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Die einzigen Goldmedaillen und Auszeichnungen, die ich jemals gewonnen habe, erhielt ich bei Aschenbahn- und Querfeldeinrennen. Obwohl ich ein erfolgreicher Läufer geworden wäre, wenn ich mehr dafür getan hätte, waren diese Wettkampfjahre in Schule und Universität dennoch für die Entwicklung meiner Selbstdisziplin und meines Charakters wichtig. Von all diesen Jugenderfahrungen machte ich die größte an einem Frühlingstag in Philadelphia bei der Pennsylvania- Staffelmeile. An diesem Tag hatte ich als Startläufer unserer Schulstaffel die Aufgabe, in "meinem" 400-m- Abschnitt schneller als die anderen zu sein und an den zweiten Mann diesen Vorsprung weiterzugehen. Falls der zweite unseres Teams erst im Pulk der Verfolger das Staffelholz erhielte, liefe er Gefahr, dadurch wertvolle Zehntelsekunden zu verlieren und in dem Geschubse und Gedränge einige Schrittlängen zurückzufallen. Der Anfangsvorsprung könnte also für den Endspurt am Ziel eine entscheidende Rolle spielen, besonders wenn es dann für den Sieg knapp wäre. Unserem Team war die zweite Bahn zugelost worden, und ich war gespannt darauf, wem wohl die Innenbahn zugefallen war. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Läufer des Polytechnikums handelte, der schon sehr viele 100-m- Läufe gewonnen hatte. Wir waren bereits öfter auf der Sprintstrecke gegeneinander angetreten, und er hatte mich bei weitem geschlagen. Würde er mich auch jetzt schlagen können, wenn die Strecke 300 m länger war? Offensichtlich glaubte er das, denn als er mir
noch vor dem Start die Hand drückte, sagte er mit durchdringendem
Blick: "MacDonald, der Beste soll gewinnen. Ich werde am Ziel auf dich
warten."
Der Startschuß ertönte, und der Polytechnikums- Läufer schoß an mir vorbei. Ich erinnere mich noch wie heute an das Stechen der Asche, die seine Spikes an meine Schienbeine warf, und im Nu war er um die erste Kurve verschwunden. Uns übrigen schien nur noch der Wettkampf um die Plätze 2-8 zu bleiben. In den ersten 50 Metern begann ich mich geistig darauf einzustellen, nur Zweiter zu werden, in der Hoffnung, das wenigstens zu schaffen. Und so wäre ein kürzeres Rennen tatsächlich verlaufen. Irgendwo um die 300-m- Grenze herum änderten sich die Dinge jedoch. Der Läufer von der Poly- Schule, der so weit vorne lag, wurde plötzlich langsamer. Eine Sekunde später erreichte ich meine Höchstleistung, und während ich ihn überholte, konnte ich ihn schwer atmen hören. Er bewegte sich eigentlich kaum noch. In der Sprache der Athleten sagt man: die Luft war ihm ausgegangen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, in welcher Position er schließlich das Ziel erreichte, aber ich weiß noch genau, daß ich dort auf ihn wartete und mich dabei schwer zusammennehmen mußte, um keine Schadenfreude zu zeigen. An diesem Tag hatte ich eine wertvolle Lektion auf Kosten dieses Jungen von der Poly- Schule gelernt. Ungewollt hatte er mir beigebracht, daß selbst Männer und Frauen, die mit viel Begabung und Energie gesegnet sind, erst mal die ganze Strecke rennen müssen, bevor sie sich "Sieger" nennen können. Nach der ersten Kurve vorne zu liegen, bedeutet noch gar nichts, wenn man nicht die Kraft und Ausdauer hat, das Tempo bis zum Ziel durchzuhalten. Man muß dazu gleichmäßig durchziehen können, und ein guter Läufer ist darauf eingestellt, im Endspurt die Geschwindigkeit auf den letzten paar Metern noch zu erhöhen. Läuferisches Talent allein reicht nicht aus, wenn man nicht gleichzeitig genügend Ausdauer besitzt. Kosten geistiger Schlaffheit Ich habe diese Begebenheit erzählt, um einen weiteren Bereich unseres Innenlebens, der ständig in Ordnung gehalten werden muß, zu beleuchten. Wir können unsere Verborgene Welt nicht ohne starke geistige Ausdauer ordnen, nicht ohne das intellektuelle Wachstum, das daraus hervorgeht. In unserer Streßgesellschaft fallen Menschen,
die in ihrem Denken "aus dem Leim" gegangen sind, gewöhnlich Ideen
und Systemen zum Opfer, die für den menschlichen Geist und die menschlichen
Umgangsformen schädlich sind. Diese Personen werden zu solchen Opfern,
weil sie ihr Denken niemals trainiert haben. Sie haben sich diesem lebenslangen
Prozeß geistigen Wachstums nicht unterzogen. Wenn sie selbst geistig
nicht stark sind, werden sie immer abhängiger von Gedanken und Meinungen
anderer. Anstatt selber Ideen und Auswege zu finden, reduziert sich ihr
Leben auf die Einhaltung von Regeln und Programmen.
Jemand, der frühzeitig erfolgreich ist, lernt normalerweise schnell und kann mit geringstem Aufwand Spitzenleistungen erzielen. ... Wie lange er so durchkommt, kann sich jeder selbst ausrechnen; daß es ein ganzes Leben so geht, ist vermutlich nur einigen wenigen Menschen vergönnt. Ich habe beobachtet, daß man in den frühen Dreißigern eines solchen Schnellstarters Anzeichen von Schwierigkeiten findet; zum Beispiel erste Hinweise darauf, daß er den Rest seines Lebenslaufes mit Ausdauer und Disziplin und nicht mit Talent laufen muß. Und wie der Läufer von der Poly- Schule, muß dieser Mensch sich eingestehen, daß langsamere Läufer mit besserer Kondition anfangen, ihn zu überrunden. In der Seelsorge habe ich mit Leuten gesprochen, die in der Mitte ihres Lebens aus diesem Grunde Schwierigkeiten bekamen. Ich sehe eine erschreckend hohe Zahl erschöpfter und geistig leerer Menschen, die nicht mehr weiterwachsen und ihr Leben nur noch darauf ausrichten, einen besseren Zeitvertreib zu haben. ... Der Verstand muß geschult werden, damit
er denken, analysieren und Neues aufnehmen kann. Menschen, deren Verborgene
Welt vollkommen organisiert ist, arbeiten daran, Denker zu werden. Ihr
Denken ist rege, lebendig und dazu fähig, jeden Tag viele Informationen
aufzunehmen, regelmäßig neue Erkenntnisse und Einsichten zu
haben und Schlüsse daraus zu ziehen. Sie widmen sich einem täglichen
Gedankentraining.
Wenn der Verstand des Christen einschläft, kann er der Propaganda eines nichtchristlichen Schemas zum Opfer fallen, das von Menschen aufgestellt wird, die ihre Denkfähigkeit nicht vernachlässigt und uns darin geradezu überholt haben. Genau wie mein Trainer mich einst lehrte, meinen Körper so zu trainieren, daß ich ein ganzes Rennen durchstehe, mußte ich lernen, was andere genauso zu lernen haben: Denken muß trainiert werden. Die Verborgene Welt eines Christen wird schwach, unfähig zur Verteidigung und desorganisiert sein, wenn man diesem Teil intellektuellen Wachstums nicht ausdrücklich Aufmerksamkeit geschenkt hat. Der Mann von der Poly- Schule war ein besserer Läufer, aber er verlor. Er verlor, weil ein 100-m- Talent für eine 440-m- Strecke nicht ausreicht. Als ich einmal den Zustand des intellektuellen Teils meiner Verborgenen Welt auswertete, erkannte ich dankbar, daß einige natürliche Gaben oder einige Jahre Erziehung niemals aus mir den Mann machen würden, den Gott irgendwo auf der Welt dazu benutzen würde, seine Arbeit zu tun. Wenn ich durchhalte und auf der Ebene meiner Möglichkeiten brauchbar geworden bin, dann nicht, weil ich dazu äußerst talentiert gewesen wäre oder meinen Doktor gemacht hätte, sondern weil ich gelernt habe, die Muskeln meines Denkapparates in gute Kondition zu bringen. Ich mußte ein Denker werden. Ich mußte mit den Richtungen vertraut werden, die die Geschichte einschlug. Ich mußte in Erfahrung bringen, wie ich die großen Ideen der Menschheit in den Griff bekommen sollte. Und ich mußte lernen, mir selbst ein Urteil über das zu bilden, was um mich herum geschah. Es war für mich an der Zeit, mit der Arbeit anzufangen - mit harter Arbeit! Andere Läufer holten jetzt auf, und das Rennen war noch lange nicht zu Ende. Ich wollte nicht in der ersten Kurve der Bessere, doch am Ziel der Verlierer sein, nur weil ich zwar Talent, doch keine Beharrlichkeit besaß. Die Trauer eines nie gelesenen Buches Ein Christ, der auf intellektuellem Gebiet stagniert, ist genau wie ein Buch, dessen Seiten ungeöffnet und ungelesen bleiben. ... Unterziehe dich einem Wachstumsprozeß
... Wir wachsen, indem wir Zuhörer werden ... Wir wachsen durch Lesen ... Wir wachsen durch disziplinierte Weiterbildung ... Gordon MacDonald
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