Der Weg ist frei
Ostergottesdienst am 16.04.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ein Trupp Bergarbeiter ist gerade unter Tage, als es eine große Erschütterung gibt. Der Rückweg wird ihnen durch eine Gerölllawine abgeschnitten. Sie sitzen fest. Zu dem Geröll tritt noch Wasser in den Gang ein, die Luft wird immer knapper, ihre Lage zunehmend verzweifelter. Den baldigen Tod haben diese Leute tief in der Erde deutlich vor Augen.

Geht es uns so anders? Sicher, unser Leben spielt sich meist oberirdisch ab, wir kriechen nicht durch dunkle Gänge. Doch manche Wege unseres Lebens kommen uns durchaus vor wie die Gänge eines Bergwerks. Und was uns auf jeden Fall mit den Bergleuten eint, ist die Erfahrung, dass irgendwann die Luft knapp wird und die endgültige Todesstunde deutlich auf uns wartet. Da werden manchmal plötzlich, manchmal auch mit langer Ankündigung Wege zugeschüttet, die eigentlich in die Zukunft führen sollten. Wir stecken fest und sehen keinen Ausweg mehr. Niemand wird uns befreien können.

Jesus hatte viele Menschen aus scheinbar unüberwindbaren Geröllhaufen gerettet. Er hatte von Gott die Kraft bekommen, selbst den endgültigen Tod zu durchbrechen, und einzelne Menschen zurück ins Leben zu führen. Jesus kapitulierte vor keiner Grenze. Er rettete und führte ins Leben, wo menschliche Macht am Ende war. Doch seit Karfreitag hatte sich die Lage verändert. Nun war Jesus selbst ein Gefangener im Bergwerk, der elend sterben musste, weil niemand ihn aus dem Tod rettete. Jesus lag in der dunklen Höhle, alle Kraft Gottes hatte ihn offensichtlich verlassen. Und der Stein vor der Grabhöhle symbolisierte die Endgültigkeit. Dieser Stein ließ sich nicht einfach so wegschieben. Er trennte den Toten vom Leben.

Markus 16,1-3

Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

Die Frauen machten sich auf zum Grab. Sie wollten den Toten salben, ihre Erinnerung an ihn festhalten. Jetzt war es nicht mehr Jesus, der die Steine von den Gräbern wälzte und die Leute zurück ins Leben führte, jetzt sorgten sie sich um den Stein zwischen Leben und Tod. Sie hatten dabei nicht die Perspektive, dass sie den Toten ins Leben führten. Im Gegenteil, mit dem toten Jesus war auch ihre Lebensperspektive gestorben. Sie konnten sich eigentlich gleich mit zu Jesus ins Grab legen.

Am ersten Tag der Woche traten die Frauen auf das Grab zu und wurden Zeugen einer neuen Schöpfung. War mit dem vergangenen Sabbat buchstäblich die alte Schöpfung abgeschlossen, so begann nun etwas Neues, das die ganze Welt umkrempeln sollte:

Markus 16,4-7

Und die Frauen sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Die Frauen sahen: Der Stein war weggewälzt. Jesus war nicht mehr im Grab. In der Höhle saß ein Bote Gottes in weißem Kleid auf der rechten, der Heil verkündenden Seite. Die Frauen sollten sehen: den Auferstandenen in Galiläa.
Die Frauen hörten: die Botschaft des Engels. Jesus wurde von Gott auferweckt. Wie Jesus zu Lebzeiten die Steine aus den Bergwerksgängen fortgeschafft hatte und die eingesperrten Menschen ins Leben führte, so hat Gott für seinen Sohn Jesus das Grab von innen aufgesprengt. Offener BergwerksstollenDer Stein war nicht weggewälzt, um den Frauen den Eintritt zu erleichtern, sondern um die Macht des Todes zu brechen und Jesus ins Leben zurückzurufen. 

Die Frauen sahen und hörten, dass Jesus lebt, sie beauftragt, den Jüngern die umwälzende Nachricht zu bringen und mit ihnen Jesus nach Galiläa zu folgen, der ihnen dort als der Auferstandene begegnen wollte. 

Diese Engelbotschaft hat Bedeutung für uns heute.

  • Jesus hat den Tod endgültig besiegt. Als der Auferstandene ist er aus dem Tod auferstanden, um sich unseren eingestürzten Bergwerksstollen anzunehmen. Er hat die Kraft, die Barriere des Todes zu durchbrechen und uns ins Leben zu rufen. Er hat deshalb auch die Kraft, unsere vielen kleinen Barrieren zu durchbrechen, hinter denen wir uns schon fast tot fühlen, unsere schwierige Lebenssituation, unsere ausweglose Beziehung, unsere Kraftlosigkeit im Alltag und unsere Hoffnungslosigkeit. Weil er lebt und dieses Leben uns schenken will, gibt es kein Aus mehr für uns. Selbst im Tod werden wir an Jesu Hand ins Leben bei Gott geführt, so hat es uns Jesus versprochen.
  • Wer von Jesus gerettet werden will, sollte ihn retten lassen. Die Frauen werden aufgefordert, nach Galiläa zu gehen. Sie müssen nicht allein reisen, denn Jesus wird sie führen. Sie werden Jesus dabei nicht sehen, so sagt es der Engel voraus, aber am Ziel wird Jesus sich ihnen offenbaren. Ich möchte, dass Jesus mich aus meinem Bergwerkstollen rettet, doch ich merke, wie ich es am liebsten gleich und sofort hätte, ohne Umwege nach Galiläa. Ich weiß aber auch aus Erfahrung, dass Jesus von mir erwartet, mich auch in seine Richtung aufzumachen, mich seiner Führung anzuvertrauen, auch wenn ich noch nicht gleich das Ergebnis kenne. Die Frauen sollten die Jünger bewegen mitzukommen. Ich empfinde das als große Hilfestellung. Da sollen sich die drei Frauen nicht allein auf den Weg ins Unbekannte machen. Sie werden ermutigt, als kleine Gemeinde der Jesusnachfolger die Reise anzutreten. Sie können sich miteinander unterstützen, ermutigen, helfen. So bin ich dankbar, dass mein Weg des Glaubens und der Nachfolge kein Soloweg ist, sondern dass Menschen mich begleiten, die mir helfen, die Orientierung auf Jesus nicht zu verlieren, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
  • Galiläa war die Gegend, in der Jesus hauptsächlich wirkte. Die Frauen und Jünger sollten an den Ort Jesu zurückkehren, wo er durch Wort und Tat lehrte, was Gottes Wille für ihr Leben war. Wenn wir uns retten lassen wollen, werden wir ebenfalls aufgefordert, dieses "Galiläa" aufzusuchen. Es bedeutet für uns, Jesus zu studieren, die Bibel zu lesen, die Geschichten dort nicht nur intellektuell zu erfassen, sondern sie mit dem eigenen Leben zu ergreifen, uns selbst in ihnen wieder zu finden. Jesus, der Retter aus dem sicheren Tod, ist keine Idee, keine Formel, keine Tablette, sondern Gott, der sich in seinem Sohn mit unserem Leben verbinden will, und das geschieht wie in einer guten Beziehung, ich muss meinen Partner erst kennen lernen, um mich 100% auf ihn zu verlassen.
  • Galiläa steht aber auch für Berufung. Die Jünger wurden in Galiläa berufen. Direkt von ihren Fischerbooten weg folgten sie Jesus (Markus 1,16-20). In Galiäa werden die Jüngerinnen und Jünger zum zweiten Mal berufen. Sie werden zu denen geschickt, die Jesus noch nicht kennen. Sie werden Menschen und Völkern verkünden, dass auch die größten Einbrüche in Bergwerksstollen des Lebens nicht mehr den sicheren Tod bedeuten, weil Jesus die Brocken sprengt und ins Leben mit Gott ruft (Markus 13,10).
  • Wir werden Jesus sehen. Unser Sehen heute sieht ganz unterschiedlich aus. Ein Mann erzählte mir gestern, wie er ein Buch gelesen hatte, das davon handelte, was Jesus mit seinem Leben vorhatte. Er spürte, wie dieses Buch in ihm rumorte. Dann saß er allein am Tisch, die Gedanken gingen spazieren und auf einmal war ihm völlig klar, er sollte in die Mission gehen. Alle zugeschütteten Gänge seines Lebens, die ihm wie Sackgassen erschienen waren, machten auf einmal Sinn und schienen ihn genau in diese Richtung zu leiten. Er erzählte, wie eine tiefe Freude und Zuversicht ihn erfüllte. Eine Frau wusste sich von Gott gerufen, einen bestimmten Berufsweg einzuschlagen, um für Gott da sein zu können. Sie war sich sehr unsicher, ob es der richtige Weg war. Sie sagte Jesus: Wenn du wirklich willst, dass ich diese Ausbildung anfange, dann zeige mir das durch ein megaklares Zeichen. Zwei Tage später gingen zwei Bekannte auf die Frau zu und bestätigten sie auf ihrem Weg. Sie sagt, das habe sie wirklich umgehauen. Ein langjähriger Christ entdeckt die Bibel in einem Bibelkreis neu. Er kannte die Geschichten schon lange, aber in dieser Gruppe werden sie so lebendig, als wäre er selbst einer von damals. Er sagt, dass Jesus durch diese Bibeltexte direkt zu ihm spricht und er Jesus sehen kann.
Markus 16,8
Und die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Die Reaktion der Frauen wird nur knapp beschrieben. Ihre normale Lebenserfahrung ist abrupt unterbrochen worden. Der Himmel ist auf die Erde gekommen. Eine neue Schöpfung hat begonnen. Bisher zog die Sünde den Tod nach sich. Jesus ist für die Sünde der Welt gestorben, der Tod ist nun entmachtet. Die Frauen antworten mit Entsetzen und Schweigen. Sehr verständlich ist dieses Verhalten.

Doch ich frage mich natürlich, warum der Evangelist seine Biographie Jesu mit diesen Worten abschloss. Denn dass die Frauen nicht stumm geblieben sind, zeigt ja, dass ihre Begegnung mit dem Engel weitererzählt wurde und die Jünger dem Auferstandenen gefolgt sind. Ich kann mir diesen Schluss - die weiteren Verse des Markusevangeliums wurden erst im 2. Jahrhundert als Sammelbericht der Ostererscheinungen angefügt - gut erklären, wenn ich die Erzählabsicht des Markus berücksichtige. Markus wollte von Jesus erzählen, damit Menschen zum Glauben fanden. Er hörte mit seiner Darstellung auf an der Stelle, wo die Antwort der Lesenden gefordert war. Seine letzten Sätze lesen sich dann so: "Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich. Und du? Wie reagierst du?"

Ja, wie reagiere ich, wie reagieren Sie auf das Evangelium von Jesus Christus, Gottes Sohn (Markus 1,1)?

  • Kehren Sie auf der Schwelle der leeren Grabhöhle um und gehen zurück in Ihren Alltag? Feiern Sie das Osterfest, und danach kommen die Eier und Hasen wieder in den Keller, ohne dass der Stollen Ihres persönlichen Bergwerks freigelegt ist?
  • Bleiben Sie auf der Schwelle stehen, sind sie ein "Christ im Wartestand?" Vielleicht brauchen Sie einfach jemand, der sich mit Ihnen aufmacht nach Galiläa, einen, der Sie an die Hand nimmt und Sie ermutigt, den freigelegten Weg auch zu gehen, den Ruf in die Zukunft anzunehmen. Vielleicht finden Sie diese Person in einer Gemeinde Ihres Ortes, in einem Hauskreis oder auch in einer christlichen Freizeit.
  • Machen Sie sich auf, um mit Jesus nach Galiläa zu gehen? Lassen Sie sich in die Zukunft rufen? Lockt Sie das Leben jenseits der Einbruchstelle Ihres Lebensstollens? Dann gehen Sie los, am besten zusammen mit anderen, denn der Weg kann beschwerlich werden, Feinde lauern unterwegs, die Wegzeichen können mitunter fehlen. Doch eins ist sicher, Jesus geht Ihnen voraus und lässt Sie nicht allein. Er hat einen großartigen Auftrag für Sie. Andere sitzen in ihrem Stollen hoffnungslos fest, Sie können Ihnen vom Retter des Lebens erzählen, der den Weg bis in Ewigkeit freimacht.
Christus lebt, drum lasst das Jammern, alle Klagen und das Leid! Denn vom Kreuz, von Todesschatten ist der Heiland längst befreit. Sucht nun nicht mehr bei den Toten ihn, der uns am Leben hält. Christus lebt, drum sagt es weiter allen Menschen in der Welt.
Cornelia Trick


Home


Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
Internet-Adresse: http://www.predigt-online.de/prewo/prewo_der_weg_ist_frei.htm