Dein König kommt zu dir!
Gottesdienst am 20.03.2005

Lukas 19,28-44

Jesus zog hinauf nach Jerusalem. In der Nähe der Ortschaften Betfage und Betanien am Ölberg schickte er zwei seiner Jünger fort mit dem Auftrag: "Geht in das Dorf da drüben! Am Ortseingang werdet ihr einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch geritten ist. Bindet ihn los und bringt ihn her! Und wenn euch jemand fragt: 'Warum bindet ihr den Esel los?', dann antwortet: 'Der Herr braucht ihn.'" Die beiden gingen hin und fanden alles so, wie Jesus es ihnen gesagt hatte. Als sie den Esel losbanden, fragten die Besitzer: "Warum bindet ihr den Esel los?" "Der Herr braucht ihn", antworteten sie und brachten ihn zu Jesus. Sie legten ihre Kleider über das Tier und ließen Jesus aufsteigen. Während er einherritt, breiteten die anderen Jünger ihre Kleider als Teppich auf die Straße. Als Jesus dann an die Stelle kam, wo der Weg den Ölberg hinunterführt nach Jerusalem, brach die ganze Menge der Jünger, die Männer und Frauen, in lauten Jubel aus. Sie priesen Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten. Sie riefen: "Heil dem König, der im Auftrag des Herrn kommt! Gott hat Frieden bereitet im Himmel! Ihm in der Höhe gehört alle Ehre!" Ein paar Pharisäer riefen aus der Menge: "Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!" Jesus antwortete: "Ich sage euch, wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!" 
Als Jesus sich der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er und sagte: "Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt! Aber Gott hat dich blind dafür gemacht. Darum kommt jetzt über dich eine Zeit, da werden deine Feinde einen Wall rings um dich aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten einschließen. Sie werden dich und deine Bewohner völlig vernichten und keinen Stein auf dem andern lassen. Denn du hast den Tag nicht erkannt, an dem Gott dir zu Hilfe kommen wollte." 

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
heute feiern wir den Höhepunkt von Jesu Karriere auf dieser Erde. Er zog nach Jerusalem ein wie ein König. Schon die Schilderung, wie Jesus zu seinem Reittier kam, zeigt seinen königlichen Anspruch. Ein kurzer Satz der Jünger: "Der Herr braucht ihn!" reichte, um die Besitzer von dem rechtmäßigen Anspruch Jesu auf das Reittier zu überzeugen. Sie gaben den Esel widerspruchslos her. Jesus ritt und lief nicht wie sonst. Auch das war eine königliche Geste. Vor ihm wurde zur Ehrerweisung ein "roter" Teppich aus Kleidern ausgerollt. Er sollte nicht mit dem Straßendreck in Berührung kommen. Die begleitende Menschenmenge jubelte ihm zu und pries den König als ein Friedenszeichen vom Himmel. 

Doch wir stoßen auch schnell auf die Eigenheiten dieses Ereignisses. Jesus war eben kein weltlicher König mit weltlichem Machtanspruch. Sein Reittier war kein Streitross, das auch gute Dienste im Krieg leisten konnte und sich ansonsten zu Repräsentationszwecken gut ausnahm. Er ritt auf einem Esel, einem Lasttier. Darin war seine Mission abzulesen. Er war ein König, der sich die Last der Menschen auflud, der die Sünde der Welt trug. Statt eines Teppichs legten die Leute ihre Kleider vor Jesus in den Staub.

Die Jünger und Anhänger, die mit Jesus unterwegs waren, hatten keine Reisekoffer dabei, in denen sie ihre Wechselwäsche mit sich führten. Auch hatten sie kein Geld, um sich im nächsten Geschäft ein neues Outfit zu holen. Sie besaßen das, was sie auf dem Leib trugen. Als sie ihre Kleider in den Staub legten, war das alles, was sie hatten. Sie legten ihr Leben Jesus zu Füßen.

Das Jubeln der Leute galt nicht dem Frieden auf der Erde, sondern dem Frieden im Himmel. Gott und Mensch waren im Frieden miteinander, weil Gott sein Volk mit Jesus besucht hatte. Die Menschen jubelten aus Dankbarkeit, weil sie die Heilung erfahren hatten und schon im Vorgriff auf das, was in Jerusalem geschehen sollte: Jesu Tod und Auferstehung als Zeichen von Gottes Liebe zu seiner Welt.

Jesus blieb mit seinen Anhängerinnen und Anhängern nicht auf dem Berg stehen. Der Jubel wurde nicht zum Dauerzustand, sondern musste sich der Bewährung aussetzen. So mischten sich unter die Menge Leute aus der Stadt, auf die Jesus zuging. Es waren Pharisäer, religiöse Führer, Angehörige der Stadtelite. Sie stimmten nicht in den Jubel ein, sondern leisteten Widerstand. Sie warfen einen Blick von außen auf das Geschehen. Ein Wanderprediger aus dem fernen Galiläa maßt sich königliche Würde an, er wiegelt die Leute gegen die geltenden religiösen Normen und Autoritäten auf, er bringt angestammte Rechte der Oberen ins Wanken. Dieser Blick von außen sieht nicht, dass Gott selbst sein Volk besucht und Jesus der ist, der von ihren Propheten angekündigt wurde.

Jesus reagiert auf ihr Unverständnis. Er lässt sich von ihnen nicht aufhalten, weil Gottes Heilswillen so stark ist, dass ihn keine Macht dieser Welt aufhalten kann. So ist es nur folgerichtig, dass Jesus ihnen die Konsequenz ihrer Blindheit vor Augen führt. Wer sich Gottes Heil in den Weg stellt, wird den Kürzeren ziehen und untergehen. Menschen lassen sich mundtot machen, aber nicht Gott. Er kann sogar Steinen eine Stimme verleihen, wenn es keine Menschen mehr gibt, die für ihn Zeugnis geben.

Palmsonntag ist nicht nur ein Tag der Erinnerung an eine ferne Zeit. Wir haben heute auch die Möglichkeit, uns selbst in dieses Geschehen damals einzubringen. Wo sind wir selbst dabei?

In der Jüngerschar

Stellen wir uns zu der Jüngerschar, haben wir auch etwas mit Jesus erlebt. Er hat uns aufgesucht. Wir haben in konkreten Situationen erfahren, dass Jesus uns Schuld vergab, wir frei wurden von der Last, einen anderen Menschen verletzt zu haben. Wir haben Wunder erlebt - an anderen, an uns selbst. Wir sind bewahrt worden und haben das Jesus zugeschrieben. Wir sind Zeugen geworden, wie Jesus für einen anderen Menschen zum Heiland wurde, er sein Leben radikal veränderte und plötzlich eine neue Liebe und Hoffnung ausstrahlte. Unser Herz ist voll Dank, wenn wir an diese Erfahrungen mit Jesus zurück denken. Vielleicht gehen wir auch so weit, dass wir Jesus unser Leben hinlegen. Er soll damit machen, was er will.

Doch stimmt das wirklich? Wer von uns legt denn sein Leben so komplett hin wie die Leute damals es mit ihren Kleidern taten? Ist es bei uns nicht eher so, dass wir aus unserem vollen Kleiderschrank die ältesten Klamotten herausziehen und sie Jesus zur Verfügung stellen? Alte HoseLetztes Jahr hatten wir zu Palmsonntag unsere Kirche mit Kleidern ausgelegt. Wir wollten eine Palmsonntagsszene darstellen. Doch da war kein einziges brauchbares Kleidungsstück dabei. Wir nahmen alte Tücher und ausrangierte Malkittel der Kinder, um den Boden zu bedecken. War für den Zweck ja völlig ausreichend, aber ist es nicht immer so? Da reden wir fromm und innig davon, wie Jesus wirklich das Wichtigste in unserem Leben ist. Und dann geht es darum, einem anderen aus einem finanziellen Engpass zu helfen und wir denken daran, dass wir an seiner Stelle gar nicht erst in diese Lage gekommen wären, er schon selbst zurecht kommen muss und man unter Freunden nicht über Geld redet. Jesus mein Bankkonto übergeben? Na, lieber nicht, er könnte ja etwas für diesen Bekannten davon abheben. So lassen sich für alle Bereiche unseres Lebens die Beispiele fortsetzen. Jesus mein Zeugnis zu Füßen legen, so dass ich auf einmal keines mehr habe, dass meine Wissenschaftstauglichkeit ausweist? Jesus meine Gesundheit zu Füßen legen, auf die ich so stolz bin und die mir ein sorgenfreies Bewegen ermöglicht? Jesus mein Aussehen zu Füßen legen und es aus seiner Hand nehmen, wenn sich durch einen Unfall von heute auf morgen alles in meinem Gesicht verändert?

Ich merke, wie mir die Tat der Jünger unter die Haut geht. Ich wäre gerne dabei, aber hätte ich den Mut, Jesus mein ganzes Leben so hinzulegen? Die Jünger hatten Vertrauen zu Jesus. Sie wussten sich von Jesus geliebt. Sie rechneten nicht damit, dass Jesus ihre Kleider einbehalten würde, um sie auf dem nächsten Markt zu verkaufen. Sie hatten erlebt, dass sie mit Jesus nie Mangel leiden mussten. Dieses Vertrauen ermöglicht die radikale Nachfolge und die Freigiebigkeit.

Die Jünger legten nicht einfach ihre Kleider aus, sie dankten und jubelten. Durch ihren Blick auf Jesus wurden sie frei, das wegzugeben, was Jesus von ihnen wollte. Wollen wir bei den Jüngern sein, dann können wir es wie sie machen und jubeln und danken. Er hat alles Leid und alle Not auf sich genommen. Er macht frei von den Dingen, die uns binden und von ihm fern halten. Er ist der König, für den sich Hingabe lohnt, weil er den Weg bereitet für Frieden mit Gott.

Bei den Pharisäern

Die Pharisäer fühlten sich durch Jesus massiv gestört. Doch wer will schon so sein wie sie. Doch nehmen wir mal an, wir wären bei ihnen. Dann könnte unsere Haltung sich so darstellen: Wir lassen uns nicht gerne in Frage stellen. Kritik kommt bei uns nicht gut an. Wir werten sie als Angriff und gehen sofort zum Gegenangriff über. Unsere Stellung ist uns ungeheuer wichtig. Wir wollen sie um jeden Preis bewahren. Es ist uns wichtig, etwas darzustellen, jemand zu sein, der gekannt und geachtet wird. Gott ist für uns eventuell schon wichtig. Wir gebrauchen Gott oft, um unseren eigenen Plänen und Wertungen noch mehr Gewicht zu verleihen. Statt "Ich will" sagen wir "Gott will" und drücken damit so manche Lieblingsidee von uns durch. Statt Jesus, dem König, zuzujubeln, lieben wir es, selbst als Königin oder König bejubelt zu werden. Eigentlich erwarten wir das auch von Gott, wo wir doch so viel für ihn tun. 

Vielleicht sind mir die Pharisäer doch gar nicht so fremd, wenn ich ehrlich bin. Ich erkenne mich in ihnen wieder und erschrecke darüber. Ich möchte Gottesnähe nach meinen Vorstellungen gestalten. Ich bin nicht bereit, meine Kleider auszuziehen und sie Jesus vor die Füße zu legen. Doch Jesus macht mir heute ein Angebot. Er lädt mich ein, die Seite zu wechseln und mich zu denen zu stellen, die ihm alles schenken, weil sie Jesus erlebt haben. Er sagt mir auf den Kopf zu, dass er mich nicht in Ordnung findet, dass ihm meine faulen Kompromisse stinken, dass ihm meine geistlichen Worthülsen auf die Nerven gehen. Er lädt mich ein, ganz von vorne mit ihm zu beginnen. Er will König sein in meinem Leben und an mir wirken. Ich sollte ihm die Vollmacht dazu erteilen.

Bei der Menge in Jerusalem

Jesus ist unterwegs zu Menschen, die sehnsüchtig den Messias erwarten. Eine alte Überlieferung sagte, dass der Messias vom Ölberg und durch das Goldene Tor in die Stadt hinein käme. Jesus kam auf diesem Weg in die Stadt. Doch als er die Menge vor sich sah, weinte er. Er wusste, dass seine Zeit auf der Erde fast abgelaufen war. Nur wenige Körner befanden sich noch im oberen Teil der Sanduhr. Er sah die Menschen und weinte über die, die ihn nicht als den verheißenen Messias erkannten.

Dieses Weinen Jesu rührt mich tief. Jesus nahm seinen Auftrag so ernst, dass er um jeden einzelnen Menschen rang. Und ich frage mich, ob er nicht auch heute über Neuenhain weinen würde, über Schwalbach, Kelkheim, Königstein - all die Orte, aus denen wir heute Morgen zusammen gekommen sind. Und ist es jetzt nicht an uns, über unsere Städte zu weinen, die Einwohner, die bis heute nicht erkannt haben, dass Gott uns eine Gnadenfrist zur Umkehr gewährt, die Tage aber gezählt sind?

Wenn wir morgen wieder unseren Alltag aufnehmen, dann kann es sein, dass wir uns an Jesu Weinen erinnern. Es ist gut, uns diese Liebe Jesu zu den Verlorenen zu Herzen gehen zu lassen. Sie sind Jesus nicht egal, sie sollten auch uns nicht egal sein. Jesu Konsequenz aus den Tränen war nicht Gleichgültigkeit, Resignation oder Schönreden, sondern eine radikale Tempelreinigung, öffentliche Predigt und die Ermutigung zum Beten. Unsere Konsequenz kann morgen sein, das Gebet an den Anfang des Tages zu stellen, nicht die täglichen Geschäfte, die uns von unserem himmlischen Vater abhalten. Unsere Konsequenz kann auch sein, einem Menschen Gottes Liebe weiterzugeben, ihm die Chance zu geben, ein Jünger zu werden. 

Palmsonntag ist ein Mitmachfest für uns alle. Wer sind wir? Jünger in der jubelnden Menge, die es lernen, immer mehr von sich herzugeben? Pharisäer, die eingeladen werden, von ihrem hohen Ross herunterzusteigen und die Seite zu wechseln? Menschen, über die Jesus weint, weil sie ihn noch nicht erkannt haben? Oder solche, die selbst weinen, weil es sie berührt, dass die Nachbarin Jesus nicht kennt? 

Am attraktivsten sind für mich die Rollen der Jünger und Jüngerinnen und ich bin von Herzen dankbar, dass Jesus mich angesehen und eingeladen hat, bei ihnen dabei sein zu dürfen.

Cornelia Trick


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