Der Charakter eines Methodisten
Gottesdienst am 12.07.2009

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
bei einem sommerlichen Grillfest saßen wir gemütlich beieinander. Verschiedene Leute aus dem beruflichen, privaten, gemeindlichen und familiären Umfeld der Gastgeber waren zusammen gekommen. Irgendwann stellte ein Gast die Frage: Was ist das Besondere an der Evangelisch- methodistischen Kirche? Wie unterscheidet sie sich von anderen Kirchen? Gleich waren wir mitten im Gespräch. Dabei wurde mir wieder bewusst, wie sehr wir an Unterscheidungen interessiert sind, die klar abgrenzen und katalogisieren.

Doch eigentlich geht es nicht um das Trennende, sondern um den Kern einer Sache. Um einen Pfirsich zu entdecken, reicht es nicht, seinen außergewöhnlich geformten Kern zu beschreiben. Über den Geschmack, das Aussehen, die Beschaffenheit des Fruchtfleisches und die Farbe hätten wir überhaupt nichts ausgesagt. So ist es auch mit der Beschreibung des Methodismus. Das Unterscheidende ist nicht das Eigentliche. Wir sollten tiefer graben und den wahren Gehalt dessen entdecken, was Christen dazu bringt, sich der methodistischen Kirche anzuschließen.

Dabei ist es entscheidend, dass sich die methodistische Bewegung von Anfang an konsequent auf die Bibel bezieht. So ist ein Leitwort nicht das des Gründers John Wesley, sondern ein Pauluswort, das Wesley an den Anfang seiner Ausführungen setzte, die die Kennzeichen eines Methodisten beschrieben.

Philipper 3,12-16

Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat. Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe. Aber die Entscheidung ist gefallen! Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen. Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat. So wollen wir denken - wenn wir uns zu den 'Vollkommenen' zählen. Wenn ihr in irgendeiner Einzelheit anderer Meinung seid, wird euch Gott auch das noch offenbaren. Aber lasst uns auf jeden Fall auf dem Weg bleiben, den wir als richtig erkannt haben.

Paulus berichtet in diesen wenigen Sätzen von seiner neuen Existenz als Christ. Bevor er Christ war, lebte er mit eigener Kraft auf einer Lebensbahn, die ihn nicht zum Ziel führte. Durch den Heiligen Geist, den ihm Jesus Christus verliehen hat, wurde er auf eine Laufbahn gestellt, die ihn zum Ziel führt. Die Kraft zum Laufen bekommt er durch diesen Geist, so dasss ihm unterwegs die Puste nicht ausgeht.

Mit einem Bild lässt sich dieser Systemwechsel des Paulus beschreiben. Bevor ihn Jesus auf dem Weg nach Damaskus berufen hat zu einem neuen Leben, strampelte Paulus mit eigener Kraft mit bei einem Bobycar-Rennen, bei dem es kein festgesetztes Ziel gab. Bobycar zu fahren ist anstrengend. Irgendwann kann man nicht mehr – zumal als ausgewachsener Erwachsener auf einem kleinen Bobycar – und bleibt erschöpft am Straßenrand liegen. Jesus hat Paulus in ein bequemes, gut betanktes Auto gesetzt. Autos an TankstellePaulus muss nicht mehr aus eigener Kraft strampeln. Er hat ein eingebautes Navigationsgerät, das auf das Lebensziel programmiert ist. Er hat alle Möglichkeiten, um sicher ans Ziel zu kommen. Doch noch ist er unterwegs. Er muss schon richtig lenken, Geschwindigkeiten der Straße anpassen, auf Gegenverkehr achten und Straßenschilder beachten. Er muss auf sein Navi achten und ihm vertrauen. Trotz Auto mit gutem Motor, trotz vollem Tank und Tankstellen unterwegs bleibt er ein Reisender, der das Ziel noch nicht in der Tasche hat. 

Es ist eine Herausforderung beim Leben mit Jesus, die Lebensstrecke gut zu bewältigen, in allen Unabwägbarkeiten der Streckenführung ihm zu vertrauen und auch in den Stunden voller Zweifel und Ungewissheit daran festzuhalten, dass er zum Ziel bringen wird. Paulus formuliert für sich: ganzer Einsatz ist nötig, die Vergangenheit darf nicht wie ein Gummiband festhalten und zurück auf die Bobycar-Strecke zerren, das Ziel gilt es anzupeilen, denn erst am Ziel ist der Lauf beendet.

Die spannende Aufgabe ist es, den Lauf zu bestehen. Hier setzt John Wesleys Nachdenken über den Charakter oder die Kennzeichen eines Methodisten an. Er hat in seiner Schrift „Der Charakter eines Methodisten“ schon kurz nach seiner Bekehrung um das Jahr 1740 herum beschrieben, wie sich ein Mensch verhält, der in dem Auto des Heiligen Geistes unterwegs zum Ziel ist. Dabei war es ihm wichtig, dass seine Ausführungen für jeden Christen gelten, unabhängig, zu welcher Kirche er gehört. Denn die Grundlage seiner Betrachtungen war die Bibel.
Für uns sind drei Stichworte heute bedenkenswert:

  • Ein Christ ist an das Wort Gottes, an die Bibel, gebunden.
  • Ein Christ ist vom Heiligen Geist durchströmt und bestimmt.
  • Ein Christ wirkt in seine Umgebung hinein.
Ein Christ ist an das Wort Gottes, an die Bibel, gebunden
In der Bibel steht die ganze Wahrheit Gottes. Jesus ist Gottes Sohn. Ihn sandte Gott, um die Welt mit sich zu versöhnen. In seinem Sohn ertrug er die Konsequenzen der Trennung von Gott, den Tod. Mit seinem Sohn möchte er die Menschen befreien von dem Gesetz des Todes und ihnen ein Leben mit unbegrenzter Reichweite ermöglichen. Diese Zusammenhänge entfaltet die Bibel, indem sie mit der Welt beginnt, wie Gott sie gemeint hat, die Trennung von Gott mit allen Folgen beschreibt und berichtet, wie Gott seine Menschen immer und immer wieder zurückgewinnen will, bis er schließlich seinen Sohn schickt, sein ultimatives Versöhnungsangebot mit der Kraft des Geistes, in dieser neuen, geheilten Beziehung auch zu bleiben. Die Bibel gibt Orientierung, wie dieses neue Leben geführt werden kann. Ihre Lebensregeln sind wie die Leitplanken an der Lebensstrecke, die vor Absturz bewahren.

Nicht bibelgemäß ist es, nur einzelne Aussagen der Bibel herauszugreifen und andere zu ignorieren. Nichts Böses zu tun, Gutes zu tun, sich taufen zu lassen und zum Abendmahl zu gehen, bedeutet nicht, mit dem Heiligen Geist sein Leben zu gestalten. Das, so schreibt Wesley, wäre ein sehr mageres Christsein, und niemand würde dadurch allein wirklich wachsen im Glauben. Auch die Bibel nur stückweise zu beherzigen, widerspricht ihr. Wenn jemand sein Geld den Armen gibt, aber die Ehe bricht, hat er die Absicht Gottes nicht verstanden.

Wenn wir heute sagen sollen, was Methodisten ausmacht, so können wir ausführen, wie wichtig ihnen die Bibel ist. Und wir selbst können es als Ermutigung verstehen, selbst neue Freude zum Bibellesen zu bekommen. Verschiedene Möglichkeiten stehen uns zur Verfügung. Die Bibel als Hörbuch anzuhören erschließt uns Gottes Zuspruch durch sein Wort. Wir können uns in sein Reden hinein begeben, zuhören, staunen, uns von den biblischen Geschichten mitreißen lassen ohne Arbeit. Miteinander über biblische Texte nachzudenken und aus ihnen Aktuelles herauszuhören, ist eine wichtige Art, die Bibel besser zu verstehen. Manches erschließt sich erst im Gespräch und gegenseitigen Zuspruch. Manche lesen die Bibel, indem sie sie erforschen. Sie graben sich in die Inhalte hinein, entschlüsseln schwer Verständliches und ziehen Querverbindungen. Wie gut, wenn sie es für andere tun und ihr Forschen dadurch Kreise zieht. In allen Zugängen geht es jedoch darum, aus der Bibel eine persönliche Lehre zu ziehen. Was will mir der Abschnitt heute sagen? Welches Straßenschild stellt Gott mir heute mit dem Bibeltext vor die Nase? Das will uns der Heilige Geist durch jedes Bibelstudium und Bibelhören sagen.

Ein Christ ist vom Heiligen Geist durchströmt und bestimmt

Ob jemand vom Heiligen Geist durchströmt ist oder nicht, macht den Unterschied. Der Automotor ist das Unterscheidende zwischen einem Bobbycar und einem Auto. John Wesley erlebte den Unterschied sehr einschneidend am 24. Mai 1738 in einer Versammlung in der Aldersgate-Street, London. Er hörte auf Luthers Vorrede zum Römerbrief, Luthers Ausführungen, wie der Mensch von sich aus keinen Motor in sein Leben einbauen kann, sondern auf Gottes Geschenk der Gnade angewiesen ist. John Wesley schrieb in seinem Tagebuch, wie sein Herz plötzlich seltsam erwärmt wurde, er auf Christus allein vertrauen konnte, sich sicher war, dass Christus ihm seine Sünden vergab und ihn in ein neues Leben rettete. Ab diesem Zeitpunkt war sein Leben auf die richtige Spur dem Ziel entgegen gebracht. 

Die Auswirkungen des Heiligen Geistes sind Zeichen, dass Gott in einem wirkt und durch einen wirkt. Als direkte Auswirkungen entsteht tiefe Freude, Dankbarkeit für Gottes vielfältiges Wirken im Leben und Bereitschaft zum Gebet.

Die Freude wächst auch unabhängig von Lebenssituationen durch die Gegenwart Gottes. In der Zeitung las ich von einer Studie, dass der Blick auf ein Baby bei Frauen Glückshormone freisetzt. So ist die Freude über Gott wohl gut zu erklären. Der freie Blick auf ihn setzt Glückshormone frei, die über alle Untiefen des Lebens erheben und die Verbindung zu Gott immer stärker werden lassen.

Die Dankbarkeit leitet weg von den Sorgenbergen hin zu den Geschenkbergen, die Gott schon gemacht hat. Wenn mich Sorgen angehen, ich Angst vor dem nächsten Tag habe, hilft mir der Dank, dass Gott mich heute geführt hat und mir versprochen hat, auch morgen da zu sein. Egal was passiert, der Herr bleibt treu. Beim Danken erinnere ich mich daran.

Im Beten beziehe ich Gott in alle meine Lebensumstände ein. Ich kann es vergleichen mit Tagen, an denen mein Mann und ich zuhause arbeiten. Wir sitzen beide genauso konzentriert am Schreibtisch wie wenn jeder in einem anderen Haus ist. Aber zwischendurch, beim Tee-Holen, beim Beginnen eines neuen Projekts finden wir Zeit, um kurz ein paar Sätze auszutauschen. Sie versichern uns einander, und abends wissen wir ziemlich genau voneinander, was jeder an seinem PC gearbeitet hat. So ist es mit dem Beten. Wir sollen Gott in alle unsere Lebensbezüge mitnehmen. Als ob er am Nachbarschreibtisch arbeiten würde. Da ist sicher irgendwann am Tag auch ein ausführliches Gespräch dran, aber die Verbindung halten die kurzen Worte der Ermutigung, des Trostes und des Verstehens.

Ein zweiter Bereich, der zeigt, dass Heiliger Geist die Steuerung im Leben übernommen hat, ist das reine Herz und das Tun des Willens Gottes. Wie bekommen wir ein reines Herz? So ganz automatisch wird es nicht gehen, immer wieder ist ein Waschgang nötig. Auch wenn wir keine regelmäßige Samstags-Beichte kennen, ist es doch wert zu überlegen, was an ihre Stelle getreten ist. Wie bekommen wir Klarheit in das Gewirr unserer negativen Gefühle, wie werden wir frei von dem Willen, das Leben auf eigene Faust zu meistern und Gott einen lieben Mann sein zu lassen. Wem geben wir das Recht, Einspruch in unsere Fahrtroute einzulegen und laut und deutlich „Bitte wenden!“ zu rufen? Und wenn uns niemand einfällt, ist das vielleicht eine Hausaufgabe. Um ein reines Herz zu behalten, müssen wir es reinigen lassen, und das erfordert zumindest die Bereitschaft, Gott an uns wirken zu lassen – auch durch Schwestern und Brüder des Glaubens.

Erst mit einem reinen Herzen und gewaschenen Ohren lässt sich Gottes Willen erfüllen. Ich habe jetzt nicht den Raum, um die schwierigen Fragen nach Gottes Willen aufzuarbeiten. Deshalb möchte ich nur einen Akzent setzen. Gottes Willen zu tun, muss kein Kraftakt sein, kein Ergebnis einer 4-jährigen Dissertation. Gottes Willen zu tun, kann einfach sein. Dann nämlich, wenn die Gebetsverbindung zu ihm stimmt. Dann gibt es immer noch Situationen, in denen ich zwar genau höre, was Gott von mir will, es aber doch nicht tue. Aber in diesen Fällen reagiert Gott sofort. Er lässt nicht locker. Er sagt mir immer wieder, was ich will. Und da ich seine Stimme sehr gut hören kann, werde ich einlenken, umdrehen und wieder in seiner Spur weiterfahren. 

Ein Christ wirkt in seine Umgebung hinein

Gottes Willen zu tun, bedeutet immer, Jesu Liebe mit anderen zu teilen. Das geschieht durch das Gebet für sie, durch tätige Hilfe, aber auch durch Zeugnis von Jesus Geben und auf ihn Hinweisen. Wer jemand zu Jesus geführt hat, wird ihn nicht fallenlassen, sondern weiter dranbleiben und ihn anregen, selbst Gutes zu tun, selbst zum Evangelisten zu werden.

Methodisten sind keine Sonderlinge mit Sonderlehren und Sonderbenehmen. Sie sind Christen, die die Bibel ernst nehmen. Sie freuen sich über jeden und jede, die dem Herrn nachfolgt und die gleichen Kennzeichen trägt, egal zu welcher Kirche sie gehört. John Wesley hat uns mitgegeben, dass Christen nur gemeinsam die Sache Gottes voranbringen können, Hand in Hand. Ihr Name entscheidet nicht über ihren Inhalt.

Zur Zeit John Wesleys brachten Methodisten lebendiges Wasser zu verdurstenden Industriearbeitern in England, für die niemand sich interessierte und die Gott doch genauso liebte wie den englischen Hochadel. Sie erfuhren von der lebensverändernden Kraft des Heiligen Geistes und wurden zu neuen Menschen.
Heute und hier sind wir Methodisten in einer Gesellschaft unterwegs, die vor lauter Wasserangeboten den Blick für das lebendige Wasser völlig verloren hat. Wasser aus stylischen Flaschen ist angesagt, an eine Naturquelle will niemand mehr gehen. Aber nur dieses Wasser macht froh, dankbar und frei. Wichtige Werbeträger für dieses Wasser sind wir selbst. Auf dass es uns durchströmt, verändert und zu Menschen macht, die reines Herzens sind und nichts lieber wollen, als in der Gemeinschaft mit ihrem Herrn zu sein.

Woran sind nun die Methodisten zu erkennen? Der Liebe Gottes gewiss öffnen sie ihre Herzen und Hände für Brüder und Schwestern im Herrn und sind mit ihnen vereint tätig in der Liebe zu Gott und allen Menschen.

Cornelia Trick


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