Eine harte Rede
Gottesdienst am 03.04.2011

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
eine Bekannte von mir ist Engländerin und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Als ich sie fragte, seit wann sie sich denn hier so richtig zu Hause fühle, erzählte sie mir von ihren Träumen. In der ersten Zeit in Deutschland habe sie immer auf Englisch geträumt. Obwohl sie sich tagsüber bemühte, möglichst nur deutsch zu sprechen, war ihr Gehirn ständig mit Übersetzen aus dem Englischen beschäftigt. Nachts sprach ihr Unterbewusstsein endlich wieder die Muttersprache. Doch das änderte sich nach einiger Zeit, zunehmend wurden ihre Träume deutsch. „Und da wusste ich, dass ich endgültig in Deutschland angekommen bin und hier bleiben werde,“ sagte sie. 

Mit dem Glauben an Jesus Christus ist es ganz ähnlich wie mit einer Sprache. Man kann sie lernen als Fremdsprache, die Fakten über Jesus auswendig lernen wie Vokabeln. Man kann Erfahrungen anderer sammeln und versuchen, sie selbst nachzuvollziehen. Doch Jesus bleibt fremd wie eine Fremdsprache. Er dringt nicht ins Unterbewusstsein durch. Er ist nicht der erste Gedanke in Notlagen und begleitet nicht Tag und Nacht. 

Jesus möchte für uns mehr als eine Fremdsprache sein. Er möchte zu unserer Muttersprache werden. Er wird unsere ursprüngliche Sprache in den Hintergrund drängen. Wollen wir das?

Viele, die mit Jesus mitzogen, wollten es nicht, aber der Reihe nach:
Die Menschen lagerten sich um Jesus, sie wollten mehr von ihm hören, seine Sprache, die ihnen Gott so nahe brachte, faszinierte sie. Jesus sah ihren Hunger nach einem langen Tag und gab ihnen zu essen. Die Bibel erzählt, 5000 Männer, Frauen und Kinder wurden satt, 12 Körbe Brot blieben übrig. Das Wunder weckte Erwartungen. Sie wollten Jesus gleich zum Brotkönig machen, er schien der Garant für Brot ohne Ende, ein sorgenfreies Leben, Zukunft ohne Angst. Doch Jesus entzog sich ihnen, ging einen einsamen Bergpfad, um dort ganz allein zu beten, folgte den Jüngern über den See Genezareth nach Kapernaum, um möglichst weit weg von den Leuten zu sein, die ihn vor ihren Karren spannen wollten. In Kapernaum suchte er die Synagoge, das Gotteshaus auf. An diesem Ort war Gott der König, hier würden sie sich nicht erlauben, einen Brotkönig auszurufen. Und tatsächlich kamen die Leute hinterher, so schnell wollten sie nicht aufgeben, zu nahe schien ihnen das Paradies mit paradiesischen Zuständen. In der Synagoge ergreift Jesus das Wort und stellt klar: „Ich bin das Brot – kein König, der Brot verteilt.“ Wer bei Jesus sein will, kann ihn nicht wie eine Fremdsprache von außen anschauen, ihn noch zusätzlich zu seinem ganz normalen Leben als eine Art Wochenendprogramm hinzufügen. Wer bei Jesus sein will, muss ihn essen und trinken, ihn in sich aufnehmen. Dann wird Jesus im Herzen wohnen – zur Muttersprache werden. 

Die Menschen fragten Jesus: „Was sollen wir tun?“ Darauf antwortete Jesus, dass es allein Gottes Sache sei, die Menschen zu ihm zu ziehen. Wie man sich das vorstellen kann, erhellt vielleicht eine Szene am Strand. Ein Junge lässt einen Drachen steigen. Als die Schnur ganz ausgerollt ist, sieht man den Drachen kaum noch am Himmel, so klein ist er von unten. Ein anderer, der den Jungen mit seiner Schnur in der Hand beobachtet, schaut in den Himmel und stellt fest: „Ich sehe da oben gar nichts.“ Worauf der Junge antwortet: „Ich auch nicht, aber ich spüre, wie der Drachen mich zieht.“ So zieht Gott. Er lenkt in Jesu Richtung, ohne dass wir ihn bewusst sehen. Wenn wir Jesus begegnen, ist das nicht Ergebnis einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, sondern Gottes Vorbereitung, der uns in seine Richtung wies. 

Doch nun heißt es, den Drachen auch festzuhalten, Jesus zu glauben, ihn einzuladen, mitten hinein in die eigene Lebensplanung zu kommen und sich von ihm lenken zu lassen.

Johannes 6,35.60-61.66-69

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. 
Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das?
Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes. 

Das ist eine harte Rede

Die Bewunderer Jesu waren sich sicher, den Brotkönig sollte man sich warm halten. So ganz abwegig ist der Gedanke ja auch nicht. Mit Jesus erhofft man, dass sich die eigenen Lebensumstände verbessern, Jesus sorgt dafür, dass es bei der Arbeit gut läuft, dass man den Traumpartner bekommt, dass Krankheit geheilt wird, dass das Geld reicht und das Lebensniveau ein paar Prozentpunkte angehoben wird. Vielleicht werden auch manche Zeugnisse von Christen über ihren Glauben an Jesus so verstanden: Mit Jesus gelingt dein Leben, du hast keine Sorgen mehr, Liebe und Frieden bestimmen dein Leben. So kann Jesus schnell missverstanden werden als Brotkönig.

Jesus entzieht sich diesen Erwartungen, zieht sich auf dem Gebetsberg zurück, verschwindet über den See, stellt sich in die Synagoge, dem Ort der Gegenwart Gottes. Denn er verspricht kein Leben, das immer besser, komfortabler, bequemer wird. Wer Jesus in sich aufnimmt, der bekommt das ganze Paket. Das bedeutet, er oder sie wird fremd sein in dieser Welt, wird Abschied nehmen von den großen Rollen, dem Schielen nach Reichtum, Einfluss und Macht. Er oder sie wird Abschied nehmen vom gemütlichen Leben mit eingezäuntem Vorgarten und Sofaecke. Er oder sie wird Abschied nehmen vom „Ich zuerst“. Denn nun heißt es, Jesus zuerst, was er von mir will, wo er mich hinhaben will, welche Tür er öffnet oder schließt, das hat Priorität.

„Viele seiner Jünger“ empfanden das als harte Rede. Es waren nicht die Weltmenschen, die sich über Jesu Anspruch entsetzten, sondern Leute, die Jesus kannten, die mit ihm schon ein Stück Weg gegangen waren, die sich heute Christen nennen würden und mit Überzeugung sagen würden, dass sie selbstverständlich dem Christentum verpflichtet sind. Erinnern wir uns, der Vater im Himmel hat sie gezogen (Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage. Johannes 6,44). Aber jetzt ist es an ihnen, in Gottes Machtbereich zu bleiben, obwohl sie die Konsequenzen nun kennen, oder „den Drachen loszulassen“, selbst zu bestimmen, wo es für sie lang geht. „Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.(Johannes 6,66)

Herr, wohin sollen wir gehen?

Die 12 Jünger blieben, für sie gab es keine Alternative zu Jesus. Sie fanden bei Jesus Brot des Lebens, wurden satt und bekamen Kraft für den Weg des Glaubens. 

Wie sieht unsere Antwort aus? Wohin sollen wir gehen? Der Wahlsonntag liegt heute gerade eine Woche zurück, er hat neue Koalitionen zusammen gebracht. Gewohnt waren wir bis letzten Sonntag rot-grüne Bündnisse. Aber nun heißt es in Baden-Württemberg erstmals grün-rot. Viel konnten wir in den letzten Tagen zum Thema lesen und hören – wie es für Partner nun in dieser neuen Konstellation werden würde, wenn der Kleine auf einmal der ist, der den Kurs vorgibt? Nun gehen wir mit Jesus kein politisches Bündnis ein, weder rot-grün noch scharz-gelb oder was auch immer. Aber was da letzte Woche passiert ist, beschreibt, was passiert, wenn Jesus ins Leben aufgenommen wird und nicht nur Fremdsprache bleibt. Es vollzieht sich ein Herrschaftswechsel. Bei denen, die nach der harten Rede weggegangen sind, war Jesus bis dato der Juniorpartner. Schön, dass er dabei war, aber wirklich entscheiden konnte er nicht. Im Zweifelsfall wurde er immer überstimmt. Er war eine kritische Stimme, aber man konnte sehr gut selbst entscheiden, wann diese kritische Stimme Gehör fand und wann nicht. Wer bei Jesus bleibt, der akzeptiert, dass sich die Rollen vertauschen. Jesus ist der Ministerpräsident und gibt den Kurs vor. Jesus hat Veto-Recht und entscheidet. Das eigene Ich ist Juniorpartner geworden. Das hat Auswirkungen.

Ich gehe dahin, wohin Jesus mich führt. Oft weiß ich nicht, welche Abzweigung ich nehmen soll. Ich bin angewiesen auf den ständigen Kontakt zu Jesus, das Beten während des ganzen Tages, um seine Signale zu hören, wo er will, dass ich abbiege oder weiterfahre. 

Ich korrigiere mein Leben nach seinen Vorgaben. Da sind meine Lebensumstände. Ist Jesus deutlich erkennbar in meiner Lebensplanung? Bete ich darum, dass er mir die Prioritäten zeigt? Oder bekommt er nur, was übrig bleibt? Vielleicht hört sich das etwas abstrakt an, und jeder würde das unterschreiben: Klar, Jesus hat Priorität. Aber wie ist es, wenn ein Gemeindeeinsatz auf meinem Urlaubstag fällt? Oder wenn dringend Geld gebraucht wird und sich mir die Alternative stellt, ob ich das Geld für meine Bedürfnisse oder in diesem Fall für den neuen Kühlschrank in der Gemeinde ausgebe? Da sind meine Beziehungen. Ich habe Ärger, Wut, Frust in mir. Wohin mit meinem Kummer? Ist es für mich ein bewährter Weg, damit zu Jesus im Gebet zu gehen und es ihm vor die Füße zu kippen? Ist er dafür auch zuständig? Oder welche Bedeutung hat er für eine neue Liebe, für einen Konflikt, den ich einfach nicht lösen kann? Ist er mein erster Ansprechpartner, oder rede ich stattdessen mit 100 Leuten, ehe ich auf die Idee komme, mich mit ihm zusammen zu tun? Da ist mein Handeln. Rede ich oder handele ich? Deckt sich mein Handeln mit meinem Reden? Oder rede ich von der Liebe und begegne meinen Mitmenschen grimmig?

Ich lerne Jesus immer besser kennen. Sich auf Jesus einzulassen, ist der Beginn eines Weges. Das Vertrauen wächst mit jeder kleinen Erfahrung, dass mein Ministerpräsident es gut mit mir meint, mein Leben fruchtbar werden lässt und mich zum Ziel führt. Sein Brot gibt er mir in Hungerzeiten, Zeiten der Ablehnung, der Demütigungen, des Mobbings, in Zeiten, wo niemand sonst meinen Hunger stillen kann.

Von den 12 Jüngern wird Karfreitag keiner mehr da sein. Alle werden sich von Jesus abgewandt haben. Judas, der ihn verriet, weil Jesus seine Erwartungen nicht erfüllte, die anderen aus Angst um sich selbst..

Mit Jesus zu gehen, heißt nicht, das Thema ein für allemal abgehakt zu haben. Jeden Tag neu ist eine Entscheidung nötig, die Fäden des Drachens nicht loszulassen, mit Jesus zu sein und zu bleiben. Dieses Ja können wir pflegen durch Reden mit ihm, durch Reden mit Christen, durch gemeinsames Handeln für andere, wie Jesus es uns aufträgt. 

Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6,68-69)

Cornelia Trick


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