Gipfelerlebnis (Matthäus 17,1-9)
Gottesdienst am 20.01.2013

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
die Ehe war ernsthaft in der Krise. Das Vertrauen war zerbrochen, man redete nicht mehr ernsthaft miteinander, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, schien unmöglich. Die letzte Hoffnung war, ein gemeinsames Wochenende an einem schönen Ort zu verbringen, sich einander in Ruhe anzunähern, miteinander spazieren zu gehen und die Chance zu einer tieferen Begegnung zu ermöglichen. Nach diesem Wochenende waren die Probleme nicht weggefegt, aber ein neuer Blick füreinander ist dem Paar geschenkt worden. Sie haben nicht zuerst die Probleme vor sich gesehen, sondern ihre Chancen in einer gemeinsamen Zukunft.

Jesus brachte seine Jünger in eine ernsthafte Krise. Er kündigte ihnen zum ersten Mal sein Leiden und seinen Tod an. Petrus fuhr ihm ordentlich in die Parade: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ Jesus hielt dem entgegen, dass seine Nachfolger ihr Kreuz auf sich nehmen, ihr Leben verlieren, um es für immer zu gewinnen. Die Jünger konnten sich dieser Aussage nicht entziehen. Jesus würde seine Jünger verlassen und sie würden den Kreuzgang mitgehen müssen.

Sechs Tage herrschte Krisenstimmung unter den Jüngern. Wir können uns vorstellen, wie sie sich untereinander besprachen: „Wie geht es weiter? Wie können wir es verhindern? Sollen wir unter diesen Voraussetzungen bei Jesus bleiben?“

Wohl zum Gebet brach Jesus wieder zu einem Berg auf. Mit sich nahm er Petrus, Jakobus und Johannes, die drei Jünger, die auch bei der Auferweckung der Tochter des Jairus mit Jesus waren.

Matthäus 17,1-9

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Jesus ging mit seinen vertrauten Mitarbeitern auf den Berg. Für ihn waren Berge besondere Orte der Gottesbegegnung. Oft berichten die Evangelien von Jesu Gebetszeiten auf Bergen. Sinnbildlich stehen diese Gottes-Berge für Zeiten und Orte, wo wir herausgenommen sind aus unserem Alltag, einen Überblick über Vergangenes und Zukünftiges erhalten und in ganz besonderer Weise Gottes Nähe spüren. Wir lassen Gott in unser Leben schauen, warten auf Klärung und Aufklärung, sind bereit für eine neue Perspektive.

Auf dem Berg wird Jesus vor den Augen der Jünger verwandelt. Gottes Licht liegt auf ihm, sein Gesicht ist erhellt, seine Kleider leuchten weiß. Jesus erscheint ihnen als der Auferstandene und Erhöhte. Eben noch in großen Zweifeln, wie es in Zukunft mit ihnen weitergehen soll, sehen sie jetzt die Perspektive von Ostern vor sich. 

Mose und Elia sind bei Jesus, sie sind Vertreter der Himmelswelt. Auch sie hatten Gipfelerlebnisse, Mose auf dem Sinai im Empfangen der 10 Gebote und Elia auf dem Berg Moria, als Gott ihm in einem sanften Wind nahe war. Jesus steht in einer Reihe mit Mose und Elia und überbietet sie doch. Nur er ist der Sohn Gottes. 

Die drei Jünger sind Zeugen dieser Himmelsszene. Petrus ergreift mal wieder das erste Wort: „Hier lasst uns Hütten bauen!“ Ein sehr verständlicher Wunsch, den drei Himmelsvertretern einen dauerhaften Wohnsitz im Himmel einzurichten. Es wirkt wie eine Vorwegnahme der Ewigkeit. Gott wird seine Hütte bei den Menschen haben, so beschreibt es der Seher Johannes in der Offenbarung. Man wird ihn nicht suchen müssen, er wohnt mitten unter seinen Menschen. Und so hat sich das Petrus vielleicht auch vorgestellt. Ein dauerhafter Anlaufpunkt für Gipfelerlebnisse und andere Themen rund um Gott. Himmel schon auf dem Berg der Verklärung. Doch Gottes Stimme aus dem Himmel unterbricht den Gedankengang. Gott wiederholt seine Worte, die er schon bei der Taufe über Jesus sprach. Gott handelt mit seinem Sohn in einzigartiger Weise. Jesus wehrte den Teufel in der Wüste ab, der ihm auf einem Berg alle Reiche der Welt zu Füßen legen wollte. Jetzt übergibt der Vater dem Sohn alle Herrschaft und alles Wissen. Gehorsam gegenüber dem Vater geht Jesus ins Leiden, doch eigentliches Ziel ist seine Herrlichkeit beim Vater, hier schon vorweggenommen auf dem Berg der Verklärung.

Gott fordert die drei Zeugen auf, Jesus zuzuhören. Was bedeutet das genau? Im Rahmen des Matthäusevangeliums werden wir direkt auf die Bergpredigt (Matthäus 5-7) gestoßen. Auch wieder auf einem Berg sagt Jesus den Menschen, die sich um ihn lagern, wie sie ihren Glauben an Gott praktisch im Alltag umsetzen können. Er sagt ihnen zu, dass sie Licht und Salz in ihrer Umgebung sind, da Gottes Licht durch sie hindurch scheint. Um das dauerhaft zu ermöglichen, ermutigt Jesus, mit dem himmlischen Vater vertraut zu reden, eine Beziehung zu ihm zu leben, die den ganzen Alltag durchdringt. Erst daraus entwickeln sich die Handlungsschritte, Liebe zum Feind, Verzicht auf Vergeltung, Lebenswandel, bei dem innen und außen von Gottes Willen geprägt ist, und Widerstand gegen die Meinung der Masse. 

Diese Aufforderung hören auch wir heute Morgen. Gipfelerlebnisse können wir nicht machen, sie sind Geschenk, wo und wann immer Jesus uns auf Berge der Verklärung mitnimmt. Jesu Fürsorge schenkt uns Bergtouren besonders in krisenhaften Zeiten, wo alles in Frage steht und der Boden unter den Füßen schwankt. Wir brauchen solche Auszeiten der Klärung und Stärkung, Ausblicke auf Perspektiven und neuen Mut zum Weitermachen. Auf dem Gipfel können können wir Gottes Nähe tanken und auf Jesus hören. Was will er uns sagen? Brauchen wir eine innigere Nähe im Gebet? Brauchen wir einen konsequenteren Lebensstil? Sind wir leicht abgetrieben von dem Weg, den Gott für uns vorgesehen hat? 

Die Jünger bekamen ihre Lektion direkt nach dem Abstieg vom Berg. Dort erwartete sie ein aufgelöster Vater mit einem kranken Kind, das die übrigen Jünger nicht heilen konnten. Jesus sagte den Jüngern auf den Kopf zu, dass ihr Glaube nicht ausreichte, sie Gott nicht wirklich zutrauten, dass er heilen konnte. Auf Jesus zu hören hieß, ihm alles zuzutrauen, sein Licht auch schon in der Dunkelheit zu erwarten, mit Vertrauen auch in scheinbar überfordernde Situationen hineinzugehen. 

Auf Jesus zu hören bedeutet für uns, ihn auf unserem Weg im Tal zu erwarten und auf seine Kommentare zu achten. In unsere Fehler gibt er Einsicht und ist bereit zur Vergebung. Unsere Wunden will er heilen und uns die Kraft geben, anderen zu vergeben. Unsere Selbstüberschätzung deckt er auf und hilft uns beim Einordnen, Unterordnen und Gehorsam. Unsere Mutlosigkeit hält er aus, aber richtet unseren Blick auf seine Möglichkeiten.

Doch kommen wir wieder zurück auf den Berg. Jesus holt die drei aus der Anbetung heraus. Er ruft sie auf: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“ Er gibt das Signal, dass nun genug getankt ist und der Alltag wartet. Was sie auf dem Berg erlebt haben, kann ihnen keiner nehmen, es wird wie ein kostbarer Schatz in ihrem Herzen bleiben.

Noch einmal begegnen uns die drei Jünger exklusiv mit Jesus. Jesus nimmt sie im Garten Getsemane mit ins Gebet. Es ist seine tiefste Stunde, in der er Gottes Weg endgültig annimmt und sich auf den Weg in den Tod begibt. Das Gipfelerlebnis auf dem Berg der Verklärung scheint weit weg. Aber es ist nur überschattet. Am Ostermorgen wird es wieder geweckt, wenn der Engel spricht: „Fürchtet euch nicht! Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden!“ 

Heute ist Gipfeltag der Woche. Jesus kann diesen Sonntag zu einem Gipfelerlebnis machen. Er lädt uns ein, mit ihm aus unserem Alltags-, Krisen- und Problemtal zu steigen und von ihm eine neue Perspektive geschenkt zu bekommen. Er macht Mut, lädt ein zur Umkehr und gibt Kraft zur Vergebung. Sein Glanz wird auf uns abstrahlen. Morgen werden wir wieder absteigen, doch Jesus bleibt dabei. Auf ihn zu hören, wird unseren Alltag verändern und das Gipfelerlebnis in allen Herausforderungen durchscheinen lassen.

Cornelia Trick


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