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Markus 10,17-22 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Nämlich: was ist eigentliches, wirkliches Leben? Ich erkenne in dem jungen Mann, der da nach dem Leben fragt auch etwas von mir selber. Zunächst einmal ist dieser Mann ein Unbekannter. Uund er bleibt auch namenlos, vielleicht nicht zufällig, so kann man probeweise seinen eigenen Namen einsetzen und zwar immer dann, wenn von dem "Unbekannten" die Rede ist. Die Bekanntschaft mit dem reichen Mann beginnt allerdings sehr überraschend für mich und auch fremdartig. "Da läuft einer hinzu", heißt es. Und ehe man sichs versieht, liegt er vor Jesus auf den Knieen im Staub der Straße. Und aus dem Staub heraus hört man seine Frage: "Guter Meister, was muß ich tun, dass ich das ewige, das wirkliche Leben ererbe?" Und indem man das hört, sehen alle, die dabei stehen an den Kleidern und am Schmuck: Dieser Mann hat doch alles, der ist doch einer von den Hochbegüterten dieses Landes. Vielleicht kannten sie ihn sogar persönlich. Was will der denn noch mehr? Ja, er will noch mehr. Er ist reich, aber das reicht nicht. Er lebt in der Fülle der Güter, aber das ist nicht die Fülle des Lebens. Es bleibt noch Hunger! Hunger, ja wonach? Vielen Menschen ergeht es zumindest in Deutschland
ähnlich. Der Lebensstandard ist, gemessen am Rest der Welt, nicht
schlecht. Deshalb ruft ja der junge Mann aus dem Staub herauf "Guter Meister, das kann doch nicht das Leben sein, das Leben aus der Quelle, aus Gott, das ewige Leben" Was muss ich tun, damit ich das eigentliche Leben ererbe, das den Namen "Leben" auch verdient? Man spürt, wie der Mann sucht und sucht und umgetrieben ist auf seiner Suche und nach dem Fragen nach ewigem Leben, das Bestand hat. Je öfter ich mich in diese Situation von damals hineindenke, sie vor mir sehe - der reiche Mann da am Boden, der alles um sich herum vergißt, der nicht mehr danach fragt, was die Umstehenden über ihn denken mögen. Dahingeworfen mit der Frage seines Lebens. Je mehr ich das bedenke, umsomehr verblüfft mich die Art, wie Jesus darauf reagiert. Geradezu nüchtern, trocken, distanziert. Er holt den Mann erst einmal aus seiner kindhaften Unterwürfigkeit herauf, stellt ihn sozusagen in Augenhöhe vor sich hin, von Mann zu Mann. Und was Jesus jetzt zu ihm sagt, klingt für meine Ohren spitzfindig. Es ist aber eine Weichenstellung. "Was nennst du mich gut?" Jesus stellt klar: keine Komplimente bitte, keine Schmeichelei, mit der du mich vereinnahmen möchtest. Meinst du auch, was du da sagst? Stehst du auch dazu? "Gut"? "Gut ist Gott allein!" Siehst du etwa in mir die Autorität Gottes, wenn du mich so nennst? Nimmst du also das, was du jetzt von mir hören willst, ja, hören musst als von Gott gesagt an? Jesus klärt das vorweg, kurz und präzise. Dieser Mann fragt nach dem ewigen Leben, wie nach einem fernen, gelobten Land und fragt so nach dem für ihn so fernen Leben mit Gott. Und Gott steht vor ihm in der menschlichen Gestalt dessen, den er "Gut" nennt. So nah, personhaft und irdisch nah kann das ewige Leben sein. Auch hier wieder ein Sprichwort, dem Leben abgelauscht: "Warum in die Ferne schweifen, siehe, das Gute liegt so nah". Nachdem das klar gestellt ist, wird die Atmosphäre noch nüchterner. Jesus verweist ihn auf das, was er schon weiß: "Du kennst doch die Gebote." Beim Bedenken dieser Feststellung: "Du kennst doch die Gebote" musste ich zu mir selbst sagen. Ja so ist es: Viele unserer Fragen von lebensentscheidendem Gewicht könnten wir, mit dem, was wir bereits wissen auch selbst beantworten. Du weißt es doch selbst, sagt Jesus zu dem Mann, du kennst doch die Lebensregeln Gottes. Diese umschreiben genau das, was "ewiges Leben" ist. Und nun zählt Jesus in scheinbar zufälliger Reihenfolge einige Gebote auf. Und das Auffällige daran ist: Er nennt kein einziges Gebot, das mit Gott direkt zusammenhängt, sondern lauter Anweisungen, die unser menschliches Zusammenleben regeln: nicht töten, nicht Ehe brechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis sagen, nicht berauben, Vater und Mutter ehren. So ganz menschlich und irdisch antwortet Jesus auf die Frage nach dem ewigen Leben. Er sagt nichts vom Jenseits, ganz diesseits, nichts vom Himmel, ganz Erde, nichts von intensiver oder besonderer Gottesbeziehung, sondern ganz menschbezogen. Damit macht Jesus klar. Im Zusammenleben mit anderen Menschen kannst du das ewige Leben haben. Bewahre Ehrfurcht vor dem Leben. Achte die Liebe der Menschen, die zusammengehören. Lass deine Eltern nicht im Stich, wenn sie dich brauchen. Sag nichts Falsches über andere, was ihnen schadet. Bereichere dich nicht auf Kosten anderer. Das sind die Orientierungshilfen für das ewige Leben, du weißt das doch, hier auf Erden kannst du den Himmel (oder die Hölle) haben. Aber der junge Mann scheint Jesus nicht zu verstehen.
Man sieht geradezu, wie er ratlos ist und den Kopf schüttelt "Meister,
das habe ich doch alles getan von Jugend an!" Und offensichtlich meint
er das auch so und schüttelt ratlos den Kopf. Ich habe den Eindruck:
Dieser Mann hat sich bemüht und bemüht, Zeit seines Lebens nach
den Regeln Gottes zu leben. Vor mir entsteht das Bild eines jungen Menschen,
der behütet und in frommer Umgebung aufgewachsen ist, der sich immer
nach den Lebensqualitäten und Glaubensbegriffen seiner Eltern gerichtet
hat. Ein junger Mann, von dem die Eltern sagen, der hat uns nie Kummer
gemacht, der ist gradlinig und ohne krumme Touren in unsere
Doch nun steht er vor Jesus und schüttelt den Kopf. Nur - und das spricht er nicht aus, und was er nicht ausspricht, das ist ein Aufschrei. Und Jesus sieht das sofort: Dies alles hat mir das Leben nicht gebracht; das ist doch nicht alles im Leben. Das ist doch nicht mein Leben, wie es von Gott gedacht war! Deshalb komme ich nicht zur Ruhe, suche ich und finde ich nicht, habe ich mich doch dir vor die Füsse geworfen, frage ich nach dem ewigen Leben. Anders gesagt: Guter Meister, ich bin mit meinem ganzen guten Leben total in der Krise. Und da geschieht etwas, was ich das Herzstück der ganzen Begegnung nennen möchte. Es heißt von Jesus: "Er blickte ihn an", ihn, mit seinem ratlosen Suchen nach dem wahren Leben, "und gewann ihn lieb". So etwas wird im Neuen Testament ganz selten erzählt. Aber es gibt Blicke, Augenblicke, die vergißt man nicht, die gehen durchs ganze Leben mit. Und es gibt Blicke, die dauern nur ein paar Sekunden und gelten für die Ewigkeit. Aus ihnen spricht die Liebe, die nicht nur eine Augenblicksempfindung ist, sondern mich meint, wie ich bin. Jesus blickt ihn an und zeigt ihm: "Du bist auf ewig geliebt." Er zeigt ihm, was es heißt, jetzt im ewigen Leben zu sein. Nämlich: Das ist das ewige Leben, dass die Liebe Gottes auf dir ruht. Hier könnte die Geschichte enden und die Begegnung der beiden Männer ein "Happy End" finden. Und hier würde ich auch am liebsten mit der Predigt aufhören. Aber die Geschichte geht weiter. Sie geht weiter, weil Jesus mit seiner Liebe zu diesem Mann einen entscheidenden Schritt weiter geht. Wir müssen als Zuhörer das Ende mit aushalten. Jesus sagt dem Mann, den er liebt, etwas für ihn sehr schmerzliches: "Eines fehlt dir, geh hin und verkaufe alles, was du hast und gebe es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und dann komm und folge mir nach." Hier wird die Liebe zur Zumutung! Jesus begegnet diesem reichen Mann mit Liebe und ist zugleich unbestechlich. Er durchschaut, dass dieser Mann ein böses Spiel mit sich selbst treibt. Nämlich das Spiel: Ich tue ja schon so viel, was muss ich noch mehr tun, um wirklich zu leben? Ich bin doch schon so anständig, so gläubig, wo muß ich denn noch vollkommener werden? Liebe Gemeinde,
Ich merke, daß ich diese "Zumutung Jesu" ganz und gar im Blick auf den jungen Mann erzählt habe. Aber es ist ja auch meine, unsere Situation. Auch wir haben wunde Punkte in unserem Leben, wo wir abhängig sind von Liebgewordenem, z. B. Gewohnheiten, Kindern, die wir ziehen lasssen müssen, weil sie nicht unser Besitz sind, sondern eine Leihgabe Gottes - und vielem mehr. Jeder Gläubige kennt seine Punkte, in die Jesus wie mit einer Sonde einsticht. Und das tut weh, muss aber sein, wenn sie uns am Leben hindern, am Weiterkommen im Glauben und Gesundwerden nach Leib und Seele. Damit sind wir am Schluss der Geschichte. Von dem Mann damals heißt es: "Als er aber das Wort Jesu hörte, wurde er traurig und ging betrübt davon, denn er hatte viele Güter." Vieles, von dem er sich nicht trennen wollte. Bei diesem Schluss habe ich lange Zeit gedacht "Wie schade! Wie schlimm!" Nun hat er das Leben verpasst. Nun zieht er nicht fröhlich seine Straße, wie der "Kämmerer aus dem Morgenland" in einer anderen Geschichte. Wie schade! Wie schlimm! Doch heute denke ich anders und sage: nein, wie gut! Wie gut und richtig, dass er das so erlebt. So ergeht es mir doch auch. So ergeht es vielen von uns, wenn sich etwas ändert in unserem Leben, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Er/Sie ging traurig davon, gingmit Schmerz im Herzen davon, weinte gar. Wie gut für Jeden, der weinen kann, wegen der Trauer im Herzen beim Verlust lieber Menschen, beim Versagen, Abschiednehmen, wegen derTrauer darüber, dass ich so bin, so abhängig von Liebgewordenem. Und dass ich mich mit all meinem Bemühen nicht selber besser machen kann. Wie gut, dass der Mann damals erschüttert war über das Wort Jesu und das heißt ja: erschüttert über sich selbst. Wie gut, dass ich erschüttert sein kann über mein nicht richtig gelebtes Leben. Diesen eigenen Schmerz spüren, damit könnte das Leben beginnen. Er ging traurig davon, das könnte für den jungen Mann tatsächlich der erste Schritt ins neue Leben gewesen sein. Ich bin allerdings davon überzeugt: Er hätte
den Schmerz über sich selbst gar nicht zulassen können, wenn
ihn nicht zuvor "der Blick der Liebe Jesu" erreicht hätte. Ich jedenfalls
kann den Schmerz über meine Begrenztheiten nur zulassen, wenn ich
zugleich erfahre, daß ich durch meinen Schöpfer geliebt bin.
Er ging traurig davon, das ist sein Abgang. Uund Jesus läßt
ihn so gehen, gehen mit seinem Schmerz in seinem
Der Mann geht nicht mit Jesus, er geht seinen eigenen Weg. Er wechselt nicht von der "Elternabhängigkeit" in die "Jesusabhängigkeit". Nein, er muß seinen eigenen Weg finden. Und Jesus läßt ihn gehen. Aber ich bin überzeugt, der Blick Jesu und die Liebe Jesu haben ihn nicht mehr aus den Augen gelassen. Amen Schwester
Maria Ling
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