Der Auftrag
Gottesdienst am 11.02.2001
Heute geht es um: den Auftrag!
Und zwar um den Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gibt. Lesung und Predigttext stammen beide aus dem Matthäus- Evangelium und bilden einen fortlaufenden Text. Er beschreibt die Situation des Volkes Israel, die Beauftragung der Jünger und wie sie dafür mit Vollmachten ausgestattet werden.

Vollmachten – die gibt es auch im Geschäftsleben. UnterschriftenVom Sachbearbeiter, der mit "i. A." unterschreibt, bis zum Geschäftsführer, ist genau geregelt, bis zu welchem Geldbetrag der Mitarbeiter für die Firma Verpflichtungen eingehen darf. Wir sehen uns später an, wie Jesus welche Vollmachten wofür erteilt.

Liebe Schwestern und Brüdern, liebe Freunde!

1. Die Vollmacht und der Auftrag damals

In der Lesung in Matthäus 9,32-38 sehen wir, dass Jesus durch alle Städte und Dörfer zog und dabei Krankheiten und Leiden heilte. Jesus spricht von der reichen Ernte, für die Mitarbeiter benötigt werden.
Der Text geht weiter:
Matthäus 10, die Verse 1-8
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, böse Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.
Hier sind die Namen dieser zwölf Apostel:
Der erste von ihnen Simon, bekannt unter dem Namen Petrus;
dann Andreas, der Bruder Simons;
Jakobus, der Sohn von Zebedäus, und sein Bruder Johannes; 
Philippus und Bartholomäus;
Thomas und der Zolleinnehmer Matthäus;
Jakobus, der Sohn von Alphäus, und Thaddäus;
Simon, der zur Partei der Zeloten gehört hatte,
und Judas Iskariot, der Jesus später verriet.
Diese zwölf sandte Jesus aus mit dem Auftrag: "Meidet die Orte, wo Nichtjuden wohnen, und geht auch nicht in die Städte Samariens, sondern geht zum Volk Israel, dieser Herde von verlorenen Schafen. Verkündet ihnen: 'Jetzt wird Gott seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden!' Heilt die Kranken, weckt die Toten auf, macht die Aussätzigen rein und treibt die bösen Geister aus! Umsonst habt ihr alles bekommen, umsonst sollt ihr es weitergeben.

Ich komme zurück auf die Sachvollmacht, also Unterschrift mit "i. A.", im Auftrag. Es ist die geringste Vollmacht, eine Firma in Teilbereichen nach außen zu vertreten. Darüber gibt es noch zwei andere Vollmachten, Handlungsbevollmächtigung und Prokura, und über diesen ist der Geschäftsführer angeordnet. Er hat alle Vollmachten und unterschreibt ohne Kürzel, nur mit seinem Namen. Der Geschäftsführer bleibt natürlich dem Inhaber verantwortlich und darf daher auch nicht alles.

2. Von den Jüngern damals zu uns heute

Wenn ich diese Hierarchie von Vollmachten mit dem Bibeltext vergleiche, so hat - nach meinem Verständnis - Jesus seine Jünger zu Geschäftsführern berufen: Sie sollen das Gleiche tun, was er getan hat:
  • Die Gute Nachricht vom Beginn des Gottesreiches ausbreiten
  • Kranke heilen
  • Tote auferwecken
  • Aussätzige rein machen
  • Böse Geister austreiben
Die Jünger werden persönlich und namentlich genannt, ganz offiziell, so wie beim Amtsgericht die Geschäftsführer und Prokuristen eingetragen werden. Die Öffentlichkeit kann dann nachvollziehen, welche Personen tatsächlich im Namen der Firma handeln dürfen.

Seit damals ist eine lange Zeit vergangen und der Auftrag Jesu an die 12 Jünger hat sich gewandelt. Zu unserem großen Glück ist der Wirkungskreis der Jünger nicht auf das Volk Israel beschränkt geblieben, sondern hat sich auf die ganze Welt erweitert. Auch die Mitarbeiterzahl ist nicht bei 12 geblieben, sondern hat sich radikal erhöht.

Und so ist das Evangelium, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes und seinem Heil für mich, bis in unsere Zeit und hierher, nach Neuenhain gekommen, 2000 Jahre durch die Zeit und 4000 km durch den Raum. 

3. Stellen Sie sich vor, Sie sind gemeint ...

Stellen Sie sich mal vor, dass Jesus zu Ihnen sprechen würde und Ihnen die Vollmacht geben möchte, böse Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.
Nun, mir würde es heiß und kalt den Rücken runterlaufen.
Heiß, weil ich ganz aufgeregt wäre, von Jesus so angesprochen zu werden und Vollmacht zu erhalten.
Kalt, weil ich Angst hätte, weil ich gar nicht weiß, wie ich das machen sollte.

Schauen wir uns den Auftrag mal näher an:
Verkündet, dass Gott seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden wird.
Herrschaft Gottes – das war etwas, wonach sich damals jeder Jude gesehnt hat, zu der Zeit, in der Israel durch die römische Besatzungsmacht unterdrückt war. Jeder Jude hatte die Erwartung und Hoffnung, dass Gott eines Tages massiv eingreifen und diese ganze, von Unrecht, Leiden und Tod beherrschte Welt verwandeln würde. Ja, danach sehnte sich nicht nur damals das Volk Israel, sondern heute sehne auch ich mich nach Glück und Erfüllung, nach Übereinstimmung mit Gott, nach Sinn.

Herrschaft Gottes – das ist der Weltzustand, in dem die Menschen Gott die Ehre erweisen und einander nach seinem Willen lieben, und zwar in großer Freude und in Ewigkeit.

Gott richtet seine Herrschaft auf, und zwar mitten in der gegenwärtigen Welt. Der Endzustand ist noch nicht da, Jesus wird wiederkommen in Macht und in Herrlichkeit. Der Anfang aber, der ist gemacht, und in den Wundern, die Jesus getan hat, sieht man etwas von dem Reich Gottes durchschimmern. Der Anfang setzt sich fort und fort, bis hinein in unsere Zeit. Das anbrechende Reich Gottes zieht die Menschen, die sich Jesus anschließen, in diesen Prozess hinein, auf ganz radikale Weise.
Wie kann so was aussehen?

4. Beispiel Paul Schneider

Ich möchte Ihnen eine Person vorstellen, die ist schon seit über 60 Jahren tot, aber vielleicht haben Sie auch schon von ihr gehört: Paul Schneider, "der Prediger von Buchenwald". Paul Schneider hat von 1897 bis 1939 gelebt, er war evangelischer Pastor und wurde im KZ Buchenwald von den Nazis umgebracht.

An Paul Schneider wird für mich nicht nur radikale Nachfolge klar, sondern auch, was es heißt, böse Geister auszutreiben. Für ihn war es eindeutig: das Heil kommt allein von Christus, und so hatte er sich z. B. zu Recht geweigert, "Heil Hitler" zu sagen. Mit anderen Aussagen der Bibel ist er ebenfalls ständig mit den Nazis in Konflikt geraten, weil die sich gegen Gott gestellt und Adolf Hitler gegen Gott ausgetauscht haben. Paul Schneider hat das erkannt, und hat nicht mitgemacht. "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen", so kennen wir den Vers aus Apostelgeschichte 5, 29. Das ist genau das Gegenteil des "Führerprinzips", das die Nazis mit ihrem "unbedingten Gehorsam nach oben" propagiert haben. 

Waren Sie schon mal in Buchenwald? Ich war Anfang des Jahres dort. Es gibt da eine etwas geneigte, sehr große Ebene, das war der Antretplatz. Davor waren die Wachgebäude und auch die Arrestzellen. Von dort aus fällt der Platz also halbkreisförmig ab, die Arrestzellen bilden quasi den Mittelpunkt.

Ich lese ein Zitat, höchstwahrscheinlich vom Lagerkommandanten:
"Der Schutzhäftling Paul Schneider, z.Zt. im Arrest, legte am 28. August (1938) ein unglaubliches Verhalten an den Tag. Morgens, gegen 6.30 Uhr, bei der morgendlichen Meldung der Stärke des Schutzhaftlagers an mich, öffnete Schneider plötzlich sein Zellenfenster, kletterte in seiner Zelle hoch, bis er Blickfeld zu den angetretenen Häftlingen bekam. Mit lauter Stimme predigte Schneider etwa 2 Minuten zu den angetretenen Häftlingen. Meinem Befehl, sofort seine Predigt abzubrechen, beachtete er in keiner Weise. Darauf gab ich dem Arrestverwalter den Befehl, Schneider mit Gewalt von dem Fenster wegzubringen." 

Können Sie sich vorstellen, was das für eine Wirkung auf die Gefangenen hatte? Die haben wieder Hoffung bekommen!
In der Atmosphäre dieses KZs bedeutet Hoffnung haben mehr Lebenswillen haben, das heißt, bessere Chancen haben, das Grauen zu überleben. Ich schätze, dass ihm so um die 10.000 Personen zugehört haben. Und so konnte Paul Schneider mit seiner Predigt 10.000 Menschen das Leben verbessern, denn das Wort des lebendigen Gottes macht auch die Zuhörer wieder lebendig.

Adolf Hitler hat Paul Schneider zu Recht gefürchtet, denn durch Paul Schneider hat sich Gott geäußert und klar gesagt: Ich bin und bleibe immer noch Gott!

5. Böse Geister heute?

Unsere heutigen Lebensumstände sind dagegen rosig, wir leben in Freiheit, in Luxus, wir haben alles, was wir zum Leben brauchen.

Und doch zieht manchmal ein leiser Zweifel durch meine Sinne und ich frage mich, wer oder was sitzt eigentlich bei mir oder in unserer Gesellschaft an der Stelle Gottes?
Paul Schneider hat diese Fragen zu seiner Zeit sauber beantwortet und das Evangelium dagegen angepredigt, Jesus ist der Herr!

Aber was sind heute die bösen Geister? 

Ich kann es nicht deutlich erkennen, aber Eines fällt mir auf: Viele Menschen arbeiten sehr viel, sehr lange und sind dadurch von ihren Familien unzulässig lange getrennt. Das gefährdet natürlich die Beziehungen zu den Kindern und zum Ehepartner. Vielleicht muss das eine kurze Zeit so sein, manchmal ist es einfach notwendig, im Geschäft alles an Kraft und Energie zu geben. Und es ist ja auch ein gutes Gefühl, etwas zu leisten, an Erfolgen beteiligt zu sein. Aber wenn die Arbeit die Nr. 1 bleibt, bekommt das Leben Schräglage und dann heißt es  auf einmal: "Ich lebe, um zu arbeiten, Arbeiten ist alles." Und das stimmt nicht.

Mir fällt dazu sofort ein Bibelvers ein, Matthäus 6,26: "Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte - aber euer Vater im Himmel sorgt für sie. Und ihr seid ihm doch viel mehr wert als Vögel!"

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, wenn Sie von Überlastung im Job betroffen sind, sind nicht Sie der böse Geist, sondern die Umstände, das System, das Ihnen die Überstunden aufzwängt. Und da gilt der Auftrag Jesu: "Treibt die bösen Geister aus!" Wie das im einzelnen geschehen kann, muss ich offen lassen. Aber eines ist klar: da muss Jesus ran, er muss mit seiner Kraft eingreifen oder eben einer seiner Bevollmächtigten, wie wir heute hören.

6. Böse Geister: Der Schlecht-Macher von innen

Böse Geister können nicht nur von außen kommen. Sie kennen vielleicht die leise Stimme in Ihnen drin, die Ihnen was einflüstern will: "Ich mache es immer falsch." Wenn Sie tatsächlich mal was falsch gemacht haben sollten, können Sie dieser Stimme mal ausnahmsweise zuhören. In der Regel ist so eine Stimme eine Art Echo, das noch widerhallt aus einer bestimmten Situation oder eine Gewohnheit, sich selbst schlecht zu machen. Das entspricht nicht immer der Realität.

Wir sind Menschen, wir haben einen Werdegang und eine Prägung. So hat sich unser Charakter und unsere Persönlichkeit gebildet. Gott möchte uns begegnen, mit allen unseren Schwächen und Stärken, aber manche Dinge verhindern geistliches Wachstum. Unser Verständnis für den eigenen Werdegang ermöglicht es uns, Verhalten und Denken gezielt zu korrigieren. Und dadurch ändern sich auch unsere Gefühle und die innere Stimme ist leise. Gott braucht uns als Erlöste, als Menschen, die nicht an ihren Stärken festkleben und sich nicht von ihren Schwächen gefangen nehmen lassen. Erlösung heißt: Gott hat mich befreit, und ich kann ihm meine Stärken und Schwächen anvertrauen, damit er was draus machen kann.

7. Geschäftsführer im Reich Gottes

Ich sehe hier mindestens 20 Geschäftsführer im Reich Gottes, die die Vollmacht haben, böse Geister auszutreiben.
Ich komme damit zurück zur Einleitung, wo ich die Übergabe der Vollmacht an die Jünger verglichen habe mit der Erteilung einer Geschäftsführer- Vollmacht im Geschäftsleben. Hört sich ziemlich weit hergeholt an, nicht wahr?
Lassen Sie es mich zum Schluss meiner Predig so erläutern: Ein Geschäftsführer hat viele Freiheiten, sich im Geschäftsleben zu verwirklichen. Er kann seine Fantasie sprudeln lassen und seine Ideen umsetzen. Diese Freiheit gibt Jesus uns auch. Das Ziel unserer Aktionen ist klar: Gottes Herrschaft bricht an, und das zeigt sich auf vielfältige Weise. Jeder Mensch, der auf dem Wege mit Jesus ist, kann einen Beitrag dazu leisten. Nehmen Sie zum Beispiel diesen Gottesdienst: Die ersten Vorbereitungen fingen schon ganz früh an, und seit gestern steigern sich Aktivitäten: Der Organist spielt die Lieder durch, der Gottesdienstraum wird gesaugt und die Heizung angeschaltet. Später kommen die Blumen auf den Abendmahlstisch, und so finden wir heute einen Gottesdienstraum vor, der die Botschaft ausstrahlt: Sie sind hier herzlich willkommen, Sie werden erwartet.

Vielleicht haben Sie auch darauf reagiert, und sich hingesetzt mit der inneren Antwort: "Ja, ich bin gerne hier". Diese Einladung setzt sich fort in den Liedern und im gesamten Gottesdienst, und wird gestützt von Menschen, die ihn mitgestalten; vielleicht erweitert sich Ihre innere Antwort zu einem "Ja Gott, Dir begegne ich gern".

Und da sind wir am Ziel: Wo der Geist Gottes ist, wo Begegnung mit dem lebendigen Gott stattfindet, da ist kein Platz für böse Geister.

Ich möchte es noch einmal weniger dramatisch sagen: Wenn Sie morgens aufstehen und den Tag beginnen im Namen des Herrn, haben andere Gedanken schon mal keinen Platz mehr. Wenn Sie eine Andacht halten, Bibel lesen oder ein Lied singen, sind Sie in der Gegenwart Gottes und damit befinden Sie sich in seinem Herrschaftsbereich. Aus dieser Position heraus können Sie auch für andere Menschen da sein und ihnen zur Seite stehen, so wie Gott Ihnen zur Seite steht. 

8. Die Vollmacht

Jesus spricht Ihnen die Vollmacht zu, nicht, weil Sie irgendwelche besonderen Fähigkeiten haben, von denen Gott beeindruckt ist. Jesus spricht Ihnen die Vollmacht zu, weil er es so will.

Ich erinnere an Petrus: an so manchen Stellen der Bibel werden seine Schwächen und negativen Seiten erzählt. Und dennoch nennt Jesus ihn Petrus, den Fels, weil Jesus auf ihn seine Gemeinde bauen will.

Ich persönlich bin auf Gott angewiesen, dass mich sein Wort erreicht und er Licht und Freude in mein Leben bringt. Und das erlebe ich in den Gesprächen und Kontakten in der Gemeinde: Gott handelt, direkt, durch Sie, und darüber freue ich mich, dass Gott Sie und mich als Bevollmächtigte für sein Reich ernannt hat und ernennt.

Holger Lettnin


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