Motivation
Im goldenen Käfig gefangen
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Kann man getriebene Menschen erkennen? Aber natürlich. Es gibt viele Symptome, die erkennen lassen, daß ein Mensch getrieben ist. Bei den Menschen, die ich kenne, sind es meistens die folgenden:
  1. Ein getriebener Mensch findet häufig nur Befriedigung, wenn er sein Ziel erreicht. ...
  2. Ein getriebener Mensch beschäftigt sich vorwiegend mit den Symbolen der Selbstbestätigung. ...
  3. Ein getriebener Mensch ist meistens dem unkontrollierten Drang zur Größe verfallen. ...
  4. Getriebene Menschen sind meist wenig besorgt um moralische Integrität. ...
  5. Getriebene Menschen haben oft nur begrenzte oder unterentwickelte menschliche Werte. ...
  6. Getriebene Menschen neigen dazu, Positionskämpfe auszutragen. ...
  7. In einem getriebenen Menschen liegt oft eine vulkanische Kraft zum Ärger verborgen, die jederzeit zum Ausbruch kommen kann, sobald er Widerstand oder Treulosigkeit verspürt. ...
  8. Getriebene Menschen sind in der Regel maßlos geschäftig. ...
Leben als Berufener
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Der berufene Mensch
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Berufene Männer und Frauen können von den merkwürdigsten Hintergründen kommen und die erstaunlichsten Gaben besitzen. Sie können ohne Wertschätzung, unbeachtet und ungelehrt sein. Schauen wir uns einmal die Männer an, die Jesus auswählte: Wenige, wenn überhaupt einer, wären Kandidaten für hohe Positionen in christlichen Organisationen oder in großen Firmen gewesen. Nicht, daß sie besonders ungeschickt gewesen wären. Sie waren eben durchschnittlich. Aber Jesus hatte sie berufen, und das war entscheidend.

Anstatt sich treiben zu lassen, folgen manche Menschen der einladenden Hand des rufenden Vaters. Einen solchen Ruf kann man in der Regel in eine geordnete Verborgene Welt hinein vernehmen.

Johannes - Beispiel eines berufenen Mannes

Johannes der Täufer ist ein eindrückliches Beispiel eines berufenen Mannes. Er besaß die Kühnheit, seinem eigenen Volk zu verkünden, daß sie endlich mit ihrer Rechtfertigung durch höhere Rassenherkunft aufhören sollten. Er konfrontierte sie damit, daß auch sie geistliche und moralische Buße brauchten. In der Taufe, sagte er, könnten sie die Echtheit ihrer Reue bezeugen. Kein Wunder, daß sich niemand neutral gegenüber Johannes verhielt. Er nahm niemals ein Blatt vor den Mund. Entweder wurde er geliebt oder gehaßt; einer seiner Hasser schlug ihm schließlich den Kopf ab. Jedoch nicht, bevor Johannes sein Werk vollendet hatte.

Johannes, der Berufene, ist ein deutlicher Gegensatz zu Saul, dem Getriebenen. Johannes scheint von Anfang an eine deutliche Vorstellung von seiner Bestimmung gehabt zu haben, welche das Ergebnis einer himmlischen Beauftragung, die aus seinem tiefsten Innern kam, war. Den Unterschied zwischen Saul und Johannes kann man besonders deutlich in den Momenten erkennen, in denen ihre Persönlichkeiten und ihre Sicherheit bezüglich der eigenen Berufung angegriffen werden.  Saul, der Getriebene, reagierte gewalttätig und schlug auf seine vermeintlichen Feinde ein, als er bemerkte, daß die Beständigkeit seiner Macht und seiner Position nur noch auf ihn selbst gegründet war.

Bei Johannes war alles ganz anders. Was passierte, als er die Nachricht erhielt, daß seine Beliebtheit immer weiter zurückging? Um das Ganze ein wenig zu dramatisieren, nehme ich einmal an, Johannes würde seine Arbeit verlieren.  Die Situation, um die es mir geht, tritt auf, als Johannes Jesus den Menschenmengen vorgestellt hat und diese sich nun dem "Lamm Gottes" zuwenden (Johannes 1,36). Johannes wird gewahr, daß die Massen und sogar einige seiner eigenen Jünger sich nur noch auf Jesus konzentrieren, seiner Lehre zuhören und von seinen Jüngem getauft werden.  Man hat das Gefühl, daß diejenigen, die Johannes die Nachricht seines Popularitätsverlustes gebracht haben, hofften, sie könnten Johannes einmal negativ reagieren sehen. Aber es kam nicht dazu; er mußte sie enttäuschen.

"Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm hergesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen" (Johannes 3,27-30).

Berufene Menschen sind Verwalter

Die Art, wie Johannes als Verwalter handelte, ist bemerkenswert. Seine Befrager nahmen an, daß die Menschenmassen einmal Johannes' Eigentum gewesen seien, daß er sie mit seiner Ausstrahlung verdient hätte.  Wäre dem so gewesen, hätte Johannes allerdings etwas verloren: sein Bild des prophetischen Stars.

Aber das entsprach überhaupt nicht seiner Sicht. Er besaß nie etwas, am allerwenigsten die Menschen. Johannes dachte wie ein Verwalter, und das macht den berufenen Menschen aus. Die Aufgabe eines Verwalters ist es, mit dem Eigentum des Besitzers gut umzugehen, bis dieser es wieder zurückfordert. Johannes wußte, daß die Menge, die ihn verließ, um Jesus nachzufolgen, niemals in erster Linie ihm gehört hatte. Gott hatte sie ihm eine Zeitlang anvertraut und nun zurückgenommen. Johannes verarbeitete das offensichtlich gut.

Diese Haltung ist ganz anders als die des getriebenen Saul, der den Thron Israels als sein Eigentum betrachtete, um damit zu tun, was er wollte. Wenn man etwas besitzt, muß man es festhalten und schützen. Johannes hatte eine andere Sicht der Dinge. Als Jesus kam, um die Mengen anzuführen, war Johannes nur allzu froh, sie wieder abgeben zu können.

Johannes' Sicht vom Amt eines Verwalters liefert uns ein wichtiges Prinzip für die heutige Zeit. Seine Menschenmengen kann man unserer Karriere, unserem Vermögen, unseren natürlichen und geistlichen Gaben, unserer Gesundheit gleichsetzen. Besitzen wir diese Dinge oder verwalten wir sie im Namen dessen, der sie uns gab?  Getriebene Menschen betrachten diese Gaben als ihr Eigentum; Berufene tun dies nicht. Wenn getriebene Menschen etwas verlieren, ist es eine Katastrophe. Wenn berufene Menschen etwas verlieren, ändert das nichts. Ihre Verborgene Welt wird dadurch nicht erschüttert, sondern vielleicht sogar gestärkt.

Berufene Menschen wissen, wer sie sind

Eine zweite Qualität der Berufung kann man in Johannes' Wissen um seine Identität erkennen. "Erinnert euch daran", sagte er ihnen, "daß ich euch oft gesagt habe, ich sei nicht der Christus." Weil er wußte, wer er nicht war, begriff er auch, wer er eigentlich war. Und Johannes machte sich über seine persönliche Identität keine Illusionen.  Diese war in seinem Innenleben bereits fest verankert.

Dagegen kommen Menschen, deren Verborgene Welt durcheinander ist, leicht mit ihrer Identität in Konflikt. Ihre Fähigkeit, Rolle und Person auseinanderzuhalten, kann immer mehr abnehmen. Was sie tun und wer sie sind, ist für sie ein und dasselbe. Deshalb ist es für Menschen mit großem Einfluß sehr schwer, diese Macht aufzugeben, und in dem Bemühen, sie zu erhalten, kämpfen sie sich oft zu Tode. Aus dem gleichen Grund fällt es auch vielen Menschen schwer, in den Ruhestand zu treten.  So läßt sich auch erklären, warum eine Mutter Depressionen bekommen kann, wenn ihr jüngstes Kind das Haus verläßt.

Wir müssen viel über das Thema Identität nachdenken, denn es ist heute sehr aktuell. In den Tagen seiner Beliebtheit hätte Johannes ohne Mühe aus der Leichtgläubigkeit der Menge Profit ziehen können. Oder er hätte durch ihren Applaus verführt werden können. Die Tatsache, daß die Massen die Gunst von den Priestern Jerusalems weg- und ihm zuwandten, hätte ihn arrogant und ehrgeizig werden lassen können. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, auf die Frage, ob er der Messias sei oder nicht, mit dem Kopf zu nicken.

Einen weniger rechtschaffenen Mann als Johannes kann man sich gut in einem schwachen Moment vorstellen, in dem er sagen würde: "Ich habe mir darüber zwar noch nicht so viele Gedanken gemacht, aber vielleicht hast du recht, ich habe so etwas Messianisches an mir. Nehmen wir doch einfach an, ich wär's, der Rest wird sich schon zeigen!"

Mit solch einer Reaktion hätte Johannes seine Jünger für kurze Zeit zum Narren halten können. Aber dem ehrlichen Johannes wäre das niemals in den Sinn gekommen. Sein Seelenleben war zu sehr in Ordnung, als daß er nicht die schrecklichen Folgen einer falschen Identität durchschaut hätte.

Selbst wenn der Beifall des Volkes zu einem Tosen anschwoll, war die Stimme Gottes in Johannes noch lauter. Und weil er sein Innenleben zuerst in der Wüste geordnet hatte, war diese Stimme für ihn überzeugender.

Unterschätze niemals die Bedeutung dieses Prinzips. In unserer medienorientierten Welt von heute stehen viele gute und talentierte Leiter der ständigen Versuchung gegenüber, den Texten ihrer eigenen Werbespots zu glauben. Wenn sie dieser Versuchung unterliegen, infiziert eine messianische Fantasie nach und nach ihre Persönlichkeit und die Art, Leiterschaft auszuüben. Sie vergessen, wer sie nicht sind, und fangen an, das Bild von sich selbst zu verzerren. Was ist geschehen? Sie sind zu geschäftig geworden, um sich in eine Wüste zurückzuziehen und ihre Verborgene Welt in Ordnung zu bringen. Das Organisieren nimmt einen zu großen Platz ein. Das Lob der "Jünger" verzaubert sie zu sehr.  Und in diesem wilden Lebensstil geht Gottes rufende Stimme völlig unter.

Berufene Menschen haben ein unerschütterliches Gespür für ihre Aufgaben

Ein dritter Aspekt von Johannes' bemerkenswerter Antwort an seine Herausforderer zeigt, daß der Prophet aus der Wüste auch die Bedeutung seiner Aufgabe als Vorbote Christi verstand. Und dies ist ein weiterer Bereich der Berufung. Denen, die ihn über seine Gefühle betreffs der immer größeren Beliebtheit des Mannes von Nazareth befragten, antwortete er mit dem Gleichnis des Trauzeugen: "Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber (der Freund ist Johannes), der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams" (Johannes 3,29). Die Aufgabe des Trauzeugen ist es, beim Bräutigam zu stehen und nur darauf zu achten, daß alle Aufmerksamkeit auf diesen gerichtet ist. Der Trauzeuge wäre ein Narr, wenn er sich mitten in der Hochzeitszeremonie den Hochzeitsgästen zuwenden und ein Lied oder eine humorvolle Rede anstimmen würde. Der Trauzeuge erfüllt seine Aufgabe am besten, wenn er die Aufmerksamkeit der anderen völlig von sich weg auf die Braut und den Bräutigam lenkt.

Genau das tat Johannes. Denkt man sich nach Johannes' Gleichnis Jesus Christus als den Bräutigam, war es die einzige Aufgabe des Täufers, Trauzeuge zu sein, sonst nichts. Das war die Aufgabe, die mit seinem Ruf verbunden war, und darüber hinaus wollte er nichts an sich reißen. Demzufolge war es für Johannes nur eine Bestätigung, als die Menge Jesus zuströmte; seine Aufgabe war erfüllt. Aber nur einem berufenen Menschen wie ihm gelingt es, unter solchen Umständen Gelassenheit zu bewahren.

Berufene Menschen haben ein Verständnis von unentwegter Hingabe

Der letzte Aspekt: Johannes war sich als berufener Mann der Bedeutung der Hingabe bewußt: "Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen" (Johannes 3,30), entgegnete er seinen Herausforderern. Kein getriebener Mensch hätte je so antworten können, denn Getriebene müssen mehr und mehr Aufmerksamkeit, Macht und materiellen Reichtum erlangen. Die Verführungen des Lebens hätten Johannes in eine kämpferische Wettbewerbshaltung gebracht, aber der Ruf zur Hingabe in seinem Inneren war lauter. Was Johannes begonnen hatte, nämlich Jesus als das Lamm Gottes vorzustellen - war nun erfüllt worden. Nachdem er die Verbindung geschaffen hatte, war Johannes zufrieden und bereit, zurückzutreten.

Und solche Eigenschaften - Johannes' Verständnis von Verwaltung, seiner Identität, seiner Rolle und seiner uneingeschränkten Hingabe - sind für einen berufenen Menschen kennzeichnend. Sie sind bezeichnend für eine Person, die zuerst eine eigenständige, Verborgene Welt aufbaut, damit ihr daraus die Quelle des Lebens sprudelt.

Wie verschieden sahen doch die Lebensweisen von König Saul und Johannes dem Täufer aus! Der eine verteidigte mit aller Kraft seinen goldenen Käfig und verlor den Kampf. Der andere war zufrieden mit seinem Platz in der Wüste und der Gelegenheit, zu dienen, und gewann.

Friede und Freude

Die verschiedenen Charakterzüge im Leben des Johannes sind einfach bewundernswert. Es liegt ein tiefer Friede auf ihm, der völlig unabhängig von der Sicherheit seiner Karriere ist. Ich habe des öfteren mit Männern und Frauen zu tun, deren Karriere aus unterschiedlichen Gründen ganz plötzlich in die Brüche ging, und deren Lebensfundament dadurch löchrig wurde und zusammenbrach. Das zeigt, daß ihr Leben mehr auf den Bestand ihrer Karriere gebaut war als auf die Festigkeit und Stabilität einer Verborgenen Welt, in der die Stimme Gottes hörbar ist.

Johannes lebte in einer Freude, die man nicht mit der heute so modernen Auffassung von Glück verwechseln sollte - dem Gefühlszustand, der davon abhängig ist, daß alles richtig läuft. Als andere vermuteten, Johannes hätte Angst davor, als Versager zu enden, entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß er in Wirklichkeit zufrieden war, obwohl ihn doch die Massen verließen. Einige Freunde von Johannes waren da vermutlich anderer Auffassung, aber er war sich seiner Sache deshalb so sicher, weil er die Dinge zuerst in seinem Innenleben ordnete, da, wo echte Werte in Übereinstimmung mit Gott reifen können.

Johannes war tatsächlich ein berufener Mann. Er ist ein Beispiel dafür, was Stowe meinte, als sie schrieb, daß Simon Legrees Schläge nur Onkel Toms äußeren Menschen trafen, nicht aber sein Herz. Irgend etwas stand zwischen Johannes und der Tatsache, daß er ein Versager sein könnte. Es war die absolute Realität der Berufung Gottes, die Johannes in seinem Inneren vernommen hatte, und diese Stimme übertönte alle anderen. Sie kam von einem ruhigen Ort, an dem Ordnung herrschte.

Wie werde ich berufen?

Wenn wir Johannes den Täufer mit so viel Bewunderung betrachten, stellt sich doch unweigerlich die Frage: Wie wurde er zu dem, der er war? Was war der Ursprung seiner Bestimmung, seiner Widerstandskraft, seiner ungebrochenen Fähigkeit, Dinge völlig anders zu betrachten, als alle anderen es taten? Werfen wir einen Blick auf den Hintergrund, aus dem Johannes kam, so verstehen wir die Struktur und Substanz seines Innenlebens besser.

Seine Eltern begannen beispielsweise damit, ihn von frühester Kindheit an zu formen. Die Schrift macht deutlich, daß Zacharias und Elisabeth gottesfürchtige Menschen mit einer großen Sensibilität für den Ruf ihres Sohnes waren. Dieser Ruf war ihnen durch mehrere Engelserscheinungen offenbart worden, und so wurde Johannes von Anfang an auf seine Berufung hin erzogen. Auf das Familienleben nach seiner Geburt haben wir wenig Hinweise, aber wir wissen, daß seine Eltern eine tiefe Rechtschaffenheit, Gottesfurcht und Ausdauer besaßen.

Die Eltern des Johannes sind vermutlich gestorben, als er noch sehr jung war. Wir wissen nicht, wie er damit zurechtkam. Das nächste, was wir von Johannes erfahren, ist, daß er sein Leben allein in der Wüste, getrennt von der Gesellschaft, zu der er später als Prophet reden würde, lebte.

"Im 15. Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte" (Lukas 3,1-3).

Diese Worte lassen aufhorchen. Cäsar ging in Rom seinen kaiserlichen Geschäften nach, Hannas und Kaiphas "betrieben" im Tempel von Jerusalem organisierte Religion. Verschiedene andere politische Persönlichkeiten kamen und gingen und nahmen an scheinbar wissenswerten gesellschaftlichen Ereignissen teil. Ihre Welt bestand aus beeindruckenden Anßerlichkeiten wie Macht, einem weitreichenden Bekanntheitsgrad und wichtigen menschlichen Verbindungen.

Aber da geschah das Wort Gottes zu Johannes, einem unbedeutenden jungen Mann an dem unbedeutendsten aller Orte: der Wüste. Warum gerade Johannes? Und weshalb in der Wüste?

Mir fallen die Worte Herbert Butterfields ein, die mich tief beeindruckt haben: "In der Geschichte wie auch in der Gegenwart ist es ein seltenes Phänomen, verhältnismäßig ungebildete Menschen zu treffen, die tiefe geistliche Erkenntnisse haben, während es viele gebildete Menschen gibt, bei denen man merkt, daß sie hochintelligente Gedankenspiele treiben, um die gähnende Leere in sich zu verdecken."

Warum gerade Johannes? Weil Johannes antwortete, als er von Gott gerufen wurde. Der Ruf setzte eine vollkommene Unterordnung unter Gottes Wege, Gottes Methoden und Gottes Kriterien für Erfolg voraus; und Johannes war bereit, diese Bedingungen zu akzeptieren, ohne auf die eventuellen Kosten, z.B. Schmerz oder Einsamkeit, zu achten.

Warum gerade die Wüste? Vielleicht deshalb, weil man in der Wüste leichter auf etwas hören oder über etwas brüten kann, als in einer lauten, geschäftigen Stadt, wo man gewöhnlich viel vorhat, von Lärm umgeben ist und sich selbst so wichtig nimmt. Manchmal sind die äußeren Einflüsse in Großstädten dermaßen laut, daß man die flüsternde Stimme Gottes nicht vernehmen kann. Und manchmal sind die Menschen in solch einer Stadt zu laut, um inmitten ihrer Wolkenkratzer aus Stahl und Beton, ihrer bunten Theater und ihrer unglaublichen Tempel auf Gott zu hören.

Gott führte Johannes in die Wüste, wo er mit ihm reden konnte. Und dort begann er, Impulse in Johannes' Seele zu geben, die zu einer vollkommen neuen Perspektive für seine Zeit führten. Dort in der Wüste bekam Johannes einen neuen Blick für Religion, für das, was richtig und was falsch ist, für Gottes Absichten mit den Menschen. Und dort entwickelte er eine besondere Sensibilität und einen Mut, der ihn auf die außerordentliche Aufgabe vorbereitete, seine Generation mit Jesus bekannt zu machen. Seine Verborgene Welt wurde in der Wüste aufgebaut.

Dort geschah das Wort Gottes zu Johannes. Einen merkwürdigen Platz hatte sich Gott zum Reden gewählt. Was kann man in einer Wüste schon lernen? Ich scheue die Wüste; wenn es möglich ist, umgehe ich sie, denn für mich bedeutet sie Schmerz, Einsamkeit und Leiden. Niemand sehnt sich nach solchen Erfahrungen. Es ist schwer, in der Wüste zu leben, körperlich und geistlich. Aber wir kommen an der Tatsache nicht vorbei: Die schwersten Lektionen werden in der Wüste gelernt, wenn man mitten im Kampf auf Gottes Ruf hört.

In der Wüste kann man etwas über Trockenheit lernen, denn dort ist es trocken. Johannes lernte nicht nur, mit der Dürre in der Wüste umzugehen, sondern er lernte zweifelsohne, mit dem ausgetrockneten Geist der Menschen am Jordan umzugehen.

In der Wüste lernt man auch, in der Abhängigkeit Gottes zu leben. Bereits Jahrhunderte zuvor hatten die Hebräer erfahren, daß man in der Wildnis nicht ohne einen sich erbarmenden Gott überleben kann. Nur ein Mensch, der eine harte, wüstenähnliche Zeit durchgemacht hat, weiß, was es bedeutet, sich hundertprozentig auf Gott zu verlassen, weil ihm keine andere Wahl bleibt.

Aber die Wüste hat auch schöne Seiten. In der Wildnis findet man einen Ort, an dem man frei ist zum Denken, Planen und Vorbereiten. Und zu gegebener Zeit kann man, wie Johannes, aus diesem trockenen Land mit einer Botschaft herauskommen, die Falschheit und Oberflächlichkeit ans Licht bringt. Dann dringen diese Worte bis in die endlosen Tiefen des menschlichen Geistes ein, und am Ende kennt eine ganze Generation den Sohn Gottes.

In der Wüste kann ein Mensch berufen werden. Als Johannes zuerst gegen seine Kritiker und dann gegen den wütenden, sich verteidigenden Herodes aufstand, dessen unmoralischen Lebenswandel er kritisierte, zeigte sich die besondere Kraft seines Rufes. Man kann sie an der Gelassenheit bei der Ausführung seines prophetischen Dienstes erkennen. Irgend etwas in seinem Inneren gab ihm die Kraft zu unabhängigen Entscheidungen und Weisheit. Wenige konnten seiner Botschaft standhalten.

Mit was wurde seine Verborgene Welt in der Wüste ausgestattet? Die Bibel liefert uns da kaum eine Antwort. Wir sehen nur, daß er offensichtlich ein geordnetes Innenleben besaß. Johannes ist der Prototyp des Zieles, das wir anstreben. Während um ihn herum alles chaotisch und ungeordnet zuzugehen scheint, bleibt er sicher und gelassen.

Welche Lektion haben uns Saul, Johannes und mein Freund, der "erfolgreiche Taugenichts", erteilt? Ich denke, ihre Botschaft ist klar: schau nach innen, sagen sie. Was motiviert dich? Warum tust du dies oder jenes? Was erhoffst du dir davon? Und wie würdest du reagieren, wenn dir das alles genommen würde?

Wenn ich in meine Verborgene Welt hineinschaue, merke ich, daß ich fast täglich damit zu kämpfen habe, ob ich nun Saul oder Johannes sein will. In dieser Welt des Wettbewerbs, in der Erfolg beinahe alles bedeutet, wäre es leicht, Saul zu sein, dazu getrieben, weiterzumachen, auf "Nummer Sicher" zu gehen, zu dominieren. Und ich ertappe mich sogar bei diesen Dingen, wenn ich mir gerade einrede, Gottes Werk zu tun. Aber der Streß, sein Werk zu tun, kann zu groß werden.

An anderen Tagen bin ich eher wie Johannes. Ich habe auf Gottes Ruf gehört und kenne meinen Auftrag. Vielleicht erfordert dies Mut und Disziplin, aber das Ergebnis liegt in der Hand dessen, der gerufen hat. Ob ich groß würde oder kleiner, ist nun seine Sache, nicht mehr meine. Wenn ich mein Leben nach meinen Erwartungen und denen anderer ausrichte, wenn ich meinen Wert von den Meinungen anderer abhängig mache, kommt mein Innenleben bestimmt ins Schleudern. Wenn ich aber nach Gottes Ruf handle, kann ich mich einer großen inneren Ordnung erfreuen.

Gordon MacDonald
mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch "Ordne dein Leben",
Rechte bei Projektion J, Gerth Medien, Asslar
Ordne dein Leben   Vorwort   Zeiteinteilung


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Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
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