellen, sondern zu einem ganz besonderen Leben mit ihm persönlich einzuladen. 
Der reiche Mann war durch seine Besitztümer behindert. Ich denke nicht, dass bei Ihnen und bei mir der Reichtum das große Problem ist. Das, was mich heute an der Nachfolge und am ganzen Einsatz für Jesus hindern will, ist sicherlich bei jedem von uns verschieden, und das Thema ist mit Sicherheit nicht mein Lieblingsthema. Aber da, wo ich am schwächsten bin, stellt mir Jesus meine persönliche Hausaufgabe.
Wenn wir also unsere persönliche Hausaufgabe von Jesus annehmen, hat Jesus die Chance, unsere Schwächen zu stärken. Ein Beispiel:
Ein Tennis-Spieler steigert seine Spielstärke nicht durch noch mehr Training des Schlagarmes. Er trainiert seinen ganzen Körper und macht Konditionstraining, um richtig fit zu sein. Er lässt die anderen Muskeln nicht verkümmern.
Können Sie sich das vorstellen, wie der Tennisspieler aussehen würde, wenn er nur Muskeln an einem Arm hätte? Wie würde sein Anzug aussehen? Auf der einen Seite hätte er einen soooo großen Ärmel, auf der anderen Seite einen verkümmert kleinen. Und wenn er diesen gut trainierten Schlagarm verliert, verliert er alles, was er hat.
Jesus will nicht, dass wir einseitig rumlaufen, sondern gleichmäßig geistig fit sind. Christen sind rundum erneuerte Menschen. Und das heißt ganze Hingabe. 
Wir können und müssen unsere Hausaufgaben machen. Nur dabei erkennen wir unser Angewiesen-Sein auf Gott.

Angewiesen-Sein auf Gott

Ich bin mir sicher, dass die Geschichte mit dem reichen Mann ganz anders verlaufen wäre, wenn er nicht traurig weggegangen wäre. Jesus gibt nicht immer die Antworten, die wir gerne hören wollen. Stellen Sie sich mal vor, der reiche Mann hätte seine Enttäuschung mit derselben Intensität rausgelassen, mit der er zu Jesus gerannt ist. Dann hätte er vielleicht geweint und Jesus verzweifelt gefragt: "Was soll ich denn jetzt machen? Ich möchte Dir gerne folgen, aber ich kann nicht. Hilf mir!" Und dann hätte Jesus ihm geholfen. 
Die letzte Aufgabe in meinem Leben wird darin bestehen, auch beim Sterben an Jesus dran zu bleiben. Das hört sich jetzt natürlich traurig und düster an. Ich rede aber trotzdem vom Sterben, weil es ein extremes Beispiel für eine Situation ist, in der ich eindeutig auf Jesus angewiesen bin, denn spätestens dann kann ich gar nichts mehr tun.
Manche Schwierigkeiten zwingen mich, das Angewiesen-Sein auf Gott wahrzunehmen und zu üben, und so lerne ich, bei allem, was ich tue, eine Hand nach Jesus auszustrecken. Ich möchte lernen, alles gemeinsam mit Jesus zu tun.
Und wenn ich dann mal von dieser Erde abtreten muss, möchte ich keine Panik erleben, sondern ganz locker beten können "In deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöst, Herr du treuer Gott." Das ist aus Psalm 31, Vers 6, so hat Stephanus gebetet, als er gesteinigt wurde, und das hat auch Jesus gebetet, als er gekreuzigt wurde. 
Ich halte das für die größte Herausforderung im Glauben, mich darüber zu freuen, dass ich auf Gott angewiesen bin. Dabei übe ich kindliches Vertrauen ein, das sich an den Vater im Himmel wendet: "Mein Papa wird's schon machen."
Ich glaube, dass wir fröhlich sein dürfen in dieser Abhängigkeit von Gott, denn er hält uns nicht kurz, sondern schenkt uns das Allerbeste, was es im Leben gibt: Seine Nähe.

Hausaufgabe für unsere Gemeinde

Wir als Gemeinde haben auch unsere Hausaufgabe bekommen. Die Gemeinde ist nach biblischem Verständnis der Leib von Jesus Christus und Jesus ist der Kopf der Gemeinde. Vor einiger Zeit haben wir das in unseren Grundüberzeugungen zum Ausdruck gebracht - wer wir sind - unser Gemeindeleben - unser Auftrag. Das ist der Maßstab, an dem wir uns messen wollen und überprüfen können, ob wir noch in Bewegung sind und unsere Ziele noch vor Augen haben. Gott hat uns Verstand gegeben und Fantasie geschenkt, damit wir die Beziehung zu ihm gestalten können. Dazu gehört unsere Fürsorge für diese Welt und wie wir unser Gemeindeleben organisieren wollen.
Zwei Punkte möchte ich gerne aufgreifen. Bei "Unser Auftrag" haben wir formuliert: "Wir gestalten unsere Gemeinde bewusst so, dass sie anziehend und einladend auf Menschen wirkt." So sollen auch unsere Gottesdienste sein und die Veranstaltungsreihe "Gottesdienst im Gespräch" lädt alle Interessierten zum Austausch darüber ein. Beim letzten Mal hatten wir über Musik gesprochen, was sie uns bedeutet. Das Gespräch hat mir Mut gemacht, diesen Gottesdienst mit einem Liederblock zu beginnen, um Gott etwas ausführlicher als sonst mit unseren Liedern zu loben und anzubeten.
Unter "Jesus Christus prägt die Gemeinde" beschreiben wir, dass unser geistliches Leben von gemeinsamen Gebet und seelsorgerlichen Beziehungen geprägt ist. Geistliches Leben ist schwerer zu sehen und zu beurteilen als einladende Gemeinde. Das Thema zielt auch viel stärker ins Intime und Persönliche, und deswegen möchte ich ganz behutsam anfragen, ob wir als Gemeinde dieses Thema schon ausreichend bearbeitet haben. Wir brauchen starke seelsorgerliche Beziehungen, um im Glauben wachsen zu können.

Nicht gemachte Hausaufgaben - Schuld

Die Hausaufgaben, die Jesus mir stellt, kann ich machen oder auch nicht. Wir sind frei, zu Gott zu sagen: Ich kann jetzt nicht, ich habe keine Zeit für dich. Oder: Ich muss das jetzt alleine machen, komm nicht mit.
Gott hat uns ja gerade einen eigenen Willen gegeben, der auch mal gegen seinen Willen gerichtet sein kann. Wichtig ist, dass wir uns nicht frömmer machen als wir sind und ehrlich bleiben. Dann kann er selber dafür sorgen, dass Jesus mir wichtiger wird, wenn ich das denn zulasse. Aber so ist Gott treibende Kraft und nur so hat er die Chance, mein Leben auch in anderen Bereichen zu verändern. Und wenn Gott was macht, macht er es super-gut.
Es kann aber auch sein, dass ich meine Hausaufgaben gar nicht machen kann. Vielleicht bin ich persönlich verletzt worden, so stark, dass ich weder Gott noch Menschen traue. Es kann dann sein, dass ich mich zurückziehe in mein Schneckenhaus und gar nichts mehr will. Es kann sein, dass ich gegen meine Unlust, Unsicherheit, Angst nicht ankomme und alles in Frage stelle. Oder ich greife zu den beliebten Mitteln, aus der Realität zu flüchten: Alkohol, Fernsehen, Computer, Arbeit, .... 
Ich möchte auf die Predigt von Cornelia Trick über Nehemia 3, zum Thema "Kraft zum Neuanfang: Bin ich dabei?" verweisen. Vor drei Wochen ging es um den Wiederaufbau der Stadtmauer Jerusalems. Ein ganz wichtiger Beitrag zum Gelingen des Wiederaufbaus war die Einigkeit der Bauleute, das Nebeneinander arbeiten am Reich Gottes. Und das setzt voraus, dass Jesus die Spannungen zwischen Menschen beseitigt, dass er Verletzungen heilt und Sünde vergibt.
Jesus ist extra auf die Welt gekommen, damit wir unsere Probleme und unsere Schuld, unsere nicht gemachten Hausaufgaben loswerden können. Jesus ist gekommen, um uns in die Gemeinschaft mit ihm abzuholen. Das ist unser Da-Sein. Die Hausaufgaben führen weiter, wollen Wachstum ermöglichen.
Sohn und Tochter des himmlischen Vaters bleibe ich, ob ich meine Hausaufgaben mache oder nicht. Ich will aber wachsen, und da, wo ich nicht weiterkomme, ist Jesus als Trainer da und sorgt selber dafür, dass sich meine verkümmerten geistigen Muskeln entwickeln.

Meine Hausaufgabe

Jetzt werde ich mal persönlich, wie sehen denn nun meine eigenen Hausaufgaben aus?
Bei mir persönlich ist es der Umgang mit der Zeit, den ich von Gott her neu lernen muss. Ich möchte gerne meine Aufgaben rechtzeitig erledigen, damit ich auch freie Zeit habe, die ich für eine bewusste Begegnung mit Gott nutzen kann. Ich möchte in Gelassenheit und ohne Zeitdruck Bibel lesen, beten, vielleicht neue Wege geistlichen Lebens entdecken und einüben wie Meditation, Beten und Fasten.
Ich möchte ganz nah bei Jesus sein, und die Fragen des Lebens neu an mich heranlassen. Ich brauche die Antworten ja nicht nur für mich alleine, sondern auch für meine Mitmenschen, die auf Gott angewiesen sind und seinen Trost brauchen, aber nie in eine Kirche gehen würden.

Ihre Hausaufgabe

Bei Ihnen sind es vielleicht andere Dinge, die Sie mit Jesus abklären müssen. Aber vielleicht brauchen auch Sie Gottes starken Arm, der Ihnen die vielen Aufgaben beiseite schafft, damit Sie wieder Raum zum Leben haben, Zeit für Gott.
Ich weiß nicht, was bei Ihnen das Thema ist, das Sie von Ihrer Hingabe an Gott abbringen will oder Ihre ungeteilte Offenheit und Liebe schmälern will. Vielleicht ist es notwendig für Sie, solche Dinge in Ihrem Leben aufzuspüren und Jesus an diese Stellen ran zu lassen.
Vielleicht wollen wir als persönliche Hausaufgabe die Frage mitnehmen, wo Sie und ich Vorbehalte gegen Gott haben, wo wir uns nicht vorstellen können, dass Gott auch in diesem Lebensbereich zuständig ist. Und dann soll Jesus uns an diesen Punkten verändern, damit wir mehr und mehr mit ihm leben können.
Ich möchte Sie nicht mit dieser Hausaufgabe entlassen - wir sind hier nicht in der Schule - sondern mit Gottes Zusagen möchte ich schließen:
  • Ihr seid das Licht!
  • Ihr seid das Salz für die Welt!
  • Ihr seid das Licht für die Welt!
Wir können und müssen darüber sprechen, wie wir unser Dasein als Christ und als Gemeinde gestalten wollen. Aber was wir sind, das ist von Gott her schon lange festgelegt: Salz und Licht!
Und so schließe ich mit der festen Überzeugung und der Hoffnung, dass Gott uns Gelingen schenkt bei unseren Aufgaben, und dass er uns zu fröhlichen Christen wachsen lässt, die sich gegenseitig und anderen Menschen den Weg zu Gott zeigen, so wie ein Leuchtturm den Schiffen auf dem Wasser den Weg zeigt.
Holger Lettnin


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