Glaubenskurs für Jona
Gottesdienst am 30.01.2011

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
im Kindergottesdienst wurde das Gleichnis von den 10 Jungfrauen behandelt und die Leiterin fragte, wer von den Kindern gerne bei dem Bräutigam beim Hochzeitsmahl sitzen wollte. Max meldete sich und sagte: „Ich, aber ohne diesen Haufen.“ Die Leiterin hatte Max offensichtlich noch viel beizubringen, z.B., dass Jesus auch den „Haufen“ gerne bei seinem Fest dabei haben will.

Wenn wir das Buch des Propheten Jona lesen, merken wir, dass es darin zwar auch um eine Stadt geht, der Gericht angekündigt wird und die umkehrt. In erster Linie aber berichtet das biblische Buch von einem Glaubenskurs, den Gott mit dem Propheten Jona selbst abhält. Denn Max vom Kindergottesdienst und Jona haben durchaus Ähnlichkeiten.

Ein kurzer Durchgang durch die Jona-Erzählung:
Aus dem Buch der Könige (2.Könige 14,25) erfahren wir, dass Jona als Prophet im Nordreich Israels zurzeit des Königs Jerobeam II. wirkte. Seine Aufgabe war es, anzukündigen, dass Teile des Landes, die in Kriegen verloren wurden, wieder zu Irsael zurückkehren würden, und tatsächlich ist das auch eingetroffen. Wir können uns vorstellen, wie angesehen er beim König war, das Land nahm einen Aufschwung, und Jona war daran beteiligt. Wir sehen ihn richtig vor uns, wie er seinen Vorgarten pflegte, sich auf das Dinner beim König freute, noch ein Nickerchen in der bequemen Hängematte nahm, als ihn plötzlich der Anruf Gottes traf: „Jona, geh nach Ninive!“ Ninive war mitten im assyrischen Feindesland, da sollte er Gottes Gerichtsbotschaft sagen, aus Jonas Warte ein sicheres Selbstmordkommando. So wundert es nicht, dass er sich absetzte und statt nach Osten gen Nordwesten zog, übers Mittelmeer nach Tarsis – weit weg von Gott und seinem Auftrag. Doch ein Seesturm brachte ihn unvermutet Gott nahe. Die verzweifelten Seeleute, die ihre ganze Ladung schon ins Meer geschmissen hatten, ihre verschiedenen Götter angefleht hatten, wurden auf ihren Passagier aufmerksam, der in der Ecke lag und schlief. Sie rüttelten ihn wach und forderten ihn auf zu seinem Gott zu beten. – Die Ungläubigen brachten Jona wieder ins Gespräch mit Gott.

An dieser Stelle bleibe ich zunächst hängen und erkenne mich so wieder in dem schlafenden Jona. Da brennt die Umgebung, alles gerät in Unordnung in meiner nächsten Bekanntschaft, und ich schlafe selig in einem Eckchen, als ob mich das alles gar nichts anginge. Ich fühle mich durch Jona selbst wachgerüttelt. Es ist doch an mir zu beten, die ich den lebendigen Gott kenne. Statt zu schlafen und zu hoffen, dass alles an mir unbesehen vorübergeht, bin ich herausgefordert, Gott anzurufen und um Hilfe zu bitten.

Jona wird schließlich über Bord geworfen. Er ist der, dem der Seesturm gilt. Ihm geht Gott nach und lässt ihn nicht nach Tarsis entfliehen. Jesus selbst vergleicht sich mit Jona. Wie Jona durch seine Hingabe den Seeleuten eine sichere Überfahrt in ruhigem Wasser verschaffte, so Jesus, der sich als Unschuldiger stellvertretend für uns hingab, um Frieden zu wirken. Und wie Jona 3 Tage im Bauch des Fisches bereit wurde für einen Neuanfang mit Gott, so ist Jesus nach 3 Tagen auferstanden, um zu leben und diesen Neuanfang des Lebens allen Menschen zu ermöglichen. 

Bis zu dieser Stelle, am Ufer irgendwo am Mittelmeer, lernte Jona in diesem Glaubenskurs, dass Gott ihm nachgeht und Fliehen zwecklos ist. Er lernte, dass Gott ihn herausrief aus seiner gemütlichen Hängematte, um mitten im feindlichen Land Zeugnis zu geben, und andere unter seinem Ungehorsam Gott gegenüber litten. Und er lernte, dass es eine zweite Chance gab. 

So ging Jona über 600 km nach Ninive, dem heutigen Mosul im Irak. Die Stadt war groß, eine Durchquerung von West nach Ost dauerte 3 Tage. Einen Tag, so berichtet die Bibel, ließ er die Stadt auf sich wirken, dann begann er zu predigen. Umkehren zu Gott sollten die Leute, ihr Leben ändern, denn in 40 Tagen würde Gott Gericht über die Stadt kommen lassen. Wie lange Jona predigen musste, bis die ersten zaghaft umkehrten, ihre Kleider in Trauerkleider tauschten und von Herzen ihre bösen Taten bereuten, wissen wir nicht. Recht kurz berichtet die Bibel, wie einer nach dem anderen zu Gott umkehrte und um Vergebung bat, bis die Bewegung auch das Königshaus und den König erreicht hatte. Und Jona, sollte er sich nicht unglaublich freuen über 120.000 Sünder, die umgekehrt waren? Wenn schon im Himmel für einen Sünder, der umkehrt, ein Freudenfest veranstaltet wird (Lukas 15), wie wird dann erstmal die Begeisterung für 120.000 Sünder groß sein, und Jona hat Anteil daran. Doch die Jona-Geschichte geht überraschend anders weiter.

Jona 4,1-11

Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist's ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Aber der HERR sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Gott der HERR aber ließ eine Staude wachsen; die wuchs über Jona, dass sie Schatten gäbe seinem Haupt und ihm hülfe von seinem Unmut. Und Jona freute sich sehr über die Staude. Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach die Staude, dass sie verdorrte. Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben. Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um der Staude willen? Und er sprach: Mit Recht zürne ich bis an den Tod. Und der HERR sprach: Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht aufgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?

Jona ärgerte sich. Was waren Gottes Gerichtsankündigungen wert, wenn er doch Gnade vor Recht ergehen ließ? War ihm die Durchsetzung seiner Gerechtigkeit so unwichtig, dass er lieber Menschen rettete? Wozu dann die Gerichtsworte? Hätte Gott die Leute nicht auch ohne Jona retten können? Solche Fragen werden Jona beschäftigt haben. Er saß zwischen lauter Stühlen. Seine Phantasie war: Die Nineviten lachten über ihn, weil nach 40 Tagen die Stadt nicht untergegangen war. Die Leute in der Heimat, allen voran der König, waren sauer auf ihn, weil er ohne ausdrücklichen Befehl des Königs zu den Feinden gerannt war und sie nach wie vor nicht von der Landkarte verschwunden waren. Und er selbst, wo sollte er jetzt hin? Da lag der Todeswunsch nahe. Er hatte seine Mission erfüllt, sogar mit überwältigendem Erfolg, aber die, die er missioniert hatte, lagen ihm nicht wirklich am Herzen. Er liebte sie nicht, deshalb lag ihm nichts an der Rettung.

Statt zu sterben fand er doch noch einen 3. Weg. Er ging zum Osttor aus der Stadt und setzte ich auf einen Hügel, von dem aus er einen guten Überblick über die Stadt hatte. Er ging zum Osttor hinaus, um auf die untergehende Sonne zu schauen, um dann doch noch als heimlichen Triumph den Untergang der Stadt zu beobachten, denn lange gut gehen konnte das ja dort nicht. Er wollte lieber Rache statt Lösungen, lieber Gericht statt Versöhnung. Und dafür nahm er Wartezeit in Kauf und baute sich eine kleine Hütte in die Wüste. 

Nehme ich vielleicht auch solche Plätze auf sicheren Aussichtshügeln ein? Ich sehe die Welt zugrunde gehen und denke, geschieht ihnen allen recht, dass es bergab geht. Ich habe ja meine Schäfchen im Trockenen. Ich weiß ja, dass Gott mich liebt. Und wenn es die anderen nicht kapieren, bitte schön. Sollen sie doch dran zugrunde gehen. Auch im Kleinen fühle ich mich ertappt. Nach einer Meinungsverschiedenheit ziehe ich mich schmollend zurück und bin mir sicher, dass Gott meinen Kontrahenten strafen wird. Fast genüsslich male ich mir das aus. Bin auch bereit, lange auf den inneren Sieg zu warten – und muss genau wie Jona noch ein paar Kapitel meines persönlichen Glaubenskurses durcharbeiten, um zu kapieren, wo mein Platz eigentlich wäre.

Jona hätte nicht auf diesem Hügel sitzen sollen. Er hätte in der Stadt seinen Platz gehabt. Da gab es 120.000 Nineviten, die eigentlich keine Ahnung haben konnten, zu welchem Gott sie sich da bekehrt hatten. Sie waren sich bewusst, dass es diesem Gott ernst mit ihnen war, dass er nicht mit sich spaßen ließ und dass ihre Boshaftigkeit untereinander ein direkter Angriff auf ihn war. Aber sie wussten nichts von seiner Liebe, seinem Willen zum Erbarmen, seiner Suche nach den Verlorenen. Sie wussten nicht, dass auch sie aufgefordert waren, ihre Erfahrungen anderen weiterzugeben und eine Wende im ganzen assyrischen Reich herbei zu führen. Das alles blieb Jona ihnen schuldig. Sein Job wäre gewesen, ihnen von Gott zu erzählen und sie anzuleiten, ein Leben zu seiner Ehre zu führen. Vielleicht hätte er dafür noch mal nach Israel zurückkehren müssen, um ein paar Leute zu holen, die mit ihm im Team verkündigen konnten. Wie auch immer, sein Platz war weder auf der Zuschauerbank noch im alten Israel nach getaner Arbeit, sondern definitiv bei den Menschen in Ninive.

Das ist wieder ein Gedanke, der mir unter die Haut geht. Mein Platz ist nicht auf der Zuschauerbank und nicht in meiner sicheren Glaubensgruppe mit Gleichgesinnten. Mein Platz ist da, wo Menschen etwas von Jesus Christus erfahren wollen, wo sie Hilfe brauchen für ihr Leben. Mein Platz ist mitten in dieser Welt, wo ich denen begegne, die sich nicht selbst helfen können und von mir Antwort und Hilfe erwarten.

Der Glaubenskurs für Jona hat noch ein Kapitel. Das letzte Kapitel ist überschrieben mit „Barmherzigkeit“. Gott lässt auf wundersame Weise eine Rizinusstaude vor Jonas Hütte wachsen, die ihm Schatten spendet. Jona, der sich schrecklich geärgert hatte, der sich mit Suizidgedanken herumgeschlagen hatte und schließlich auf der Warteposition vor dem flammenden Inferno gelandet war, freute sich riesig über die Klimaanlage Gottes. Doch am nächsten Tag schlug die Freude schon wieder in Todessehnsucht um, ein Wurm hatte die Klimaanlage zerstört. Wie im wirklichen Leben war Jona offensichtlich sein eigenes Wohlergehen sehr viel wichtiger als das von 120.000 anderen Menschen. Hier hakt Gott ein mit einem letzten Wort: Jona liebte seine Staude, wie viel mehr liebt Gott jeden einzelnen Menschen. Wie viel mehr ist Gott daran gelegen, dass ihm keiner verloren geht. Wie viel liegt ihm daran, dass wir, seine Kinder, diese Liebe teilen und uns weniger um uns und unsere Klimaanlage sorgen, als um die, die Jesus kennen lernen wollen. Jona evangelisierte ohne Liebe zu den Menschen. Er tat seinen Job und wollte am Schluss Recht behalten. Gott schickte deshalb seinen Sohn, der voller Liebe auf die Menschen schaute und schaut, um sie mit Gott in Verbindung zu bringen.

Gott lehrte Jona, dass seine Barmherzigkeit größer ist als sein Recht-Haben-Wollen. Was Jona antwortete auf dieses letzte Wort Gottes? Wir wissen es nicht. Aber unsere Antwort auf Gottes letztes Wort Jesus Christus steht noch aus. Lassen wir uns von ihm mitnehmen in seine Mission, bei den Menschen zu sein, die ihn ganz besonders brauchen? Lassen wir uns von seiner Liebe anstecken, die sogar denen galt, die nicht wussten, was rechts und links ist? Und das heißt ja nichts anderes, als dass wir herausgefordert sind, die zu lieben, die so gar nicht in unser Schema passen? Oder bleiben wir Schläfer in unseren scheinbar sicheren Ecken, bleiben wir Zuschauer, die sich aufs Ende freuen?

Jetzt im Abendmahl gibt unser Herr uns die Chance, ihn um Vergebung zu bitten, wo wir viel zu fest und zu lange geschlafen haben. Und er sagt uns zu, dass er mit uns ist in den ersten unsicheren Schritten hinaus in unsere Welt, sei es betend, handelnd oder mit einem liebenden Herzen begleitend.

Jona 4,11

Und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?
Cornelia Trick


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