Gott im Alltag erfahren
Gottesdienst am 13.08.2000
Liebe Gemeinde,
wir befinden uns vom Kirchenjahr her in der langen Zeit nach Trinitatis. Nach den vielen Festen des ersten Halbjahres ist es die festlose Zeit. Im englischsprachigen Raum heißt diese Zeit "Ordinary Time" = Alltag. Für viele gilt das spätestens ab morgen auch wieder im privaten Leben: Die Urlaubszeit ist vorbei, die schönsten Wochen des Jahres, wie es immer heißt, existieren nur noch in der Erinnerung und auf Fotos. Die Kinder und Jugendlichen in Hessen drücken seit einer Woche wieder die Schulbank. In den Betrieben wird wieder mit Volldampf gearbeitet, falls es überhaupt so etwas wie ein Sommerloch gab. Zu Hause fallen wieder die täglichen und wöchentlichen Routinearbeiten an: Kochen, Waschen, Putzen, Termine organisieren.... In der ersten Zeit ist hoffentlich neugewonnener Elan zu spüren: Die  immer wiederkehrenden Arbeiten gehen leichter von der Hand; Querelen und Stress am Arbeitsplatz schlauchen weniger als üblich - und nach 6 Wochen Pause macht sogar das Lernen wieder Spaß (mir ging es zumindest früher so). Auch ein vertrauter, geordneter Tagesablauf tut nach einer längeren Pause sogar wieder gut. Aber wie lang hält die neugeschöpfte Kraft aus dem Urlaub vor? Wie schnell holen uns all die Dinge, die wir im Urlaub hinter uns gelassen haben wieder ein? Die alten Muster und Konfliktpunkte, der übliche Stress oder auch das Leiden unter der Eintönigkeit des Alltags.

Eine mögliche Lösung: Dem Alltag entfliehen - möglichst den nächsten Urlaub planen oder wenigstens davon träumen.
Doch: wie im Kirchenjahr - der Alltag gehört zum Leben und macht den größten Teil davon aus. Nur auf die "Festzeiten" oder wenigstens auf die Wochenenden hin zu leben würde bedeuten, den größten Teil des Lebens zu verpassen. Deshalb möchte ich heute mit Ihnen/Euch anhand eines kurzen Textes und eines Bildes dazu darüber nachdenken, wie wir Alltag leben können und  wie wir Gott eben nicht nur am Sonntag in der Kirche oder im Urlaub in der Schönheit der Natur, sondern im täglichen Kleinkram erfahren können.

Matthäus 13,33

Noch ein Gleichnis erzählte er (Jesus) ihnen: "Wenn Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet, ist es wie mit dem Sauerteig: Eine Frau mengte eine Handvoll davon unter eine riesige Menge Mehl, und er machte den ganzen Teig sauer."

Dazu habe ich ein Bild, das vom Hungertuch 1991 stammt; eine indische Künstlerin hat es geschaffen. Es zeigt eine Hungertuch: Frau beim TeigknetenFrau bei einer ganz alltäglichen Verrichtung, wie sie etwa zwei Drittel aller Frauen auf der Welt bis heute täglich tun, um ihre Familien zu versorgen: Sie knetet einen Teig aus Mehl und Wasser, läßt ihn gehen mit Hilfe von Sauerteig oder Hefe und bäckt daraus Brot. Ein solch ganz alltägliches, unscheinbares Bild stellt die Künstlerin in den Mittelpunkt ihres Hungertuches, das ansonsten viele herausragende Frauengestalten aus der Bibel in ebenso herausragenden Situationen zeigt (z.B. Mirjam und die Frauen, die feiern und tanzen nach der Durchquerung des Schilfmeers; die Frau, die mit Jesus diskutiert und nicht lockerläßt, bis er ihre Tochter heilt; oder Maria von Magdala, die den Jüngern berichtet, dass Jesus von den Toten auferstanden ist). Aber im Mittelpunkt steht die brotbackende Frau.

Für mich ist das auch ein Bild für unser Leben mit Gott: Das Zentrum unserer Gemeinschaft mit Gott bilden nicht die herausragenden Erfahrungen, sondern der Alltag. Im Alltag erweist sich, ob die Beziehung zu Gott Bestand hat, ob sie trägt und mein Leben prägt. Die ganz alltägliche Situation dieser brotbackenden Frau hat Jesus selbst herausgegriffen und sie als ein Bild für das Reich Gottes, für das Wirken und die Wirklichkeit Gottes in dieser Welt herausgestellt. 
Die Frau, die wir hier bei der Brotzubereitung sehen, hat ihren Teig offenbar schon geknetet und gehen lassen. Jetzt ist sie dabei, ihn zu Broten zu formen. Trotz ihrer ganz alltäglichen Verrichtung wirkt diese Frau weder gelangweilt noch genervt. Es sind auch nicht nur ihre Hände, die die gewohnte Arbeit tun, während die Gedanken sich ganz woanders befinden. Diese Frau ist ganz konzentriert bei dem, was sie gerade tut, betrachtet geradezu liebevoll ihre Hände, die den Teig verarbeiten. Woran sie wohl denkt? Vielleicht an die Menschen,  die sie liebt und für die sie dieses Brot bäckt? In Indien gibt es die Redeweise, dass nur mit Liebe gebackenes Brot die Menschen wirklich satt mache. Nur wenn eine Frau innerlich friedevoll und glücklich sei, könne sie eine wirklich nahrhafte Mahlzeit für ihre Familie zubereiten. Dieser Frau ist es anscheinend gelungen, Dinge, die sie ablenken oder ärgern, zurückzulassen und sich mit Liebe und Hingabe ganz auf ihre gegenwärtige Arbeit zu konzentrieren.

Ich stelle mir vor, dass ihr das nicht aus eigener Kraft gelungen ist, sondern weil sie weiß, wohin sie sich wenden kann mit den Dingen, die sie bedrängen. Es sieht aus, als sei sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Gebet: Vielleicht ist sie erfüllt mit  Dankbarkeit gegenüber Gott, der die Körner hat wachsen lassen und der sie und ihre Familie mit dem versorgt, was sie zum Leben brauchen. Die Ähren, die um sie herum sprießen und das Korn, das sie wie eine schützende Hülle umgibt, könnten ausdrücken, was sie in diesem Moment empfindet. Ihre alltägliche Arbeit ist ihr zum Bild dafür geworden ist, wie Gott in ihrem Leben gegenwärtig ist und wirkt. Und wenn sie Gott dann für die Menschen bittet, für die sie das Brot bäckt und die ihr am Herzen liegen, um die sie sich sorgt, über die sie sich auch ärgert, dann schließt sich der Kreis. In ihrer ganz alltäglichen Arbeit ist sie Gott begegnet, hat ihm gesagt, was sie dankbar macht und was sie bedrückt und hat von ihm Ermutigung bekommen: Ja, so wie der Sauerteig das Mehl durchsäuert, so ist es auch mit dem Wirken Gottes in meinem Leben

So alltäglich und doch so wundersam wie mit dem Brotbacken verhält es sich mit dem Reich Gottes: Eine kleine Menge Sauerteig wird unter eine viel größere Menge Mehl geknetet. Wenn dies gleichmäßig und mit Ausdauer geschieht, wird der ganze Teig durchsäuert und aus einem ungenießbaren Brei aus Mehl und Wasser wird schmackhaftes und nahrhaftes Brot.

Von außen läßt sich der Prozess nicht richtig verfolgen, er vollzieht sich im Verborgenen - obwohl die Chemiker unter uns das heutzutage natürlich ganz genau erklären könnten. Aber darum geht es nicht. Jesus will mit diesem kurzen Gleichnis sagen: Die Menschen fragen oft: Wo ist Gott? Warum wirkt er nicht mit großen Taten und Wundern, dass alle ihn sofort erkennen. Das ist das Geheimnis des Wirkens Gottes und auch der Person Jesu selbst: Gottes Wirken geschieht oft unter der sichtbaren Oberfläche, ist nicht vorzeigbar und beweisbar. Es erschließt sich mir nur, wenn ich mich im Glauben und Vertrauen auf ihn einlasse. Dann allerdings werde ich feststellen: Ja, Gott ist da, er wirkt in dieser Welt und auch in meinem persönlichen, alltäglichen Leben. Interessant ist, dass Jesus hier ein Bild aufgenommen hat, das landläufig immer negativ verwendet wurde. Jesus selbst etwa hat an einer anderen Stelle die Jünger vor dem Sauerteig der Pharisäer gewarnt und Paulus warnt in seinen Briefen vor der Macht von Verhaltensweisen, die nicht zum christlichen Glauben passen und die sich ausbreiten wie Sauerteig, wir würden vielleicht sagen: Wuchern wie Unkraut. Dieses Bild dreht Jesus um und hebt die positive Wirkung des Sauerteigs hervor. Vielleicht würde er für uns heute hier in Mitteleuropa auch das Bild vom Unkraut verwenden: Mit dem Reich Gottes ist es wie mit dem Unkraut. Unkraut verdirbt nicht! Dass Jesus auferstanden ist und lebt, dass damit die Macht von Unrecht, Leid und Tod  gebrochen sind, auch wenn wir noch mit ihnen leben müssen, ist eine Tatsache. Mögen manche den christlichen Glauben verspotten oder gar verfolgen, ihn für antiquiert oder hinterwäldlerisch halten - keiner dieser Haltungen ist es in 2000 Jahren gelungen, den christlichen Glauben auszurotten und es wird auch in Zukunft nicht gelingen. Denn Gott selber ist am Werk, er durchdringt die Welt mit seiner Liebe und seiner Gegenwart, mit seiner Sehnsucht nach Gemeinschaft mit den Menschen, gerade auch mit dir und mir persönlich. 

"Gott im Alltag erfahren" heißt das Thema heute. Ich möchte darum einige Impulse nennen, die ich aus diesem Gleichnis und dem Bild dazu für meinen Alltag mitnehme und auch Ihnen/Euch mitgeben möchte:

  1. Wie diese Frau, die sich auf das Brotbacken konzentriert, möchte ich mich auf die Aufgabe konzentrieren, an der ich gerade stehe und versuchen, nicht gleichzeitig noch zwei andere Dinge zu tun und an drei weitere zu denken.
  2. Wie diese Frau möchte ich meine Aufgaben mit Liebe erfüllen. Das fällt manchmal leicht und will mir andere Male vielleicht gar nicht gelingen - weil mir gewisse Aufgaben einfach ein Greuel sind oder weil ich Probleme habe mit der Person, für die ich sie tun soll. Aber ich kann im Gebet darum bitten: Herr, schenk mir die Geduld und das Verständnis, die ich für die Aufgabe oder für die Person, die dahinter steht, brauche.
  3. Wie diese Frau möchte ich offen sein für das Wirken und das Reden Gottes - gerade in ganz alltäglichen Begebenheiten und Erfahrungen. Ich stöhne manchmal über die Wäscheberge, die ich zu bügeln habe. Aber gerade beim Bügeln kommen mir oft Gedanken, Bilder und Einsichten, die ich als Reden Gottes zu mir erlebe und für die ich sehr dankbar bin. Anderen mag das so ergehen, wenn sie putzen oder im Auto unterwegs sind oder beim Joggen....
  4. Wie wir es heute in diesem Gottesdienst getan haben, möchte ich aber auch in meinem Alltag Akzente setzen. Neben all den Pflichten und Terminen, die vorgegeben sind oder von denen ich meine, dass sie sein müssen, will ich auch eigene Akzente setzen, mir Zeit nehmen für Dinge, die nicht sein müssen, aber die mir wichtig sind und Freude machen, das können ganz persönliche Hobbys sein - aber das könnte auch eine Aufgabe in der Gemeinde sein, Zeit, die ich in meinem Alltag bewußt Gott zur Verfügung stelle.
  5. Diese Frau erweckt den Eindruck, dass sie Zeit hat, trotz all ihrer Aufgaben: Zeit, auch einmal innezuhalten und nachzudenken über das, was sie tut, über Menschen um sie herum; Zeit zum Gebet. Auch das möchte ich als Impuls mitnehmen. So oft meine ich, keine Minute Zeit zu haben - und wenn ich mir doch ein paar Augenblicke der Stille nehme, merke ich, wie viel Kraft ich daraus schöpfe.
  6. Das Bild der kleinen Menge Sauerteig, die eine große Menge Mehl zu durchsäuern vermag, fasziniert mich. Das wünsche ich mir auch für mein Leben, für meinen Alltag: Dass Gott ihn durchdringt, dass es nicht nur fest reservierte Zeiten für ihn gibt am Sonntag im Gottesdienst oder morgens während der Stillen Zeit oder in welchen Nischen auch immer, sondern dass ich merke: Ich stehe in ständiger Verbindung zu ihm. Er hilft mir, meinen Alltag zu bewältigen. Er freut sich mit mir über die schönen Erfahrungen. Er schenkt mir Geduld und Ausdauer, wenn es anstrengend ist. Zu ihm kann ich mit Ärger, Wut oder Enttäuschung kommen und er hilft mir, damit umzugehen. Ihm kann ich sagen, was schief gelaufen ist und finde bei ihm Korrektur, Vergebung und die Möglichkeit zu Veränderung und Neuanfang. 
Wenn ich Gott in meinem Alltag Raum gebe, ihn bitte, mein Leben zu durchdringen wie der Sauerteig das Mehl, wird der Alltag dadurch nicht zu einem lockeren Spaziergang. Es wird weiterhin Dinge geben, die Nerven kosten, die Stress verursachen, die eintönig oder zum abgewöhnen sind. Aber ich kann anders damit umgehen, wenn ich weiß: Ich stehe nicht alleine damit da!

Die Frau in Jesu Gleichnis hat übrigens nicht die damals übliche Teigmenge geknetet, die den Tagesbedarf einer Familie deckte, sondern eine Menge, die dazu ausreichen würde, etwa 100 Personen einen Tag lang zu versorgen. Vielleicht kannte Jesus sich mit den Mengen nicht so gut aus. Aber ich glaube, er will damit auch auf die Fülle des Reiches Gottes hinweisen: Gottes Kraft ist nicht da zu Ende, wo unsere menschliche Kraft oder unser Vorstellungsvermögen aufhören. Gott kann und will unser Leben und diese Welt durchdringen. Und obwohl es  angesichts vieler Situationen in unserem eigenen Leben und in der Welt  fast unmöglich erscheint: Es wird der Tag kommen, an dem Unrecht, Leid und Tod ihre Macht endgültig verlieren. Bis dahin liegt es auch an uns, dass Gottes Gegenwart in dieser Welt nicht verborgen bleibt, sondern durch unser ganz alltägliches Leben, Reden und Handeln für andere sichtbar und erfahrbar wird. 

Irene Kraft


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