Der Anfang ist gemacht
Gottesdienst am 20.06.1999

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
seit der Jährlichen Konferenz in Braunfels sind zwar nun schon wieder zwei Wochen vergangen, doch möchte ich Ihnen heute meine persönlichen Eindrücke und Gedanken weitergeben, die mich seither nicht mehr loslassen.
Das Thema unserer Konferenz lautete "Kinder und Armut - ihnen gehört das Reich Gottes". Während der Konferenztage sah ich die Kinder, die in meiner Straße wohnen und fast immer auf der Straße sind, vor mir. Ich fragte mich: Was haben sie davon, dass ich Christin bin? Was haben sie davon, dass wir hier eine lebendige Gemeinde am Ort sind und Kinder gern in unserer Mitte haben? Woran liegt es, dass der Weg zu diesen Kindern so weit und beschwerlich erscheint? Und wie wäre Jesus an die Situation herangegangen?
KinderWie Jesus den Kindern, die tagaus tagein auf sich allein gestellt sind, begegnet wäre, kann ich mir gut vorstellen. Er hätte sich wohl auf ihren Spielplatz gesetzt, ihnen interessiert zugeschaut, den herbei geflogenen Fußball zurück gekickt. Er hätte mit ihnen gelacht, ihnen zugehört, ihre Sorgen geteilt. Am frühen Abend wären die Mütter aufgetaucht und hätten ihre Kinder abholen wollen, auch mit ihnen wäre Jesus ins Gespräch gekommen, hätte ihre Nöte angesprochen und ein Vollmachtswort gesagt. So etwa: Packt das Nötigste zusammen und kommt mit mir mit; oder: du beginne ein neues Leben, deine Vergangenheit ist geheilt; oder, geh zu meinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen, sie sind deine neue Familie.
Ich sehne mich danach, dass Jesus so unseren Spielplatz besucht und all das Leid der Kinder und Familien zum Guten wendet. Mir wird dabei aber auch neu bewusst, dass Glaube und Leben unbedingt zusammen gehören. Hier in die Gemeinde zu gehen und in meiner Straße zu wohnen ist eine Einheit. Die Kinder in meiner Straße werden nur etwas von meinem Glauben erfahren, wenn ich mich ihnen widme und einen Fuß in ihre Lebenswelt setze. So lässt mich der Gedanke nicht mehr los, eine Hausaufgabenhilfe zu organisieren, die bei den Grundbedürfnissen der Kinder ansetzt, einen guten Start in ihr weiteres Leben zu bekommen. Und die, die sich mit ihnen beschäftigen, können über schulisches Wissen noch ganz andere "Lebensmittel" weitergeben, eine lebendige Beziehung zu Gott, der das Leben trägt.
Sie haben vielleicht noch ganz andere Alltagsgebiete, wo es überdeutlich wird: Sonntag und Alltag gehören zusammen. Unser Glaube lädt andere ein, wenn unser Leben davon Zeugnis gibt.
Jesus hat uns den Zusammenhang von Glaube und Leben besonders in seiner sogenannten Bergpredigt nahegebracht.
Jesus steigt auf den Berg, eine große Menschenmenge läuft mit ihm. Sie alle sind durch diesen Marsch herausgehoben aus dem Alltag. Sie wollen offensichtlich von Jesus erfahren, was es bedeutet, ihm zu folgen. Jesus hält einen Grundkurs des Glaubens ab, er gibt ihnen Grundsätzliches zum Thema Gott, Welt und Ich weiter. Er beginnt mit gewaltigen Zusagen. Menschen, die in diesem Leben auf der Schattenseite der Welt stehen, werden in der neuen Welt auf Gottes Seite stehen. Ihr Vertrauen zu Gott, das hier angesichts ihres Elends scheinbar keinen Sinn hat, wird sie in die neue Welt tragen. Selig sind, freuen dürfen sich alle, die... es ist gut, dass diese Zusagen am Anfang des Grundkurses stehen. Sie machen neugierig, wie es weitergeht. Und es geht so weiter:

Matthäus 5,13-16

13 "Ihr seid das Salz für die Welt. Wenn aber das Salz seine Kraft verliert, wodurch kann es sie wiederbekommen? Es ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Es wird weggeworfen, und die Menschen zertreten es. 
14 Ihr seid das Licht für die Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 
15 Auch zündet niemand eine Lampe an, um sie dann unter einen Topf zu stellen. Im Gegenteil, man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. 
16 Genauso muss auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen."

Bildworte

Jesus nennt hier zwei Bildworte, die vieles gemeinsam haben, aber auch Unterschiede aufweisen. Zuerst zu den Gemeinsamkeiten: 

  • Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu wird zugesprochen, dass sie Salz und Licht sind. Sie müssen nicht erst auf ein Trainingslager gehen, um sich die Qualitäten anzueignen.
  • Eine kleine Menge von Salzkörnern, wenige Lampen haben eine große Wirkung. Schon ein paar Christen können in ein kirchendistanziertes Kollegium einen ganz neuen Umgangston bringen. Schon ein paar Christen können in einer verfahrenen Situation die Hände zum Gebet falten und Gottes Wirken erleben.
  • Salz und Licht entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie sich verschenken. Das Salzkorn löst sich in der Suppe auf, die Kerze verzehrt sich beim Brennen. Solange ich von meiner Wohnung aus die Kinder meiner Straße beobachte und mich auch innerlich von ihnen fern halte, werde ich kein bisschen in ihrer Lebenswelt verändern. Da muss ich schon die Haustür öffnen und vor allem erstmal das Herz.
  • Wir sind mit Haut und Haaren Salz und Licht, nicht nur unsere Augen, unser Mund oder unsere Freizeit ist als Salz und Licht qualifiziert. Das heißt doch, dass jeder Atemzug und jede Sekunde in der Gegenwart Gottes geschieht und von ihm her gefüllt wird. Sonntagschristen gibt es nicht.
  • Und noch etwas spricht Jesus hier an: Scheitern ist möglich. Obwohl es selten vorkommt, gibt es Salz, das so mit Dreck vermischt ist, dass es seine Wirkung verloren hat. Obwohl es völlig widersinnig ist, gibt es Leute, die eine Kerze mit einem Topf zudecken und ersticken, dass niemand das Licht sieht. So ist es ja auch widersinnig, dass Christen ihren Glauben verstecken und langsam sterben lassen - und doch gibt es das.
Über diese Gemeinsamkeiten hinaus gibt es noch Unterschiede, die den Reichtum dieser Bildworte noch verstärken. Das Salz gibt Geschmack und Würze, es konserviert und ist ein lebenswichtiger Mineralstoff. Das Licht gibt Orientierung - zumal auf einem Berg, es leuchtet Dunkelheit aus und gibt Wärme.

Situation

Für mich stellt sich die Frage: Was wollte Jesus mit diesen Bildern sagen und in welcher Situation treffen sie uns heute, am 20.6.99, an?
Jesus stellt dem Grundkurs des Glaubens eine programmatische Grundsatzrede voraus. Er sagt klipp und klar: Wir haben als Christen eine bestimmte Qualität von Gott her bekommen. Mit unserer persönlichen Entscheidung, Jesus Christus nachzufolgen, sind wir in die Familie mit dem Doppelnamen "Salz-Licht" aufgenommen worden. Diese neue Familie verändert uns von Grund auf. Aber es gibt die Möglichkeit, die Familienbande schleifen zu lassen und sich selbst von ihr zu entfremden.
In der neuen Gemeinschaft mit Gott sind wir herausgerufen - herausgerufen z.B. zu Spielplätzen unseres Wohngebiets. Dort werden wir die neue Qualität, Salz und Licht zu sein, einsetzen. Aber schon Jesus hat im Blick, dass es wohl nicht leicht gelingt, dem Familiennamen entsprechend zu leben. Das zeigt sich durch

  • Kraftlosigkeit: Was habe ich kleiner unfähiger Christ in meine Welt zu bringen?
  • Erfolglosigkeit: Was konnte ich denn bisher bewegen? Ist nicht trotz Glauben alles geblieben, wie es war?
  • Verlust der Batterien: Ich habe den Zugang zum Nachschub an Kraft verloren. Ich bekomme keine Inspiration mehr.
  • Berührungsangst: Für die Kinder meiner Straße soll ich mich einsetzen? Werden sie mich nicht auslachen und bedrohen? Werden sie mich missverstehen? Und wo finde ich überhaupt Anknüpfungspunkte?
Zuspruch

Jesus hat das im Blick, wenn er seine Grundsatzrede auf dem Berg hält. Und er beginnt nicht mit Therapieversuchen und Lösungsvorschlägen, sondern mit dem Zuspruch: Ihr seid Salz und ihr seid Licht. Die Leute sind auf dem Berg und dem Alltag ein paar Stunden entkommen. Sie haben die Chance, hier ihre Batterien wieder aufladen zu lassen, frei zu werden und Mut zu finden. Genauso geht es uns ja jetzt auch. Wir sind an diesem Sonntag Vormittag unserem Alltag entkommen. Manche von uns müssen schon bald wieder herabsteigen in die Niederungen des Alltags, aber jetzt ist Zeit, die Batterien aufzuladen. Und da hören wir zuerst den Zuspruch. Im Abendmahl, das wir heute feiern, hören wir diesen Zuspruch und schmecken und sehen ihn auch. In diesem Fest, der Tischgemeinschaft mit Jesus Christus, gibt Jesus sich uns selbst hin. Er verbindet sein Leben mit unserem Leben. Und sein Geist gibt uns die Kraft, wieder neu Salz und Licht in unserer kleinen und großen Welt zu sein. Wir brauchen solche Bergtouren, die uns Abstand gewinnen lassen, um wieder klar sehen zu können. Wir lernen das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, den Zuspruch zu hören und uns für die Aufgabe motivieren zu lassen.
Auch hier in der Gemeinde hören wir zuerst den Zuspruch. Wir sind hier keine Zentrale für Zeitarbeit, wo alle antreten, um den Job für die nächste Woche zu bekommen. Zuerst und vor allem geht es uns darum zu Gott zu gehören, mit ihm im Reinen zu sein und ins Reine zu kommen, unsere Schuld, unseren Kleinglauben und unsere Leere abzugeben und Neues in uns wachsen zu lassen, eben dem Salz und Licht wieder die ganze Wirksamkeit zu geben.

Auftrag

Und daraus wächst der Auftrag: Bleibt nicht im Salzstreuer, da verfehlt ihr euer Leben. Führt in der Kirche kein Sonderleben und lasst die Türen und Fenster bloß offen. Nutzt alle Gelegenheiten, vor die Tür zu gehen. Und lasst euch durch Rückschläge nicht entmutigen, davon verlieren Salz und Licht nicht die Wirkung - und alles braucht seine Zeit. Lasst auch nicht euer Licht unter einem Topf ersticken. Es gibt viele Sorgen um vielerlei, die wie ein Topf der Flamme den Atem nehmen können. Vertraut eure Sorgen Gott an, dann nehmen sie euch nicht die Kraft und die Hoffnung. 
An dieser Stelle haben die Leute auf dem Berg um Jesus herum vielleicht angefangen zu tuscheln und zu seufzen. Er hat ja so recht, wir wollen ja unserer Berufung gemäß Salz und Licht sein, aber wie? Und wohin sollen wir uns verschenken? Uns geht es ja jetzt auch nicht anders. Säßen wir hier nicht in einem Gottesdienstraum, sondern beim Waldgottesdienst auf dem Glaskopf in lockerer Atmosphäre, müssten wir vielleicht auch laut seufzen. Wir wollen ja, aber wie und wohin? 
Da hilft uns heute die einfache Frage: Wer braucht mich denn als Licht und Salz? Die Kinder auf meiner Straße? Die einsame Nachbarin, der Kollege, dem alles sinnlos vorkommt? Wo ist die fade Suppe, die mich als Würze herbeisehnt? Wo ist die tiefe Finsternis, die auf eine Erleuchtung wartet? Wenn Ihnen zu dieser Frage heute ein Kind, ein Mann oder eine Frau einfällt, dann gehen Sie bitte nicht schnell wieder darüber hinweg. Dann ist das dieser Mensch, für den Sie heute hier im Gottesdienst waren. Dann ist das die Aufgabe, für die Sie Gott heute gewinnen will. Denn eine kleine Menge hat eine große Wirkung - und der Zuspruch Jesu steht, wir sind Salz und Licht in seinem Auftrag.

Fortsetzung folgt

Ich werde nächsten Sonntag die Predigt fortsetzen. Heute haben wir den Anfang gemacht - in sechs Tagen kann sich viel ereignen. Und am nächsten Sonntag geht unser Grundkurs des Glaubens dann weiter: "Mach was draus!" - Glaube und Leben gehören in meiner Straße und überall zusammen.

Cornelia Trick


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Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
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