Ein himmlisches Lied
Gottesdienst am 28.04.2002 

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
in einer Gemeindeveranstaltung unterhielten wir uns intensiv über Lieder, die uns wichtig geworden sind. Fast jede und jeder von uns konnten ein Lied nennen, das ihr oder ihm ans Herz gewachsen ist. Die Jüngeren nannten moderne christliche Lieder. So erzählte einer, wie er von dem Lied "Bahnt einen Weg unserem Gott, der uns erlöst aus der Not, er ist der König der Könige, er hat am Kreuz gesiegt durch seinen Tod" in einer schweren Krankheit gehalten wurde. Die Älteren verbanden mit alten Liedern ihre Lebensgeschichten. "Ich bin durch die Welt gegangen und die Welt ist schön und groß und doch ziehet mein Verlangen mich weit von der Erde los". Dieses Lied spiegelte für einen älteren Mann sein tiefstes Empfinden wider.

Wir stellten nach diesem Austausch fest: Lieder haben einen wichtigen Stellenwert in unserem Leben, egal ob wir nun besonders musikalisch sind oder auch nicht. Lieder bringen Saiten in uns zum Klingen, die wir gar nicht in Worte fassen können. Sehnsüchte und Hoffnungen werden angestoßen und an die Oberfläche gebracht. Gerade die christlichen Lieder schenken uns darüber hinaus aber auch noch einen anderen Aspekt. Sie sind nicht nur Ausdruck unserer Gefühle und Wünsche, sondern singen von Gott. Sie öffnen den Blick nach vorn und sagen uns Zukunft zu, wo wir sie noch gar nicht erahnen und sehen können. Die Lieder verbinden sich fest mit unserem Leben und werden zu Wegweisern und Hinweisschildern, die wir nicht vergessen werden.

Dieser Perspektivenwechsel weg von uns hin zu Gott ist Grund, warum wir heute den Sonntag "Kantate" - "Singt dem Herrn ein neues Lied" - feiern. Gottes Zusage an uns verbindet sich mit Musik, die unsere Tiefenschichten erreicht. Sie trifft uns da, wo wir weder Worte noch Töne finden, wo wir voller Sehnsucht auf einen Weg in die Zukunft hoffen, ihn aber selbst nicht finden können. Das Lied von Gott öffnet den Himmel über uns und schenkt uns dadurch Kraft für hier und heute.

Im letzten Buch der Bibel stehen solche Lieder, die Gottes Zukunft besingen. Es sind Protestlieder aus einer anderen Welt, gesungen von Menschen, die bereits in jener anderen Welt Gottes als Erlöste leben. Und sie singen an gegen Leid und Not, Verfolgung und Ungerechtigkeit, die die Christen erleiden mussten und immer wieder müssen.

Die Offenbarung wurde vom Seher Johannes um das 1. Jahrhundert nach Christus geschrieben. Zu der Zeit begannen die Christenverfolgungen. Christen wurden gezwungen, den Kaiser wie Gott zu verehren. Wer sich weigerte, musste mit der Todesstrafe rechnen und wurde im Zirkus den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Man kann sich vorstellen, dass die Christen in schwerste Konflikte kamen. Sollten sie sich für ihr Bekenntnis zu Jesus Christus töten lassen? Sollten sie lieber äußerlich vorgeben, den Kaiser anzubeten, um ihr Leben zu retten und ihre Familie weiter versorgen zu können? Wie sollte die Gemeinde mit denen umgehen, die die Kaiserverehrung heuchelten und gleichzeitig am Abendmahl teilnahmen? War das zu vereinbaren mit Jesu Worten, als Nachfolger und Nachfolgerin das Kreuz Jesu auf sich zu nehmen? Es war eine schwierige Zeit für die Christen und Gemeinden, einfache Lösungen gab es nicht. Sicher hätten die Leute gerne Lieder gehört, die wie Durchhalteparolen bei der Stange hielten oder Lieder, die mit einfühlsamen Worten Trost zusprachen. 

Doch davon handelt die Offenbarung nicht. In schonungsloser Offenheit werden hier Bilder gezeichnet, die vom Ende der Welt handeln. Gott hält Gericht über Menschen, die sich gegen ihn auflehnen, die ihm misstrauen - und modern ausgedrückt -, die ihm keine Bedeutung mehr zusprechen. Die Bilder vom Gericht Gottes lassen schaudern. Der barmherzige Gott, der wie ein Vater auf seine verlorenen Töchter und Söhne mit offenen Armen wartet, ist in diesem Gerichtsgeschehen kaum noch zu erkennen. Stattdessen wird eine andere Eigenschaft Gottes deutlich.

Gott ist gerecht, er lässt nicht mit sich spaßen, er zieht Konsequenzen, einmal wird es ein Zu-Spät geben. Und die Christen? Wo sind sie in diesem Inferno? Sie stehen mittendrin in der Zeit des Gerichts. Sie nehmen teil an den Konsequenzen der Abkehr von Gott. Doch sie sind darin nicht allein gelassen. Jesus Christus ist bei ihnen, er hilft ihnen, das Leid zu ertragen und schützt sie vor den letzten Katastrophen. Und er schenkt ihnen Lieder, Lieder, die "von oben" kommen, aus dem Himmel. Sie werden gesungen von Christen, die bereits überwunden haben. Diese bekennenden Christen wurden den Tieren zum Fraß vorgeworfen und mussten sterben um Jesu willen. Aber sie wurden mit Jesus auferweckt und sind nun in Ewigkeit mit ihm zusammen. Hier ein solches Lied "von oben":

Offbarung 15,2-4

Ich sah etwas wie ein gläsernes Meer, das mit Feuer vermischt war. Auf diesem Meer sah ich alle die stehen, die den Sieg über das Tier erlangt hatten und über sein Standbild und die Zahl seines Namens. Sie hielten Harfen in den Händen, die Gott ihnen gegeben hatte. Sie sangen das Lied, das Mose, der Diener Gottes, verfasst hatte, und das Lied des Lammes:
"Herr, unser Gott, du Herrscher der ganzen Welt,
wie groß und wunderbar sind deine Taten!
In allem, was du planst und ausführst,
bist du vollkommen und gerecht,
du König über alle Völker! 
Wer wollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinem Namen keine Ehre erweisen?
Alle Völker werden kommen
und sich vor dir niederwerfen;
denn deine gerechten Taten
sind nun für alle offenbar geworden." 

Mit dem Seher Johannes wird uns ein Blick auf den himmlischen Chor gewährt. Er besteht aus Leuten, die am Glauben auch in schwierigster Zeit festgehalten haben. Sie verweigerten dem Kaiser die Anbetung, sie wurden dafür getötet. Menschlich gesehen war alles zu Ende. Doch vor ihnen tat sich eine neue Zukunft auf. Sie durften nun erleben, was sie geglaubt hatten. Sie wurden in die Nähe Gottes gerufen, der sie auszeichnete mit himmlischen Instrumenten und ihrem Auftrag. Sie sollten die Leidenden und Verzweifelten, die in ihrem Lebenskampf noch nicht gewonnen hatten, ermutigen und sie gewiss machen, bei Jesus zu bleiben.

Die Vollendeten stimmen ein besonderes Lied an, es ist das Lied des Mose und das Lied Jesu. Das Lied Moses erinnert an den Durchzug des Volkes Israel durch das Schilfmeer. Das Moselied wurde schon früh zur Urform eines Liedes, das von Gottes Rettung aus dem Tod singt. Für das Volk Gottes ist es die fundamentale Glaubenserfahrung, dass Gott sein Volk aus Ägypten gerettet hatte und ihm den Weg in ein neues Land und eine neue Zukunft geebnet hatte. Hier steht Ägypten für die Versuchung, im heidnischen Land vom Glauben an Gott abzufallen. Die Rettung durchs Wasser hindurch deutet auf den Tod, der eigentlich das Ende bedeutet und doch durch Gottes Eingreifen zum neuen Leben führt. Von dem Chor der Erlösten wird es gesungen, weil es das Lied des Lammes, Jesus Christus, besingt. Denn auch Jesu Lied ist ein Rettungslied aus dem Tod. Jesus hat uns durch seinen Tod vom ewigen Tod errettet, er hat uns das neue Leben bei Gott ermöglicht, niemand und nichts kann mehr aus Jesu Gegenwart reißen.

Das Lied, das die Erlösten anstimmen, Chor aus Weißrusslandpreist Gott, den Herrscher der ganzen Welt, seine Taten sind groß, er ist vollkommen und gerecht, er ist König der Völker. Keiner kann das in Abrede stellen. Alle werden es am Ende der Zeiten anerkennen müssen, Gottes Gericht ist gerecht.

Wer immer dieses Lied damals in der Verfolgung gehört haben mag, ist aus seiner bedrängenden Situation herausgerufen worden. Und auch wir werden heute aufgefordert, einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Unser Blick wird auf die Zukunft gerichtet, weit über das hinaus, was uns drohend vor Augen steht. Es ist keine billige Zukunftsansage, die wir so oft in den Nachrichten hören, wie "im Herbst zieht die Konjunktur wieder an", "die Arbeitslosenzahl geht spätestens im Sommer zurück"... Denn die Zukunft, die jetzt vor uns liegt, ist durch das Lied der Erlösten nicht heller geworden. Das Gericht steht unmittelbar bevor und wir sind wie die Leute im 1.Jahrhundert voll dabei. Aber es wird uns der Blick in die andere Welt geöffnet. Und was wir da sehen, macht uns ganz sicher. Gott wird siegen. Hier für Jesus einzutreten und dadurch auch Nachteile in Kauf zu nehmen, macht Sinn. Alle, die uns hier unterdrücken und uns zusetzen, die Gott nicht anerkennen und selbst Herren der Welt sein wollen, haben eigentlich schon verloren. Ihre Macht ist auf diese Zeit begrenzt. In der Ewigkeit werden sie Gott anerkennen müssen. Wohl dem, der dann im himmlischen Chor singt und in der Nähe Gottes sein darf.

Zu allen Zeiten war dieses Lied ein prophetisches Lied für die Gemeinde, die in der Krise war. Es war nicht einfach eine Durchhalteparole, es sang auch nicht einfühlsame Worte ins Ohr, die beruhigten und einschläferten. Es richtete den Blick "nach oben" aus auf Jesus, der schon gesiegt hat und uns zu sich ziehen will.

Ich meine, am Sonntag Kantate sollten wir es uns singen lassen. Gerade wenn wir durch dunkle Zeiten gehen, unser Glaube auf der Probe steht, es in uns arbeitet, ob wir diesem Gott wirklich vertrauen können. Und keiner kann schließlich sagen, ob es jemals besser wird, die dunklen Zeiten sich wieder lichten, die persönliche Krise überwunden werden kann. Doch dieses Lied erinnert an eine andere Dimension. Es singt uns zu, dass Jesus für uns schon gesiegt hat. Es singt für uns, dass es auf unser kleines Schicksal gar nicht so ankommt, weil wir in den Sieg durch Jesus schon hinein genommen sind. Das Siegeslied nimmt vorweg, was unser Lebensziel sein kann, aufgehoben zu sein in dem Chor der Erlösten.

Was bedeutet das für unser Leben heute und hier?

Ein Mann hat von heute auf morgen die Kündigung erhalten. Alles steht auf dem Spiel. Ob er bald eine neue Stelle finden wird, ist ungewiss. Die Schuldenbelastung seines neu gebauten Hauses drückt ihn schwer. Seine Frau treibt ihn an, er solle etwas unternehmen. Und dabei fühlt er sich nur verletzt, ausgemustert und am Ende seiner Kraft. Er ist Christ und weiß, dass Jesus ihn nicht fallen lässt. Aber er spürt nichts von seiner Wegbegleitung. Er fühlt sich ganz allein. Die Zukunft macht ihm Angst. Wird es irgendwie weiter gehen? Muss die Familie aus dem Haus? Wird er auf Dauer arbeitslos bleiben? Niemand kann auf diese Fragen glaubwürdig positiv antworten. Das Lied der Erlösten wird für ihn gesungen. Es reißt ihn heraus aus dem Kreisen um die Sorgen. Es ermutigt ihn, Jesus ganz und völlig zu vertrauen. Auch für ihn wird es die Rettung aus Ägypten geben. Er braucht jetzt nicht viel anderes zu tun, als gelassen den Weg weiter zu gehen. Der himmlische Chor begleitet ihn und singt ihm von einer ganz anderen Zukunft. Das allein wird seine Situation verändern. Er bekommt Mut, das Leben wieder anzupacken, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Er verliert die Angst vor allen drohenden Gefahren. Was können die ihm schon anhaben? Jesus ist Sieger, das allein steht fest. Und aus der Gelassenheit wächst eine neue Erwartung, Jesus wird helfen, er lässt nicht im Stich. Das Leben mit Jesus endet niemals in der Sackgasse.

Eine Frau bekommt die Diagnose "Krebs", unheilbar, es kann sich nur noch um Monate handeln. Die Ärzte raten, noch etwas Schönes zu unternehmen. Doch sie fällt in ein tiefes Loch. Sie hat noch so viel vor, nichts ist rund, sie will leben. Als Christin erinnert sie sich an die Krankenheilungen Jesu und sie bittet Jesus inständig um Heilung. Auch andere beten für sie. Das Lied der Erlösten wird für sie gesungen. Es mahnt dazu, Jesus alles zuzutrauen, die Heilung hier auf Erden, aber auch die Heilung in ganz anderer Hinsicht, getröstet Abschied zu nehmen. Sie wird von Jesus die Gewissheit geschenkt bekommen, wie ihr Weg weitergehen wird. Vielleicht wird sie gewiss, gegen die Krankheit zu kämpfen. Das Lied der Erlösten erinnert sie immer wieder daran, dass Jesus Macht hat über ihre Krankheit. Vielleicht führt Jesus sie aber auch zum Einverständnis mit ihrer Krankheit und ihrem Tod. Es ist keine drohende Zukunft, der sie entgegen geht. Es ist der Chor der Erlösten, der auf sie wartet und ihr jetzt schon verbürgt, dass die Zukunft bei Gott ist.

Singen wir doch öfter das Lied von der Zukunft Gottes. Es berührt uns im Herzen. Es nimmt vorweg, worin wir erst noch hineinwachsen können. Es versichert uns: Die Zukunft steht uns mit Jesus Christus offen, auch wenn wir die Gegenwart nicht durchdringen können. Dieses Lied können wir uns auch gegenseitig vorsingen, es hat die Kraft zu verändern, wo uns die Worte fehlen.

Cornelia Trick


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